Leseprobe „Gebieter der Nacht“

Prolog

Das Jahr 2024 markierte eine Wende in der Geschichte der Menschheit.

Es war ein Samstagnachmittag gewesen. Am 16. Juli 2024. Die Sonne stand hoch am Horizont und badete die Stadt in ihr gleißendes Licht. Es waren nicht mehr viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Es war zu heiß und die Luftfeuchtigkeit viel zu hoch, als dass es irgendjemand gewagt hätte, auf die Straße zu gehen.

Und dann, von einem Moment auf den anderen, veränderte sich das Angesicht der Erde für immer.

Heute nennen es manche Magie, andere nennen es Natur. Und wieder andere denken, dass es die Rache unbekannter Götter war. Ich persönlich denke, dass es Magie ist, nur hatte die Menschheit längst vergessen, dass Magie ein Teil ihrer Natur ist.

Die Magie erhob sich wie eine wutschnaubende Bestie, zusammengesetzt aus all den Albträumen, die im Laufe der Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen entstanden waren. Erzürnt darüber, dass man sie so lange vergessen und ignoriert hatte.

Und dann kamen die Monster.

Jedenfalls nannte ein Teil der Menschheit sie so, zu Beginn jedenfalls. Kreaturen erhoben sich aus den Schatten, wie man sie nur aus Legenden kannte. Zottelige Bestien mit scharfen Klauen und riesigen Zähnen, denen niemand etwas entgegensetzen konnte. Wesen, die aussahen wie Menschen, aber für solche viel zu schön, ja viel zu perfekt waren. Doch in ihrem Inneren lauerte eine nicht minder gefährliche Bestie. Getrieben von einem unersättlichen Hunger, der nur mit Blut gestillt werden konnte. Aber niemals gänzlich verschwinden würde. Männer und Frauen, die eine seltsame Sprache benutzen und unter deren Händen sich die Magie formen ließ, zu Dingen, für die niemand einen Namen hatte. Und das war noch nicht alles. Plötzlich sah sich die Menschheit damit konfrontiert, dass all die Geschichten, die in Büchern oder früher am Lagerfeuer erzählt wurden, wahr waren. Alle Legenden waren wahr. Es gab diese Kreaturen plötzlich wirklich, die vorher nur in Gruselgeschichten existiert hatten.

Die nächsten Wochen waren das reinste Chaos. Tausende starben, flohen oder wurden verrückt. Das Antlitz der Welt hatte sich verändert und niemand wusste, wie man damit umgehen sollte. Aber der Mensch hätte nicht so lange überlebt, wenn er kein Überlebenskünstler wäre. Und so, nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, erhob sich die Menschheit wieder.

Zum Ende des Jahres 2024 bestand die Bevölkerung der Erde nicht mehr nur aus Menschen. Es gab Vampire, Gestaltwandler, Magier, Feen … Um es einfacher auszudrücken: Die Menschen lebten nun Seite an Seite mit magischen Kreaturen.

Die Weltordnung hatte sich geändert.

Es wurden Räte und Organisationen gegründet. Es gab Gruppierungen, die die anderen Wesen vom Antlitz dieser Welt tilgen wollten. Doch schon bald mussten sie einsehen, dass dies nicht funktionieren konnte. Es wurde eine neue Ordnung der Dinge geschaffen. Die anderen Wesen bekamen Rechte, Gesetze änderten sich, und sie wurden ein Teil der Gesellschaft. Eine ganze Weile später stellte sich heraus, dass es überall auf der Welt geschehen war. An manchen Orten stärker als an anderen. Aber dennoch, die Menschen waren nun nicht mehr die Einzigen, die diesen Planeten bevölkerten.

Und heute, fast zehn Jahre später, leben die Menschen neben Gestaltwandlern und Vampiren und anderen magischen Wesen. Manche führen Ehen mit einem magischen Wesen, andere haben Freunde, denen regelmäßig Fell und Klauen wachsen.

Wir haben uns angepasst. Wir haben überlebt.

Ich habe ja gesagt, wir sind Überlebenskünstler.

 

  • Aus dem Tagebuch eines Beobachters

 

Kapitel

Hailey starrte an ihre Zimmerdecke. Der Ventilator drehte müde seine Kreise, aber irgendwie schaffte er es dennoch nicht, die gewünschte Kühlung zu bringen. Wen wunderte es? Es war mitten im Frühling, und der Sommer war nicht mehr weit entfernt. Und in Louisiana war der Sommer milde gesagt schwül. An manchen Tagen fühlte es sich an, als könnte man die Luft mit einem Messer zerschneiden, wenn man sich nur genug Mühe gab.

Aufseufzend warf sie das dünne Laken von sich, das ihr in diesen Tagen als Decke diente, und stampfte ins Badezimmer. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigt 3.46 Uhr in der Früh. Draußen regte sich nichts außer ein paar Vögeln und dem Zirpen der Grillen. Ein Albtraum hatte Hailey aus dem Schlaf gerissen, und die jahrelange Erfahrung sagte ihr, dass sie Schlaf jetzt vergessen konnte. Also war die wahrscheinlich beste Entscheidung, eine Dusche zu nehmen, eine kalte wohlgemerkt, und sich auf den Tag vorzubereiten.

Als das kalte Wasser ihren verschwitzten Körper traf, erschauerte sie erst, um dann einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. Es waren halt immer noch die simplen Dinge im Leben, die einen glücklich machen konnten. Nachdem sie fertig geduscht war und sich in eine alte Jeansshorts und ein übergroßes T-Shirt gekleidet hatte, machte Hailey sich auf den Weg in die Küche. Diese unchristliche Zeit schrie geradezu nach einer warmen Tasse Tee. Ja, sie wusste, dass die meisten Menschen, die sie kannte, sich wohl eher Kaffee einflößen würden, und das am besten intravenös, doch Kaffee war nie ihr Ding gewesen. Während das Wasser zu kochen anfing, setze Hailey sich an die Theke in ihrer Küche, die diese vom Wohnzimmer trennte, und starrte aus dem gegenüberliegenden Fenster. Ihre Schicht begann erst in etwa vier Stunden. Was sollte sie bis dahin tun?

Mehr aus Gewohnheit als aus wirklicher Lust griff sie nach der Akte, die auf der Theke vor ihr lag und klappte sie auf. Ihr aktueller Fall. Ein Mädchen, vierzehn Jahre, Opfer eines gewalttätigen Vampirangriffs, Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung. Das arme Ding hatte seit über einem Monat nichts mehr gesagt, bevor sie zu Hailey gekommen war. Niemand durfte sie anfassen. Ihre Wunden konnten damals nur versorgt werden, weil ein Sanitäter es geschafft hatte, ihr ein Narkotikum zu spritzen. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie sofort angefangen zu schreien, wenn jemand sie anfasste. Bis gestern wusste niemand, wie sie hieß, da sie kein Wort sprach. Es war so gut wie nichts über sie bekannt, und es schien auch niemand nach ihr zu suchen. Ja, die schwierigen Fälle landeten immer bei Hailey.

Sie arbeitete für eine Organisation, die sich The Last Hope, die letzte Hoffnung, kurz TLH, nannte. Für diese Organisation waren die verschiedensten Menschen tätig. Männer und Frauen unterschiedlichsten Alters, Kämpfer, Ärzte, Psychologen und viele andere. Hailey war offiziell eine Beraterin. Inoffiziell bedeutete das, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeiten einen speziellen Draht zu Menschen aufbauen konnte, und das innerhalb weniger Momente. Damit war ihr Aufgabenspektrum riesig. Sie beriet einzelne Parteien in magischen Angelegenheiten, von Menschen bis zu Vampiren, verhandelte zwischen Organisationen, Gruppierungen oder verschiedenen Spezies, sie vermittelte auch zwischen einzelnen Parteien, zum Beispiel zwischen einem angepissten Werwolf und einer selbstgefälligen Fee, und manchmal, was gar nicht so selten vorkam, wie man annehmen sollte, versuchte sie die geschädigte Psyche eines Menschen zu reparieren, wie in ihrem aktuellen Fall.

Hailey war eine Empathin.

Es gab nur sehr wenige von ihnen, und vor der Wende hatte sie nicht einmal gewusst, was so komisch, so falsch an ihr gewesen war. Und danach ging alles ganz schnell. Die Menschen merkten ziemlich fix, dass es auch unter ihnen eine gewisse Andersartigkeit gab. Nicht unbedingt gleich magische Kreaturen, aber doch Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Akademien wurden aus dem Nichts errichtet, und Menschen wie Hailey bekamen dort eine Ausbildung. Sie war damals noch sehr jung gewesen, dreizehn Jahre alt, und ihre Kräfte waren noch formbar und konnten geschult werden. Andere hatten nicht so viel Glück gehabt. Die Zeit der Wende brachte viele Opfer mit sich.

Aber Hailey hatte Glück, und sie gelangte auf eine der besagten Akademien. Ihre Eltern waren schon lange tot, und ihre Pflegefamilie war froh, das komische Mädchen loszuwerden, das grundlos zu weinen anfing und im Allgemeinen einen sehr labilen emotionalen Zustand hatte. Fünf Jahre später machte sie ihren Abschluss mit Auszeichnung und begann danach direkt für TLH zu arbeiten. Es war ein guter Job, der sie erfüllte und ihr die Möglichkeit gab, ihre Fähigkeiten für etwas Gutes einzusetzen. Dennoch sehnte sie sich manchmal nach mehr. Aber sie konnte nie genau sagen, worin dieses „mehr“ eigentlich bestehen sollte. Es fühlte sich einfach so an, als würde ihr etwas fehlen. Sie hasste dieses Gefühl.

