Leseprobe Gefährte der Einsamkeit

1

2184 Stunden

 

Schmerz.

Manchmal fragte er sich, wie viel ein Wesen davon ertragen konnte. Nach einigen Jahrhunderten konnte er sagen, dass es eine ganze Menge war.

Dimitri starrte auf das feine Rinnsal aus rotem Blut, das über seinen Unterarm lief. Es bildete einen faszinierenden Kontrast zu der hellen Haut. Die Wunde schloss sich, und er stöhnte auf.

Die Qual wütete wie eine wilde Bestie, sie schien ihn innerlich zu zerfetzen. Beinahe wünschte er sich, tot zu sein. Bilder stiegen aus den dunklen Tiefen seiner Erinnerung auf. Sie. Er konnte es nicht ertragen, ihr wunderschönes Antlitz vor sich zu sehen. Jeden Tag erlebte er diese Folter von Neuem, und mit jedem Tag fiel es ihm schwerer, dem Flüstern des Todes zu widerstehen.

In Nächten wie dieser, in denen es besonders qualvoll war, blieb ihm nur die Wahl, den inneren Schmerz mit körperlichem zu bekämpfen. Die Dunkelheit, die in seinem Wohnzimmer in der Burg herrschte, umfing ihn wie eine alte Vertraute. Erneut setzte er die silberne Dolchklinge gegen seinen Unterarm, in der Hoffnung, dieser Schmerz könnte der tobenden Bestie etwas von ihrer Macht rauben. Er schnitt sich tief ins Fleisch, genoss das Brennen, den kurzen, scharfen Schmerz.

Zwei Atemzüge später war auch diese Wunde wieder verschwunden, und nur das rote Blut erinnerte an sie. Noch immer sah er sie vor sich. Sie lächelte ihn an, und es zerriss ihn.

Gerade, als er erneut das Messer ansetzen wollte, öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer. Niemand betrat es, ohne zu klopfen, nicht einmal Kyriakos.

Niemand außer Hailey.

„Dimitri, ich habe gespürt …“ Sie brach ab, als sie ihn in dem Sessel sitzen sah, und Trauer verdunkelte ihre leuchtenden blaugrünen Augen. Natürlich hatte die Empathin seine Gefühle spüren können. „Du sollst das doch nicht mehr tun.“

Sofort spürte er, wie sie begann, ihre Gabe einzusetzen, ihn mit Sanftheit und Wärme innerlich durchdrang, und Dimitri fühlte sich schuldig. Sie gab sich wirklich Mühe mit ihm, und er bereitete ihr nur Kummer. Seufzend ergab er sich ihrer Kraft und gestattete ihr, einen Teil des Schmerzes von ihm zu nehmen. Das erleichterte ihm das Atmen, konnte aber die Ursachen seiner Qual nicht beseitigen.

Er wusste, dass Hailey darunter litt, ihn so zu sehen, und da sie schon seit einigen Monaten auf der Burg lebte, fühlte er sich deswegen schlecht. Nach über sechshundert Jahren seiner Existenz war sie die erste Person, die er als Freund bezeichnet hätte. Er verehrte Kyriakos und verdankte ihm, dass er heute noch hier war, aber ein wahrer Freund war er nicht. Und auch zu den anderen Vampiren des inneren Kreises hielt er immer gewisse Distanz.

Dimitri wich Haileys Blick aus und legte den Dolch auf die Sessellehne. Er konnte sich nicht selbst verletzen, solange sie da war.

Ohne ein weiteres Wort betrat sie sein Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Erneut durchflutete ihn eine Welle ihrer empathischen Kraft.

„Es ist wieder schlimmer geworden, nicht wahr?“

Er nickte, unfähig zu sprechen.

„Es tut mir so leid, Dimitri.“

Er musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass sich ihr Gesichtsausdruck verdüstert hatte. Er konnte es in ihrer Stimme hören.

Aber er konnte es nicht ändern. Vor fünfhundert Jahren hatte sein Leben ein Ende gefunden. Seitdem atmete er, aber er lebte nicht. Er existierte nur. Und nichts auf dieser Welt konnte etwas daran ändern.

Es gab nur zwei Gründe, warum er seiner erbärmlichen Existenz noch kein Ende bereitet hatte. Der erste war, dass er sie Kyriakos verdankte. Dieser hatte seinen ersten Versuch, dieser Welt zu entfliehen, vereitelt und ihm eine Aufgabe gegeben. Dimitris Ehrgefühl ließ ihm keine andere Wahl, als sich der Sache zu stellen. Der zweite war, dass er sie dann nicht mehr in seiner Erinnerung sehen konnte. Er wusste nicht, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Und obwohl die Erinnerungen an sie seine Qualen nur verschlimmerten, lechzte er nach jedem Moment, in dem er sich ihr Lachen noch einmal in Erinnerung rufen konnte und ihr Bild vor seinem inneren Auge aufstieg.

