Leseprobe Kalte Jagd

Prolog

Hallo,

mein Name ist Jasmin. Jetzt fragst du dich bestimmt, wer ich bin. Denn inzwischen hast du mich wahrscheinlich vergessen. Aber ich erinnere mich noch an dich und freue mich, dass wir uns endlich wiedersehen.

Wir haben uns damals getroffen, als Hailey das erste Mal unser Territorium, also das Territorium der Vampire, betreten hat. Ich war die unauffällige Kleine, die den Geleitschutz gespielt hat.

Ich bin der wohl unfähigste Vampir aller Zeiten. Ich ekele mich vor Blut, habe Angst in der Dunkelheit und trage noch immer meine Brille, obwohl meine Sicht seit der Verwandlung super ist. Allerdings jetzt mit Fensterglas.

Aber was soll ich sagen? Ich bin noch nicht lange untot, und ich hänge noch immer sehr an meinem ehemaligen menschlichen Leben. Und Kyriakos weiß das. Natürlich weiß er das. Er ist der König. Ehrlich gesagt habe ich auch vor ihm ziemlich Angst. Aber das ist besser geworden, seit es Hailey gibt. Sie hat ihn etwas weniger Furcht einflößend gemacht, und er benimmt sich besser, wenn sie in der Nähe ist. Deswegen versuche ich auch immer, die beiden zusammen zu erwischen.

Nun gut, seit Hailey offiziell unsere Königin geworden ist, ist ein wenig Zeit vergangen und ein paar Dinge haben sich auf der Burg verändert, diesem hochmodernen Wolkenkratzer mitten im Wald, von dem aus der Clan seine Geschäfte organisiert. Mein Job allerdings nicht.

Wie ich bereits sagte, bin ich nicht gerade ein Vorzeigevampir. Ich versuche aber trotzdem, meinen Beitrag zu unserer Gemeinschaft zu leisten. Also bin ich irgendwie das Mädchen für alles.

Ich stehe ganz weit unten in der Hierarchie und nehme von so ziemlich jedem Befehle entgegen. Aber das ist okay für mich. Denn ich mag die Vampire. Jedenfalls die meisten. Ich mag Hailey, auch wenn sie streng genommen kein Vampir ist. Die Neue, Amila, ist auch sehr nett. Aber sie ist auch kein Vampir. Ash ist insgeheim mein Vorbild. Sie ist so tough und selbstsicher. Ich wünschte, ich wäre wie sie. Dimitri gehe ich lieber aus dem Weg. Ich weiß nicht, was genau vor einem Jahr geschehen ist, aber seitdem finde ich ihn ziemlich gruselig. Dafür sind Blade und die Zwillinge super.

Die Zwillinge. Castigo und Calisto. Du musst wissen, an dieser Stelle seufze ich leise. Sie sind auch wirklich so heiß!

Aber weißt du, was das Beste an den beiden ist? Sie veranstalten jedes Weihnachten eine Schnitzeljagd!

Ich liebe Weihnachten. Es ist mein liebstes Fest, und ich freue mich beinahe das ganze Jahr darauf. Da ich leider niemanden mehr habe, mit dem ich es feiern kann, und nein, ich möchte nicht darüber reden, ist die Schnitzeljagd der Zwillinge mein weihnachtliches Highlight.

So auch dieses Jahr. Ich freue mich schon seit Wochen darauf!

Leider geht dieses Jahr etwas ganz furchtbar schief, und plötzlich ist meine schöne, beschauliche Schnitzeljagd ein einziges, blutiges Chaos.

Kapitel 1

KANE

Es war kalt. Furchtbar kalt. Nur gut, dass Kane schon lange tot war und ihm solche Temperaturen nichts mehr ausmachten. Außerdem war er nur aus einem ganz bestimmten Grund hier. Er war auf der Jagd.

Seit Wochen schon jagte Kane die zwei abtrünnigen Vampire. Denn er war ein Exsenar, ein Vollstrecker. Ein Vampir, der andere Vampire tötete.

Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass Vampire die für sie so wichtige Ordnung verließen und die Regeln brachen, die es ihnen ermöglichten, neben den Menschen und anderen magischen Wesen zu existieren. In den meisten Fällen passierte das, wenn Vampire zu viel Blut auf einmal tranken. Dann konnten sie wahnsinnig werden. Das ganze Blut versetzte sie dann in einen Rausch, den sie nie wieder verlassen konnten. Aber manchmal entschieden sich Vampire auch einfach ganz bewusst dazu, abtrünnig zu werden, weil ihnen die vermeintliche Freiheit gefiel. Dann wurden Untote wie er gerufen. Bereits zu seiner menschlichen Zeit war er ein Krieger gewesen. Und er war gut gewesen. Das war auch der Grund, warum er vor einigen Jahrhunderten überhaupt erst zum Vampir gemacht worden war.

Er hatte nie eine Wahl gehabt, sich für ein normales Vampirleben zu entscheiden. Aber das hatte er auch nie gewollt. Er war sein ganzes Leben lang ein Krieger gewesen. Das war alles, was er kannte.