Das Pfeifen des Teekessels holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Hailey erhob sich von dem Hocker und machte sich an die Zubereitung ihres Tees, während sie über ihren aktuellen Fall nachgrübelte. Vampire machten sie immer nervös. Sie wusste nicht, woran es lag, aber etwas an ihnen weckte in Hailey den Wunsch, die Fähigkeiten, die sie während ihrer Grundausbildung bei TLH erlernt hatte, anzuwenden. Jeder, der bei TLH anfing, von der einfachen Sekretärin bis zum Krieger, durchlief eine Grundausbildung, bestehend aus mentalem Training, Basiswissen in den verschiedensten Kampfkünsten sowie in Selbstverteidigung und Deeskalation (worüber sich die Kämpfer in der Regel nur amüsierten, da ihre Deeskalation meist in einem blutigen Gemetzel endete). Dazu kamen weitere psychische und physische Trainingseinheiten.

Die Gestaltwandler hatten eine strenge Ordnung und blieben meist in den Reihen ihres Rudels, die Magier stellten in den seltensten Fällen eine Bedrohung dar, genauso wie die Hexen und die meisten anderen magischen Kreaturen waren sie entweder Einzelgänger, oder es gab so wenige von ihnen, dass sie einfach keine Bedrohung darstellen konnten. Nicht, dass es hier zu Missverständnissen kommt: Alle magischen Wesen waren gefährlich und konnten großen Schaden anrichten, ohne gleich in einer großen Anzahl aufzutreten, dennoch entschieden sich die meisten für ein friedliches Miteinander.

Aber Vampire … Es jagte ihr jedes Mal einen Schauer über den Rücken, wenn sie auf die eiskalte Wand von deren Gefühlen traf. Jeder sandte auf einer unterschwelligen Frequenz Emotionen aus. Immer. Das war wie ein Gesetz. Nur Vampire nicht. Bei den meisten fühlte es sich an, als hätten sie gar keine, obwohl Hailey wusste, dass das nicht stimmen konnte. Jedes Wesen hatte Gefühle. Es ging gar nicht anders.

Mit der Tasse in den Händen lief Hailey wieder zu ihrer Theke und starrte in ihre Mappe. Große, vor Angst dunkle Augen sahen sie an. Aus einem kleinen Gesicht, das eigentlich von der Unschuld eines Kindes geprägt sein sollte, war es aber nicht. Das blonde Haar fiel ihr in leichten Wellen um den Kopf und endete knapp über ihrem Schlüsselbein. Auf der linken Seite ihres Halses befand sich eine widerliche Narbe. Mehrere dicke, gezackte Linien zogen sich über die gesamte Seite und entstellten die ansonsten makellose Haut. Sie waren ein paar Nuancen heller als das restliche Gewebe und schimmerten leicht rosa. Die Narbe würde nie völlig verschwinden. Es sah nicht immer so aus, wenn ein Vampir jemanden biss. Nein, in der Regel blieb nicht der kleinste Beweis ihrer Nahrungsaufnahme zurück. Nur wenn ein Vampir verrücktspielte und wie eine tollwütige Bestie einen Menschen angriff, wie im Fall des kleinen Mädchens, dann blieben am Ende solche Narben zurück. Falls das Opfer überlebte.

Seit gestern wussten sie, wie das Mädchen hieß: Nina. Hailey hatte es in einer fünfstündigen Sitzung geschafft, ihr ihren Namen zu entlocken. Aber das war auch schon alles gewesen. Heute würde sie wieder mit Nina sprechen. Das Ziel war es, die emotionalen und psychischen Wunden dieses Kindes so weit zu heilen, dass sie in staatliche Obhut übergeben werden konnte. Mehr konnte Hailey nicht für sie tun.

Sie stand auf und spülte ihre Tasse aus, bevor sie sie zum Abtropfen liegen ließ. Es war jetzt beinahe fünf Uhr morgens, und Hailey entschied, dass es Zeit war, zur Arbeit zu fahren. Seit der Wende hatte sich das Gesicht der Welt verändert. Wie sich bald herausgestellt hatte, waren Gestaltwandler und Co. etwas weiter entwickelt, als die Menschen. Inzwischen gab es Automotoren, die keine schädlichen Abgase mehr produzierten, die Medizin hatte einen großen Sprung gemacht, und Hailey wollte gar nicht wissen, was in geheimen Labors noch so alles entwickelt wurde.

Sie schnappte sich die Mappe vom Tresen und verstaute sie in ihrer Tasche, bevor sie sich ihre Schlüssel griff und das Haus verließ. Es war nicht nötig, sich etwas Formelleres anzuziehen. Und außerdem war es selbst um diese Uhrzeit definitiv zu warm für ein Kostüm oder etwas in der Art.

Sie lebte etwa dreißig Minuten Autofahrt entfernt von New Orleans. Hier war es etwas ruhiger und weniger dicht bevölkert, während das geschäftige Treiben von New Orleans sie wahrscheinlich irgendwann in den Wahnsinn treiben würde. Es gab dort einfach zu viele Emotionen, zu viele, um sie alle verkraften zu können. Zwar hatte Hailey mentale Barrieren und Schilde, die sie schützten, aber man konnte schließlich nicht sein gesamtes Leben immer in Habtachtstellung verbleiben. Von Zeit zu Zeit musste man auch mal loslassen.

Und das ging in einer Stadt wie New Orleans nicht. Jeder ließ ein gewisses Maß an Emotionen in seine Umwelt entweichen. Eigentlich war es ganz einfach. Jedes Wesen hatte eine Art Tür, hinter der sich die Emotionen verbargen, und in den meisten Fällen war diese Tür halb offen oder zumindest einen Spaltbreit offen. In den seltensten Fällen verschließen wir diese Tür vollständig. Wir wollen uns mitteilen und verstanden werden. Das ist ein Grundbedürfnis der meisten Menschen und auch anderer Wesen. Und da Haileys Sinne darauf programmiert waren, die kleinste Nuance der Gefühlswelt ihrer Umgebung wahrzunehmen, würde das stetige Eindringen in ihre Sinne sie irgendwann verrückt werden lassen.

Selbst für eine Empathin waren Haileys Sinne ausgesprochen fein. Das war auch der Grund, warum Haileys Tür aus massivem Stahl war, umgeben von einer nie enden wollenden Mauer. Außerdem hingen Ketten an der Tür, so dick wie ihre Oberarme und mit mehr Vorhängeschlössern, als sie zählen konnte. Ja, man konnte sagen, dass sie es sehr genau nahm mit der Sicherheit ihrer Gefühlswelt.

 

Knapp vierzig Minuten später betrat Hailey ihr Büro bei The Last Hope. Trotz der frühen Stunde herrschte bereits geschäftiges Treiben. Hier war in der Regel immer was los. Das lag einfach daran, dass es in einer Welt, in der Menschen und magische Wesen koexistieren mussten, immer etwas zu tun gab für eine Organisation wie ihre. Sie kümmerten sich um alles, was zwischen den verschiedenen Gattungen passierte. Manchmal gegen Bezahlung und manchmal, wenn ihre Klienten nicht genug Geld hatten, dann eben ohne. Sie hatten genug private wie auch staatliche Unterstützer, sodass sie nicht auf das Geld eines jeden Klienten angewiesen waren. Die schlichte Wahrheit war, dass sich sonst auch niemand um Streitigkeiten oder Angriffe oder was auch immer zwischen den Arten vorfiel, kümmern wollte.

Gerade als Hailey ihren Hintern auf ihren Stuhl verfrachtet hatte, eine weitere Tasse Tee in den Händen, drang die Stimme der Empfangsdame in ihren Kopf. Naomi Andrews war eine mittelgroße, etwas mollige Frau mit honigfarbener Haut und zwei unterschiedlichen Augenfarben. Das eine blau, das andere grün. Ihre Haare hatten einen schokoladenfarbenen Ton und waren in einen absolut vollkommenen Bob frisiert, der ihr hervorragend stand und ihre fein geschnittenen Gesichtszüge perfekt einrahmte. Bei direkter Sonneneinstrahlung zeigten sich goldene Strähnen in ihren Haaren. Gelinde gesagt war sie schön. Außerdem war sie eine mehr als fähige Telepathin.

„Hailey, es ist gut, dass du da bist. Hier gibt es eine Angelegenheit, um die du dich kümmern musst.“ Naomis Stimme klang leicht angespannt, was niemals ein gutes Zeichen war. Diese Frau konnte so gut wie nichts aus der Ruhe bringen. Sie war Anfang vierzig und die gute Seele von TLH. Sie organisierte alles und kannte jeden Mitarbeiter persönlich. Selbst die hartgesottensten Kämpfer kuschten vor ihr. Eigentlich war sie nur Jack direkt unterstellt, dem Gründer und Chef von The Last Hope, aber sie kümmerte sich um sie alle wie eine Glucke. Obwohl manche der Mitarbeiter deutlich älter waren als sie. Aber das schien sie nicht zu kümmern.

„Bin schon unterwegs“, murmelte Hailey und machte sich auf den Weg zu Naomis Schreibtisch. Er befand sich am Anfang des zweiten Stocks, den Aufzügen direkt gegenüber und auf der gleichen Etage wie die Büros der Mitarbeiter, die eher innerhalb des Gebäudes arbeiteten. Berater wie Hailey, die Psychologen, die Vermittler und so weiter. In der dritten Etage befand sich nur das Büro von Jack Hunt, des Leiters von TLH, und einzig Naomi hatte direkten Zugang zu diesem Bereich. Im Erdgeschoss war der Empfangsbereich, wo sich ihre Klienten aufhielten, deren Anliegen zwei Sekretärinnen aufnahmen, bevor sie in die höheren Etagen geschickt wurden. Im ersten Stock lagen die Büros und Schlafstätten der Kämpfer. Viele kamen oft blutüberströmt und schwer verletzt zurück zu TLH, weil sie es nicht mehr bis nach Hause schafften, und blieben dann über Nacht. Das war auch der Grund, warum sich die Ärzte ebenfalls im ersten Stock befanden. Die Wahrheit war, dass weder die Ärzte noch die Kämpfer wirklich ein Leben außerhalb der Organisation hatten.