Dimitri verzog den Mund. Er fühlte sich erbärmlich.

Schweigend saß Hailey neben ihm und versuchte ihm zu helfen. Er hielt ihre Anstrengung für vergeblich, denn er spürte sehr deutlich, dass sich niemals etwas ändern würde.

„Kyriakos ist auf dem Weg hierher“, unterbrach sie schließlich die Stille, und kurz darauf waren von draußen schwere Schritte zu hören.

Er war nicht überrascht. Der andere Vampir blieb seiner Gefährtin nie lange fern. Dimitri konnte ihn verstehen. Er würde es genauso machen. Wenn er eine Gefährtin hätte, würde er sie nie wieder auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen.

Hailey erhob sich und strich ihm mit einer Hand über die Schulter. „Bitte, verletze dich nicht wieder selbst.“

Er hob den Blick, sah sie an und nickte. Wenigstens das konnte er für sie tun. Lügen.

Nachdem die Tür hinter ihr zugefallen war, konnte Dimitri sie und Kyriakos leise auf dem Flur miteinander sprechen hören, bevor die Stille ihn erneut umfing.

Dimitri stand auf und ging hinüber ins Schlafzimmer. Alle Vampire von Kyriakos‘ innerem Kreis hatten eigene Zimmer in der Burg, damit sie immer in der Nähe ihres Königs waren. Als er sich das blutverschmierte Shirt über den Kopf zog, um es gegen ein neues zu tauschen, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild.

Das Zeichen der Verbundenheit zu seiner früheren Gefährtin, das seinen gesamten Arm überzog, war verblasst. Anstatt des einst satten Dunkelrots, das beinahe schwarz wirkte, schimmerte es jetzt nur noch in kränklichem Grau. Sein Blick folgte dem verschlungenen Muster, das sich über Brustkorb und Schulter bis hinunter auf seinen Handrücken erstreckte. Er meinte, noch zu spüren, wie sie mit den Fingern über die Linien gestrichen war. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, und er hob den Blick, sah sich nun selbst in die Augen.

Auch das war eine Veränderung, die mit jenem grauenhaften Tag eingetreten war. Die schwarzen Splitter in seinen silbernen Augen. Hailey hatte einmal zu ihm gesagt, dass es aussah, als wären Diamanten zerbrochen, die nun von der Dunkelheit langsam verschlungen wurden. Er konnte ihr nur zustimmen. Ihn selbst verschlang die Dunkelheit. Sie quälte ihn seit fünfhundert Jahren.

Seit dem Tag, an dem seine Gefährtin ermordet worden war.

2

2160 Stunden

 

Amila sah von dem Stapel verstaubter alter Bücher auf und warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Feierabend. Nur widerwillig trennte sie sich von ihrem Lesestoff. Was sollte sie auch sonst tun? Die Zeit lief ab.

Bevor die Angst, die stets mit diesem Gedanken einherging, die Oberhand gewinnen konnte, atmete sie tief durch. Als sie sich erhob, knackte es in ihrem Rücken. Auch ihre Schultern und ihr Nacken waren vom langen Sitzen total verspannt. Trotzdem war der Job als Assistentin in der magischen Bibliothek von New Orleans ein Glücksgriff. Nirgends sonst war so viel Wissen über die andere Welt an einem Ort versammelt, und genau das brauchte sie. Außerdem hatte Amila in der Regel so wenig zu tun, dass sie beinahe die gesamte Arbeitszeit für ihre Recherche verwenden konnte. Die Bibliothek war nämlich der Grund, warum sie überhaupt in New Orleans war. Ihr Job dort war nicht mehr als ein Mittel zum Zweck, nichts, was sie sich vor zehn Jahren als Traumberuf ausgesucht hätte.

Nachdem sie die in Leder gebundenen Bücher an ihren Platz geräumt hatte, ging sie in den vorderen Bereich der Bibliothek zum Empfangstresen, wo eine studentische Aushilfe saß.

„Bis morgen“, sagte sie mit einem Lächeln, als sie ihre Handtasche aus der Schublade unter der Theke nahm, und ging nach draußen. Dort empfing sie Regen, aber zum Glück waren es von hier aus nur ein paar Minuten zu Fuß zu ihrer kleinen Wohnung.