Und es war auch der Grund, warum er jetzt irgendwo in Alaska hockte, seiner Wahlheimat, und versuchte, zwei Vampire zu töten. Aber sie schienen ihm immer einen Schritt voraus zu sein, was diese Jagd unerwartet schwierig gestaltete.

Er hockte sich in den Schnee, verschmolz in seinem weißen Umhang mit der Umgebung und horchte auf jedes noch so kleine Geräusch. Er wusste, dass sie irgendwo hier waren. Die Spur hatte ihn zu diesem Ort geführt. Aber die Männer, die er jagte, wussten, was sie taten. Plötzlich hatte sich die Fährte verloren. Er konnte sie nicht riechen, da sie ihren Geruch überdeckten. Und es gab auch keine anderen Hinweise auf den Aufenthaltsort seiner Beute.

Er hatte die beiden bereits quer durch Russland gejagt, und langsam ging ihm dieser ganze Mist gehörig auf die Nerven. Er wollte sie jetzt endlich töten und dann wieder in seine einsame, abgelegene Hütte zurückkehren. Dann konnte er sich wieder seinen Büchern widmen und in Ruhe auf den nächsten Auftrag warten.

Etwas knackte im Unterholz, einige Hundert Meter von ihm entfernt. Kane bleckte die Fangzähne und zog mit einer fließenden Bewegung die Machete aus der Scheide auf seinem Rücken. Wie ein Blitz huschte er über den Schnee. Kurz bevor er den Ursprung des Geräuschs erreicht hatte, sprangen zwei Schemen von einem Baum und rannten los.

Kane knurrte und hetzte ihnen hinterher.

Die Jagd ging weiter.

 

JASMIN

Sie stand vor Calisto, und seine Sonnenuntergangsaugen, die rot und orange glühten, sahen sie freundlich an.

„Jasmin, wie immer die Erste bei der Schnitzeljagd. Bist du bereit für die erste Station?“

Sie nickte eifrig und wippte auf den Fußballen auf und ab. Dabei schwang ihr der Rock um die Knie. „Mehr als bereit!“

Calisto grinste, und die Grübchen, die dabei erschienen, verursachten ihr ein aufgeregtes Kribbeln im Magen. Die teuflischen Zwillinge sahen einfach zu gut aus, als dass das noch mit rechten Dingen zugehen konnte. Sie waren nicht nur auf diese spezielle Art und Weise heiß, die dafür sorgte, dass Frauen ihre Höschen wegwarfen, sondern sie waren auch einfach schön. Der Inbegriff von männlicher Schönheit. Ihre Gesichtszüge kantig und ebenmäßig. Das dunkle Haar gerade lang genug, damit man bequem mit den Händen hindurchfahren konnte. Der gestählte Körper, auf den selbst Michelangelos David neidisch gewesen wäre. Und dazu kam dann noch diese Aura sexueller Anziehungskraft, die jede Bewegung und jedes Wort in ein sinnliches Versprechen verwandelte.

„Okay, hier ist deine erste Aufgabe.“ Calisto reichte ihr einen kleinen weißen Umschlag, der mit hellblauem Wachs versiegelt war, in das eine Schneeflocke gepresst worden war.

Jasmin lächelte breit, als sie das Siegel aufbrach und das dicke, leicht raue Papier hervorzog. Mit dunkelblauer Tinte war dort ihre erste Aufgabe niedergeschrieben.

„Eine Tür wird geöffnet am Abend, ein Mädchen verlässt den Raum, etwas tragend. Obwohl sie damit die Regeln brach, die Tür wird verschlossen danach. Geöffnet die Tür wird erneut am Morgen, bleibt dieses Mal unverschlossen ohne Sorgen. Welchen Gegenstand hat das Mädchen am Abend herausgenommen?“, las Jasmin laut vor und sah danach Calisto an. „Ein Rätsel?“

Er nickte. „Und weißt du die Lösung?“

Noch einmal las sie die Zeilen, bewegte dabei unwillkürlich stumm die Lippen mit. Welche Tür konnte das Mädchen geöffnet haben? Und wieso war es verboten? Sie kaute auf der Unterlippe, während sie fieberhaft die Verbindung zu Weihnachten suchte.

Plötzlich machte sie einen Freudensprung und sah Calisto strahlend an. „Ich weiß es!“

Der Vampir des inneren Kreises von Kyriakos, der Leibgarde des Königs, lachte leise in sich hinein. „Und? Was hat sie herausgenommen?“

Jasmin blickte sich um, aber außer ihr und Calisto befand sich niemand in dem Zimmer auf der Burg. Sie spitzte die Ohren, konnte aber draußen auch niemanden hören. Trotzdem flüsterte sie, damit sie niemand belauschen und ihre Antwort stehlen konnte. „Die Schokolade aus dem Adventskalender!“

Calisto grinste. „Korrekt!“

Glücklich klatschte sie in die Hände. „Und jetzt?“

„Castigo wartet in der Stadt in Haileys Büro auf dich. Dort wirst du deine nächste Aufgabe erhalten.“

„Danke!“, rief sie und war dabei schon halb zur Tür hinaus. Auf dem Weg zum Aufzug, der sie in eine der unteren Etagen zu ihrer Wohnung bringen würde, rückte sie die Brille zurecht. Eigentlich brauchte sie dieses Hilfsmittel nicht mehr, da ihre Sehkraft seit der Verwandlung vollständig wiederhergestellt war, aber es war eine Erinnerung an ihr altes Leben, die sie noch nicht bereit war aufzugeben. Und dank Fensterglas war es jetzt nur noch ein modisches Accessoire.