Aber wie kam sie dazu, darüber zu urteilen? Ihr Leben bestand praktisch auch nur aus ihrer Arbeit. Selbst ihre beste Freundin war eine Mitarbeiterin von TLH. Kristina war Ärztin und eine verdammt gute noch dazu.

Als sie Naomis Schreibtisch erreichte, wirkte diese leicht nervös.

Oh, oh, kein gutes Zeichen!

Was auch immer Naomi nervös machte, bedeutete definitiv Schwierigkeiten. Große Schwierigkeiten. Hailey blieb vor dem Schreibtisch stehen und hob eine Augenbraue.

„Also, was gibt’s?“

Naomi richtete ihr graues Kostüm und musste sich räuspern, bevor sie antwortete. Für Hailey war es ein Wunder, wie sie um diese Uhrzeit und bei diesen Temperaturen so perfekt gestylt hier sitzen konnte. Nicht ein Haar saß am falschen Platz, und ihr Kostüm war frei von jeglichen Falten oder Schweißflecken.

„Du musst die Vermittlerin spielen. Niemand anders ist gerade frei, und das hier muss sofort bearbeitet werden.“ Sie blickte auf ihren Schreibtisch, und kurz danach schob sie Hailey eine Akte zu.

„Sie enthält die Darstellungen der beiden Parteien. Und einen kurzen Bericht der Polizei, aber die wollen sich da nicht einmischen, also müssen wir uns darum kümmern.“ Hailey klappte die Mappe auf und erstarrte, als ihr der erste Name ins Auge sprang.

Rave Jones.

Bitte lass den anderen Namen nicht Kyriakos sein, bitte, bitte, bitte …

Kyriakos.

Kein Nachname. Aber den benötigte sie auch nicht. Jeder in dieser verdammten Stadt – ach was, jeder auf diesem verdammten Kontinent – wusste, wer Kyriakos war! Er war der Anführer des größten Vampirclans in Amerika. Niemand wusste genau, wie viele Vampire ihm unterstanden, und niemand besaß genug Informationen über den Clan, um eine Schätzung machen zu können. Und die Vampire understanden ihm bestimmt nicht, weil er so diplomatisch war.

Hailey hatte das starke Bedürfnis, den Kopf ein paarmal auf den Tisch zu knallen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Sie schaute Naomi an.

„Verarschst du mich?“

„Ich fürchte, nein.“ Naomi sah genauso aus, wie Hailey sich fühlte. Geschockt und ungläubig. Rave Jones war der Anführer des hiesigen Rudels der Wölfe. Eine Streitigkeit zwischen den Vampiren und den Wölfen. Super! Einfach perfekt!

In vielen Großstädten gab es ein Rudel Gestaltwandler. In New Orleans zum Beispiel war es ein Rudel Wölfe, in New York war es ein Rudel Leoparden, und in Atlanta gab es ein gemischtes Katzenrudel. Es waren meistens Raubtiere, die herrschten. Aber es gab auch andere Rudel Gestaltwandler, wie zum Beispiel die Wervögel oder die Werbären, die zwar Raubtiere waren, aber zu selten vorkamen, um die erforderliche Größe eines herrschenden Rudels zu haben.

„Ist denn niemand anders da, der sich darum kümmern kann? Daniel? Sara? Leo? Irgendjemand?“ Alle weitaus bessere Vermittler als sie, und sie klang auch nur ein kleines bisschen verzweifelt.

Hailey wollte sich wirklich nicht darum kümmern. Zum einen gab es weitaus qualifiziertere Vermittler als sie, und zum anderen wollte sie sich einfach nicht darum kümmern. Sie arbeitete doch nur manchmal als Vermittler aufgrund ihrer empathischen Fähigkeiten. Rave Jones war nicht das Problem. Das Problem war Kyriakos. Etwas an ihm ließ sie innerlich aufschreien. Er brachte ihre mühsam erarbeitete Kontrolle zum Wanken, ihre Gefühle liefen Amok, und zugleich hatte sie höllische Angst vor diesem Kerl. Sie hatte ihn ein-, vielleicht zweimal gesehen und noch nie ein Wort mit ihm gewechselt, und trotzdem verfolgte er sie bis in ihre Träume. Nicht gut.

„Nein.“ Naomi schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Kannst du mir mal verraten, wie mir meine empathischen Fähigkeiten helfen sollen bei einem Vampir?“ Okay, ja, jetzt wurde ihre Stimme schon etwas hysterischer. Naomi musterte sie verwundert. Sie war nicht gerade dafür bekannt, emotionale Ausbrüche zu haben.

„Ich weiß, meine Liebe. Aber ich kann die beiden schlecht warten lassen. Und du bist die Einzige, die sich darum kümmern kann.“

Innerlich kapitulierte Hailey, und Naomi schien das zu merken.

„Sie sind in Konferenzraum eins.“ Sie wünschte ihr noch viel Glück, bevor sich Hailey umdrehte und sich auf den Weg machte. Konferenzraum eins war der größte, den sie hatten. Vermutlich eine gute Idee.

Die Hand auf der Klinke atmete sie noch einmal tief durch und verschloss ihre Gefühle hinter der Stahltür in ihrem Kopf. Dann betrat sie den Raum.

 