Amilas Weg führte am Mississippi River entlang, und sie beobachtete eine kleine Gruppe Nixen, die im Wasser spielten. Ihre bleiche, beinahe durchscheinende Haut und die glitzernden grünlichen Augen erzeugten die Illusion, dass sie ein Teil des Wassers waren. Das Kichern der ätherischen Wesen erreichte Amila sogar über den Regen hinweg und zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen.

Kurz darauf erreichte sie ihre Wohnung. Stille begrüßte sie. Immer wenn sie den engen, dunklen Flur betrat, überkam sie eine depressive Stimmung. Auf einmal fühlte sie sich müde, erschöpft und traurig. Früher einmal hatte sie in einem Haus gelebt. Einem wunderbaren, gemütlichen Haus, das stets mit dem Lachen ihrer Mutter erfüllt gewesen zu sein schien. Ein weiterer Gedanke, den Amila lieber abschüttelte.

Jetzt hatte sie zwei Zimmer zur Verfügung: ein Badezimmer und einen Raum, den sie ihr Flur-Wohn-Schlaf-Küchen-Zimmer nannte.

Amila schüttelte sich den Regen aus den Haaren und versuchte, sich nicht entmutigen zu lassen. Von ihrem Gehalt konnte sie sich nichts anderes leisten, und da sie eigentlich ihre gesamte Zeit in der Bibliothek verbrachte, brauchte sie auch keine größere Wohnung.

Sieh es positiv, dachte sie. Wenn du in den nächsten drei Monaten keine Lösung findest, hat sich das Thema eh erledigt.

Die digitale Anzeige des Radioweckers verkündete, dass es bereits sechs Uhr war. Das ließ ihr noch Zeit für einen kurzen Anruf. Schnell wählte sie die Nummer, die ihr vertrauter war als ihre eigene.

„Brooks.“

„Hi Jane, hier ist Amila.“

„Amila, wie geht es dir?“ Der Tonfall ihrer Freundin wechselte schlagartig von freundlich zu traurig, wie immer, wenn Amila anrief. Jane kannte eben ihr Geheimnis.

„Unverändert“, meinte sie und konnte nicht verhindern, dass es bitter klang.

Ein Seufzen hallte durch die Leitung.

„Wie lange bleibt dir noch?“

„89 Tage.“

„Und du hast noch keine Lösung gefunden?“ Jane klang immer bedrückter. Amila konnte sie verstehen. Immer, wenn sie sich bewusst wurde, dass ihre Zeit ablief, fühlte sie das Gleiche.

„Nein.“ Sie holte tief Luft. „Lass uns nicht mehr darüber reden. Wie geht es ihr?“

Einen Moment lang herrschte Stille, und Amila meinte ein unterdrücktes Schluchzen zu hören, aber als Jane sprach, klang ihre Stimme fest.

„Ihr geht es gut. Sie führt das ganz normale, glückliche Leben, das du ihr ermöglicht hast.“

Amila lächelte. Gut.

„Wenn ich es richtig mitbekommen habe, hat sie sogar jemanden kennengelernt.“

„Wirklich?“

„Ja, er scheint ein netter Mann zu sein. Beinahe jeden Tag stehen Blumen vor ihrer Tür, und deine Mutter wirkt glücklich, wenn sie nach Hause kommt und sie entdeckt. Vielleicht ist sie endlich über ihren Ex-Ehemann hinweg.“

„Ich hoffe, dass es so ist. Mein Erzeuger verdient es nicht, dass man auch nur eine Sekunde an ihn denkt.“ Purer Hass färbte Amilas Stimme.

„Da kann ich dir nur zustimmen.“

Innerlich wappnete sie sich, bevor sie ihre nächste Frage stellte. „Und …“ Sie musste schlucken. „Sie erinnert sich nicht an mich?“

Jane seufzte leise. „Nein, Amila. Ich habe erst gestern mit ihr gesprochen. Es hat sich nichts verändert. Es ist, als hättest du nie existiert.“

Janes Worte brachen ihr das Herz. Aber sie riss sich zusammen. Ein Blick auf die Uhr sagte Amila, dass sie nicht länger mit ihrer Freundin telefonieren konnte.

„Ich muss los“, murmelte sie.

„Ich hab dich lieb, Amila. Du schaffst das.“

„Ich hab dich auch lieb, Jane.“

Schnell legte sie auf, bevor ihre Freundin sie noch weinen hörte. Das ging jetzt schon neun Monate lang so. Amilas Leben war geprägt von Schmerz und verlorener Hoffnung. Trotzdem würde sie nicht aufgeben. Nicht, solange ihr Herz noch schlug. Niemals.