In ihrer Wohnung angekommen, zog sie sich eine Jacke über und machte sich dann auf den Weg ins Erdgeschoss und von dort aus in die Stadt, dabei summte sie leise Rudolph The Red Nosed Reindeer vor sich hin.

 

Haileys Büro war weihnachtlich geschmückt. Ein kleiner Tannenbaum stand in einer Ecke des Wartezimmers, und die Fenster waren mit bunten Lichterketten gesäumt, deren Lichter fröhlich funkelten. Auf einem der Besucherstühle, eine Weihnachtsmannmütze tragend, saß Castigo und lächelte Jasmin verhalten an. In seiner Hand hielt er einen weiteren, dem ersten ähnlichen Umschlag.

„Calisto hat mich bereits informiert. Du hast das erste Rätsel schon gelöst. Wirklich beeindruckend, Jasmin.“

Sie strahlte, saugte das Kompliment förmlich auf. „Danke.“ Sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden und sie vermutlich gerade rot anlief. „Was ist die nächste Station?“

Castigo stand auf, entfaltete seinen muskulösen Körper zu seiner beeindruckenden Größe. „Hier, bitte.“

Aufgeregt öffnete sie den zweiten Umschlag und zog das Papier heraus. „Der Weihnachtsmann liebt Fotos. Dieses Jahr möchtest du ihm eine besondere Freude machen. Daher musst du nun drei Bilder mit folgenden Motiven machen und den Zwillingen schicken. Diese leiten, ganz die fleißigen Helfer, die Fotos dann an den Weihnachtsmann weiter. 1. Ein Foto in einer verschneiten Landschaft. 2. Ein Foto von dir als Geschenk verpackt. 3. Ein Foto beim Weihnachtskekse backen.“ Jasmin blickte von dem Brief auf und sah Castigo fragend an. „Nummer 2 und 3 sind ja machbar. Aber ein Foto in einer verschneiten Landschaft? Wir sind hier in New Orleans. Hier schneit es nicht!“ Sie schob die Unterlippe vor.

Castigo zuckte mit der Schulter. „Wenn es einfach wäre, würde es keinen Spaß machen. Du musst dir schon etwas einfallen lassen.“

Sie ging erneut die Liste durch und seufzte leise. „Ich fang dann mal besser an.“

„Das sehe ich auch so“, erwiderte er mit einem Zwinkern.

„Bis später.“ Sie winkte ihm zu und verließ das Büro wieder. „Okay, das Einfachste zuerst. Weihnachtskekse backen“, murmelte sie vor sich hin und ging im Kopf die Zutaten durch, die sie brauchen würde. Sie hatte alles bei sich zu Hause in der Burg. Auch in diesem Punkt war sie anders als die üblichen Vampire. Sie aß immer noch gern. Sie mochte den Geschmack und genoss es einfach, zu essen, auch wenn sie es gar nicht mehr musste. Stattdessen musste sie jetzt Blut trinken, was sie unglaublich ekelhaft fand.

Draußen blieb sie stehen. Es war bereits früher Abend, und dicke Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, was ihr erlaubte, sich für begrenzte Zeit im Freien aufzuhalten, ohne Verbrennungen zu erleiden.

Sie warf einen Blick die Straße hinunter und beobachtete einen Moment die Passanten, von denen die meisten mit vollen Einkaufstüten den Gehweg entlanghetzten. In sechs Tagen war Weihnachten, und alle waren im Stress.

Daran hatte sich auch seit der Wende nichts geändert. Im Jahr 2024 hatten sich alle magischen Wesen, darunter auch die Vampire, den Menschen zu erkennen gegeben. Das war jetzt etwas mehr als ein Jahrzehnt her, und seitdem hatte sich viel verändert. Der alljährliche Weihnachtsstress allerdings nicht.

Auf der anderen Straßenseite war ein kleiner Stand aufgebaut, hinter dem eine kleine rundliche Frau stand, die von funkelnden Lichtern umflogen wurde. Jasmin sah genauer hin und konnte die kleinen Feen entdecken, die sie umschwirrten. Und wenn Jasmin die Ohren spitzte, konnte sie das leise Klimpern der Feenflügel sogar hören. Sie betrachtete die Szene noch einen Moment und erfreute sich am Lebkuchenduft, der von dem Stand herüberwehte, bevor sie in ihr kleines hellblaues Auto stieg und zurück zur Burg fuhr.

