Leseprobe Verbindung des Schicksals

Eins

 

Er war nervös. Woran das lag, konnte er dabei nicht einmal genau sagen. Mit einem Kopfschütteln vertrieb er das merkwürdige Gefühl und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans.

„Lucano?“

Er richtete den Blick auf seinen Vater, der neben ihm durch den dichten Wald schritt. Mason Malone war eine beeindruckende Erscheinung. Lucano und er waren beinahe gleich groß, und das war eins der wenigen Dinge, die Vater und Sohn äußerlich gemein hatten. Mason hatte kurze braune Haare und klare dunkelbraune Augen. Sie blickten stets wachsam, ihnen entging nichts. Das musste auch so sein. Schließlich war Mason Malone der Alpha des Leopardenrudels von New York City. Er besaß die größte übernatürliche Macht in dieser Stadt, und sein Ruf eilte ihm weit über die Grenzen ihres Territoriums voraus. Er war muskulös, seine großen Händen von Schwielen gezeichnet. An diesem Tag im Hochsommer trug er ein graues Baumwoll-T-Shirt und abgetragene Jeans.

„Was?“, fragte Lucano, der die Ungeduld kaum aus seiner Stimme verbannen konnte.

„Du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.“

Da hatte sein Vater recht. Mit einem leisen Seufzen richtete er den Blick auf Masons Gesicht. Er erblickte die gleichen maskulinen Gesichtszüge, die er selbst im Spiegel sah, auch wenn sein Gesicht noch jünger und nicht ganz so kantig wirkte wie das seines Vaters. Die Schläfen seines Vaters zierten bereits erste graue Haare, und kleine Falten hatten sich in die gebräunte Haut gegraben.

„Es tut mir leid.“

Sein Vater winkte ab. Sie liefen durch einen Stadtteil von New York, den man vor der Wende Staten Island genannt hatte. Nun war dieses Gebiet nur noch als das Territorium bekannt. Und niemand durfte es ohne die Zustimmung des Rudels betreten. Zwar beherrschte ihr Rudel ganz New York, aber das Territorium war ihr Zuhause. Dieser Stadtteil von New York hatte sich im Lauf der Zeit stark verändert, und das schon lange vor der Wende. Im Jahr 2024 hatte sich die Gemeinschaft magischer Wesen dazu entschlossen, den Menschen ihre Existenz zu offenbaren. Nachdem größere Gruppierungen wie Vampire und Gestaltwandler sich erhoben hatten, folgten bald Hexen, Nymphen und schließlich sämtliche andere übernatürliche Wesen auf der ganzen Welt. Es war eine Zeit des Chaos’ und des Umschwungs gewesen, und es hatte gedauert, bis neue Formen des Umgangs entstanden waren, die auch heute, zehn Jahre nach der Wende, noch für ein respektvolles Miteinander sorgten.

Einst hatten die Menschen die Tatsache, dass das Territorium nach seiner Gründung rasch von vielfältigen Pflanzen überwuchert wurde, für einen Versuch der Regierung gehalten, die Erde zu begrünen. In Wahrheit hatten schon immer viele Leoparden auf Staten Island gelebt. Mit Hilfe von etwas Magie und einem Verständnis für Natur, das nur Gestaltwandlern eigen war, hatte das Leopardenrudel ihr Zuhause in einen Wald verwandelt. Staten Island war zu einer grünen Oase geworden. Bäume, die aussahen, als ständen sie dort schon seit mehreren hundert Jahren, reckten sich der Sonne entgegen, und ihre Kronen bildeten beinahe einen zweiten Himmel. Lianen hingen von den dicken Ästen herab, und der Boden war bedeckt von grünem Gras, auf dem am Morgen der Tau schimmerte, sowie von weichem Moos und lebensspendender Erde, in die Lucano gerne seine Pfoten vergrub. Sämtliche Technik wurde mittels umweltfreundlicher Generatoren oder Solarenergie betrieben. Es gab nur wenige Straßen, und über diese fuhr selten ein Wagen. Wer als Gestaltwandler die Wahl hatte, mit dem Auto zu fahren oder als Raubtier durch die Wildnis zu streifen, entschied sich meist für Letzteres. Die Verrazano-Narrows Bridge, die Staten Island und Brooklyn früher verbunden hatte, hieß inzwischen Territory Bridge. Sie stand vollständig unter der Kontrolle des Rudels. Das Territorium hatte die Verbindungsstrecke vereinnahmt, und die alten Stahlträger waren inzwischen bis etwa zur Hälfte der Brücke mit Moos, Grünpflanzen und vereinzelten Blumen überwachsen. Die Staten Island Ferry war abgeschafft, und niemand konnte die Territory Bridge ohne die Erlaubnis der Leoparden überqueren. Dem Rudel war es wichtig, dass seine Mitglieder genau kontrollieren konnten, wer ihr Revier betrat.

„Wie geht’s Diego?“, fragte Lucano.

Diego war sein kleiner Bruder, gerade achtzehn geworden und damit nach den Gesetzen der alten, menschlichen Welt ein Erwachsener. Noch hatte er im Rudel zwar den Status eines Jugendlichen, aber das würde sich wohl bald ändern.

„Zum Glück hat er in letzter Zeit mal keinen Mist gebaut. Und dafür bin ich dankbar.“ Die Stimme seines Vaters klang leidgeprüft.

Lucano musste schmunzeln. Er selbst war in Diegos Alter schon schwierig gewesen, aber sein Bruder setzte ganz neue Maßstäbe. Er besuchte viele Partys, stellte allen möglichen Unfug an und zog seine Freunde auch noch mit hinein.

Sein Vater blieb stehen, und Lucano hielt ebenfalls an. Sie waren auf einer kleinen Lichtung angekommen, und er genoss die Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Das Raubtier in seinem Kopf streckte sich ausgiebig und rollte sich dann zufrieden zusammen. Hier in der Natur, in ihrem Zuhause, waren Mann und Panther in ihrem Element. In der alten Welt hatten viele Menschen Panther für eine eigene Raubtierart gehalten. In ihrer stand die Bezeichnung Panther nur für die durch einen Melanismus hervorgerufene schwarze Fellfärbung. Lucano war ein schwarzer Leopard, aber es gab Panther auch bei Jaguaren und anderen Katzenarten. In seiner Menschengestalt äußerte sich das in seinen schwarzen Haaren, die dem Fell seines Panthers ähnelten. „Ich werde bald mit ihm auf die Jagd gehen.“ Sein Vater streckte den Rücken durch, die Muskeln in seinen Schultern dehnten sich.

Die Jagd war ein Ritual, bei dem ein Jugendlicher des Rudels zum Erwachsenen wurde. Sobald der Alpha witterte, dass sich ein Jugendlicher entsprechend zu verändern begann, forderte er ihn kurz danach zur gemeinsamen Jagd auf. Der Alpha und der auserwählte Jugendliche hetzten in ihrer Tiergestalt durch den Wald, und der junge Leopard kräftigte so die Verbindung zum Rudel. Es war ein Versprechen, das er damit abgab, aber auch Beweis seiner Zugehörigkeit. Wenn die beiden nach der Jagd, bei der in der Regel niemals wirklich etwas gejagt wurde, zurückkehrten, erwartete das Rudel den neuen Erwachsenen, und es wurde ein großes Fest veranstaltet.

Lucano erinnerte sich noch genau an seine erste Jagd mit Mason, und er zwinkerte seinem Vater zu. „Ich hätte dich damals beinahe abgehängt.“

Sein Vater verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und starrte ihn mit einem amüsierten Funkeln in den Augen an. „Ich glaube, du verzerrst die Ereignisse dieser Nacht etwas. Ich hänge dich bei einem Lauf jederzeit ab.“

Als selbstbewusstes Raubtier und zukünftiger Alpha konnte Lucano das so nicht einfach auf sich sitzen lassen.

„Meinst du?“ Der Panther in ihm erwachte aus seinem kleinen Nickerchen und stellte die Ohren auf. Er konnte bereits das Fell unter seiner Haut spüren. Ein kleiner Lauf mit seinem Vater würde ihm helfen, die Anspannung, die er schon den ganzen Tag verspürte, loszuwerden.

Mason Malone hob nur eine Augenbraue. Lucano reizte es sehr, herauszufinden, ob sein Vater immer noch schneller war als er.

Aber bevor die beiden sich diesen kleinen Spaß gönnen konnten, veränderte sich der Gesichtsausdruck seines Vaters.

„Wir müssen reden“, sagte Mason ernst.

Lucano hielt ein Seufzen zurück, sein Panther legte die Ohren an. Er hatte geglaubt, dass er seine Unkonzentriertheit und Unruhe hatte verbergen können, aber natürlich waren diese dem Alpha nicht entgangen. Und natürlich hatte sein Vater ihn nicht nur zu diesem Spaziergang aufgefordert, um mit ihm über Diego zu sprechen.

„Also“, fuhr Mason fort, „wirst du mir verraten, warum du die letzten Tage neben dir stehst? Du fauchst alles und jeden an, bist unkonzentriert und erledigst deine Aufgaben nur halbherzig.“

Lucano schwieg. Was sollte er auch sagen? Dass er sich nach ihr verzehrte, dass ihn jede weitere Sekunde quälte, in der er sie nicht sehen konnte? Dann würde sein Vater Erklärungen fordern, die er noch nicht bereit war zu geben. Überdies wurde es mit jedem Jahr, das verstrich, unwahrscheinlicher, dass er je die Möglichkeit bekommen würde sich zu erklären. Innerlich schüttelte Lucano den Kopf über sich selbst. Er war wirklich völlig durch den Wind, und dabei war es nur ein paar Tage her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte.

Statt einer Antwort gab er nur ein knurrendes Geräusch von sich und lief weiter. Sein Vater musste ihm blitzschnell gefolgt sein, denn binnen eines Wimpernschlags hatte Mason seine Schulter gepackt, ihn herumgezogen und mit dem Rücken gegen einen Baum gedrückt. Der Leopard saß in seinen Augen.

„Du bist mein Sohn, aber ich bin auch der Alpha. Und wenn mein Beta, als Jäger des Rudels, seine Aufgaben nicht geflissentlich erledigt und nur halbherzig bei der Sache ist, dann erwarte ich dafür eine Erklärung und kein unbeteiligtes Schulterzucken.“ Der Alpha knurrte und fixierte Lucano weiter mit seinem Blick. „Sonst haben wir ein Problem.“ Er machte eine Pause, damit Lucano die Bedeutung seiner Worte verarbeiten konnte. „Hast du das verstanden, Lucano?“

Der Panther in seinem Kopf lief beinahe Amok bei der offenen Herausforderung, auf die er nicht reagieren durfte. Das Rudel hatte strenge Regeln. Es gab nicht umsonst ein Alphapaar, dem die Jäger, die stärksten Kämpfer des Rudels, unterstanden. Schließlich lebte hier eine große Gruppe von gefährlichen und stolzen Raubtieren zusammen. Sie brauchten die strengen Regeln und die strikte Hierarchie des Rudels. Zwar war das Rudel wie eine große Familie, aber sie waren auch Raubtiere, die ihren eigenen Willen besaßen. Und Mason als Alpha musste immer und jederzeit dazu in der Lage sein, seine Rudelmitglieder zu kontrollieren und zu beherrschen.