Amila stand auf und atmete einmal tief durch, um sich auf das vorzubereiten, was als Nächstes folgen würde.

Der Radiowecker zeigte 18:17.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

Die Anzeige sprang um: 18:18.

Feuer schien ihre Haut zu versengen, und Amila sog heftig die Luft ein. Atme durch den Schmerz hindurch. Es ist gleich vorbei. Sie biss die Zähne zusammen, als das Mal auf ihrer Schulter sich erneut in sie hineinbrannte. Sie meinte, sogar den Geruch verbrannten Fleischs in der Nase zu haben. Dann war es vorbei.

Auch ohne in einen Spiegel zu sehen, wusste sie genau, was sich gerade abgespielt hatte. Auf ihrer linken Schulter prangte das Zeichen ihrer Verdammnis: eine Brandwunde in Form eines Pentagramms, die nie vernarbte und immer aussah, als wäre sie ihr gerade zugefügt worden. Vor einer Minute hatte noch 2184 in der Mitte gestanden. Jetzt war die Haut rund um das Pentagramm gerötet und die Zahl hatte sich in 2160 geändert. Die Anzahl der Stunden, die ihr noch blieben. Die Zeit, bis sie ihren Teil des Teufelspaktes erfüllen musste.

2160 Stunden, bevor sie sterben würde.

3

2136 Stunden

 

Er bewegte sich als Schatten zwischen den Menschen und den anderen Wesen. Trotz seiner Größe bemerkten daher nur die wenigsten, dass er in der schmalen Gasse zwischen zwei Gebäuden stand und das Geschehen in NOLA, New Orleans, beobachtete.

Heute war Dimitris Tag in der Stadt. Seit Kyriakos sich mit seiner Partnerin Hailey verbunden hatte, wollte er immer einen seiner Vampire dort wissen, um so schnell wie möglich auf drohende Gefahren reagieren zu können.

Und auch wenn Hailey diese Art der Kontrolle gar nicht mochte, erledigte Dimitri diesen Job gerne. Er führte ihn von den anderen Vampiren und der Burg weg, gab ihm Zeit zum Alleinsein. Selbst unter Vampiren, die selten die Nähe anderer suchten, galt er als Einzelgänger. Er brauchte keine Gesellschaft, fand sie meistens nur nervenaufreibend. Mit anderen reden zu müssen, die mitleidigen oder fragenden Blicke zu ertragen, das verabscheute er. Die meisten Wesen, die sich in seiner Nähe aufhielten, merkten früher oder später, dass etwas mit ihm nicht stimmte, und wenn er eins nicht wollte, dann war es, Fragen zu seiner Vergangenheit beantworten zu müssen. Da blieb er lieber für sich.

Ein Sonnenstrahl durchbrach die dünne Wolkendecke, und Dimitri trat zwischen den Häuserwänden hervor und machte sich auf den Weg durch die Innenstadt von New Orleans. Allerdings machte er einen Bogen um Haileys Büro. Als er bei seiner ersten Patrouille dort vorbeigegangen war, hatte beinahe sofort sein Handy vibriert und Hailey hatte ihm in einer SMS scherzhaft angedroht, seine Haare grün zu färben, wenn sie ihn noch einmal in der Nähe erwischte. Er grinste halbherzig bei der Erinnerung.

Schließlich kam er an der magischen Bibliothek der Stadt vorbei. Sein Körper reagierte, bevor sein Verstand die Information, die ihm der Duft vermittelte, auch nur verarbeiten konnte. Seine Muskeln spannten sich an. Sein von Natur aus sehr langsamer Herzschlag raste plötzlich. Seine Nasenlöcher weiteten sich, um den Duft tiefer in seine Lungen zu ziehen, zu analysieren. Blitzschnell suchten seine Augen die Umgebung ab. Seine Fangzähne schoben sich hervor. Ein Zischen kam über seine Lippen.

Eine junge Frau in seiner Nähe warf ihm einen angsterfüllten Blick zu und wechselte die Straßenseite. Er bemerkte es kaum.

Seine Gedanken rasten. Dimitri konnte es nicht fassen. Er kannte diesen Duft, kannte ihn besser als seinen eigenen. Dieser ganz spezielle Geruch nach Zimt und Nelken hatte sich über Jahre in sein Gedächtnis eingebrannt.

Der Geruch seiner Gefährtin.