 

Jasmin hielt das Handy über den Kopf, stellte sicher, dass das Mehlchaos im Hintergrund zu sehen war. Ihre Arbeitsplatte war mit weißem Staub bedeckt, genauso wie Teile des Fußbodens. Das Backblech, die Teigschüssel und der Mixer standen noch herum, und die Keksformen waren überall verteilt. Dann hielt sie den Teller mit den frisch gebackenen Keksen hoch und lächelte. Sie hatte kleine Tannenbäume, Weihnachtsmannmützen, Schneemänner und Geschenke gebacken und alles mit Zuckerguss verziert. Das war auch an den bunten Flecken auf ihren Wangen zu erkennen. Sie strahlte in die Kamera und machte das erste Foto.

„Okay, erledigt“, sagte sie zu sich selbst und speicherte das Foto in ihrem diesjährigen Weihnachtsordner. „Fehlen nur noch zwei. Aber wie verpacke ich mich jetzt als Geschenk?“

Sie nahm sich einen Schneemannkeks und knabberte daran herum, während sie sich in ihrer kleinen Wohnung innerhalb der Burg umsah. Sie bestand nur aus drei Räumen. Einer kleinen Küche mit angrenzendem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Das war nicht besonders viel, aber sie fühlte sich hier wohl und wollte gar kein anderes Zuhause. Hier hatte sie alles, was sie brauchte.

Inklusive einem roten Seidentuch!

Lächelnd schlüpfte Jasmin aus der Schürze, die sie getragen hatte, und ging hinüber zu der Couch, auf der ihr Schal lag. Sie nahm sich das Stück Stoff und stellte sich vor den länglichen Spiegel, der neben der Tür zum Schlafzimmer hing. Grinsend klopfte sie sich die restlichen Mehlspuren von der Kleidung und strich den dunkelgrünen Rock, den sie über schwarzen Strumpfhosen trug, wieder glatt. Danach klopfte sie noch den dünnen, silbernen Pullover ab und arrangierte das Seidentuch als große Schleife um ihren Hals. Sie betrachtete sich im Spiegel und befand, dass das als Geschenkverpackung gelten konnte.

Dieses Mal platzierte sie das Handy auf dem Wandregal oberhalb der Couch und verkeilte es zwischen zwei Büchern, damit es nicht umfiel. Dann aktivierte sie den Selbstauslöser und trat ein paar Schritte zurück, bis man sie ganz auf dem Foto sehen konnte. Sie lächelte breit, bis es klickte, nahm danach das Handy vom Regal und ließ sich auf das Sofa fallen. Auch dieses Bild wurde im Weihnachtsordner gespeichert.

„Jetzt fehlt nur noch die verschneite Landschaft. Aber wo bekomme ich in New Orleans Schnee her?“ Sie drehte eine Strähne ihres braunen Haares zwischen den Fingern, während sie nachdachte. Dabei stieg ihr der frische Duft nach Keksen in die Nase und zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen.

„Schnee, Schnee, Schnee“, murmelte sie. Aber ihr fiel wirklich nichts ein. Das konnte doch nicht so schwierig sein!

Sie dachte noch einen Moment länger nach, als ihr schließlich eine Idee kam. Sie suchte nach Haileys Handynummer und schrieb ihr fix eine Nachricht.

Jasmin: Hallo, Hailey. J Sag mal, weißt du, wo ich hier eine verschneite Landschaft finde?

Es dauerte ein paar Minuten, aber dann erhielt sie eine Antwort.

Hailey: Schnee? In New Orleans? Worum geht es hier?

Bevor Jasmin antworten konnte, traf bereits die nächste Nachricht ein.

Hailey: Ach, die Schnitzeljagd der Zwillinge?

Jasmin: Ja. Das ist die zweite Aufgabe. Ein Foto in einer verschneiten Landschaft.

Hailey: Da haben die sich ja wieder was ausgedacht. Okay, lass mich nachdenken. Ich melde mich wieder. J

Jasmin lächelte. Nirgendwo stand geschrieben, dass sie sich für die Schnitzeljagd nicht etwas Hilfe besorgen durfte. Während sie wartete, holte sie sich den Keksteller herüber und aß drei weitere Kekse, bevor ihr Handy mit einem leisen Vogelzwitschern eine neue Nachricht ankündigte.

Hailey: Geh zu Magic Wonders! Das Einkaufszentrum hat zu Weihnachten in der großen Eingangshalle immer eine gigantische Schneekugel aufgebaut. Mithilfe von Magie fällt innerhalb der Kuppel echter Schnee.

Jasmin quietschte vor Freude und schickte ein schnelles Tausend Dank! an Hailey, bevor sie das Seidentuch aufknotete und es gegen eine Jacke tauschte. In null Komma nichts saß sie wieder in ihrem Auto und war zurück auf dem Weg in die Stadt. Es war an der Zeit, dass sie auch die zweite Aufgabe erfüllte!