Anstatt also gegen seinen Vater anzukämpfen, holte Lucano tief Luft und ließ sie in einem langen Atemzug wieder entweichen. Er wusste, dass sein Vater recht hatte. Er benahm sich wie ein pubertierender Teenager, statt wie ein erwachsenes Raubtier. Und das nur, weil er sie nicht gesehen hatte. Er schüttelte den Kopf. Vielleicht sollte er seinem Vater doch endlich erklären, was er auf dem Herzen hatte. Seine Mutter Ramona wusste es immerhin auch. Aber er konnte sich, als er jetzt in die golden schimmernden Augen seines Vaters blickte, nicht dazu überwinden. Stattdessen senkte er den Blick und nickte. Lucano hatte auch seiner Mutter das Versprechen abgenommen, es seinem Vater zu verschweigen. Sollte Mason nämlich erfahren, warum sein Sohn manchmal so neben sich stand, dann würde er ihm jeglichen Kontakt zu Selene unter Strafandrohung verbieten. Die Gefahr, dass Lucano ein ehemaliges Rudelmitglied stark verletzte, war viel zu groß.

„Es tut mir leid“, sagte Lucano. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

Und das meinte er auch so. Seine Obsession allein war schon schlimm genug, aber dass sie jetzt sein Rudelleben beeinflusste, war unakzeptabel.

Sein Vater sah ihn noch einen Moment lang prüfend an. Dann schüttelte er den Kopf und ließ ihn los. Lucano unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Die Katastrophe schien abgewendet zu sein.

Dennoch beschäftigte ihn die Auseinandersetzung mit seinem Vater auch dann noch, als sie weiter schweigend durch das Territorium gingen. Nicht einmal die Schönheit seiner Heimat konnte ihn ablenken. Es war ihm schon länger bewusst, aber nun schien es geradezu offensichtlich: Er musste etwas gegen diese krankhafte Sehnsucht unternehmen. Allerdings hatte er keinen blassen Schimmer, wie er das anstellen sollte. Er seufzte und fuhr sich mit einer Hand durchs dunkle Haar. Lucano bemerkte, dass sein Vater ihm einen prüfenden Seitenblick zuwarf. Der Alpha schien zwar zu spüren, dass sein Sohn einen inneren Kampf ausfocht, aber nicht vorzuhaben Lucano zu drängen, solange dieser noch nicht bereit dazu war. Und dafür war sein Sohn ihm sehr dankbar.

In diesem Moment nahm Lucano eine unbekannte Witterung wahr. Er warf seinem Vater einen bedeutsamen Blick zu und stellte an Masons Gesichtsausdruck fest, dass er sie ebenfalls bemerkt hatte. Zum Rudel gehörten die Gerüche, die in der Luft lagen, definitiv nicht. Mit einem wachsamen Glanz in den Augen überprüfte sein Vater die Umgebung, und Lucano tat es ihm gleich. Der Wald wirkte ruhig. Zu ruhig.

Irgendetwas, oder irgendjemand, war hier, der nicht hierher gehörte. Die anderen Tiere hatten sich bereits zurückgezogen, als erwarteten sie einen Kampf und wollten nicht in die Schusslinie geraten. Lucano spitzte die Ohren, konnte aber nichts hören. Gerade als er meinte, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen, hörte er die Stimme seines Vaters.

„Ein Hinterhalt! Lucano! Runter!“, brüllte sein Vater.

Aus dem Dickicht stürzten sich fünf Hyänen auf sie. Lucano warf sich auf den Boden, während sein Vater sich noch im Sprung verwandelte und fauchend mit zwei Hyänen in der Luft zusammenprallte. Lucano hatte nicht die Zeit, sich ganz zu verwandeln, als sich auch schon die dritte Hyäne mit weit aufgerissenem Maul und ausgefahrenen Krallen auf ihn warf. Ohrenbetäubendes Fauchen und Knurren erfüllte den Wald. Und darüber das grässliche Lachen der Hyänen.

Die Krallen des Panthers brachen durch seine Hände und verwandelten sie in die Pranken eines Raubtiers, als das schwere Tier auf ihm landete. Er war eine Sekunde zu langsam, und die Pranke des Angreifers erwischte ihn am Hals. Etwas Scharfes durchschnitt seine Haut, und er spürte etwas Nasses und Warmes an seiner Kehle. Auch wenn die Krallen seines Gegners tiefe Wunden in seinem Hals hinterlassen hatten, schienen sie zum Glück die Halsschlagader verfehlt zu haben. Lucano nutzte die Chance und schlitzte seinem Angreifer im Gegenzug die Kehle auf. In der nächsten Sekunde stand er schon wieder.

Sein Vater kämpfte immer noch mit zwei Hyänen, aber einer der ersten Angreifer lag tot auf dem Waldboden. Schnell scannte Lucano die Lage. Zwei waren tot. Mit zweien war sein Vater beschäftigt, der letzte Angreifer kam in geduckter Haltung und mit gebleckten Fangzähnen auf ihn zu. Blitzschnell wandelte Lucano seine Gestalt vollständig. Das Adrenalin rauschte durch seine Adern, als seine Knochen brachen und sich sein Körper neu formierte. Schmerzen spürte er dabei nicht. Es war für ihn so normal wie das Atmen, und für einen Moment rauschte ein unglaubliches Glücksgefühl durch seinen Körper. Dann war es auch schon wieder vorbei, und noch bevor seine starken Pfoten auf dem Boden aufkamen, stürzte er sich auf den Angreifer. In einem Knäuel aus Fell, Krallen und Zähnen gingen sie zu Boden. Sein Gegner war stark, doch Lucano war stärker. Und schneller. Er spürte Krallen an seiner Brust und auf seinen Rippen. Knurrend schnappte er nach dem Hals der Hyäne, verfehlte diese aber knapp. Sie sprangen auseinander, umkreisten sich. Lucanos Pfoten verursachten kein Geräusch auf dem weichen Boden. Er nahm wahr, wie sich der Körper seines Gegners anspannte und dessen Blick sich für eine Millisekunde auf seiner Kehle fokussierte. Diese kleine Bewegung verriet ihn, sodass Lucano darauf vorbereitet war, als sein Gegner schließlich zum Angriff überging. Er entspannte seine Muskeln, und als die Hyäne ihn ansprang, ließ er sich auf den Rücken fallen und versenkte die Krallen in deren Flanken. Der Angreifer dachte, er wäre jetzt im Vorteil, aber sobald Lucano auf dem Rücken lag, spannte er die Muskeln an und rollte sich mit seinem Gegner herum, sodass er jetzt oben lag. Ohne einen Moment zu zögern, verbiss er sich in der Kehle seines Gegners und tötete ihn.

Sofort wandte Lucano den Kopf, sah sich nach seinem Vater um. Masons Flanke blutete heftig, die beiden Hyänen kreisten ihn langsam aber sicher ein. Mit einem Fauchen sprintete Lucano auf die drei zu. Aber er war zu langsam. Schon sah er, wie einer der beiden Angreifer zum Sprung ansetzte, während der andere seinen Vater mit einem Angriff ablenkte. Wütend knurrte Lucano und beschleunigte. Seine Instinkte übernahmen die Kontrolle, als er sah, wie eine Hyäne auf dem Rücken seines Vaters landete und ihre tödlichen Zähne in seinem Nacken versenkte. Das laute Brüllen seines Vaters hallte im Wald wider. Bestimmt hatte das Rudel es bereits gehört.

Geschmeidig setzte er zum Sprung an und prallte gegen den anderen Angreifer, der schon die Muskeln anspannte, um sich auf seinen Vater zu stürzen. Der Kampf war schnell und blutig. Sein Gegner setzte sich mit seinen Krallen zur Wehr und verletzte Lucano am Bauch. Nicht schwer genug jedoch, um ihn aufzuhalten. Mit beiden Pfoten drückte er den Gegner machtvoll zu Boden und versenkte seine Zähne in dessen Kehle. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich das Opfer nicht mehr wehrte und er es achtlos zurückließ. Lucano wandte gerade rechtzeitig genug das Haupt, um mitzubekommen, wie auch der letzte Gegner seines Vaters zu Boden ging. Der Leopard atmete schwer, seine Flanken hoben und senkten sich heftig bebend. Seine Beine gaben nach, und schließlich verwandelte sich Mason zurück in einen Menschen.

Auch Lucano wechselte seine Gestalt und fiel schwer atmend neben seinem Vater auf die Knie. Ihre Körper waren blutverschmiert. Seinen Vater hatte es schwer getroffen, Lucanos Verletzungen waren dagegen kaum der Rede wert. Mason hatte eine tiefe Bauchwunde, und Lucano meinte sogar, weiches Gewebe hervorschimmern zu sehen. Außerdem hatte sein Vater augenscheinlich Probleme beim Atmen, und auch mit seinem rechten Bein schien etwas nicht zu stimmen.

„Sind …“, ein Hustenkrampf schüttelte den Körper seines Vaters, „… sind … sie … erledigt?“

„Sie sind alle tot, Vater“, knurrte Lucano.

„Gut“, murmelte der Alpha und schloss die Augen. Seine Atmung verlangsamte sich. Er war ohnmächtig geworden.

Sekunden später vernahm Lucano Stimmen in der Nähe.

„Hier! Wir sind hier!“, rief er und dann brach auch schon ein ganzes Einsatzkommando zwischen den Bäumen hervor und erreichte die beiden. Er sah die sehnige Gestalt von Andrew und entdeckte auch Shayla, die Heilerin des Rudels. Sie drückte sich an Andrew vorbei, um die Situation zu überblicken. Shayla war klein, zierlich, und wenn sie einen anlächelte, war man versucht, ihr sofort all seine Sorgen erzählen. Wenn man sie jedoch verärgerte, war es angeraten schnell die Beine in die Hand zu nehmen. Ihr Temperament war im ganzen Rudel gefürchtet.

„Shayla!“, rief er. „Mein Vater! Er braucht deine Hilfe.“

Sofort war die Heilerin an seiner Seite und legte die Hände auf den Körper seines Vaters. Ihre schlanke Gestalt beugte sich über seinen Vater, ihre kinnlangen braunen Haare fielen ihr dabei ins Gesicht. Aber er hatte den schockierten Ausdruck in ihren moosgrünen Augen bemerkt. Kein gutes Zeichen.

Es kümmerte niemanden, dass er und Lucano nackt waren. Nacktheit war bei Gestaltwandler etwas ganz Normales. Lucano stand auf und ging zu Andrew hinüber, der die anderen anwies, auszuschwärmen.

„Es waren fünf Angreifer“, sagte Lucano zu seinem Freund. „Sie kamen ganz plötzlich und haben sich auf uns gestürzt.“ Seine Stimme klang noch immer wie ein Knurren.

„Luc! Geht es dir gut? Dein Hals sieht nicht so richtig gesund aus.“ Andrews Lippen umspielte ein spöttisches Grinsen, doch seine sandfarbenen Augen blickten wütend und besorgt. Lucano konnte beinahe sehen, wie sich die Rädchen im Kopf seines besten Freundes drehten.