Kapitel 2

„Hailey!“ Rave Jones’ samtig weiche Stimme begrüßte sie. Er war ein schwarzer Wolf und in seiner Tiergestalt beinahe doppelt so groß wie sein tierisches Pendant. Eins fünfundachtzig groß und mit samtig schwarzen Haaren, die manchmal kurz geschoren waren oder wie heute lang genug, um seine Ohren halb zu bedecken, und so aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden. Mit Augen, die wie flüssige Schokolade glänzten, und sonnengebräunter Haut, die in einem den Wunsch weckte, ihn zu streicheln, war er das Inbild animalischer Kraft. Aber jetzt lagen dunkle Schatten in diesen sonst so funkelnden Augen. Er hatte die schlanken Muskeln eines Kämpfers, die einem verrieten, dass er in einem Fight tödlich und schnell war. Und immer tanzte der Wolf in seinen Augen. Sein Tier war nahe an der Oberfläche. Er trug eine ausgeblichene Jeans und ein blaues Shirt, das seine Muskeln wunderbar zur Geltung brachte. Er hatte die Arme über der Brust verschränkt und grinste sie an. Sein Gesicht war kantig und männlich und dennoch so fein geschnitten, dass Frauen leise seufzten, wenn er an ihnen vorbeiging.
„Mister Jones.“ Sie nickte in seine Richtung mit einem warmen Lächeln. Von ihm gingen Ärger und Unmut, aber auch Freude aufgrund ihres Kommens aus. Doch unterschwellig brodelte tief sitzender und kaum kontrollierter Zorn. Die Gefühle eines Gestaltwandlers waren immer rein und echt. Nichts verfälschte sie. Das hatte sie für Hailey schon immer sympathisch gemacht, und meistens fühlte sie sich unter ihnen ziemlich wohl, trotz der immensen Wucht an Gefühlen die Gestaltwandler nur selten kontrollierten.
Auf der anderen Seite des Raumes war es beunruhigend ruhig, und Hailey wollte sich dem Vampirführer nicht zuwenden. Sie wusste, dass er sich erhoben hatte bei ihrem Eintreten, sie hatte die Bewegung aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Aber es half nichts. Das hier war ihre Aufgabe, ihr Job. Sie war eine Vermittlerin. Unparteiisch, neutral.
Sie atmete tief durch und wandte sich dann um, um Kyriakos anzublicken. Dunkelheit war das Erste, was einem in den Sinn kam. Nachtschwarze Haare, die ihm ohne den Ansatz einer Welle bis auf die Schultern fielen, nachtschwarze Augen mit einem roten Ring um die Pupille. Die einzige Möglichkeit, die Pupille überhaupt zu erkennen. Bis jetzt war er der einzige Vampir mit solchen Augen, den sie je gesehen hatte. Er war mindestens eins neunzig groß und bestand nur aus Muskeln. Muskeln entstanden und geformt durch ständige Kämpfe. Er war massiger als Rave, ohne wie ein Bodybuilder zu wirken. Und anzunehmen, dass er nicht schnell war, konnte womöglich der letzte Fehler sein, den man machte. Seine Haut war gekennzeichnet von der Makellosigkeit der Vampire und war gerade genug gebräunt, um nicht kränklich zu wirken. Was an sich schon ein Mysterium war. Wie konnte ein Vampir Sonnenbräune aufweisen, auch wenn es nur ein winziger Hauch von Sonnenbräune war?
Er trug eine schwarze Lederhose, ein schwarzes T-Shirt, das sich über seinem Brustkorb spannte, und – trotz der schon warmen Temperaturen – eine schwarze Lederjacke. Seine Arme hingen locker an den Seiten und versuchten eine entspannte Haltung zu imitieren, trotzdem konnte sie sehen, dass jeder Muskel angespannt war. Plötzlich hatte Hailey das Gefühl, dass ihr selbst alle Kämpfer von TLH nicht helfen konnten, sollte dieser Vampir sich dazu entscheiden durchzudrehen. Sie fühlte sich winzig und schwach im Angesicht solcher Macht. Seine Gesichtszüge konnte man nicht anders als aristokratisch beschreiben. Ausgeprägte Kinnlinie, eine gerade Nase, ausgeprägte Wangenknochen. Es war das Gesicht eines Mannes, der schon immer über anderen gestanden hatte, schon immer einer ganz anderen Welt angehört hatte. Und seine Augen … Hailey glaubte darin versinken zu können. Und die Sonnenstrahlen, die durch die vielen Fenster im Konferenzraum, schienen, störten ihn nicht im Geringsten. Er stand einfach da, ein Vampir, während Sonnenlicht seine Haut streichelte. Äußerst beunruhigend.
Und das, was sie am meisten beunruhigte, war, dass sie, als sie in seine einzigartigen Augen starrte, nicht den geringsten Hauch von Emotionen an ihm wahrnehmen konnte. Selbst als sie sich anstrengte, war dort nichts als gähnende Leere. Sie musste sich zusammenreißen, und zwar sofort.
„Meine Herren, lassen Sie uns bitte Platz nehmen.“
Hailey setzte sich an die eine Seite des lang gezogenen Tisches, während Rave und Kyriakos an der anderen Platz nahmen. Drei freie Stühle zwischen sich lassend …
Oh Mann!
„Meine Name ist Hailey Williams, und ich bin die Ihnen zugeteilte Vermittlerin von The Last Hope. Als sie uns aufsuchten, versicherten sie damit gleichzeitig, mir uneingeschränkt die Führung in dieser Sache zu überlassen und zu kooperieren. Sollten Sie ein Problem mit meiner Vorgehensweise haben oder mit meiner Person an sich, steht es Ihnen frei, entweder zu mir zu kommen oder sich an eine höhere Stelle zu wenden. Es sei Ihnen versichert, dass wir alles daransetzen werden, um Ihnen die bestmögliche Lösung bieten zu können, und wir werden nichts unterlassen, was zu Ihrer Zufriedenheit beitragen kann.“
So. Das war das Protokoll. Und ihre Stimme klang gar nicht mehr hysterisch. Ein Punkt für sie.
Rave schnaubte und schüttelte nur den Kopf. Gestaltwandler hielten nicht viel von gestelltem Verhalten, und Rave bildete da keine Ausnahme.
„Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe, und sind Sie damit einverstanden?“ Sie blickte zuerst Rave an, der nickte, und dann Kyriakos, der keine Reaktion zeigte. Danach schob sie den beiden jeweils eine Ausgabe des Standardvertrags von TLH zu, wenn es um Vermittlungssachen ging. Im Wesentlichen stand darin genau das, was Hailey gerade gesagt hatte. Sie legte zwei Kugelschreiber auf den Tisch und wartete, dass die beiden unterschrieben. Damit würde dieser Fall zu einer offiziellen Angelegenheit der Organisation werden. Als Kyriakos keine Anstalten machte, wenigstens den Stift zu ergreifen, zog Rave die Augenbrauen zusammen und zögerte auch mit seiner Unterschrift.
Hailey wurde leicht nervös und fragte sich, was sie jetzt machen sollte. Wenn sich die beiden weigerten, den Vertrag zu unterschreiben, konnte sie nichts für sie tun.
„Miss Williams.“ Als Kyriakos sprach, setzte ihr Herz einen kleinen Moment aus, bevor es umso schneller wieder anfing zu schlagen. Sie hoffte nur, dass niemand der Anwesenden etwas bemerkt hatte.
Er klang vollkommen ruhig, und dennoch schwang in seiner Stimme etwas mit, dass Hailey sich vorstellen konnte, wie eine Frau alles tun würde, was ihr diese Stimme leise ins Ohr flüsterte. Ganz egal, was es war. Sie sah ihn an und versuchte weiter tapfer zu sein. Bis jetzt machte sie das doch ganz gut.
„Ja?“
„Anhand der Begrüßung zwischen Ihnen und Mister Jones stellt sich mir die Frage, ob Sie in dieser Streitfrage tatsächlich unparteiisch agieren werden und können.“
Für einen Moment war Hailey verwirrt. Rave knurrte. Dann machte es klick. Rave und sie hatten sich wie alte Freunde begrüßt oder zumindest so, als ob sie sich persönlich kannten. Was nicht so ganz falsch war. Sie hatte bereits des Öfteren mit Rave Jones zu tun gehabt und würde ihn zu ihren Bekannten zählen. Mehr aber auch nicht. Kyriakos blickte sie weiter unentwegt an. Hailey widerstand dem Drang, sich unter seinem Blick zu winden.
„Ich versichere Ihnen, Mister …?“
„Kyriakos.“
Also gut.
„Ich versichere Ihnen, Kyriakos, dass Mister Jones und ich uns lediglich geschäftlich bereits begegnet sind und ich in dieser Sache vollkommen neutral bin. Sollten Sie allerdings weiterhin Bedenken haben, steht es Ihnen natürlich frei, jederzeit einen Antrag auf einen neuen Vermittler zu stellen.“
Sie wussten alle, dass es unter Umständen Tage oder Wochen dauern konnte, bis ein neuer Vermittler gefunden wurde. Er blickte sie noch einen Moment weiter an und ergriff dann den Stift und setzte seine Unterschrift unter den Vertrag. Rave tat es ihm gleich. Danach ergriff sie die Verträge und schob sie zurück in die Mappe.
„Nun gut. Als Nächstes möchte ich mir die jeweilige Darstellung von Ihnen beiden anhören. Zu diesem Zweck möchte ich gerne ein Gespräch unter vier Augen mit jedem von Ihnen führen. Haben Sie dagegen Einwände?“
„Nein“, ließ sich Raves Samtstimme vernehmen, und auch Kyriakos schüttelte fast unmerklich den Kopf.
„Sehr gut.“ Sie wandte sich an Rave. „Mister Jones, ich würde gerne mit Ihnen beginnen. Kyriakos, wenn Sie so lange draußen warten würden, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Ich werde Sie dann gleich wieder dazuholen.“
Mit einem Nicken erhob sich der Vampir und verließ lautlos den Raum. Sie konnte es nicht verhindern, aber als die Tür hinter ihm zuging, atmete sie erleichtert auf. Rave tat, als hätte er es nicht bemerkt, dennoch sah sie das Stirnrunzeln auf seinem Gesicht.
Bleib neutral!, ermahnte sie sich selber.
Natürlich hatte sich Hailey, bevor sie den Raum betrat, bereits die Schilderungen der beiden durchgelesen und auch den Polizeibericht überflogen. Aber es war immer besser, das Ganze noch einmal persönlich von den jeweiligen Personen zu hören. Außerdem musste sie sich zusammenreißen und diese unsinnige Reaktion ihrerseits auf Kyriakos unterdrücken. Nur eine kleine Verschnaufpause, und dann wäre sie bereit, ihm gegenüberzutreten.
„Also dann, Mister Jones …“
„Bitte, sag doch Rave, Hailey. Wir hatten ja jetzt schon ein paarmal miteinander zu tun.“
„Na schön. Dann erzählen Sie mir bitte Ihre Variante des Geschehenen, Rave.“

 