 

KANE

Er jagte mit Höchstgeschwindigkeit durch die Landschaft. Die Sonne ging gerade unter, verborgen hinter dicken Wolken, was alles um ihn herum in gräuliches Licht tauchte.

In etwa fünf Kilometern Entfernung rannten die zwei Schatten vor ihm davon. So nah dran wie in diesem Moment war er seit Tagen nicht mehr gewesen. Er beschleunigte sein Tempo, wollte die Abtrünnigen endlich töten.

Inzwischen hatte seine Jagd dafür gesorgt, dass er Alaska wieder verlassen musste. Sie hatten Kanada durchquert und befanden sich nun in Montana, kurz vor der Grenze zu Wyoming.

Wenn er die beiden nicht bald zu fassen bekam, würde Kane ernsthaft wütend werden. Die Vampire waren seine schwerste Jagd seit Langem. Sie waren unglaublich schnell und schlau, konnten sich auch bei Tageslicht fortbewegen, was darauf schließen ließ, dass sie bereits älter und nicht erst vor Kurzem verwandelt worden waren. Das bedeutete aber auch, dass sie nicht unüberlegt handeln und sich dadurch verraten würden. Sie hatten im Laufe der Jahre Geduld gelernt und waren ebenso Vollstrecker wie Gejagte.

Man hatte ihn gefragt, ob er Verstärkung für diesen Job brauchte, aber Kane hatte abgelehnt. Er arbeitete lieber allein, und die meisten anderen Lebewesen fand er einfach nur unerträglich.

Deswegen war er auch froh gewesen, als sich seine Opfer dazu entschlossen hatten, Jackson, die Hauptstadt von Mississippi, wieder zu verlassen. Da waren einfach zu viele Menschen und andere Lebewesen gewesen. Das machte ihn immer nervös, weckte seine Mordlust und ließ ihn fahrig werden.

Allerdings fühlte er sich plötzlich aus einem ganz anderen Grund unwohl. Denn ihm war gerade bewusst geworden, wo sie waren. In diesem Moment überquerten die zwei Abtrünnigen die Grenze zu Louisiana. Vielleicht war es ihnen nicht bewusst, vielleicht wussten sie aber auch ganz genau, was sie taten.

Genau dort, wo die magische Grenze verlief, blieb Kane stehen. Er bleckte die Zähne, knurrte wild und konnte sich gerade noch davon abhalten, wütend zu brüllen. Wieso mussten diese Bastarde ausgerechnet nach Louisiana fliehen? Von allen Orten dieser Welt mussten sie auf Kyriakos‘ Territorium flüchten. Dem König der Vampire.

Kyriakos und er hassten sich. Leidenschaftlich. Und bei ihrer letzten Begegnung hatte Kyriakos ihm versprochen, dass er Kane töten würde, wenn sie sich das nächste Mal sahen.

Er beobachtete, wie die Silhouetten am Horizont verschwanden. Einen Augenblick lang dachte er über die Konsequenzen nach, dann überquerte er die Grenze.

Kapitel 2

JASMIN

Schnee rieselte auf ihre Haut herab, schmolz zu kleinen Pfützen in ihren Handflächen. Das Wasser fühlte sich kühl an, und sie lächelte breit.

Schnee.

Jasmin befand sich inmitten einer riesigen Schneekugel, von deren Decke Schnee auf das winterliche Dorf herabrieselte. Die Hexen, die an diesem kleinen Wunder gewerkelt hatten, hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Das Dorf bestand aus einigen kleinen, aus Stein gemeißelten Hütten, in deren Fenstern Kerzen leuchteten. Es gab einen Dorfplatz, in dessen Mitte ein großer, mit unzähligen Lichtern geschmückter Tannenbaum stand, und am Rand des Dorfs ein paar weitere Tannenbäume, die genau wie die Dächer mit Schnee bedeckt waren. Es war das perfekte Abbild einer Winterlandschaft. Es war fast nicht zu glauben, dass nichts davon echt sein sollte.

Jasmin sah sich gerade den geschmückten Baum an, als sie hörte, wie eine Frau hinter ihr vorbeiging. Schnell drehte sie sich um und sprach die junge Frau an.

„Hallo! Entschuldigung?“

„Ja?“ Die Frau sah sie freundlich an. Ihre Augen waren giftgrün, und die Pupillen verliefen senkrecht durchs Auge wie bei einer Katze. Schneeflocken hatten sich in ihren lilafarbenen Haaren gesammelt und schmolzen dort langsam.

„Könnten Sie ein Foto von mir vor dem Baum machen?“

Die Frau lächelte. „Natürlich.“

„Dankeschön!“ Schnell gab Jasmin ihr das Handy und stellte sich vor den Baum. Die Arme weit ausgebreitet und ein ebenso breites Lächeln auf den Lippen.

Die Frau machte das Foto und reichte Jasmin ihr Handy zurück, bevor sie sich verabschiedeten und sie hinter dem nächsten Haus verschwand.