„Mir geht’s gut“, erwiderte er unwirsch. „Nehmt die Leichen mit. Wir sollten herausfinden, wer das war.“

„Luc!“, rief Shayla, und er drehte sich zu ihr um. „Dein Vater muss sofort in meine Hütte. Ich kann ihm hier nicht helfen.“ Sie winkte zwei Rudelmitglieder zu sich heran, die seinen Vater vorsichtig hochhoben. Danach machten sie sich auf den Weg zu Shaylas Hütte, die nicht weit entfernt lag. Bis auf ein paar Ausnahmen wohnten alle Rudelmitglieder auf dem Territorium, aber die Hütten waren über das gesamte Gebiet verteilt. Sie waren zwar ein Rudel, aber die Raubtiere in ihnen brauchten Freiraum. Bevor Shayla aufbrach, kam sie auf ihn zu und betastete seinen Hals. Er knurrte sie an.

„Lass den Mist, Luc“, fuhr sie ihn an, das Grün ihrer Augen verdunkelte sich im Zorn.

Er gab nach. Man legte sich besser nicht mit der Heilerin der Leoparden an. Shayla war sozusagen die Leibärztin der Leoparden. Sie hatte sowohl eine klassische medizinische Ausbildung als Krankenschwester, kannte aber auch die alten Heilungsmethoden ihrer Familie und die des Rudels.

„Nicht lebensgefährlich“, lautete ihr Urteil, nachdem sie seinen Hals und den Rest seines Körpers begutachtet hatte. „Komm später zu mir. Dann versorge ich deine Wunden.“ Damit lief sie davon, um sich um den Alpha zu kümmern, und Lucano wandte sich wieder dem Schauplatz des Angriffs zu. An vielen Stellen bildete das Rot des Blutes einen grotesken Kontrast zum frischen Grün. Der Boden war an vielen Stellen aufgewühlt, Erdklumpen lagen überall herum.

„Wie sind sie hierhergekommen?“, fragte Andrew laut.

Er war, genau wie Lucano, ein Jäger des Rudels. Sie unterstanden direkt dem Alpha und beschützen ihn mit ihrem Leben.

„Sie müssen ein Boot genommen haben. Wenn sie über die Territory Bridge gekommen wären, hätten wir sie sofort bemerkt“, antwortete er.

„Oder sie hielten sich schon länger hier im Wald auf“, meinte Andrew.

Lucano gefiel dieser Gedanke ganz und gar nicht. Das noch immer aufgebrachte Raubtier in seinem Kopf fletschte die Zähne. Das hier war sein Zuhause, hier lebte seine Familie. Eigentlich sollte es niemandem möglich sein, das Territorium betreten, ohne dass die Leoparden es bemerkten. Und doch war genau das geschehen.

„Du und die anderen Jäger, ihr solltet das Territorium durchkämmen und sichergehen, dass niemand mehr hier ist“, knurrte Lucano.

Andrew nickte. „Ich habe gerade Anweisung dazu gegeben.“ Er klopfte seinem Freund auf den Rücken. „Du solltest gehen. Shayla wartet bestimmt schon auf dich. Und du weißt, wie ungehalten sie dann wird. Ich komme später bei dir vorbei.“

Ein letztes Mal betrachtete Lucano die Szenerie. Zwei Leoparden streiften in ihrer tierischen Gestalt umher und versuchten herauszufinden, wer die Angreifer gewesen und woher sie gekommen waren. Er wandte sich ab und überließ Andrew die Führung in dieser Sache, während er auf dem schnellsten Weg zu seinem Vater lief.

Niemand bemerkte die zierliche Gestalt, die sich mit einem wütenden und gleichzeitig enttäuschten Gesichtsausdruck im Schatten der Bäume versteckte. Nachdem sowohl der Alpha wie auch Lucano verschwunden waren, drehte sie sich um und verschwand.

Zwei

 

Etwas Weiches berührte ihre Wange und holte Selene aus dem Reich der Träume. Die letzten Traumfetzen spukten ihr im Halbschlaf noch im Kopf herum. Es waren seltsame, verwischte Bilder von einer schwarzen Raubkatze und einem Wald. Das Gesicht noch tief im kuscheligen Kissen vergraben, öffnete sie ein Auge und schaute in funkelnde, goldgelbe Iriden.

„Lass mich. Es ist viel zu früh“, murmelte sie und rollte sich auf die andere Seite des Bettes.

Ihr Gast schien jedoch nicht davon überzeugt zu sein, dass es nicht die Zeit für ein wenig Bettgeflüster war, denn sie spürte eine Bewegung neben ihr auf der Matratze und kurz darauf berührte wieder etwas Warmes, Weiches ihre Wange. Diesmal stärker.

Selene gab ein unwilliges Geräusch von sich. „Wenn du mich nicht sofort in Ruhe lässt, schläfst du demnächst auf der Couch!“

Ihr Bettgast war davon spürbar unbeeindruckt, denn der Druck auf ihrer Wange wurde stärker. Tap, tap, tap. Immer wieder stupste er gegen ihre Wange. Sie vergrub ihr Gesicht noch tiefer im Kissen, griff nach ihrer Bettdecke und rollte sich darin zusammen.

Die ersten Sonnenstrahlen fielen bereits in ihr Schlafzimmer. Selene wartete noch ein paar Minuten und hoffte, dass er sie endlich in Ruhe lassen würde. Nachdem sie immer stärker bedrängt wurde, warf sie ihre Decke schließlich von sich, richtete sich auf und starrte ihren Kater wütend an.

„Du bist schlimmer als jeder Mann!“, fauchte sie.

Der Angesprochene saß völlig unbeeindruckt auf ihrem Bett. Sein Schwanz bewegte sich mit einem leisen Geräusch über die Matratze, und er gab ein beinahe lautloses Miauen von sich. Er starrte sie an, sie starrte zurück. Nach einem kurzen, aber knallharten Blickduell gab der Schwächere schließlich nach: Selene stand auf, um in die Küche zu gehen und ihrem Kater etwas zu Fressen zu geben.

Auf dem Weg dorthin fiel ihr Blick auf eine alte Zeitung, die unter Büchern über Pflanzenkunde hervorlugte. Auf der Titelseite prangte das Bild eines eindrucksvollen Paares. Der Mann hatte dunkle Haare, war groß gewachsen und ausgesprochen muskulös. Er wandte dem Fotografen das Profil zu und schaute die Frau an seiner Seite an, um die er den Arm gelegt hatte. Sie war ein gutes Stück kleiner als er und hatte ebenholzfarbenes Haar. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und lachte. Beinahe konnte Selene das Glück und die Freude spüren, die von ihr ausgingen. Sie sahen aus wie das perfekte Paar der Nacht. Die Schlagzeile lautete: Der König hat seine Königin gefunden! Und darunter: Vampire von New Orleans feiern.

In der Küche angekommen strich sie sich eine goldblonde Strähne zurück und reckte sich, um an das Katzenfutter in einem der oberen Regale zu gelangen. Tiger, ihr grau gestreifter Kater, strich derweil um ihre nackten Beine herum und schnurrte. Er war zufrieden, jetzt, wo sie aufgestanden war und ihm seinen Wunsch erfüllte. Sie griff nach seiner Futterschüssel und füllte sie bis zur Hälfte.

„Hier, bitte, du Quälgeist“, sagte sie mit einem Lächeln und stellte dem Kater seinen Napf hin. Egal, wie sehr er sie auch manchmal nervte, sie liebte ihren Kater über alle Maßen. Eines Abends hatte sie ihn auf der Straße gefunden, halb verhungert und voller Flöhe. Das arme Tier war mehr tot als lebendig gewesen. Und die gutmütige Selene hatte nicht einfach an ihm vorbeigehen können. Sie hatte ihn hochgenommen und zum nächsten Tierarzt gebracht. Seitdem waren sie die besten Freunde.

Während Tiger, der seinen Namen nicht nur seiner gestreiften Fellfärbung, sondern auch seinem feurigen Temperament verdankte, zufrieden fraß, öffnete Selene beide Küchenfenster und ließ die frische Morgenluft herein. Ihre Küche lag an der Ecke des Gebäudes und bot daher an zwei Seiten einen Blick auf New York.

Sie goss sich selbst ein Glas Orangensaft ein und stellte danach die Kaffeemaschine an. Ein Blick auf die Uhr an ihrem Backofen sagte ihr, dass es gar nicht so früh war, wie sie vermutet hatte. Sie musste sich schon bald auf den Weg zur Arbeit machen.

Die Hüfte gegen den Tresen gelehnt, wartete sie darauf, dass ihr Kaffee durchlief und trank in dieser Zeit den Saft. Der silberne Ring mit dem eingearbeiteten Jadestein funkelte im morgendlichen Sonnenlicht, als sie die Finger um das Glas legte. Wehmütig betrachtete sie den grünen Edelstein und legte für einen kurzen Moment die Lippen darauf. Die magische Energie, sehr vertraut und doch nicht völlig ihre eigene, wärmte ihr Herz. Das Erbstück ihrer toten Mutter enthielt noch immer einen Nachhall von deren Kraft.

Tiger hatte inzwischen sein Frühstück beendet und sprang auf die Arbeitsplatte. Nachdem er sich bei ihr seine Streicheleinheiten abgeholt hatte, schlich er aufs offene Fenster zu.

„Hab einen schönen Tag, mein Süßer. Wir sehen uns heute Abend!“, rief sie ihm hinterher, als er mit einem Satz aus dem Fenster sprang und über die Feuertreppe in der Hitze und dem Getümmel von Downtown New York verschwand. Sie hatte ihm das nie abgewöhnen können. Nachdem sie ihn gefunden hatte, wollte sie einen Hauskater aus ihm machen, aber er hatte wohl sein ganzes Leben auf der Straße gelebt und brauchte diese Freiheit. Sie machte sich zwar Sorgen um ihn, verstand sein Bedürfnis aber zugleich.

Endlich war ihr Kaffee fertig. Sie goss sich eine Tasse ein und fügte ordentlich Sahne hinzu. Während sie das rege Treiben auf der Straße durch ihr Küchenfenster beobachtete, trank sie das heiße Getränk in aller Ruhe und wartete darauf, dass das Koffein seine Wirkung entfaltete. Wenn sie aus dem linken Küchenfenster sah, konnte sie die Backsteinfassade des gegenüberliegenden Hauses betrachten und einen Blick in die Küche einer ihr fremden Bewohnerin werfen. Wenn sie nach rechts blickte, sah sie eine Mischung aus alten und neuen Gebäuden, die sich aneinanderreihten. Und irgendwo dahinter, in der Ferne, stand das Empire State Building. Heute stand es vollständig unter der Kontrolle eines der größten von übernatürlichen Mächten geleiteten Konzerne der Welt. King Industries hatte seine Finger fast überall im Spiel. Sie beschäftigten unter anderem Wahrsager, Telekinetiker und Telepathen.