Sein Blick fokussierte sich auf die Treppe, die zur Bibliothek hinaufführte. Dort stand sie. Keinen Tag gealtert, als hätte jemand ihr Abbild aus seiner Erinnerung geholt und in die Realität projiziert. Sie stand seitlich zu ihm und kramte in ihrer Umhängetasche. Ihr schwarzes, schulterlanges Haar fiel ihr dabei ins Gesicht. Er wusste, dass es sich samtig anfühlte.

Dimitri konnte den Moment spüren, in dem der Schalter in seinem Gehirn, der vernünftiges Denken erlaubte, umgelegt wurde. Indem er zu einer der Bestien wurde, die unzählige Schauermärchen hervorgebracht hatten.

Sein Instinkt sagte ihm, dass er sie haben, sie in Sicherheit bringen, vor der Welt beschützen musste. Er durfte sie nicht noch einmal verlieren, würde es nicht ertragen, sie aus dieser Welt gehen zu sehen. Er war verloren ohne sie.

In dem Moment, als er sich in Bewegung setzen wollte, schob sich jemand in sein Blickfeld. Er atmete ein: Dieser jemand roch nach Katze, nach Jaguar. Es war Trace.

Der vernünftige Teil seines Verstandes hätte ihm jetzt gesagt, dass er Trace kannte. Dass der Jaguar seit dem Angriff Hailey und deren schwerer Verletzung vor ein paar Monaten ein Freund des Clans war und er ihn nicht angreifen sollte. Aber Dimitris Vernunft war ausgeschaltet.

„Hey, D. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Der leicht amüsierte Tonfall schmerzte in seinen Ohren. Er hatte dafür jetzt keine Zeit. Er musste zu ihr.

Aber Trace bewegte sich nicht. Stattdessen stellte er sich ihm jetzt noch energischer in den Weg.

„Dimitri?“ Der Jaguar klang nun nicht mehr amüsiert. „Was ist los mit dir?“ Er legte dem Vampir beide Hände auf die Schultern.

Dimitri knurrte. Der Jaguar sollte ihm besser aus dem Weg gehen. Er schob sich vorwärts. Trace hielt dagegen.

Bevor der Vampir ausholen konnte, um seinen Gegenüber das Genick zu brechen, sprach dieser bereits in ein Handy.

„Hailey? Etwas stimmt mit Dimitri nicht … Bibliothek … Und bring Kyriakos mit, ich befürchte, der Vampir dreht gleich durch.“

Dimitri blickte in die goldenen Augen seines Gegenübers. „Okay, D, wir beruhigend uns jetzt. Ich weiß zwar nicht, was mit dir los ist, Kumpel, aber du siehst aus, als würdest du gleich einen Mord begehen. Und du weißt doch, wie die Menschen auf ein Blutbad auf offener Straße reagieren. Die schreien dann immer sofort Zeter und Mordio, greifen zu Mistgabeln und Fackeln und wollen Jagd auf uns machen.“

„Lass. Mich. Los.“ Dimitri knurrte die Worte, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

„Das kann ich leider nicht tun. Und weißt du auch, wieso nicht?“

Dimitri zischte ungehalten. Es interessierte ihn nicht! Wieso verschwand der Jaguar nicht einfach?

„Weil ich nicht zulassen kann, dass du in diesem Zustand irgendwohin gehen willst. Ich müsste Gewalt anwenden, um dich davon abzuhalten. Und dann würden wir uns prügeln, und wir beide wissen, dass ich diesen Kampf gewinnen würde.“

Während Trace vor ihm immer weiterredete, konzentrierte sich Dimitri ganz auf die Frau auf der Treppe, die das gefunden zu haben schien, was sie in der Tasche gesucht hatte, und nun auf die Tür zuging. Gleich würde sie verschwunden sein. Dimitri heulte auf, weil Trace ihn nicht aus seinem Griff entweichen ließ.

Gerade als der Vampir Trace angreifen wollte, schob sich eine Frau in sein Blickfeld, die so schwer atmete, als wäre sie gerade wie der Teufel gerannt. Der Jaguar trat beiseite, und sanfte, warme Hände legten sich auf seine Wangen.

„Dimitri. Sieh mich an.“ Ein Gefühl der Wärme durchflutete ihn, als er ihre Stimme vernahm. „Hey, ich bin’s – Hailey. Sieh mich an, Dimitri.“

Der Vampir schüttelte unwillig den Kopf. Hailey versuchte, in seinen Geist einzudringen. Versuchte, ihm die Emotionen und Gefühle zu nehmen, die er so lange verdrängt hatte. Doch er brauchte diese Gefühle. Brauchte sie, um sich wieder lebendig zu fühlen. Wieso wollte diese Frau ihn von der Erlösung fernhalten?