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, konnte Kyriakos nur mühsam ein Knurren unterdrücken. Die Empfangsdame blickte auf, als er auf den Flur trat, und wendete sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Aber er hatte das nervöse Funkeln in ihren Augen gesehen. Das hatten sie alle, wenn sie ihn sahen. Und auch Hailey Williams hatte es gehabt.
Hailey Williams.
Er hätte schon wieder knurren können. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Von allen Mitarbeitern, die bei The Last Hope arbeiteten, musste es ausgerechnet Hailey Williams sein. Und als wäre das Ganze noch nicht schlimm genug, kam sie hier hereinspaziert in einer Jeansshorts, die den Namen Shorts nicht einmal verdient hatte, so kurz war das Teil! Und selbst unter dem zu großen Shirt konnte er die Rundungen ihrer Brüste und ihrer Hüfte erkennen. Nur mühsam konnte er seine verkrampften Hände wieder lockern. Für einen Moment schloss er die Augen und sah ihr Gesicht vor sich. Diese blaugrünen Augen mit winzigen goldenen Sprenkeln, wenn das Sonnenlicht sie traf. Und die jeweils von einem perfekten Kranz schwarzer Wimpern umgeben waren. Ihre Haut war absolut makellos und so hell wie Alabaster. Und das hatte schon etwas zu bedeuten, wenn ein Vampir so etwas dachte. Sie besaß die feinen Gesichtszüge einer Fee, ohne dabei zu zerbrechlich zu wirken. Ihre vollen rosa Lippen weckten in ihm den Wunsch, daran zu knabbern und danach sofort jedes männliche Wesen anzuknurren, das auch nur einen Blick darauf werfen wollte.
Am liebsten wäre er in diesem Moment zu den Aufzügen gegangen und hätte das Gebäude von TLH hinter sich gelassen. Aber hier ging es um eine tote Wölfin, die auf dem Territorium der Vampire gefunden worden war. Es ging darum, einen blutigen Krieg zu vermeiden, der viele Opfer fordern würde. Das war auch der einzige Grund, warum sich Rave Jones und er darauf geeinigt hatten, diese Sache in die Hände von The Last Hope zu geben. Beide waren nicht bereit, so viele ihrer Untergebenen zu verlieren.
Auch wenn der Clan nicht so enge Bande hatte wie das Rudel, so gehörten sie doch zueinander und hielten zusammen. Und er wusste, dass es nicht seine Leute gewesen waren, die die Wölfin getötet hatten. Wenn es seine Leute gewesen wären, hätte er die Schuldigen längst tief in den Kellern seiner Burg eingekerkert und würde sie so lange foltern und die Wände mit ihrem Blut schmücken, bis sie bereuten, auch nur jemals den Gedanken an dieses Verbrechen gefasst zu haben. Und danach würde er sie an einem öffentlichen Ort festnageln und warten, bis das Sonnenlicht ihre Haut in Flammen aufgehen ließ. Er war nicht gerade bekannt für seine Gnade.
Irgendjemand versuchte die Vampire und die Wölfe gegeneinander aufzubringen, und er würde herausfinden, wer dieser Jemand war. Und dann würde er ihn dazu bringen, den Tag zu bereuen, an dem er sich mit ihm angelegt hatte.
Niemand, wirklich niemand würde es wagen, Kyriakos’ Leute zu bedrohen.
Er war nicht der Anführer des Clans, weil er so nett und sympathisch war. Nein, er war der Anführer, weil er der älteste und mächtigste unter den Vampiren war und sie ihm bedingungslos gehorchten. Er war ihr König, und er würde sie bis aufs Blut verteidigen. Und dieser Wolf würde keinen seiner Leute beschuldigen. Er musste schon wieder ein Knurren unterdrücken.
Dieser Tag entwickelte sich ja wirklich prächtig.
Mit einem tiefen innerlichen Seufzer lehnte sich Kyriakos gegen die Wand gegenüber der Tür zu dem Konferenzraum, in dem sich nun Hailey Williams alleine mit dem Wolf befand. Komischerweise behagte ihm dieser Gedanke ganz und gar nicht. Der Großteil der Bevölkerung hielt ihn für einen kaltherzigen und rücksichtslosen Mistkerl, der nicht einmal einen Wimpernschlag lang zögern würde zu töten. Womit sie nicht ganz unrecht hatten. Er war rücksichtslos, und er tötete, ohne zu zögern. Es gab Zeiten, in denen er ohne jeglichen Sinn und Verstand getötet hatte. Er hatte einfach nur gemordet wie eine tollwütige Bestie, weil es ihn amüsiert hatte und weil er das Gefühl von frischem Blut genossen hatte, das über seine Hände und Lippen strömte.
Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sie hatten sich endlich in die Öffentlichkeit gewagt und den Menschen gezeigt, dass diese nicht die einzigen Geschöpfe auf diesem Planeten waren. Und nun mussten sie alle ein gewisses Maß an Zivilisiertheit an den Tag legen, nicht nur die Vampire. Es entsprach nicht gerade seiner Natur, sich selbst zu zügeln, doch er musste es. Er war der Anführer der Vampire, und er musste ein Vorbild für seine Leute sein. Außerdem würden die Menschen nicht zögern, sich zu erheben und alles Mögliche zu versuchen, um ihn und seine Leute zu massakrieren, sollten sie mordend durch die Straßen ziehen.
Kyriakos widerstand dem starken Drang, mit den Augen zu rollen. Er war nicht gerade ein Fan der Menschen. Für ihn waren sie nichts weiter als Beute. Er brauchte ihr Blut, um zu überleben, aber das war es dann auch schon. Deswegen war es umso verwirrender und enervierender, dass dieser spezielle Mensch ihm nicht mehr aus dem Kopf ging.
Er lauschte ihrer und Rave Jones Stimme, die durch die magischen Barrieren eigentlich vor Lauschangriffen geschützt waren. Allerdings blieben sie vor den Sinnen eines Vampirs seines Kalibers nicht komplett verborgen. Es war dennoch erstaunlich, dass er nichts weiter als ein Gemurmel hören konnte und die genauen Worte nicht ausmachen konnte. Während er die Tür mit seinen Blicken fixierte, musste er an das erste Mal zurückdenken, als er Hailey Williams begegnet war.
Es war irgend so ein absolut langweiliger gesellschaftlicher Anlass gewesen, an dem er sich als Anführer der Vampire hatte sehen lassen müssen. Er hasste solche Anlässe, bei denen er sich noch mehr als sonst bemühen musste, eine zivilisierte und gesellschaftlich akzeptable Fassade aufrechtzuerhalten, damit die Menschen nicht schreiend vor ihm wegrannten. Manchmal sehnte sich Kyriakos zurück in die Zeit, in der sie noch im Schatten gelebt hatten und ihrer eigentlichen, ihrer wahren Natur treu geblieben waren. Auch damals hatte er sich unwohl gefühlt in dieser Umgebung. Er hatte gerade gehen wollen, als Hailey durch die große Doppeltür hereingekommen war. Sie trug ein schlichtes schwarzes Cocktailkleid, das eine Schulter und ihren anmutigen Hals frei ließ. Über den schwarzen Stoff, der sich wie eine zweite Haut um ihren Körper gelegt hatte und der knapp oberhalb ihrer Knie endete, zogen sich ebenfalls schwarze, eingewebte Muster, die den Blick auf ihre Kurven lenkten. Ihr ebenholzfarbenes Haar, das ihr bis kurz über die Taille reichte, fiel in sanften Wellen über ihren Rücken und ihre Arme. Heute war ihr Haar glatt, also waren die Wellen wohl ein Produkt von aufwendigem Styling gewesen.

Als sie hereingekommen war, hatte sie es nach hinten gestreift, sodass ihre entblößte Schulter noch mehr zur Geltung gekommen war. Er hatte beinahe den massiven Cognacschwenker in seiner Hand zerbrochen. Innerhalb weniger Sekunden hatte er Blade, einen der fünf Vampire, die zu seinem inneren Kreis gehörten, und seine rechte Hand, losgeschickt, um alle möglichen Informationen über diese Frau herauszufinden. Und das so schnell wie möglich.
Mit gerunzelter Stirn hatte er beobachtet, wie sie sich den Kämpfern von TLH näherte und mit ihnen lachte und scherzte. Selbst aus der Entfernung hatte er beobachten können, wie sich selbst diese hartgesottenen Kerle erwärmten und in ihrer Gegenwart entspannten. Und er hatte auch die nicht gerade verstohlenen Blicke gesehen, mit denen diese Typen sie praktisch vor Ort ausgezogen hatten, während er, Kyriakos, an diesem verdammten Tisch hatte sitzen müssen um Konversation zu betreiben. Er hatte sie im selben Moment gewollt, als sie durch die Tür gekommen war. Aber wenn sie zu TLH gehörte, war sie tabu für ihn. Er würde sich nicht mit einer Mitarbeiterin der Organisation einlassen, die nicht nur sämtliche Angelegenheiten zwischen den Gattungen regelte, sondern auch dafür töten würde, Insiderinformationen über den Clan zu bekommen.
Am Ende des Abends hatte ihm Blade in einer ruhigen Minute sämtliche verfügbaren Informationen über Hailey Williams mitgeteilt. Sie war tatsächlich eine Mitarbeiterin von TLH, aber anscheinend nur eine Beraterin. Dennoch hatte er sie den ganzen Abend über beobachtet.
Eine Beraterin, na klar.
Kyriakos schnaubte verächtlich. Keine normale Beraterin bekäme einen Auftrag dieser Größe, wenn sich nicht mehr dahinter verbarg. In dem Moment ging die Tür auf, und Rave Jones betrat den Flur. Kyriakos richtete sich auf. Der Wolf warf einen abschätzenden Blick auf ihn, bevor er mit dem Kopf zur offenen Tür nickte.
„Du kannst rein, Vampir.“ Seine Stimme vibrierte mit einem Knurren.
Kyriakos’ Grinsen war mehr ein Zähnefletschen.

 