Sobald Selene sich dank ihres Kaffees nicht mehr fühlte, als würde sie jeden Moment im Stehen einschlafen, stellte sie ihre Tasse und das leere Glas in die Spüle und ging ins Badezimmer. Als sie an ihrem Bett vorbeikam, warf sie das alte T-Shirt, das sie zum Schlafen anzog, darauf und schlüpfte im Bad aus ihrem Slip.

Ihr Badezimmer bot zwar keine luxuriöse Badelandschaft, aber genügend Platz für eine Dusche und eine Badewanne auf der einen und ein Waschbecken und die Toilette auf der anderen Seite. Sie öffnete die Glastür der Dusche, griff hinein und stellte das Wasser an. Nachdem sie mit der Hand die Wassertemperatur kontrolliert hatte, stieg sie schließlich hinein. Ein glückliches Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, während das warme Wasser über ihren Körper floss. Selene hielt sich selber nicht für eine Schönheit. Sie besaß weder die weiblichen Kurven, auf die Männer so standen, noch war sie groß genug, um als Model durchzugehen. Aber obwohl sie eher klein war und ihre Brüste wohl nie die Blicke aller Männer auf sich ziehen würden, war sie zufrieden mit sich und ihrem Aussehen.

Sie griff nach ihrem Duschgel und genoss den frischen Duft nach Regen und Rosen, der sich in der Kabine verbreitete, als sie sich damit einseifte. Sie kaufte alle ihre Kosmetikartikel in einem nahe gelegenen Laden, der sich auf Naturprodukte spezialisiert hatte. Selene war verliebt in die Natur. Diese Liebe verdankte sie ihrer verstorbenen Mutter. Mary war zwar schon zehn Jahre tot, doch noch immer wurde Selene das Herz schwer, wenn sie an sie dachte, und sie hatte Angst, dass ihre Erinnerungen, die manchmal glasklar, manchmal verschwommen waren, langsam verblassten. Genau wie Mary war auch Selene eine Elementa, ein Mensch mit einer besonderen Verbindung zu einem der vier Elemente. Selenes Element war die Erde, genau wie es Marys gewesen war. Das bedeutete, dass sie den Stimmen der Natur lauschen, Pflanzen wachsen lassen und den Herzschlag der Erde spüren konnte. Neben ihnen gab es noch Elementas, die dem Wasser, dem Feuer oder der Luft angehörten, allerdings war die Verbindung zum Element Luft sehr selten.

Die Art, wie Selene der Natur verbunden war, kam häufiger vor. Sie war auch der Grund, warum jeder freie Platz in ihrer Wohnung und auch der kleine Balkon mit den vielfältigsten Pflanzen zugestellt war. Manche davon waren sogar magischer Natur. Wäre ihre Mutter nicht so früh von ihr gegangen, dann hätte Selene noch viel mehr über ihre Fähigkeiten lernen können. So aber hatte sie sich den Großteil selbst beigebracht.

Natürlich hatte sie, wie fast alle magisch begabten Menschen, eine der nach der Wende errichteten Akademien besucht und dort die Grundlagen zur Kontrolle ihrer Kräfte gelernt, aber sie hätte von ihrer Mutter noch mehr lernen können.

Als Selene an ihre Zeit auf der Akademie, die in der Nähe des Central Parks gebaut worden war, zurückdachte, musste sie unwillkürlich grinsen. Am Anfang waren alle Elementas in einer Klasse untergebracht worden. So hatte sie auch Shaona, deren Name Tochter des Feuers bedeutete, kennengelernt. Shaona mit der karamellfarbenen Haut und diesen ungewöhnlichen feuerroten Locken, die sie nie hatte bändigen können. Ihr Element war das Feuer, und nie hatte Selene eine Elementa gekannt, der man ihr Element so sehr ansehen konnte wie Shaona. Sie war ein ungestümes Mädchen gewesen, das keine Risiken scheute, und hatte bei der einen oder anderen Lehrstunde ein kleines Feuer entzündet, wenn es ihr zu langweilig geworden war. Und nach allem, was Selene hörte, war sie auch als erwachsene Frau noch genauso wild wie als Kind. Shaona lebte nicht mehr in New York, sondern zog um die ganze Welt. Hin und wieder bekam Selene eine Postkarte aus einem Ort, von dem sie noch nie gehört hatte.

Selene legte den Kopf zurück und spülte sich den Schaum aus den Haaren, bevor sie aus der Dusche trat und ein großes, flauschiges Handtuch um ihren Körper wickelte. Anschließend griff sie sich ein kleines Handtuch und rubbelte ihre Haare halbwegs trocken. Mit einem Kamm entwirrte sie die nassen Strähnen. Selene beschloss, ihr Haar einfach an der Luft trocknen zu lassen und band es mit einem Haargummi zurück. Nachdem sie sich die Zähne geputzt hatte und in ihre Unterwäsche geschlüpft war, trug sie ein wenig Make-up auf und entschied sich für einen eng anliegenden schwarzen Maxirock, der an beiden Seiten hoch geschlitzt war und viel Bein zeigte. Ein hellblaues Top, das etwas über dem Bund des Rocks endete und damit einen Streifen Haut zeigte, und bequeme Sandalen vervollständigten das Bild. Sie betrachtete ihren zierlichen Körper im Spiegel und entschied, dass sie so vor die Tür gehen konnte. Ihre goldblonden Haare, die ihr offen bis auf die Brust reichten, waren durch die Nässe ein paar Nuancen dunkler als gewöhnlich, das Blau ihres Oberteils ließ ihre türkisfarbenen Augen zur Geltung kommen, und der Rock enthüllte den Blick auf ihre leicht gebräunten Schenkel.

Bevor sie zur Arbeit gehen konnte, musste sie sich noch um die Pflanzen in ihrer Wohnung kümmern. Vor sich hin summend ging sie erst durch ihr Schlafzimmer. Der Jadestein an ihrem linken Mittelfinger, der ein traditioneller Talisman für Gärtner war und als Stein der Gelassenheit galt, funkelte, als Selenes natürliche Macht ihre Wirkung entfaltete. Ihre Pflanzen bogen sich ihr geradezu entgegen und genossen ihre Aufmerksamkeit. Selene versorgte auch die Pflanzen in ihrem Wohnzimmer, das auch als Gäste- und Esszimmer diente, und ging dann auf den Balkon hinaus, der einem kleinen Dschungel glich. Eine Farb- und Duftexplosion erfüllte ihre Sinne, und mit einem Lächeln goss sie ihre Lieblinge. Als sichergestellt war, dass es all ihren Schätzen gut ging und das Küchenfenster weit genug geöffnet war, damit Tiger kommen und gehen konnte, wie er wollte, löste sie ihr Haargummi, warf es in ihre Handtasche, fuhr sich einmal mit der Hand durch die Haare und ergriff ihre Tasche, bevor sie die Wohnungstür hinter sich verschloss.

Als Selene auf die belebten Straßen von New York City trat, wurde sie von einer unerwarteten Hitzewelle getroffen. Der Sommer hielt die Menschen in seinem heißen Griff gefangen. Doch während sie so manchen Passanten begegnete, die sich schwitzend über den Gehweg quälten, ging sie selbst mit beschwingten Schritten die Straße entlang. Der Blumenladen, in dem Selene arbeitete, lag nur ein paar Straßen entfernt, dennoch musste sie auf dem Weg dorthin immer wieder anhalten, um Bekannte zu begrüßen. Sie lief diesen Weg jetzt schon bald fünf Jahre täglich, seit sie mit achtzehn Jahren ihren Abschluss an einer von New Yorks Schulen für magisch begabte Menschen gemacht hatte, und inzwischen kannte sie fast jeden Straßenhändler und Ladenbesitzer.

Bevor sie in die Straße einbog, in der der Blumenladen lag, hielt sie an der Ecke und unterhielt sich mit Francesca, die einen Obst- und Gemüseladen besaß.

„Guten Morgen, Cesca!“, rief sie, griff sich einen Apfel und biss herzhaft hinein. Francesca hatte nichts dagegen. Selene kaufte all ihr Gemüse und ihr Obst hier ein und würde den Apfel einfach beim nächsten Mal bezahlen, wie sie es immer tat.

„Guten Morgen, Süße!“ Francesca wischte sich die Hände an ihrer noch weißen Schürze ab, als sie aus dem Laden trat.

„Hallo!“ Selene nahm noch einen Bissen von dem Apfel. „Hmmm, der schmeckt wirklich köstlich, Cesca.“

Als sie sah, wie Selene den Apfel genoss, schmunzelte die Obstverkäuferin. „Ich werde dir ein paar für deinen nächsten Einkauf zur Seite legen.“ Francesca war klein und ausgesprochen rundlich. Alles an dieser Frau war kugelförmig, selbst ihr Mund formte beim Lachen ein O. Und Cesca lachte und lächelte oft, was auf andere immer ansteckend wirkte. Niemand konnte in ihrer Nähe traurig sein, so viel Lebensfreude strahlte sie aus. Außerdem sagte sie nie ein schlechtes Wort über einen anderen Menschen und stand jedem mit Rat und Tat zur Seite.

„Du bist ein Engel!“, sagte Selene mit einem Augenzwinkern.

„Ich weiß.“ Mit einem Lächeln wischte sich Francesca eine hellbraune Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich einem Kunden zu, der sie angesprochen hatte.

Selene winkte ihr zum Abschied noch einmal zu und ging den Rest des Weges zum Blumenladen.

Sie hatte den Apfel gerade aufgegessen, als sie La Flor mágica erreichte. Eine leise Glocke kündigte ihr Eintreten an, und sie entdeckte Maria Sanchez bereits hinter dem Tresen. Maria Sanchez war kurz nach der Wende aus Spanien nach New York ausgewandert und hatte kurz danach den Blumenladen eröffnet, in dem Selene und sie nun gemeinsam arbeiteten. Sie war eine hochgewachsene Frau mit mehr Kurven, als es gesetzlich hätte erlaubt sein dürfen. Ihre gebräunte Haut passte perfekt zu den langen, dunkelbraunen Locken, die sie heute mit einem farbenfrohen Tuch zurückgebunden hatte. Maria erinnerte Selene immer an Esmeralda aus dem alten Disney-Film Der Glöckner von Notre Dame. In ihren ebenfalls dunkelbraunen Augen schimmerte die Lebenslust, und obwohl sie mit ihren vierunddreißig Jahren um einiges älter war als Selene, verstanden sich die beiden Frauen ausgezeichnet.

„Guten Morgen, Maria.“

Buenos días, bombón!“ Selene konnte ihr Lächeln nicht zurückhalten. Maria nannte sie fast immer bombón, was so viel wie schöne Frau hieß. Bevor es ihr eingefallen war, Maria danach zu fragen, hatte Selene immer gedacht, ihre Freundin und Chefin würde sie Bonbon nennen. Aber ihr hätte auch das gefallen.

Wie immer, wenn sie den Laden betrat, empfing sie ein Meer verschiedener Blumen. Rosen in allen möglichen Farben standen neben Hyazinthen und Schwertlilien. Weiße und purpurrote Alpenveilchen und blaue Vergissmeinnicht standen in großen Töpfen auf dem Boden. In den Regalen erstrahlten bereits fertig gebundene Blumensträuße. Farn und andere Gewächse setzten grüne Akzente in diesem Blumenmeer. Klee und andere Pflanzen hingen in großen Blumenampeln von der Decke, und in einer Ecke des Ladens gab es sogar eine kleine Kräuterabteilung, in der neben den Klassikern wie Petersilie und Rosmarin die unterschiedlichsten Heilkräuter zu finden waren.