Jasmin sah sich das Foto an, es war richtig gut geworden, und speicherte es mit den anderen beiden Bildern ab, bevor sie alles an Castigo und Calisto sendete.

Gespannt wartete sie auf die Antwort.

Castigo: Glückwunsch! Auch diese Aufgabe hast du gelöst. Die nächste findest du in der Stadtbücherei. Frag nach Amila.

Jasmin steckte ihr Handy wieder ein, verließ die Schneekugel und machte sich zu Fuß auf den Weg zur magischen Bibliothek von New Orleans. Die war nicht besonders weit entfernt, und Amila, Dimitris Gefährtin, arbeitete dort.

Als sie die Bibliothek betrat, begrüßten sie warme Luft und der Geruch nach alten Büchern. Früher war das Gebäude eine Kirche gewesen, aber inzwischen beherbergten die alten Mauern die größte Sammlung magischer Literatur des Landes.

Am Tresen lehnte Amila, deren dunkles Haar leicht gelockt war. Als sie Jasmin auf sich zukommen sah, lächelte sie freundlich.

„Hallo, Amila. Du hast meine nächste Aufgabe für mich?“

Sie nickte. „Das stimmt. Die Zwillinge haben mir gesagt, dass du die vorherigen Aufgaben gelöst hast. Deswegen bekommst du das hier von mir.“

Ein weiterer Umschlag wurde an sie übergeben, und Jasmin öffnete ihn schnell.

Sie seufzte, als sie die wenigen Zeilen las. „Schon wieder ein Rätsel?“

Amila zuckte nur mit den Schultern.

„Ein Mann bewohnt ein quadratisches Haus. Jede Seite zeigt nach Süden. Ein Bär kommt vorbei. Welche Farbe hat der Bär?“, las sie vor und sah dann Dimitris Gefährtin wieder an. „Wie soll das gehen? Wie können alle Seiten eines Hauses nach Süden zeigen?“

„Du kannst dir ruhig Zeit lassen beim Überlegen, Jasmin“, meinte Amila sanft. „Du bist die Erste, die heute hier ist.“

Das beruhigte Jasmin etwas, denn nur die ersten drei, die die Schnitzeljagd schafften, bekamen am Ende auch einen Preis. Trotzdem wollte sie dieses Rätsel unbedingt lösen!

„Wie kann etwas immer nach Süden zeigen?“, murmelte sie zu sich selbst. Im nächsten Moment kam ihr eine Idee, und sie schnippte mit den Fingern. „Das Haus wurde verhext!“

Amila grinste. „Und welche Farbe hat dann der Bär?“

Jasmin ließ die Schultern hängen. „Das weiß ich leider auch nicht.“

„Überleg weiter. Es hat auch nichts mit Magie zu tun“, meinte Amila schmunzelnd.

Während sie angestrengt nachdachte, kaute sie auf der Unterlippe herum. Es war wirklich gut, dass sie inzwischen sehr schnell heilte. Als Mensch hatte sie nämlich dieselbe Angewohnheit und dadurch ständig kleine Wunden an den Lippen gehabt.

„Wo zeigt immer alles nach Süden?“ Jasmin sah sich in der Bibliothek um, und ihr Blick fiel auf einen Globus, der nicht weit von ihr entfernt auf einem der Tische stand, die für Besucher gedacht waren. Sie legte den Kopf schief und betrachtete die Weltkugel eingehend. Endlich kam ihr die zündende Idee.

Strahlend sah sie Amila an. „Das Haus befindet sich am Nordpol. Deswegen zeigen alle vier Seiten nach Süden! Und am Nordpol gibt es nur einen Bären. Den Eisbären. Und der hat weißes Fell!“

Amila klatschte. „Korrekt!“

Jasmin führte einen kleinen Freudentanz auf und drehte sich dabei einmal um die eigene Achse, bevor sie Amila wieder ansah. „Okay, ich bin bereit für die nächste Aufgabe.“

Amila wartete, bis Jasmin den Umschlag in der Jackentasche verstaut hatte, bevor sie ihr den nächsten gab. „Viel Glück!“

Jasmin lächelte und verabschiedete sich von Dimitris Gefährtin, bevor sie außerhalb der Bücherei die vorletzte Aufgabe las. Denn die Schnitzeljagd der Zwillinge bestand immer aus fünf Aufgaben, wobei die letzte traditionell immer am schwierigsten war.

Was wäre Weihnachten ohne Schneemänner? Genau, langweilig! Und damit dieses Weihnachten definitiv nicht langweilig wird, musst du nun Schneemänner bauen. Alles, was du dazu brauchst, findest du auf unserem Territorium im Wald.

Jasmin wollte gerade frustriert aufseufzen, da der Wald riesig war, als sie einen kleinen Hinweis am Ende des Papiers entdeckte.

PS: Dieses Jahr riecht der Schnee nach Zimt.

Sie lächelte über den Einfallsreichtum der Vampire, bevor sie auch diesen Brief gut verstaute und zurück zum Territorium der Vampire fuhr.