Er knurrte erneut und holte aus. Die Augen der Frau weiteten sich vor Schreck. Er griff nach ihrem Handgelenk, um sie aus dem Weg zu ziehen. Hailey schrie auf und fiel zu Boden. Wenige Augenblicke später schlangen sich die starken Arme eines anderen Vampirs von hinten um ihn. Dimitri hörte ein leises, eindringliches Knurren, das nicht von Trace stammen konnte. Spürte eine Hand an seiner Kehle. Rot-schwarze  Augen, die ihn mit mörderischer Wut ansahen. Plötzlich waren da zwei weitere Vampire, die seine Arme festhielten.

„Gib mir einen Grund, warum ich dich nicht sofort töten sollte, nachdem du meine Gefährtin angegriffen hast“, hörte er Kyriakos sagen.

Aber Dimitri war außerstande, etwas zu sagen. Sie bewegte sich weiter von ihm weg. Die Tür zur Bibliothek öffnete sich. Er drehte durch.

Brüllend griff er seinen König an, ungeachtet der Hand an seiner Kehle. Er nutzte den winzigen Augenblick der Überraschung und traf Kyriakos mit der Faust im Gesicht. Dieser erholte sich beinahe sofort und drückte mit seiner Hand zu, würgte Dimitri. Gleichzeitig zogen ihn die zwei Vampire nach hinten, weg von der Frau. Dimitri bäumte sich auf, während Kyriakos ihn weiter von der Bibliothek wegschob.

Dimitri hörte Stimmen, die ihm bekannt vorkamen, durcheinanderreden, aber die Worte konnte er nicht verstehen. Er kämpfte stärker gegen die Wesen, die ihn von ihr wegbringen wollten. Da drehte sich die Frau zu ihm um. Ihre Blicke trafen sich. Dunkelbraune Augen sahen in seine, und er konnte erkennen, wie sich ihre Pupillen weiteten. Dimitri heulte auf vor Schmerzen. Ein harter Stoß traf ihn an der Schläfe. Dunkelheit senkte sich über ihn.

 

Amila hatte den Kopf gehoben, als sie die Geräusche bemerkte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein Tumult entstanden, Menschen flohen davor. Sie blinzelte. Was war da los?

Sie konnte eine kleine Gruppe erkennen. Eine Frau stand vor einem großen Mann mit hellen Haaren, dessen Arme von einem anderen Mann hinter seinem Rücken festgehalten wurden. Plötzlich tauchten drei weitere Männer auf. Sie kannte den, der voranging: Es war Kyriakos, der Anführer der Vampire. Die anderen beiden hatte sie noch nie gesehen, aber selbst aus der Entfernung konnte sie ihre Schönheit erkennen. Sie runzelte die Stirn. Wurde sie gerade Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen den beiden stärksten Mächten in New Orleans, den Vampiren und den Wölfen? Oder verlor einer der Vampire gerade die Kontrolle über sich? Dann sollte sie besser verschwinden.

Da kreuzte ihr Blick den des Mannes, der inzwischen von vier anderen festgehalten wurde, und sie erstarrte. Ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen, ohne dass sie sich erklären konnte, warum. Ihr linkes Handgelenk kribbelte. Der Mann schrie auf, und Amila krümmte sich beinahe bei diesem wehklagenden Ton. Schmerz lag darin, ein so abscheulicher, dass niemand ihn ertragen konnte. Sie keuchte. Unwillkürlich bewegte sie sich auf den fremden Vampir zu.

In diesem Moment sah sie den Anführer der Vampire ausholen, und schon ging der hellhaarige Mann zu Boden.

„Nein“, flüsterte sie.

Einen Moment später schüttelte sie den Kopf. Was war los mit ihr? Das ging sie gar nichts an. Irritiert checkte sie die Uhrzeit auf ihrer Armbanduhr. Ohne das schmerzhafte Ziehen in ihrem Herzen weiter zu beachten, ging sie in die Bibliothek.

Aber den Blick aus diesen schmerzerfüllten, silbern-schwarzen Augen konnte sie den restlichen Tag nicht vergessen.

 

Dimitri lauschte den Gesprächen um ihn herum mit geschlossenen Augen. Er war bereits vor einer kleinen Weile aufgewacht, aber er hatte sich nicht gerührt und so hatte es niemand bemerkt.

„Es war nicht seine Schuld.“ Das war Hailey. Sie stand in der Nähe seines Bettes. Dimitri spürte die schweren Stahlfesseln an Hand- und Fußgelenken, die ihn dort festhielten.