Tief sog Selene den Duft der Natur in ihre Lungen und schloss für einen Moment die Augen, als sie die vertrauten Schwingungen von La Flor mágica durchfuhren, bevor sie hinter den Tresen trat und Maria zur Begrüßung umarmte. Danach verschwand sie im hinteren Teil des Ladens, um dort ihre Tasche abzulegen. Als sie wieder nach vorne kam, begann sie sich mit ihrer Chefin übers Wochenende zu unterhalten, da sich noch keine Kunden im Laden befanden.

„Samstag hat mein Mann mich zum Essen eingeladen. Allerdings erst, nachdem er mich den ganzen Tag in den Wahnsinn getrieben hatte.“ Zwar lebte Maria schon seit einigen Jahren in New York, aber sie hatte dennoch einen leichten spanischen Akzent. Und zu Selenes Freude schien sie auch nichts dagegen unternehmen zu wollen. Selene mochte den Klang von Marias rauchiger Stimme und ihr rollendes R.

Selene lachte. „Was hat der Gute denn wieder angestellt?“

Maria und ihr Mann waren schon seit mehr als vier Jahren verheiratet, und jeder, der die beiden zusammen sah, konnte die bedingungslose Liebe zwischen den beiden spüren.

„Pah!“ Maria machte eine energische Handbewegung. „Ich hatte ihm schon am Freitag gesagt, dass er sich um die Wäsche kümmern soll.“ Selene verkniff sich ein Kichern. „Ich führe ein eigenes Geschäft, während er den ganzen Tag in seinem Büro sitzt und Däumchen dreht! Da ist das doch wohl nicht zu viel verlangt!“

Selene biss sich auf die Unterlippe. Marias Mann arbeitete als Architekt für eine große Baufirma, die nach der Wende schnell erkannt hatte, wie wichtig es war, auf die verschiedenen Bedürfnisse der magischen Wesen beim Wohnungsbau einzugehen. Inzwischen waren sie das führende Unternehmen, wenn es um Bauprojekte ging, die auch andere Wesen als Menschen begeistern sollten. In der ganzen Stadt verwirklichten sie ihre Projekte. Daher bezweifelte Selene, dass Marias Mann als Architekt nur Däumchen drehte, wie Maria behauptete. Aber natürlich hütete sie sich davor der temperamentvollen Spanierin zu widersprechen.

„Und ich nehme an, das hat er nicht getan“, stellte Selene deswegen fest.

No! Stattdessen hatte ich am Samstagmorgen einen neuen Stapel dreckiger Hemden da liegen!“

„Da hast du ihm natürlich ordentlich die Meinung gegeigt?“ Selene musste sich auf die Zunge beißen, damit sie nicht lauthals anfing zu lachen.

Naturalmente, bombón. Man darf einem Mann niemals die Kontrolle überlassen, das steigt ihm sonst zu Kopf“, sagte Maria und tippte mit ihrem Zeigefinger gegen die Schläfe.

Selene konnte sich das Lachen jetzt nicht mehr verkneifen. „Und was ist dann passiert?“ Sie lehnte am Tresen, wobei der Schlitz des Rocks ihre schlanken Beine enthüllte. Zum Glück war noch ein kurzer Unterrock eingenäht, sodass man nicht zu viel Haut sah.

Marias volle Lippen verzogen sich zu einem sinnlichen Lächeln, und ein gewisses Funkeln trat in ihre Augen. „Was denkst du denn, bombón?“

Selene schüttelte den Kopf und hielt sich die Ohren zu. „Ich will es lieber doch nicht wissen!“

Die beiden Frauen lachten, und genau in dem Moment öffnete sich die Tür und eine junge Frau betrat mit einem kleinen Mädchen an der Hand den Laden. Selene ging um den Tresen herum auf die Kundin zu.

„Willkommen bei La Flor mágica. Kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Die junge Frau, deren rotblonde Haare weich um ihr Gesicht fielen, bedachte sie mit einem Lächeln.

„Ja, sehr gerne sogar. Ich…“ Ihre Tochter zog an ihrer Hand, aber die Frau schüttelte den Kopf. „Wir sind auf der Suche nach sommerlichem Schmuck für unseren Balkon. Können Sie uns etwas empfehlen?“

Selene nickte und führte die Frau in den Bereich mit den Topfpflanzen. Das kleine Mädchen bestaunte die Blumenpracht um sie herum, während Selene die junge Frau beriet. Kurze Zeit darauf verließen die Dame und ihre Tochter den Laden zufrieden.

Ein Kunde nach dem anderen kam in den Laden und bat um ihre Hilfe. Eine alte Dame mit kunstvoll toupierten grauen Haaren hatte vor, ihre Enkelin zu besuchen und wollte dieser einen farbenfrohen Blumenstrauß mitbringen. Eine andere, asiatisch anmutende Kundin benötigte ihre Beratung beim Anlegen eines Kräutergartens.

„Es ist nämlich immer schwierig so etwas pauschal zu sagen, da ein Kräutergarten vom jeweiligen Standort abhängt“, meinte Selene und betrachtete die Kräuterauswahl im Blumenladen. „Lichtverhältnisse, Temperaturschwankungen, Windverhältnisse …“ Selene machte eine ausschweifende Handbewegung. „Aber ich kann Ihnen ein paar Kräuterpflanzen empfehlen, die eine gute Grundlage bilden. Später kann ich mir Ihren Garten gerne ansehen, und wir entscheiden gemeinsam, welche Kräuter noch dazu passen.“ Die Kundin bedankte sich überschwänglich und versprach bald wiederzukommen.

Ein junger Mann, fast noch ein Teenager, fragte sie, was die beste Blume wäre, um sich bei seiner Freundin für eine Dummheit zu entschuldigen.

„Was war es denn für eine Dummheit?“ Selene legte den Kopf schräg und sah ihn aufmerksam an.

„Naja …“ Er rieb sich mit einer Hand den Nacken. „Wir waren letztes Wochenende verabredet. Aber meine Schwester hat mich aufgehalten, als ich gerade gehen wollte. Also habe ich mich vielleicht ein, zwei Stunden verspätet.“ Er schaute sie mit einem so verlegenen Grinsen an, dass Selene schmunzeln musste.

„Na, dann würde ich dir den Blaustern empfehlen.“ Selene drehte sich um und nahm einen kleinen Topf mit einer Pflanze aus dem Regal hinter ihr, deren Blüten tatsächlich aussahen wie kleine blaue Sterne. „Damit gibt man zu, einen Fehler gemacht zu haben, und bittet um Verzeihung.“ Als Erd-Elementa kannte sich Selene nur zu gut mit der Sprache der Blumen aus und damit, welche Bedeutung eine Pflanze hatte.

Ihr Kunde blickte sie strahlend an und nickte eifrig. „Perfekt!“

Gemeinsam gingen sie zur Kasse, und kurz danach verließ der junge Mann den Blumenladen schon wieder, aber nicht, bevor er ihr versprochen hatte, keine Dummheiten mehr zu machen.

Während Maria mit ihrem spanischen Charme eine Gruppe junger Frauen bei der Entscheidung half, den perfekten Brautstrauß zusammenzustellen, unterhielt sich Selene mit einem älteren Mann mit Brille, der schon seit Jahren an jedem Montag hierher kam und seiner Frau einen kleinen Blumenstrauß oder manchmal auch nur eine einzelne Blume kaufte. Irgendwann hatte sie ihn gefragt, was der Anlass dafür war. Damals hatte er einfach mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Sie ist meine Frau, und ich liebe sie. Gibt es einen bedeutsameren Anlass?“ Selene hätte bei dieser Antwort fast geweint.

Zwischendurch herrschte reger Betrieb. Aber Selene und Maria hatten alles im Griff, und schon bald stand die Sonne hoch am Himmel und Maria verabschiedete sich in die Mittagspause.

„Ich bin in einer Stunde wieder da, bombón. Dann kannst du Pause machen.“

„Alles klar, bis nachher!“, rief Selene und winkte ihrer Chefin zum Abschied.

Nachdem Maria den Laden verlassen hatte, widmete sich Selene der Kräuterecke. Besonders mit den Heilkräutern kannte sie sich aus. Sie kniete sich vor den kleinen Garten hin, und ihr ärmelloses Top rutschte hoch. Es entblößte ihren Bauch bis zur Taille, aber da sie allein im Laden war, störte es sie nicht.

Maria und sie hatten ein Podest gebaut, es mit Erde aufgefüllt und einen niedrigen Holzzaun als Begrenzung errichtet. Ihr Ring funkelte und glühte, als sie die Hände in der lockeren Erde vergrub und leise summte. Ihre Kräfte entfalteten ihre Wirkung und Selene spürte, wie sich die Wurzeln der Heilpflanze, um die sie sich gerade kümmerte, tiefer ins Erdreich gruben. Neue Blätter sprossen, und das leichte silberne Glühen der Pflanze verstärkte sich.

Als sie mit ihrem Werk zufrieden war, wandte sie sich der nächsten Heilpflanze zu. Sie besaß viele kleine lila Blüten, die, wenn man sie zu Tee verarbeitete, selbst die schlimmste Migräne verschwinden lassen konnten. Mit den Fingerspitzen strich Selene über die fragilen Knospen und freute sich, als sie erblühten. Sie spürte die Natur in ihrem Körper wie einen zweiten Herzschlag. Hier war sie ganz in ihrem Element, ein glückliches Lächeln lag auf ihren Lippen.

So arbeitete sie in Ruhe vor sich hin und half den Heilpflanzen und Kräutern beim Wachsen, als die Glocke über der Tür einen neuen Kunden ankündigte. Noch immer auf den Knien und mit den Händen voller Erde, griff Selene sich ein Handtuch und drehte sich mit einem Lächeln um.

„Hallo, was kann …“ Sie brach mitten im Satz ab, als sie sah, wer da gerade zur Tür hereingekommen war und sie mit lüsternem Blick betrachtete. Seine Augen blieben an ihrem nackten Bauch hängen, und Selene bemühte sich rasch das Top wieder zurechtzuziehen.

„Was willst du hier, Mike?“, fauchte sie.

Normalerweise war Selene ein freundlicher Mensch. Aber nicht in der Gegenwart dieses Mannes. Mike war ihr Exfreund, und die Umstände ihrer Trennung waren nicht gerade angenehm gewesen. Sie waren jetzt seit gut zwei Wochen getrennt, und Selene ging es seitdem viel besser. Natürlich hatte sie eine Zeit lang getrauert, aber sie hatte rasch begriffen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Und jetzt verstand sie nicht einmal mehr, was sie einmal an ihm gefunden hatte.