Hailey spürte es sofort, als Kyriakos den Raum betrat. Und als er leise die Tür schloss, klang das Klicken des Schlosses verdammt endgültig für sie. Aber während sie mit Rave gesprochen hatte, hatte sie es geschafft, ihre in Aufruhr geratenen Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen und die Tür in ihrem Kopf nachdrücklich zu schließen. Jetzt sandte sie nicht mehr Gefühle aus als ein Eisklotz. Und das war auch gut so, stellte sie mal wieder fest, als sich Kyriakos ihr gegenüber niederließ.
Er war einfach zu schön, um von dieser Welt zu sein. Diese unglaublichen Augen schauten sie unverwandt an, und sie hatte das Gefühl, er könnte bis in ihre Seele blicken. Und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Dort gab es viel zu viel, das nicht gesehen werden sollte. Die Muskeln seiner Brust spannten sich etwas an, als er sich leicht nach vorne beugte, und sie atmete einmal tief ein. Der Duft der Nacht hing in der Luft. Er roch herrlich nach Mann und seltenen Nachtschattengewächsen, die einen ganz eignen würzigen Geruch verströmten. Seine Hände lagen locker verschränkt auf dem Konferenztisch zwischen ihnen. Doch Hailey gab sich nicht eine Sekunde lang der Vorstellung hin, dass dies tatsächlich eine Barriere für ihn sein könnte. Das Sonnenlicht beleuchtete ihn von hinten, und wieder einmal fragte sie sich, wie das überhaupt möglich war. Vampire liefen in der Regel nicht draußen herum, jedenfalls nicht während die Sonne schien. Natürlich waren sämtliche Scheiben von TLH getönt und hielten so die meiste Strahlung ab, aber dennoch. Es sollte nicht möglich sein. Sie war allerdings auch keine Vampirexpertin, nahm sich jedoch vor, direkt nach diesem Gespräch in der Datenbank von TLH nach Informationen über diesen bestimmten Vampir zu suchen.
„Miss Williams.“ Seine samtig warme Stimme unterbrach die Stille zwischen ihnen und jagte ihr einen wohligen Schauer den Rücken hinunter. Stimmt, sie sollte mit der Befragung beginnen. Innerlich gab sie sich selbst einen Tritt und blickte hinunter auf ihre Notizen, die sie sich während des Gesprächs mit Rave gemacht hatte.
„Haben Sie eigentlich auch einen Nachnamen, Kyriakos?“ Die Frage war über ihre Lippen gekommen, bevor sie es überhaupt gemerkt hatte. Schockiert hielt sie inne. Verdammt! Aber jetzt konnte sie ja schlecht so tun, als hätte sie nichts gesagt, also blickte sie ihn herausfordernd an. Ein leicht amüsiertes Funkeln trat in seine Augen, und er hob elegant eine Schulter. Das Muskelspiel lenkte sie für einen winzigen Moment ab, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. Es sollte für einen Mann seiner Statur eigentlich unmöglich sein, so elegant zu wirken.
„Ja. Vampire haben in der Regel keinen Nachnamen. Allerdings waren wir gezwungen, uns einen zuzulegen, als wir ein Teil dieser Gesellschaft wurden.“
„Werden Sie ihn mir dann verraten?“ Okay. Jetzt klang ihre Stimme ein wenig gereizt.
„Nein.“ Der nahezu ausdruckslose Gesichtsausdruck und das vollkommene Fehlen jeglicher Emotionen machten sie nervös. Und auch wütend.
Na schön.
„Kyriakos, würden Sie mir bitte die Ereignisse der letzten Nacht schildern, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie den toten Wolf auf Ihrem Territorium gefunden haben?“
Hailey musste schon wieder den Drang unterdrücken, ihren Kopf auf die Tischplatte zu knallen. Ein toter Gestaltwandler war nie eine gute Sache. Die reagierten nämlich in der Regel ganz und gar nicht entspannt auf so etwas. Ein toter Wolf bedeutete, dass das Rudel nach Rache dürstete und Blut sehen wollte. Und das Rudel bestand allein in New Orleans aus rund hundert nur mühsam unter Kontrolle gehaltenen Raubtieren, die alle mindestens doppelt so groß waren wie ihre natürlichen Pendants. Wenn man allerdings alle Mitglieder des Rudels zusammenzählte, so war es wohl ungefähr so groß wie der hiesige Clan der Vampire. Aber niemand kannte die genauen Zahlen.
„Genau genommen habe nicht ich den toten Wolf gefunden. Aber ich wurde in dem Moment benachrichtigt, als er entdeckt worden ist. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in meinem Büro in der Burg auf unserem Territorium. Davor war ich anderweitig beschäftigt.“ Hailey runzelte die Stirn. Anderweitig beschäftigt? Aha! „Einer meiner Leute, ihr Name ist Ashlyn, hat die tote Wölfin gefunden und mich sofort benachrichtigen lassen. Als ich dann schließlich an den Tatort gelangte, war das Rudel auch schon vertreten. Unter normalen Umständen hätte diese Begegnung tödlich geendet, aber ich hatte mich dazu entschieden, das nicht als die Kriegserklärung aufzufassen, die es im Grunde war.“
Innerlich seufzte sie laut auf. Sowohl die Vampire als auch die Gestaltwandler waren äußerst territorial eingestellt, und wenn man das Gebiet des anderen betreten wollte, musste man sich vorher ankündigen und um Erlaubnis bitten. Dass die Wölfe das Territorium der Vampire einfach so betreten hatten, war kein gutes Zeichen. Es zeigte, wie aufgewühlt sie waren und wie sehr sie auf Rache sannen. Erstaunlich war allerdings die Tatsache, dass Kyriakos das Ganze relativ locker zu nehmen schien.
Hailey machte sich Notizen auf einem weiteren Blatt Papier, während er sprach. Doch als er nicht weiterredete, hob sie den Kopf und blickte ihn an. Böser Fehler.
Er hatte sie beobachtet, und sein Gesicht… Naja, wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, dass es einen etwas sanfteren Ausdruck angenommen hatte. In seinen Augen lag ein gewisser Schimmer, und sie könnte schwören, dass der rote Ring um seine Pupille etwas breiter geworden war. Was hatte das denn jetzt schon wieder zu bedeuten? Gerade als sie sich unter seinem eindringlichen Blick unwohl zu fühlen begann, senkte er seine Augen auf ihre Notizen und sprach weiter.
„Rave Jones und ein mir unbekannter Wolf standen in der Nähe der Leiche. Allerdings hat Ash sie nicht näher an das Opfer herangelassen. Inzwischen war auch Blade, einer meiner Vampire, vor Ort und stellte sich ebenfalls den Wölfen in den Weg. Ich warf einen kurzen Blick auf das Opfer. Weiblich, Anfang zwanzig, braune Haare. Ihre Augenfarbe konnte ich nicht erkennen. Ihr Bauch war zerfetzt, und die Eingeweide lagen in einer noch frischen Blutlache auf dem Boden unter ihr. Ihr Brustkorb war aufgerissen, und ich konnte ihr Herz durch die Rippen sehen. Es war ebenfalls zerfetzt. Ihr Gesicht hatte mehrere tiefe Schnitte. Genauso wie der Rest ihres Körpers. Sie roch noch nicht verwest. Bei diesen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit kann sie also nicht länger als eine Stunde dort gelegen haben, bevor meine Vampire sie entdeckten. Es war offensichtlich, dass man sie dort abgeladen hatte. Denn wäre sie an diesem Ort ermordet worden, hätte dort mehr Blut sein müssen. Meiner Einschätzung nach war sie noch am Leben, als ihr die Schnitte zugefügt worden sind, und erst ganz zum Schluss hat der Täter ihr die Eingeweide rausgerissen und ihr Herz zerfetzt. “ Er zuckte mit den Schultern, und Hailey runzelte die Stirn.
„Wie kommen Sie darauf?“
„Worauf?“ Seine Stimme streichelte beinahe über ihren Körper, und sie unterdrückte ein Schaudern. Es sollte verboten sein, so eine Stimme zu haben. So sinnlich und leicht heiser und tief genug, um alles, was weiblich in ihr war, anzusprechen. Vor allen Dingen dann, wenn er über einen anscheinend kaltblütigen Mord sprach.
„Dass dem Opfer erst die Schnitte zugefügt worden sind, bevor man es umgebracht hat.“ Hailey war stolz auf sich, dass ihre Stimme ganz ruhig und neutral klang. Nichts zu merken von dem Aufruhr in ihrem Inneren.
„Vampirinstinkt. Die Schnitte waren ziemlich tief, und die Wundränder waren sauber. Dennoch war das Ganze eine ziemlich blutige Angelegenheit. Wäre sie bereits tot gewesen, wäre die Blutzirkulation gestoppt worden und sie hätte nicht mehr so viel Blut verlieren dürfen. Ganz abgesehen von dem ganzen Blut, das sie durch den zerfetzten Brustkorb und Bauch bereits verloren hätte.“
Das leuchtete ihr ein. Also war die arme Frau gefoltert worden, bevor man sie umbrachte, und danach auf dem Territorium der Vampire abgeliefert worden. Und im Moment ließen die Beweise darauf schließen, dass das Opfer an diesem Ort wirklich nur abgeladen, aber nicht dort ermordet worden war. Kyriakos und Rave hatten die gleiche Beschreibung der Leiche abgegeben. Dennoch würde sie sich von der Polizei die Tatortfotos besorgen, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