„Er hat dich verletzt! Und du bist ein Mensch. Deine Wunden heilen nicht so schnell wie unsere.“ Kyriakos. Etwas in ihm krampfte sich zusammen. Er hatte Hailey wehgetan? An die Ereignisse vor seiner Ohnmacht konnte er sich nur verschwommen erinnern. Er wusste, dass er gedacht hatte, seine Gefährtin zu sehen. Aber das konnte nicht sein. Amila war schon seit fünfhundert Jahren tot. Vielleicht verlor er nun endgültig den Verstand.

„Ich habe ihn noch nie so erlebt“, sagte Castigo in dem Moment. Der Ruhigere der Zwillinge, die zum  Clan und zum inneren Kreis gehörten.

„Ich auch nicht“, ergänzte sein Bruder Calisto.

„Siehst du?“, sagte Hailey. „Die Zwillinge haben es auch bemerkt. Etwas stimmte mit Dimitri nicht. Er hätte mich sonst nie angegriffen.“

Kyriakos knurrte. „Und was wäre passiert, wenn ich nicht bereits auf dem Weg in die Stadt gewesen wäre? Wenn ich auch nur einen Moment später gekommen wäre? Was, wenn er dich getötet hätte?“

Dimitri hielt den Atem an. Ja, was wäre passiert, wenn Kyriakos nicht so schnell aufgetaucht wäre? Hätte er Hailey in einem Anfall von Wahnsinn getötet? Er betete zu Gottheiten, an die er nicht glaubte, dass das nie geschehen würde.

Hailey bewegte sich. Als sie sprach, war es nur ein Flüstern. „Dimitri hätte mich nicht getötet.“ Sie klang überzeugt. Er wünschte, er wäre es auch.

Dimitri hatte genug. Er wollte Kyriakos‘ Antwort gar nicht erst hören. Er bewegte sich und öffnete blinzelnd die Augen. Sofort war Hailey an seiner Seite. Mit einer Handbewegung schickte sie die anderen aus dem Raum, und selbst Kyriakos ging, wenn auch offensichtlich widerstrebend.

Sie setzte sich neben das Bett auf einen Stuhl. Ihr Handgelenk war verbunden. Er wandte den Blick ab und starrte an die Decke.

„Wie schlimm ist es?“, fragte er leise.

„Halb so wild …“

„Lüg mich nicht an“, unterbrach er sie.

Sie seufzte. „Die Knochen waren komplett zerstört. Ohne Kyriakos‘ Blut hätte ich die Hand verloren.“

Dimitri schloss die Augen. Hätte Kyriakos nicht eingriffen, wäre sie jetzt ganz sicher tot.

„Es tut mir leid.“ Das Reden fiel ihm vor lauter Scham und Selbsthass schwer. Da fand er nach Jahrhunderten einsamer Existenz ein Wesen, das er als Freund bezeichnen konnte, und tat ihr so etwas Entsetzliches an. Es schien, als wäre er zu einer Gefahr geworden. Wahnsinnig. Unberechenbar.

„Das muss es nicht. Es war nicht deine Schuld.“ Sie legte ihre Hand auf seine. Er zog die Hand weg. Die Fesseln klirrten leise. So wurde nur ein Vampir gesichert, der anscheinend den Verstand verloren hatte. Entweder sie würden ihn sofort töten oder in die Burg bringen und fesseln. Da er ausgerechnet die Gefährtin des Königs angegriffen hatte, war es wahrscheinlich nur seinem Status und Hailey selbst zu verdanken, dass er überhaupt noch lebte. Fast wäre es ihm lieber gewesen, Kyriakos hätte ihn getötet.

„Was passiert jetzt?“, fragte er.

„Am besten fangen wir damit an, dass du mir erzählst, was da vorhin passiert ist.“

Er blinzelte. „Kyriakos wird mich nicht töten?“

Hailey schüttelte heftig den Kopf. „Natürlich nicht. Du gehörst zur Familie, Dimitri. Und wir töten keine Familienangehörigen.“

Er schwieg eine ganze Weile. Das Vertrauen, das diese Frau in ihn setzte, schien grenzenlos zu sein. Und so behandelte sie alle Mitglieder von Kyriakos‘ innerem Kreis.

Er drehte den Kopf zu ihr und sah sie an. Seitlich die Beine auf der Sitzfläche angezogen, so saß sie auf dem Stuhl und barg das Handgelenk in ihrem Schoß.

„Wie lange dauert es, bis deine Wunde wieder verheilt ist?“, wollte er wissen.

„Mit ein bisschen blutiger Hilfe wohl circa eine Woche.“

Er musste die Knochen wirklich zermalmt haben.