„Ich wollte dich besuchen kommen und sehen wie es dir geht, Süße“, säuselte er. Mike war nicht besonders groß und ein drahtiger Typ mit blonden Haaren und blauen Augen. Sein Gesicht sah noch sehr jugendlich aus, und auf seinen Lippen lag ein anzügliches Grinsen, das er wohl für anziehend hielt. Er war der typische Surferboy, allerdings ohne die Muskeln, die Mädchen sonst in ehrfürchtiges Staunen versetzten.

„Das geht dich nichts mehr an“, sagte sie und stand auf. Sie wollte Mike nicht hier haben. Sie wollte ihn gar nicht in ihrem Leben haben. „Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Also hau ab!“

„Aber, Süße, ich sehe doch, wie du leidest.“

Selene rollte mit den Augen und machte einen Schritt nach hinten, als er auf sie zukam.

„Ich leide überhaupt nicht. Und jetzt raus!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn feindselig an. Angesichts ihrer abwehrenden Haltung verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht, und die Stimmung im Raum veränderte sich, wurde angespannter. Selene bekam feuchte Hände, und sie registrierte, wie sich ein Gefühl von Angst in ihrem Magen ausbreitete. Mike war zwar nicht besonders muskulös, aber sie hatte ihm trotzdem nichts entgegenzusetzen, sollte er handgreiflich werden. Ein schneller Blick auf die Uhr sagte ihr, dass Maria frühestens in dreißig Minuten zurück sein würde. Mist.

„Jetzt pass mal auf, Kleines, du hast hier überhaupt nichts zu sagen.“ Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu, und als Selene den Tresen an ihrem unteren Rücken spürte, wusste sie, dass sie handeln musste.

„Falsch. Du hast hier nichts zu sagen! Das ist mein Leben, und du bist darin nicht mehr willkommen! Oder hast du etwa vergessen, dass du derjenige warst, der mich eiskalt weggeworfen hat, nur weil ich nicht mit dir schlafen wollte?!“ Bei den letzten Worten überschlug sich ihre Stimme. Denn obwohl sie längst realisiert hatte, dass sie ohne Mike viel besser dran war, schmerzte dieser Punkt noch immer. Mit zweiundzwanzig Jahren war sie immer noch Jungfrau. Und sie hatte wirklich gedacht, dass Mike der Richtige wäre. Sie war so kurz davor gewesen, ihm ihre Jungfräulichkeit zu schenken. Dann jedoch hatte er sein wahres Gesicht gezeigt.

Mit mehr Mut, als sie wirklich besaß, stürmte sie an Mike vorbei und riss die Eingangstür des Blumenladens auf. Die Glocke gab ein protestierendes Läuten von sich.

„Verschwinde!“, rief sie und deutete auf die offene Tür.

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, spürte sie seine Hand an ihrem Arm.

„Schlampe!“, zischte Mike und riss sie förmlich zurück in den Laden. Ihre Hand rutschte von der Klinke ab, mit einem leisen Glockenläuten fiel die Tür wieder ins Schloss. Mit angstgeweiteten Augen starrte sie zu Mike hinauf, dessen Augen gefährlich funkelten. Seine Hand umklammerte noch immer schmerzhaft ihren Oberarm. Sie saß in der Falle.

 

Lucano hatte beschissene Laune. Seit dem Angriff auf das Rudel waren drei Tage vergangen, und sie wussten noch immer nicht, wer die Angreifer gewesen waren. Die Männer hatten sie in ihrer tierischen Gestalt angegriffen und erst nach dem Tod wieder menschliche Form angenommen. Da sie nackt waren, hatten sie keine Ausweise oder andere Sachen bei sich gehabt, die etwas über ihre Identität verrieten. Noch dazu hatte es seinen Vater schwerer erwischt, als gedacht. Er hatte mehrere Knochenbrüche davongetragen, und durch die tiefe Bauchwunde waren seine inneren Organe teilweise schwer verletzt worden. Shayla hatte den Alpha deswegen in einen Heilschlaf versetzt. Er würde es überleben, Gestaltwandler waren schließlich äußerst widerstandsfähig, aber es schmerzte Lucano trotz allem, seinen Vater so zu sehen. Außerdem war es nun an den Jägern und der weiblichen Alpha für die Sicherheit des Rudels zu sorgen und auf die Einhaltung ihrer Regeln zu achten. Die Verletzungen des Alphas schwächten das Rudel, selbst wenn die Jäger genau für diesen Fall da waren. Sie sollten das Alphapaar beschützen und in deren Abwesenheit dafür sorgen, dass alles weiterlief wie sonst. Die Jäger des Rudels waren die Leibgarde des Alphapaares. Sie durften eine Entscheidung des Alphas als Einzige in Frage stellen, weil sie die stärksten Mitglieder des Rudels waren.

Inzwischen war Mason nach Hause gebracht worden, und seine Frau wich ihm nicht von der Seite. Diego und Lucano verbrachten fast ihre gesamte Zeit im Elternhaus und halfen, wo sie konnten. Meist unterstützten sie ihre Mutter damit, dass sie ihr einfach Gesellschaft leisteten. Mason war Ramonas Gefährte, ihre Seele und ihr Herz. Leopardengestaltwandler banden sich, wie die meisten Gestaltwandler, für ein ganzes Leben, und Ramona Malone litt unter dem Zustand ihres Gefährten, als wäre sie selbst erkrankt.

Das einzig Gute an diesem Tag war gewesen, dass sich keine weiteren Fremden im Territorium aufgehalten hatten. Dennoch blieb das Rudel in Alarmbereitschaft. Dieser Angriff würde Konsequenzen nach sich ziehen, so viel war klar.

Heute hatte Lucano sich eine Auszeit genommen. Er konnte seine innere Unruhe nicht länger unterdrücken. Seit über einer Woche war er nicht in Selenes Nähe gewesen. Schon vor dem Angriff hatte er sie vier Tage lang nicht gesehen, weil ihn ständig irgendwelche Kleinigkeiten von einem Ausflug in die Stadt abgehalten hatten. Er hatte einem Rudelgefährten beim Ausbau seiner Hütte helfen, verschwundene Jugendliche wieder einfangen müssen, oder andere Aufgaben hatten ihn davon abgehalten. Und dann waren sie angegriffen worden, und er hatte sich erneut um das Rudel kümmern müssen. Zwar war er nicht der einzige Jäger, aber er war der zukünftige Alpha. Und das Rudel stand immer an erster Stelle.

Als er in die Straße einbog, in der das Geschäft lag, in dem sie arbeitete, fühlte er sich sofort besser. Er wollte sich nur kurz vergewissern, dass es ihr gut ging. Nur einen kurzen Blick auf sie werfen. Er würde sich ihr nicht nähern. Das hatte er versprochen. Dann sah er, wie die Tür des Ladens aufgerissen wurde, und erhaschte einen Blick auf sie. Im ersten Moment stockte ihm wegen ihres reinen Anblicks der Atem, aber dann nahm er ihre leicht geröteten Wangen wahr und die vor Angst geweiteten Augen. Er blinzelte, um das Bild genauer zu sehen, und beschleunigte unwillkürlich seinen Schritt.

„Verschwinde!“ Er hätte nicht mal sein überempfindliches Gehör gebraucht, um zu verstehen, was sie sagte, so laut war ihre Stimme. Dann sah er, wie sich eine eindeutig männliche Hand um ihren Oberarm schloss. Er hörte ihr erschrecktes Keuchen und hörte jemanden „Schlampe!“ sagen. Sie wurde zurück in den Laden gezogen, eindeutig gegen ihren Willen. Die Tür fiel ins Schloss. Lucano sah rot.

Alle Versprechen, sich von Selene fernzuhalten, galten nun nichts mehr.

Lucano hechtete die letzten Meter zum Blumengeschäft und riss die Tür beinahe aus den Angeln, als er sie öffnete. Er sah gerade noch, wie die Frau, die er liebte, gegen den Tresen gepresst wurde, sich ein blonder Schopf über ihr Gesicht beugte und sie zu einem Kuss zwang. Sie schrie auf, aber ihre Stimme wurde unterdrückt, weil er seinen Mund auf ihren presste. Ihre Hände stemmten sich gegen seine Brust, und sie versuchte, ihn von sich zu schieben. Aber der Mann war stärker.

Lucano zögerte keine Sekunde. Das Knurren löste sich von seinen Lippen und erfüllte den Raum. Dann packte er den Mann im Nacken, riss ihn von der Frau los und stieß ihn von ihr weg. Mit einem weiteren Knurren holte er aus und registrierte das befriedigende Geräusch von brechenden Knochen, als der Mann geradewegs durch die gläserne Tür segelte. Das Glas zerbrach, und Lucano beobachtete, wie sein Gegenüber in einem Haufen Scherben und mit stark blutender Nase zu Boden ging. Der Panther in seinem Kopf fauchte und knurrte bedrohlich, die tödlichen Zähne zu einem furchterregenden Zähnefletschen entblößt.

 

Selene wollte weinen, schreien, um sich schlagen und sich verkriechen. Und das alles gleichzeitig. Sie spürte, wie Mike sie mit seinem ganzen Körper gegen den Tresen presste. Seine Hände vergruben sich in ihrem Haar und zerrten schmerzhaft daran, dann zwängte er ihre Lippen auseinander, um ihr seine Zunge in den Mund zu schieben. Ihr Magen revoltierte, Panik brach in ihr aus. Würde er sie vergewaltigen? Oh bitte, bitte nicht, flehte sie stumm und spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen.

Dann erfüllte plötzlich Donnergrollen die Stille um sie herum. War das ein Knurren? Bevor sie auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde Mikes Gewicht auf einmal von ihr gerissen, und sie konnte wieder atmen. Sie erhaschte einen Blick auf tiefschwarze Haare und Augen, in denen ein goldenes Feuer loderte. Kurz darauf hörte sie einen ohrenbetäubenden Knall, nachdem Mike von einem Faustschlag, der sich angehört hatte, als würden zwei Güterzüge aufeinanderprallen, durch die gläserne Eingangstür befördert wurde. Und mit durch die Tür meinte sie tatsächlich geradewegs durch die verdammte Scheibe.

In einem Regen aus Scherben ging er zu Boden und sie hörte ihn schmerzerfüllt aufjaulen, als er sich an die Nase griff. Ihr Retter stand noch immer mit dem Rücken zu ihr und machte nun einen Schritt durch das, was einmal die Eingangstür von Marias Laden gewesen war. Maria! Sie wird mich umbringen, wenn sie das hier sieht, dachte Selene und presste sich eine Hand auf den immer noch unruhigen Magen. Sie hatte das Gefühl sich jeden Moment übergeben zu müssen.

Selene sah nichts als einen breiten, in ein schwarzes T-Shirt gehüllten Rücken, der über Mike aufragte. Als sie die dazugehörige Stimme hörte, bekam sie am ganzen Körper Gänsehaut.

„Wenn du ihr nur noch einmal zu nahe kommst, bringe ich dich um“, knurrte der fremde Mann. „Du wirst sie nicht anrufen, du wirst ihr nicht schreiben. Du wirst verdammt noch mal nicht einmal mehr an sie denken! Hast du mich verstanden?“

Selene konnte Mikes Reaktion nicht sehen, aber dann hörte sie ein knirschendes Geräusch, als er sich über das zerbrochene Glas bewegte und sie sah, dass Mike davonrannte, ohne sie noch einmal anzuschauen. Eine Hand hielt er noch immer auf seine blutende Nase gedrückt. Die war bestimmt gebrochen.