Hailey konnte nicht so ganz glauben, dass die Vampire tatsächlich darin verwickelt gewesen waren. Und Rave Jones schien derselben Meinung zu sein. Sonst wären die beiden nicht zu TLH gekommen, sondern die Stadt würde bereits erzittern unter dem bevorstehenden Krieg zwischen Wölfen und Vampiren. Sie machte sich noch ein paar Notizen, bevor sie ihn wieder ansah und sich auf dem Stuhl zurücklehnte, um ihre Beine übereinanderzuschlagen.
„Wer, denken Sie, hätte einen Vorteil davon, wenn die Vampire und Wölfe einen Krieg beginnen würden? Denn es ist ja nahezu offensichtlich, dass das das Ziel dieser ganzen Aktion war.“
Seine Augen folgten der Bewegung ihrer Beine, als sie sie übereinanderschlug. „Ich bin mir nicht ganz sicher.“ Sein Gesicht und sein Körper blieben die ganze Zeit über völlig ausdruckslos. Er hätte genauso gut über das Wetter sprechen können und nicht über einen blutrünstigen Mord. Rave war an dieser Stelle bereits kurz vor einem Wutausbruch gewesen und hatte sich nur mühsam unter Kontrolle gebracht. Kyriakos allerdings blieb völlig unbewegt. „Auf der einen Seite würde ich behaupten, niemand, denn so ein Krieg würde nicht nur Opfer in den Reihen der Vampire und Wölfe fordern, sondern die ganze Stadt vernichten. Alle wären davon betroffen. Auf der anderen Seite wären sowohl der Clan als auch das Rudel danach geschwächt und würden ein einfaches Ziel für Angriffe bieten.“
Rave hatte beinahe das Gleiche gesagt. Dieser Auftrag war wirklich zu groß für Hailey, und sie wünschte sich, sie wäre heute Morgen im Bett geblieben. Wenn sie nicht herausfand, wer für den Mord verantwortlich war, und das möglichst schnell, dann würde es den Wölfen bald egal sein, ob der Clan schuld war oder nicht. Sie würden die Vampire angreifen, und danach würde ganz New Orleans im Blut ertrinken. Sie erschauerte. Kyriakos bemerkte es, ließ sich aber weiter nichts anmerken.
Diese absolute Gefühlskälte und das Fehlen jeglicher Reaktion, trieben sie langsam, aber sicher in den Wahnsinn. Sie war es gewöhnt, dass sie sich die ganze Zeit gegen ihre Umwelt abblocken musste, doch bei Kyriakos war es beinahe so, als könnte sie loslassen. Und diese Versuchung war fast zu groß, um sie zu ignorieren, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.
„Ich brauche noch Ihre Telefonnummer, damit ich Sie jederzeit erreichen kann.“ Die Atmosphäre im Raum änderte sich, und eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Unterarmen. Sie hatte den exakt gleichen Satz auch bei Rave Jones verwendet. Allerdings hatte er sich in dem Moment nicht so verrucht angehört. Nicht so, als wollte sie ihn jederzeit erreichen können. Jetzt allerdings konnte sie nicht verhindern, dass ihre Wangen sich leicht röteten und sie sich auf die Unterlippe biss. Verdamm! Aber vielleicht hatte sie sich das Ganze auch nur eingebildet. Doch als sie den Blick hob, um Kyriakos anzuschauen, setzte ihr Herz einen Moment aus. Da glomm definitiv ein dunkles Feuer in den Tiefen seiner schwarzen Augen, und der rote Rand war breiter geworden. Er starrte sie an, und als er sprach, hätte sie schwören können, dass in seiner Stimme ein Knurren vibrierte.
„Zögern Sie nicht, mich jederzeit anzurufen, Miss Williams.“ Der Klang ihres Namens aus seinem Mund verursachte ein Ziehen in ihrem Unterleib. Er schob ihr seine Visitenkarte über den Tisch zu, und ihre Fingerspitzen berührten sich für einen kleinen Augenblick länger als nötig. Etwas blitzte in seinen Augen auf.
Houston, wir haben ein Problem.
Sie schluckte. „Okay. Das war für den Moment alles, Kyriakos.“ Hailey war stolz auf sich, dass ihre Stimme nur ein ganz klein wenig heiser klang.
Sie stand auf, um zur Tür zu gehen und auch Rave Jones wieder in den Raum zu holen. Der Wolf tigerte nervös vor dem Konferenzraum auf und ab.
„Mister Jones, kommen Sie doch bitte wieder herein.“
Sie hielt ihm die Tür auf, während er eintrat und wieder am Tisch Platz nahm. Danach kehrte auch sie zu ihrem Stuhl zurück und ordnete die Blätter, bevor sie sie in die Mappe schob und diese dann schloss.
„Da Sie beide TLH mit dieser Sache beauftragt haben, werden wir sofort mit den Ermittlungen beginnen. Bitte halten Sie sich für weitere Fragen bereit. Ich werden Sie kontaktieren, sollte ich weitere Fragen haben, oder sollten sich neue Ergebnisse einstellen. Wir werden alles tun, um diesen Mord so schnell wie möglich aufzuklären.“
Der letzte Satz war eher an Rave Jones gerichtet, und bevor sie merkte, was sie tat, streckte sie ihre mentalen Fühler in seine Richtung und versuchte die rasende Wut in seinem Inneren etwas zu besänftigen. Hailey konnte nichts dafür. Es war ein Teil ihres Selbst, und sie würde sich nicht dafür schämen. Das hatte sie in ihrer Vergangenheit bereits zu oft getan. Rave seufzte leise, und Kyriakos zog fast unmerklich die Brauen zusammen.
Als sie sich erhob, standen auch Rave und Kyriakos auf und verließen nacheinander den Raum. Ohne ein weiteres Wort machte sich Kyriakos auf den Weg zu den Aufzügen, Rave Jones blieb noch einen Moment bei ihr stehen. Er wartete, bis sich die Aufzugtüren hinter Kyriakos geschlossen hatten, bevor er sie wieder ansprach.
„Hailey, das war nicht nur irgendeine Wölfin.“ Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm, und sie zuckte aufgrund der heftigen Intensität seiner Gefühle zusammen. Sofort nahm er die Hand weg und schaute sie zerknirscht an. Allerdings war sie nicht wegen seiner Berührung zusammengezuckt. „Es tut mir leid. Aber sie war eine Waise, als sie zu uns kam. Jessica war ihr Name. Nachdem wir Jessica gefunden hatten, nahmen wir sie auf, und das nach mir ranghöchste Pärchen zog sie groß wie sein eigenes Kind. Für den Moment konnte ich sie beruhigen, aber das Rudel sinnt auf Rache. Und es wird seine Rache bekommen.“ Den letzten Satz sprach er in einem finsteren Ton aus, und es bildete sich eine Gänsehaut auf Haileys Unterarmen.
Hailey stand einfach nur geschockt da, während Rave sich auf dem Absatz umdrehte und die Aufzugtüren sich hinter ihm schlossen. Eine Adoptivtochter der Wölfe. Das Ganze hier war eine verdammte Katastrophe von biblischem Ausmaß. Sie musste mit Jack reden. Jemand anders musste den Fall übernehmen. Das hier war definitiv zu groß für sie.
Naomi blickte sie besorgt über ihren Schreibtisch hinweg an.
„Alles o. k. bei dir, meine Liebe?“
Nein, gar nichts war o. k. Aber sie schüttelte einfach nur den Kopf und machte sich auf den Weg zu den Aufzügen.
„Naomi, ich brauch einen Termin bei Jack. Noch heute.“
„Ich kümmere mich darum.“ Ihr Blick war genauso sorgenvoll, wie Hailey sich fühlte.
Als die Aufzugtüren zugegangen waren und sie in die erste Etage runterfuhr, schloss Hailey kurz die Augen. Sie fühlte sich, als hätte sie ein Zug überrollt. Was sie jetzt brauchte, war ein Gespräch mit ihrer besten Freundin. Und zwar sofort.

 