 

Jasmin hielt die Nase in die Nachtluft und versuchte, jede noch so feine Note von Zimt zu erschnuppern. Inzwischen war die Sonne komplett verschwunden, und es hatte noch einmal merklich abgekühlt. Der Wald schien nur noch aus dunklen Schatten zu bestehen.

Jasmin war jetzt schon eine kleine Weile im Wald unterwegs und hatte die Schneemannutensilien leider immer noch nicht gefunden. Denn selbst mithilfe ihres hochsensiblen Geruchsinns konnte sie den Zimt nicht riechen.

Wo nur hatten die Zwillinge die nächste Station versteckt?

Bevor sie noch frustriert mit dem Fuß aufstampfen konnte, drehte der Wind und trug ihr eine feine, zimtige Note zu. Jasmin grinste und lief in die Richtung los, die ihr die Nase wies.

Sie erreichte eine kleine Lichtung, auf welcher der Zimtgeruch am stärksten war, und sah sich um. „Schneemann, Schneemann, Schneemann“, murmelte sie, während sie die Baumkronen nach etwas Weißem absuchte. Endlich entdeckte sie, ganz weit oben in einer Baumkrone, sechs verschieden große Kugeln und weitere Utensilien, wie eine Plastikmöhre, Plastikzylinder, winzige schwarze Kugeln und kleine Schals.

Sie wollte gerade in die Knie gehen, um sich mit einem Sprung nach oben zu katapultieren, als merkwürdige Geräusche an ihre feinen Ohren drangen.

Mit gerunzelter Stirn blickte sie über die Schulter in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Fanden heute etwa Trainingskämpfe draußen statt? Zögerlich drehte sie sich um und machte einen Schritt nach vorn, als plötzlich eine Gestalt zwischen den Bäumen auftauchte und mit übernatürlicher Geschwindigkeit an ihr vorbeilief.

Sie konnte nicht besonders viel erkennen. Die Statur deutete auf einen Mann hin, er trug dunkle Kleidung. Aber das war auch schon alles. Jasmin war noch nicht besonders lange ein Vampir, jedenfalls nicht für übernatürliche Maßstäbe, deshalb waren ihre Sinne noch nicht so gut ausgeprägt.

Aber da der Fremde direkt an ihr vorbeigerannt war, hatte sie seinen Duft aufschnappen können, und er roch eindeutig nicht wie ein Mitglied, das zu ihrem Clan gehörte. Sie hatte in letzter Zeit von keinen Genehmigungen gehört, die Kyriakos erteilt hatte. Genau solch eine Genehmigung brauchten übernatürliche Wesen, besonders Vampire, nämlich, wenn sie das Territorium eines anderen betraten. Sonst gab es schnell blutige und nicht selten tödliche Revierkämpfe.

Ein ungutes Gefühl ließ ihr totes Herz ungewöhnlich schnell schlagen, und eine feine Gänsehaut überzog ihre Arme unter dem Stoff des Pullovers. Als der Geruch nach untotem Blut ihre Nase erreichte, konnte sie gerade noch verhindern, dass sie sich übergab.

Jetzt hatte sich das ungute Gefühl in ein wirklich miserables Gefühl verwandelt, und Jasmin ging mit zitternden Beinen vorwärts. Eigentlich sollte sie sich umdrehen, wegrennen und Hilfe holen. Sie war für solche Situationen nicht geeignet. Sie war weder besonders stark oder flink noch konnte sie kämpfen. In einem Horrorfilm wäre sie diejenige, die als Erste sterben würde.

Nichtsdestotrotz trugen ihre Füße sie in Richtung des Blutgeruchs. Die Kampfgeräusche waren inzwischen verstummt, und sie musste kein Genie sein, um die Verbindung zu sehen.

Sie passierte eine Baumreihe und entdeckte eine kleine, kaum erkennbare Lichtung. Viele der in der Nähe stehenden Bäume wiesen Risse im Stamm oder andere Beschädigungen auf. Der Boden war aufgewühlt, Grasbüschel und Erde lagen herum, zeugten eindeutig von einem Kampf.

Und mittendrin lag ein toter Vampir. Der Kopf mit den gebleckten Fangzähnen lag etwas abseits. Über der Leiche hockte ein gewaltiger Mann. Seine untere Gesichtshälfte war von einem dichten Bart bedeckt. Das Gesicht war mit Narben übersät, genauso wie die Hände, welche gerade eine Machete an der Kleidung des Leichnams abwischten. Das dunkle Haar fiel ihm in wilden, vermutlich von Blut verklebten Strähnen, ins Gesicht. Die Kleidung war an vielen Stellen zerrissen und dreckig. Ihn umgab eine Aura aus Gewalt, Blut und Schmerz.

Jasmin wollte schreien, um Hilfe rufen und wegrennen. Aber sie tat nichts davon. Stattdessen starrte sie einfach den Mann an, der in diesem Moment den Kopf hob und sie anblickte.

Der Vampir, korrigierte sie sich, als sie die Furcht einflößenden Fangzähne entdeckte.