Dann drehte sich der fremde Mann zu ihr um, und Selene sah sich mit einer ganz anderen Gefahr konfrontiert. Denn nichts Anderes konnte dieser Mann sein. Die Wut, die von ihm ausging, bildete beinahe ein eigenes Kraftfeld. Erst jetzt bemerkte sie, wie groß und muskulös er war. Er maß mindestens einen Meter fünfundachtzig und schien aus geballter Energie zu bestehen. Als er durch den Türrahmen schritt, der wie durch ein Wunder noch immer intakt war, bemerkte sie sowohl seine muskulösen Schenkel wie auch seine sich unter dem T-Shirt abzeichnenden Bauchmuskeln. Sie schluckte schwer.

Jetzt richtete er den Blick auf sie, und Selene griff unwillkürlich nach dem Tresen hinter sich, als sie die geballte Macht seines Blickes traf. Saphirblaue Augen musterten sie. Moment mal – blau? Waren die vorhin nicht noch golden gewesen? Oder hatte sie sich das eingebildet?

 

Drei

 

„Geht es dir gut?“ Seine Stimme erinnerte Selene noch immer an Donnergrollen, aber sie klang jetzt weniger bedrohlich. Und irgendetwas daran hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Seine Augen schienen jeden Zentimeter ihres Körpers abzutasten. Er machte einen Schritt auf sie zu und holte sie damit in die Realität zurück.

„Äh, ja. Ich denke schon.“ Er starrte sie immer noch an, und Selene konnte nicht anders als hilflos zurückzustarren. Etwas an ihm schien ihr so vertraut, gleichzeitig war er ihr jedoch vollkommen fremd. Das war ein seltsames Gefühl.

„Bist du sicher?“ Sein Blick heftete sich auf ihre Lippen.

„Ja.“ Selene nickte. Sie war zwar noch etwas unsicher auf den Beinen, aber ansonsten ging es ihr gut. Sie wünschte sich nur, sie könnte sich die Zähne putzen. Durch den erzwungenen Kuss lag ein widerlicher Geschmack auf ihrer Zunge, so als hätte sie etwas Verdorbenes gegessen. „Ich danke dir.“ Wie selbstverständlich übernahm sie seine vertrauliche Ansprache. Und das kam ihr seltsam normal vor.

Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu und zog irritiert die Augenbrauen zusammen, so als wäre ihm erst jetzt aufgefallen, dass er sich auf sie zu bewegte. Während sie seine Mimik betrachtete, wurden ihre Augen von etwas anderem angezogen. Vier gezackte Narben, nein, Wunden, zogen sich über die gesamte linke Seite seines Halses. Sie sahen frisch aus, und Selene fragte sich, wer zum Teufel einem solche Wunden beibringen konnte. Wie hatte der Mann vor ihr das überleben können?

Ihr Blick glitt über seine Brust, und sie konnte deutlich die Muskeln sehen, die sich dort abzeichneten. Seine Arme waren genauso muskulös wie der Rest von ihm, und sie bemerkte, wie die Adern an seinen Unterarmen hervortraten, als er die Hände zu Fäusten ballte. Als kämpfe er gegen eine ungebändigte, wilde Kraft in seinem Innern an.

Als er sich nun durch den Raum bewegte, um sich den Schaden anzusehen, bemerkte sie die Geschmeidigkeit, mit der er sich bewegte, und konnte nicht anders, als sie zu bewundern. Wie konnte jemand, der offensichtlich so viel animalische Kraft besaß, sich so leichtfüßig bewegen? Als er sich hinhockte, um den Türrahmen genauer zu betrachten, und sich dann in einer fließenden Bewegung wieder erhob, erinnerte er sie plötzlich an Tiger. Er bewegte sich mit einer natürlichen Eleganz, die zeigte, dass er sich in seinem Körper sehr wohlfühlte. Der Mann blieb stehen und blickte sie an. Jetzt lag etwas in diesen wunderschönen blauen Augen, das sie nicht entschlüsseln konnte. Und dann war es auch schon wieder verschwunden.

Seine Haare waren tiefschwarz. Sie bedeckten einen Teil seiner Ohren, ein paar Strähnen fielen ihm in die Stirn. Selene verspürte das plötzliche Bedürfnis, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen. Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Solche Gedanken waren völlig untypisch für sie.

Ihr Retter hatte äußerst männliche Gesichtszüge. Ein starkes, kraftvolles Kinn. Maskuline Wangenknochen, eine gerade Nase. Und einen Dreitagebart, der etwas in ihr zum Schmelzen brachte. Im Gegensatz zu seinem maskulinen Gesicht wirkten seine Lippen überraschend weich und sinnlich. Und als sich diese Lippen zu einem leicht schiefen Grinsen verzogen, bemerkte sie winzige Lachfältchen in seinen Augenwinkeln. Trotz der seltsamen Situation konnte sie nicht anders als zurückzulächeln.

„Tut mir echt leid wegen der Tür.“ Seine Stimme klang  allerdings ganz und gar nicht danach, als ob es ihm leid täte. Er rieb sich mit einer seiner großen Hände über den Nacken und schaute auf das Scherbenchaos.

„Schon okay. Denke ich.“ Warum bebte ihre Stimme nur so? „Allerdings könnte meine Chefin das anders sehen“, gab sie dann mit einem zerknirschten Lächeln zu. Wenn sie ehrlich war, dann bezweifelte Selene, dass Maria sich wirklich über ein zerbrochenes Fenster aufregen würde. Sie wusste, wer Mike war, und kannte die Umstände ihrer Trennung. Sie würde sich eher Sorgen um die Freundin machen.

Der Mann nickte ernst. „Ich werde die Rechnung für die Reparatur übernehmen.“

Sie blickten beide eine Weile schweigend auf die Scherben innerhalb und außerhalb des Blumengeschäfts. Bei ihrer Bestandsaufnahme stellte Selene fest, dass keine der Pflanzen beschädigt worden war. Anscheinend war wirklich nur die Glastür zu Bruch gegangen. Naja, und Mikes Nase. Aber das hatte er auch mehr als verdient. Wenn sie daran dachte, wie er sie bedrängt hatte, wurde ihr erneut schlecht und sie presste eine Hand auf ihren Magen. Wenn dieser Mann nicht plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht wäre … Sie mochte gar nicht darüber nachdenken, was sonst passiert wäre.

„Ich sollte jetzt gehen.“ Seine Stimme riss sie aus ihren düsteren Gedanken, und sie blickte erstaunt auf. Aber er hatte sich schon von ihr abgewandt und war einen Schritt auf die Tür zugetreten. Furcht befiel sie. Und sie konnte nicht sagen, wieso.

„Warte!“, rief sie, und er hielt mitten in der Bewegung an. „Ich kenne ja nicht einmal deinen Namen! Woher soll ich dann wissen, an wen Maria die Rechnung schicken soll?“ Sie meinte zu erkennen, wie er die Schultern anspannte. Aber er drehte sich immer noch nicht zu ihr um. Fieberhaft suchte sie nach einem Grund, damit er blieb. Der Gedanke, dass er sie verlassen würde, stimmte sie traurig. Warum nur? „Bitte, bleib. Ich kann Kaffee kochen, und wir warten gemeinsam auf meine Chefin. Sie sollte bald wieder da sein. Außerdem konnte ich mich noch gar nicht richtig bedanken.“

Er blickte sie über die Schulter hinweg an, sein Blick verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Für die Rettung, meine ich“, stammelte sie weiter, als er nichts sagte und sich auch nicht bewegte. Es schien, als fechte er einen inneren Kampf mit sich selbst aus, aber schließlich zuckte er mit den Schultern, als wollte er sagen: „Warum nicht?“, und wandte sich ihr zu.

Selene lächelte ihn an und deutete nach hinten. „Geh doch schon mal vor. Ich hänge noch kurz das Schild auf, dass wir geschlossen haben, und komme dann nach.“

Er nickte ihr zu und verschwand hinter dem mit einem Wasserfall bedruckten Vorhang, der den privaten Bereich des Ladens vom öffentlichen trennte. Selene beeilte sich, das Schild aufzuhängen, auf dem „Geschlossen“ stand, und sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass es keine Tür mehr gab, an der sie es befestigen konnte. Kurzerhand schnappte sie sich ein Stück Klebeband und klebte es an die Scheibe neben der Tür.

Als sie gerade den hinteren Ladenraum betreten wollte, hörte sie die Stimme des Mannes und blieb vor dem Vorhang stehen.

„Das weiß ich selber“, knurrte er. Dann eine Pause. „Es soll einfach jemand vorbei kommen und eine neue Scheibe einbauen. Auf meine Rechnung.“ Pause. „Alles klar.“ Wieder Stille. „Ja, ich weiß. Das sagte ich doch bereits.“ Pause. „Wir sehen uns später.“

Nachdem das Gespräch anscheinend beendet war, schob sie den Vorhang mit einer Hand zur Seite und trat in den hinteren Bereich von La Flor mágica. Verglichen mit dem Verkaufsbereich war dies ein eher kleiner Raum, aber er bot genug Platz für einen Tisch mit vier Stühlen. Auf einem von ihnen saß jetzt ihr Retter. Rechts von ihm gab es eine kleine Küchenzeile, auf der auch die Kaffeemaschine stand, die sie nun einschaltete. Man konnte in diesem Raum zwar keine Partys feiern, aber für einen kleinen Kaffeeklatsch zwischendurch war er perfekt. Sie nahm zwei Kaffeetassen aus dem Regal und lehnte sich gegen die Küchentheke, während sie auf den Kaffee wartete.

„Du hast mir deinen Namen noch nicht verraten.“ Sie lächelte ihr Gegenüber an.

 

Selene lächelte ihn an, und plötzlich war alles in Ordnung. Er war ihr seit so vielen Jahren nicht mehr nahe gewesen. Und er hatte sie vermisst. Lucanos Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. Er dachte wieder an das Versprechen, das er gegeben hatte, und was seine mangelnde Selbstkontrolle für die Frau vor ihm im schlimmsten Fall bedeuten konnte. Aber sie schien ihn nicht zu erkennen. Das war gut, auch wenn diese Tatsache ihm gleichsam einen schmerzhaften Stich versetzte, da er sie doch niemals vergessen würde. Würde er alles zerstören, indem er ihr seinen Namen verriet? Was, wenn sie sich dann erinnerte? Und auch wenn sich ein Teil von ihm nichts sehnlicher wünschte, wusste er doch, dass er damit zu viel riskierte.

„Luca“, sagte er schließlich in dem Wissen, dass nur seine Mutter ihn so nannte, und Selene sich niemals an diese Koseform seines Namens erinnern konnte. Ihr Lächeln wurde breiter, ihm wurde warm ums Herz.

„Luca“ sagte sie und ihm rann ein Schauer über den Rücken. „Ich bin Selene.“ Sie ahnte nicht, dass er das wusste, also nickte er.