„Wie kannst du hier sitzen und mich anlächeln, nachdem ich dir das angetan habe?“

„Dimitri, ich kenne dich. Ich habe in deine Seele gesehen. Ich weiß, wer du bist. Und ich weiß, dass du mir niemals etwas zuleide tun würdest, wenn du bei Sinnen wärst.“ Sie neigte den Kopf. „Also erklär mir, was geschehen ist. Gib mir etwas, was ich Kyriakos erzählen kann …“

… damit er dich nicht tötet.

Sie musste den letzten Teil des Satzes nicht aussprechen. Sie beide wussten, was geschehen würde, wenn Kyriakos von seiner Schuld überzeugt war.

Dimitri überlegte, ob er nicht einfach schweigen sollte. Dann wäre es vorbei.

Aber was, wenn du nicht verrückt geworden bist? Was, wenn sie wirklich wieder lebt?

So sehr er sich den Tod wünschte, diese Stimme konnte er nicht ignorieren. Er musste herausfinden, ob er verrückt geworden war oder ob irgendein wahnwitziger Zug des Schicksals ihm seine Hoffnung zurückgebracht hatte.

Er holte tief Luft. „Ich habe sie gesehen.“

Hailey schnappte nach Luft. „Du hast deine Gefährtin gesehen?“, flüsterte sie.

Er nickte. „Sie stand vor der Bibliothek.“

Eine ganze Weile herrschte Schweigen, als sie beide die Möglichkeiten kalkulierten. Hailey war die Erste, die wieder sprach.

„Aber … Dimitri … Amila ist …“

„Ermordet worden.“ Er seufzte. „Ich weiß. Ich habe ihren vergewaltigten und sterbenden Körper auf dem Boden unserer Hütte gefunden.“

„Aber jetzt hast du sie gesehen.“

„Ja. Also habe ich entweder den Verstand verloren oder meine Gefährtin wurde wiedergeboren.“

„Was ist, wenn diese Frau ihr nur ähnlich sah?“, fragte Hailey.

„Sie war es. Sie sah genauso aus wie damals. Selbst ihr Geruch war derselbe, und du weißt, dass es den gleichen Geruch nicht zweimal auf der Welt gibt.“

Hailey erhob sich. „Ich spreche mit Kyriakos.“

„Nehmt ihm die Fesseln ab“, sagte sie zu den Zwillingen, als sie an der Tür war.

Castigo betrat den Raum, sein Bruder Calisto folgte ihm. Wie immer trugen sie exakt die gleiche Kleidung und waren auch sonst kaum zu unterscheiden. Das gleiche dunkelbraune Haar, der gleiche Körperbau, die gleiche Art zu sprechen und sich zu bewegen. Die gleiche Schönheit, die schon unzählige Frauen ins Verderben gestürzt hatte. Nur ihre Augen unterschieden die teuflischen Zwillinge. Castigos waren von einem tiefen Dunkelbraun, beinahe schwarz. Calistos hingegen leuchteten in den Farben des Sonnenuntergangs.

Die Vergangenheit der Zwillinge war ein einziges Geheimnis. Sie sprachen nie darüber, aber es musste etwas geschehen sein, das Castigo hatte anders werden lassen als sein Bruder. Er konnte zwar ein genauso draufgängerischer Unruhestifter sein wie Calisto, allerdings hatte man bei ihm immer das Gefühl, dass er sich stets zurückhielt.

Dimitri hatte das einmal gegenüber Kyriakos erwähnt. Aber er hatte nie eine Antwort erhalten.

Mit einem metallischen Klicken öffneten sich die Fesseln, und Dimitri konnte aufstehen. Die Zwillinge behielten jede seiner Bewegungen im Auge.

„Und hast du den Verstand verloren?“, fragte Calisto.

„Ich weiß es nicht.“

Calisto, der freundlicher war als sein Bruder, grinste ihn an und schlug ihm auf die Schulter. „Das wird schon.“

Castigo hingegen schwieg und bedeutete seinem Bruder mit einem Kopfnicken, dass sie gehen sollten. Kurz darauf war Dimitri mit sich alleine.

Er zog sich das Shirt über den Kopf, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete das ergraute Gefährtenmal. So sah es aus, wenn ein Vampir seine Partnerin verlor.

Konnte es wahr sein? Konnte Amila wiedergeboren worden sein? War so etwas überhaupt möglich? Und falls es so war, erinnerte sie sich dann an ihn? Was, wenn nicht?

Was würde geschehen, wenn seine Gefährtin wieder auf dieser Welt wandelte, sich aber nicht an ihr gemeinsames Leben erinnerte? Würde ihn das endgültig zerstören?