„Scheiße!“, fluchte der Fremde und stand auf.

Und auf einmal sah sich Jasmin einem riesigen, blutverschmierten, nach Tod riechenden Vampir gegenüber.

 

KANE

Zeugen waren kein Problem. Es sei denn, er hatte ohne Erlaubnis das Gebiet des Vampirkönigs betreten und gerade auf ebendiesem Gebiet getötet.

Kane musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, damit er nicht noch vor dem Morgengrauen hingerichtet wurde.

Er sah die zierliche Frau an, die vor ihm stand. Sie war nicht klein, dafür aber sehr schlank. Ihre Knochenstruktur erschien fein, beinahe zerbrechlich. Das Gesicht wirkte unschuldig, und die Wangen waren, ungewöhnlich für einen Vampir, leicht gerötet. Wenn sie nicht gerade Blut zu sich genommen hatte, konnte sie noch nicht lange verwandelt sein. Ansonsten hätte sie die Fähigkeit, zu erröten, bereits verloren.

Das braune Haar war zu einem losen Dutt aufgesteckt. Die schlanke Gestalt steckte in schwarzen Strumpfhosen, einem dunkelgrünen Rock und einem silbernen Pullover. Darüber trug sie eine schwarze Jacke. Und, ebenfalls sehr ungewöhnlich für einen Vampir, eine dezente Brille mit hellblauem Gestell. Sturmgraue Augen blickten ihn angstvoll an.

Kane atmete ein. Ein süßlicher Duft, der ihn an Buttercreme erinnerte, füllte seine Lungen. Und eine dezente Note, die unter ihrem eigenen Geruch lag, die er niemals verwechseln konnte. Es war der Duft von Kyriakos‘ Clan. Sein Territorium. Seine Vampire. Sein Schutz.

Aber er durfte nicht hier sein. Wenn Kyriakos herausfand, dass er sein Gebiet ohne die entsprechende Erlaubnis betreten hatte, wäre es sein gutes Recht, das zu tun, was er schon seit Jahrhunderten wollte: Kane töten.

Er sah, wie sich ihre Beinmuskeln anspannten, nur einen Wimpernschlag, bevor sie losrannte. Beinahe hätte er sich zu einem Grinsen hinreißen lassen, da er normalerweise eine gute Jagd genoss. Aber hier waren bereits zu viele Komplikationen im Spiel.

Ohne die Leiche, den ersten Abtrünnigen, den er gerade getötet hatte, zu beachten, jagte er der Vampirin hinterher. Sie war weder besonders geschickt, als sie durch den Wald rannte, noch besonders schnell. Sie war definitiv noch nicht lange verwandelt. Vielleicht ein paar Jahrzehnte, mehr nicht.

Ohne sich besonders anstrengen zu müssen, holte er sie innerhalb weniger Meter wieder ein. Im letzten Moment erinnerte er sich an ihren zierlichen Körperbau und regulierte die Wucht des Aufpralls.

Gemeinsam gingen sie zu Boden, und Kane spürte eindeutig mehr Rundungen, als er zu Anfang gesehen hatte. Ihre sturmgrauen Augen sahen ihn ängstlich an. Ihre Atmung ging sehr schnell, wirkte beinahe menschlich. Aber die kleinen spitzen Fangzähne, die er durch ihre geöffneten Lippen erahnen konnte, wiesen sie eindeutig als Vampirin aus.

„Du musst mir jetzt zuhören“, sagte er und versuchte, seine Stimme so neutral und wenig Furcht einflößend wie möglich zu halten. Allerdings verrieten ihre vergrößerten Pupillen, dass er darin nicht besonders gut war.

„Ich … ich muss gar nichts“, wisperte sie. Ihre Stimme war weich und zart, passte perfekt zu ihrem Äußeren.

„Ich bin hier nicht der Böse“, sagte er eindringlich und überging damit ihren Einwand. „Das hier ist anders, als es aussieht.“ Kane spürte, wie sie unter ihm erzitterte.

„Kyriakos wird dich töten. Du bist ein Mörder!“

Er hielt inne, da er die Wahrheit dieser Aussage nicht infrage stellen konnte. „Es tut mir leid, Bambi.“ Der Kosename kam ihm ganz unbewusst über die Lippen, aber sie erinnerte ihn wirklich an ein junges Reh. Große Augen, ein wenig ungelenk und schreckhaft. „Aber du musst mit mir kommen. Ich kann nicht zulassen, dass Kyriakos von mir erfährt. Ich fürchte, dass das kein gutes Ende nehmen würde.“ Er stand auf und zog die Vampirin mit sich hoch. Während der Jagd hatte er eine Höhle entdeckt. Zwar immer noch auf Kyriakos‘ Gebiet, aber wenigstens außerhalb der Wälder, die direkt um das Hauptquartier lagen.

Während Bambi begann, sich heftig, oder zumindest was sie dafür halten durfte, zu wehren, wurde Kane klar, dass er diese Jagd lieber hätte ablehnen sollen.