„Ich habe gerade mit einem befreundeten Handwerker telefoniert.“ Viele Rudelmitglieder hatten handwerkliche Berufe. Also hatte er jemandem aus dem Rudel angerufen und ihn gebeten, die Tür wieder in Ordnung zu bringen. So konnte er sicher sein, dass die Arbeit anständig erledigt wurde. „Er kommt morgen früh vorbei, um sich den Schaden anzusehen, und wird eure Tür dann reparieren.“

„Danke.“ Sie schien erleichtert.

Inzwischen war der Kaffee fertig, und Selene füllte eine der bereitgestellten Tassen. Dabei konnte er sie in Ruhe bewundern. Selene war wirklich zu einer wunderschönen Frau herangewachsen. Ihr goldblondes Haar fiel ihr bis auf die Brust, die sich deutlich unter dem engen Tanktop abzeichnete. Sie war schlank und zierlich. Wenn er sie umarmte, würde ihr Kopf wahrscheinlich genau auf seiner Brust, über seinem Herzen, liegen. Während er fasziniert auf den schmalen Streifen nackter Haut starrte, der zwischen dem Bund ihres Rocks und ihrem Oberteil lag, füllte sie auch die zweite Tasse.

„Sahne oder Zucker?“, fragte sie, und er konnte gerade noch rechtzeitig den Blick heben, damit sie ihn nicht beim Starren erwischte.

Er schüttelte den Kopf, und sie ging zu einem kleinen versteckten Kühlschrank. Sein Blick fiel auf ihre schlanken, leicht gebräunten Beine. Der Rock – konnte man das überhaupt Rock nennen? – den sie trug, gehörte verboten. Er zeigte viel zu viel von ihrer einladenden Haut. Der Leopard in ihm hob witternd den Kopf. Lucano senkte rasch den Blick, da seine Hose enger wurde, wenn er sie allzu genau betrachtete.

Sie reichte ihm seine Tasse, und er achtete darauf, dass sich ihre Finger nicht berührten, als er sie entgegen nahm. Sie kippte einen großen Schwung Sahne in ihre Tasse und setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber. Ihre Hände waren um den Becher gelegt, und sein Blick fiel auf den Ring an ihrer linken Hand. Erinnerungen blitzten vor seinem inneren Auge auf. Er kannte diesen Ring. Dieser hatte ihrer Mutter gehört.

„Danke“, sagte sie erneut, und Lucano hob den Blick zu ihrem Gesicht.

Ihre Gesichtszüge waren genauso zart wie der Rest von ihr. Volle, rosige Lippen zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, als sie sich zu einem scheuen Lächeln verzogen. Die Atmosphäre um sie herum änderte sich leicht. Ob sie es auch bemerkte? In dem Moment röteten sich ihre Wangen ein wenig, und er wusste, dass sie es auch wahrnahm. Unwillkürlich musste er ebenfalls lächeln.

Er wusste, dass er hätte gehen sollen, sobald die Gefahr für sie gebannt gewesen war. Aber dann hatte sie ihn gebeten zu bleiben. Und er hatte eine grausame Woche hinter sich. Und noch schrecklichere drei Tage. Wie sehr er sie vermisst hatte … Als sie ihn zum Kaffee einlud, hatte er sein Sehnen nicht länger unterdrücken können. Seine Selbstbeherrschung war in diesem Moment keinen Pfifferling wert gewesen.

„Danke für die Rettung“, sagte sie erneut und holte ihn damit aus seinen düsteren Gedanken.

Als sie nun über den Mistkerl sprach, der sie überfallen hatte, stieg ein Knurren aus seiner Kehle auf. Lucano konnte es nicht zurückhalten, und sie schaute ihn überrascht an, als es die Luft um sie herum zum Vibrieren brachte. In diesem Moment wünschte er sich, dem Kerl noch einmal die Nase brechen zu können. Und vielleicht noch mehr. Er spürte, wie das Raubtier in seinem Inneren an seinen Ketten zog. Er wusste, sollte sich Selenes Exfreund ihr noch einmal nähern, dann würde er ihn töten. Ohne Gnade. Ohne Zögern.

„Wer war das überhaupt?“, fragte er schnell, um von seinem Gefühlsausbruch abzulenken.

„Mike.“ Sie seufzte. „Mein Exfreund.“

Seine Hand verkrampfte sich um die Tasse, und er löste vorsichtig seine Finger von dem zerbrechlichen Porzellan. Selene schien seinen inneren Aufruhr nicht zu bemerken.

„Unsere Trennung war nicht gerade einvernehmlich“, murmelte sie in ihre Tasse und nahm einen Schluck von ihrem Sahnekaffee.

Lucano saß einfach still da und lauschte. Er wusste beinahe alles aus ihrem Leben, hatte sie fast immer aus der Ferne beobachtet und beschützt. Daher wusste er sehr wohl, dass Mike ein paar Monate lang an ihrer Seite gewesen war. Es hatte ihm gar nicht gefallen. Seit ungefähr zwei Wochen war der Kerl wieder Geschichte. Und das sehr zu Lucanos Freude.

„Er …“ Sie seufzte. „Er war derjenige, der sich von mir getrennt hat.“ Der Panther fletschte die Zähne, aber Lucano ließ sich nichts anmerken. „Inzwischen weiß ich, dass ich mich gar nicht erst auf ihn hätte einlassen sollen.“ Sie seufzte erneut und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee, während er seinen gar nicht anrührte.

„Und was wollte er dann hier?“, fragte er, als sie schwieg.

„Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht wollte er mich zurückgewinnen? Ich weiß allerdings jetzt, wie er wirklich ist. Und ich will ihn nicht in meinem Leben haben. Nie wieder.“

Mann und Raubtier gefiel dieser Gedanke, und Lucano konnte sich gerade noch davon abhalten zufrieden zu grinsen.

„Er schien das nicht akzeptieren zu wollen“, sagte er stattdessen.

„Nein.“ Selene strich sich eine Strähne ihres Haars hinters Ohr, die ihr ins Gesicht gefallen war, und Lucano erwischte sich bei dem Gedanken, seine Hände in der seidigen Fülle vergraben zu wollen. Ob sie sich wohl noch genauso anfühlten wie damals?

„Ich glaube, jetzt hat er es verstanden“, brummte er, um sich von seinen eigenen Gedanken abzulenken.

Selene kicherte und nickte. „Das glaube ich auch. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du aufgetaucht bist, Luca.“

Er war auch froh. Wenn er sich vorstellte, was hätte passieren können, wenn er nicht da gewesen wäre, spürte er ausgefahrene Krallen unter seiner Haut. Er holte tief Luft und versuchte sich zusammenzureißen, damit sie nicht wirklich hervorkamen. Er hätte wirklich gehen sollen.

„Ich war gerade unterwegs, als ich gesehen habe, wie du zurück in den Laden gezogen wurdest. Es sah nicht so aus, als wolltest du das. Also habe ich lieber mal nachgeschaut.“

Sie schauten einander an, und Selene lächelte. Er schaute in ihre türkisfarbenen Augen mit den hellen Wimpern und erinnerte sich an früher. Wie lange war es jetzt her? Neun Jahre? Zehn?

Schweigen senkte sich über sie, aber es war nicht unangenehm. Zunächst lag keine Anspannung in der Luft, nur ein Prickeln. Sie sahen sich einfach nur an, doch dann ging der Panther in ihm in Lauerstellung. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und eine spürbare Spannung lag plötzlich in der Luft, als wäre diese elektrisch aufgeladen. Er sah etwas, das er zu lange hatte entbehren müssen. Sah die Frau, die er keine Sekunde hatte vergessen können. Der animalische Teil von Lucano erwachte mit einem lauten Brüllen, und die Sehnsucht nach ihr fegte durch seinen Körper wie ein Tornado. Der Panther machte sich für die Jagd bereit. Und ein Panther auf der Jagd war mehr als gefährlich. Lucano versuchte, das Tier wieder an seine Kette zu legen und holte einmal tief Luft.

„Ich sollte“, sagte Selene dann plötzlich, „… nein, ich möchte dich zum Essen einladen. Als Dankeschön.“ Sie lächelte ihn an.

Er musste Nein sagen. Immerhin hatte er ein Versprechen gegeben. Er wusste nicht, was er damit anrichten könnte, wenn er ihre Einladung annahm. Er ballte eine Hand unter dem Tisch zur Faust und biss die Zähne zusammen. In seinem Kopf hörte er eine Stimme, die ihm vorhielt, was er für sie bedeuten könnte. Hörte die Warnungen und die Verbote. Lucano schloss für einen Moment die Augen und schüttelte dann den Kopf.

„Das ist wirklich nicht nötig“, murmelte er.

Als er aufblickte, sah er Scham und Enttäuschung in ihren Augen und hätte sich am liebsten einen Schlag versetzt. Er hätte einfach nicht hierherkommen dürfen!

„Oh … Okay.“ Sie blickte in ihren Kaffee. „Ich verstehe.“

Sie stand auf und wieder sah er, wie dieser verdammte Rock auseinanderglitt und der weiche Stoff ihre Beine umspielte. Gerade, als er etwas sagen wollte, unterbrach ein erschreckter Aufschrei die Stille.

Bombón?!“

Selene sah überrascht auf und war dann schon auf dem Weg in den vorderen Bereich.

Qué cojones …? Selene!“

Er erhob sich und folgte Selene, die gerade durch den Vorhang verschwand.

„Maria!“

Er hörte das erstickte Keuchen einer anderen Frau. Er schritt durch den Vorhang und sah, wie eine größere und deutlich kräftigere Frau Selene in ihre Umarmung zog.

„Geht es dir gut? Was ist hier passiert?“, fragte die Frau mit einem deutlichen spanischen Akzent. Sie blickte auf und sah ihn feindselig an. „Und wer sind Sie?“

Bevor er antworten konnte, löste sich Selene aus der Umarmung und lächelte die Frau an. „Schon gut, Maria. Das ist Luca. Er hat mich … gerettet.“

„Wovor musste er dich retten?“ Der Gesichtsausdruck der Spanierin zeigte deutlich ihren Unmut.

„Mike war hier.“

Maricón! Was wollte der denn hier?“

Selene gab ihrer Chefin eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse und schloss damit, dass er, Luca, sie gerettet und sie ihm zum Dank einen Kaffee angeboten habe. Als Selene seinen Namen erwähnte, zog Maria die Augenbrauen zusammen und musterte ihn kritisch.

Lucano senkte den Blick. Maria kannte ihn, und er wusste, dass sie seine Anwesenheit hier nicht guthieß. Und wenn Blicke töten könnten, dann würde er jetzt leblos auf dem Fußboden liegen. Er schob die Hände in die Hosentaschen.

„Aha“, sagte Maria und schüttelte den Kopf. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie meiner Selene geholfen haben. Aber Sie können jetzt gehen.“

Er nickte. „Ich habe schon mit einem befreundeten Handwerker gesprochen. Er wird morgen vorbeikommen. Natürlich übernehme ich die Rechnung für die Scheibe.“

„Das ist nicht nötig.“ Maria winkte ab. „Mein Mann ist Architekt, er wird sich darum kümmern.“

[…]