Hailey betrat Kristinas Büro und pflanzte sich auf einen der beiden Besucherstühle. Kristina blickte sie erst amüsiert und dann, als sie die Stimmung ihrer besten Freundin bemerkte, besorgt an. Alle Ärzte hatten ihr eigenes Büro bei TLH, in dem sie Patienten empfingen und Beratungsgespräche führten und das ihnen manchmal auch als Schlafzimmer diente. Wie bei Kristina wohl letzte Nacht, wenn Hailey die Decke und das Kissen auf der Couch links von ihr richtig deutete.
„Was ist los, Hailey?“
„Ich habe ein Problem.“ Ihre Stimme klang müde, und das überraschte sie selbst. Das Ganze hatte sie doch mehr mitgenommen als gedacht.
„Hat dieses Problem auch einen Namen?“
„Ja.“
„Und der wäre?“
„Kyriakos.“
„Scheiße!“ Kristina war bleich geworden und holte im nächsten Moment eine Flasche Tequila aus einer Schublade in ihrem Schreibtisch. Hailey wunderte sich nicht einmal darüber. „Erzähl mir alles. Eher verlässt du nicht dieses Büro! Was macht der verdammte Vampirkönig bei TLH?“
Hailey holte einmal tief Luft. Natürlich wusste ihre beste Freundin, was der Anführer der Vampire in ihr auslöste. Sie hatte es ihr erzählt, gleich nachdem sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Nachdem sie den alljährlichen Ball zur Wende besucht hatte, war sie direkt zum Haus ihrer Freundin gefahren und hatte ihr von dem Schock berichtet, dass ein Vampir sie so aus der Fassung brachte. Und dabei hatten sie nicht einmal miteinander geredet. Sie hatte ihn lediglich heimlich beobachtet, während sie mit ihren Kollegen gelacht und gescherzt hatte.
„Ich arbeite an einem Fall über eine tote Wölfin.“ Kris zuckte zusammen und reichte ihr ein kleines Glas, das bis zum Rand mit Tequila gefüllt war. Hailey und Kris leerten ihre Gläser in einem Zug, und dann erzählte sie ihrer besten Freundin die Vorkommnisse des Morgens. Sie ließ nichts aus. Auch nicht diese aufgeladene Stimmung zwischen ihr und Kyriakos. Und auch nicht, dass sie bemerkt hatte, dass er jede ihrer Bewegungen genau beobachtet hatte. Allein wenn sie darüber sprach, wurde sie schon wieder rot, und ihr Unterleib zog sich zusammen. Es war gelinde gesagt störend.
„Scheiße!“, sagte Kris erneut, als sie fertig war.
„Was du nicht sagst“, seufzte Hailey. „Kannst du mir mal verraten, was ich jetzt tun soll? Ich habe Naomi schon gesagt, dass ich einen Termin bei Jack brauche. Und das noch heute. Der Fall ist zu groß für mich. Ich kann das nicht.“
Kristina starrte sie an und schüttelte dann heftig den Kopf, bevor sie ein weiteres Glas Tequila leerte. „Das darfst du auf gar keinen Fall tun, Hailey!“
Sie starrte ihre beste Freundin entgeistert an.
„Und warum verdammt noch mal nicht?“
„Das ist deine Chance! Ja klar, das mit der toten Wölfin ist echt scheiße. Und du musst diesen Fall auf jeden Fall so schnell wie möglich lösen, um ein Blutbad zu verhindern, das die ganze Stadt verwüsten wird.“
Hailey starrte sie böse an. „Reib es mir nur immer wieder unter die Nase“, grummelte sie.
„Lass mich ausreden! Was ich gerade sagen wollte, als du mich so rüde unterbrochen hast…“ Sie warf Hailey einen bösen Blick zu, „du bist gut, Hailey. Verdammt gut. Du bist exakt die Richtige für diesen Fall. Deine empathischen Fähigkeiten prädestinieren dich ja geradezu dafür. Du kannst die Wölfe emotional beruhigen, während du herausfindest, welcher völlig hirnverbrannte Idiot einen Krieg zwischen den Vampiren und den Wölfen anzetteln will.“ Als Hailey anhob, etwas zu sagen, hob Kristina nur gebieterisch eine Hand. „Halt! Ich bin noch nicht fertig. Und, das Allerwichtigste, du kannst endlich mal herausfinden, was da zwischen dir und diesem Kyriakos ist. Es ist die ideale Chance. Du kannst deine Fähigkeiten unter Beweis stellen und gleichzeitig dahinterkommen, was dich an diesem Vampir so anzieht.“
Kristina lehnte sich triumphierend zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Hailey starrte sie immer noch entgeistert an.
„Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren, Kris?“
Ihre Freundin strich sich das schulterlange hellbraune Haar zurück, das ihr in sanften Locken ins Gesicht fiel, und runzelte die Stirn. Kris war wirklich eine schöne Frau. Sie war gerade 24 geworden und damit ein Jahr älter als Hailey. Die beiden waren auch ungefähr gleich groß, also etwa eins siebzig. Sie hatte warme, karamellfarbene Augen, die immer leicht funkelten, und eine Figur, um die sie jede Frau beneidete. Nicht etwa so spindeldürr wie diese Models auf den Plakatwänden. Nein, Kristina war eine Frau mit Kurven an genau den richtigen Stellen. Ihre Kurven waren zwar etwas weniger stark ausgeprägt als Haileys, aber so wohlproportioniert, dass sie einfach hinreißend aussah. Während Hailey sich manchmal wünschte, ein, zwei Kilo weniger zu haben, hatte Kristina einfach genau die richtige Figur, um Männer zum Sabbern zu bringen.
„Nein, habe ich nicht.“ Sie zog eine winzige Schnute. „Ich habe recht, und das weißt du.“
„Er ist der Anführer des Vampirclans! Und ich ermittle in einem Mordfall, an dem der Clan und das Rudel beteiligt sind!“
„Na und?“ Kris schaute sie einfach weiter an.
„Das geht doch nicht!“ Haileys Stimme überschlug sich schon fast. Das konnte doch unmöglich Kris’ Ernst sein. Sie und Kyriakos? Nicht in diesem Leben! Ja, okay, sie fühlte sich von ihm angezogen. Und er war auch nicht unattraktiv. Okay, vielleicht war er einfach zum Niederknien schön. Aber er war auch ein Vampir. Das gehörte bei denen einfach dazu. Sie war eine Mitarbeiterin von TLH und er der Vampirkönig. Das ging einfach nicht. Niemals. Ende und aus.
Kam es ihr nur so vor, oder versuchte sie gerade verzweifelt, sich selbst zu überzeugen?
„Hailey, schau doch mal.“ Kristinas Stimme hatte einen sanfteren Ton angeschlagen, und sie lehnte sich nach vorne. „Seit du Kyriakos das erste Mal gesehen hast, hast du gefühlt, dass da etwas zwischen euch ist. Und so wie du mir das erzählt hast, hat er es definitiv auch gefühlt. Gib dem Ganzen eine Chance. Und selbst wenn das nur damit enden sollte, dass ihr beide eine heiße, schweißtreibende, die Welt verändernde Nacht miteinander verbringt… Dann ist das eben so.“ Ihre karamellfarbenen Augen funkelten verschmitzt. „Außerdem kannst du Jack jetzt endlich einmal beweisen, dass du mehr bist als nur eine verdammte Beraterin. Du weißt, dass ich recht habe.“
Hailey seufzte laut auf. Dieses Gespräch verlief ganz und gar nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte gehofft, auch ihre beste Freundin wäre der Meinung, sie sollte den Fall abgeben. Aber nein, sie ermutigte sie auch noch dazu, etwas mit Kyriakos anzufangen! Drehten denn jetzt alle durch?
„Hast du letzte Nacht hier geschlafen Kris?“ Damit lenkte Hailey das Gespräch in eine andere Bahn, und die beiden unterhielten sich noch eine ganze Weile. Immer wieder brachte Kris die Sprache auf Kyriakos, und immer wieder blockte Hailey ab. Schließlich schaute sie auf die Uhr. Es war bereits mehr als eine Stunde vergangen, und sie musste sich noch um andere Dinge kümmern.
„Ich muss los. Ich will mir den Tatort ansehen und nachfragen, wann ich meinen Termin bei Jack habe. Ich werde mir anhören, was er zu sagen hat, und mich dann entscheiden.“
Hailey erhob sich von ihrem Stuhl. Es war an der Zeit, Kyriakos anzurufen. In ihrem Bauch herrschte ein mulmiges Gefühl vor. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es nur Nervosität oder auch freudige Erregung war. Und sie wollte es auch gar nicht so genau wissen. Sie erinnerte sich daran, dass es hier immer noch um einen kaltblütigen Mord ging, und verspürte sofort einen Stich von Schuldbewusstsein.
„Denk darüber nach, was ich gesagt habe, Hailey. Und halt mich auf dem Laufenden.“
Kristina verstaute die Tequilaflasche wieder in ihrem Schreibtisch und winkte Hailey zum Abschied zu
„Mach ich.“
Hailey drehte sich um und begab sich wieder zu ihrem Büro. Die Mappe, in der sich Kyriakos’ Visitenkarte befand, hielt sie fest in den Händen. Sie betrat ihr Büro, schloss die Tür hinter sich und setzte sich an ihren Schreibtisch. Alle Räume bei TLH waren mit einem magischen Abhörschutz gesichert, so würde niemand mitbekommen, was sie mit Kyriakos am Telefon besprach. Auf dem Weg hierher hatte sie kurz mit Naomi gesprochen. Ihr Termin bei Jack war für heute Abend elf Uhr angesetzt. Das war keine ungewöhnliche Zeit für ein Treffen mit dem Chef von The Last Hope. Der Mann war ein einziges Mysterium. Kurz nach der Wende war er einfach aufgetaucht und hatte diese Organisation gegründet. Niemand wusste, woher er kam oder was er für Fähigkeiten besaß. Aber es war ein offenes Geheimnis, dass er ein geradezu furchteinflößender Kämpfer war, und er herrschte über die Organisation mit eiserner Hand. Lediglich zu Naomi pflegte er einen etwas näheren Kontakt, und manche spekulierten, ob die beiden vielleicht eine Beziehung hatten. Hailey glaubte das nicht.
Da der Termin relativ spät war, würde sie es schaffen, sich vorher noch den Tatort anzugucken. Sie wollte das Treffen mit den Vampiren auf einen Zeitpunkt legen, an dem es bereits dunkel war, um mit allen Beteiligten sprechen zu können. Nur weil Kyriakos anscheinend relativ lichtunempfindlich war, hieß das ja nicht, dass das auch für alle anderen Vampire galt. Um Himmels willen, sie hoffte, dass das nicht für alle galt.
Bevor sie jedoch mit Kyriakos sprechen würde, wollte sie noch die Datenbank von TLH nach Informationen über ihn checken. Sie fuhr ihren Computer hoch und loggte sich ein. Entschlossen begann sie ihre Suche.
Fast eine Stunde später lehnte sich Hailey erschöpft zurück. Das war ja nicht gerade erfolgreich gewesen. TLH hatte so gut wie keine Informationen über den Anführer der Vampire gespeichert. Alles, was man wusste, war, dass er wie alle anderen während der Wende aufgetaucht war, um schließlich als Anführer des Clans an die Öffentlichkeit zu treten. Niemand wusste, wann und wie er das geworden war. Niemand kannte sein Alter. Niemand wusste, welche Fähigkeiten er genau besaß. Er war ein genauso großes Mysterium wie Jack Hunt. Wirklich großartig!
Hailey schaute auf die Uhr. Es war jetzt bereits halb zehn Uhr morgens, und sie war seit fast sechs Stunden auf den Beinen. Es war an der Zeit, Kyriakos anzurufen und einen Termin auszumachen. Danach würde sie Rave anrufen, um für heute Mittag ein Treffen zu vereinbaren. Denn sie wollte mit dem Pärchen der Wölfe reden, das Jessica großgezogen hatte. Und danach würde sie nach Hause fahren und ein Schläfchen machen, bevor sie zum Territorium des Rudels fuhr. Das klang nach einem guten Plan.
Aufseufzend griff sie nach dem Telefonhörer und wählte Kyriakos’ Nummer. Es klingelte ein paarmal. Hailey wollte schon wieder auflegen, als das Gespräch doch noch angenommen wurde und sich eine etwas raue, verschlafen klingende Stimme meldete.
„Kyriakos.“
Verdammt! Wahrscheinlich hatte er bereits geschlafen. Schließlich war er immer noch ein Vampir, und es war schon später Morgen. In diesem Moment lag er wahrscheinlich irgendwo in seinem Zuhause im Bett. Der Gedanke, wie Kyriakos halb nackt in einem großen Bett ruhte und schwarze Satinlaken sich um seine Hüften bauschten, während er sich mit einer Hand das Telefon ans Ohr hielt und mit der anderen die dunklen Strähnen aus dem Gesicht strich, sandte Schauer der Erregung ihr Rückgrat hinab. Sie sollte wirklich nicht über solche Dinge nachdenken, aber die Versuchung war so verdammt groß.
„Hallo?“ Jetzt klang er schon nicht mehr ganz so verschlafen und eher gereizt.

Hailey räusperte sich. „Ja, hallo. Hier ist Hailey Williams.“ Schluss jetzt mit den Tagträumereien! Sie musste sich konzentrieren.
„Miss Williams.“ Seine Stimme vibrierte mit einem Knurren, das so überhaupt nicht furchteinflößend klang, sondern eher einladend. Und es stand in krassem Kontrast zu seinem so unnahbaren Verhalten wenige Stunden zuvor. Plötzlich wurde Hailey klar, dass sie in Schwierigkeiten steckte. In großen Schwierigkeiten. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Ich würde gerne einen Termin mit Ihnen vereinbaren. Heute noch, wenn es geht.“
„Aber natürlich.“ Inzwischen klang seine Stimme wieder kühl und professionell. Keine Spur mehr von dem heißen Knurren zuvor.
„Ich würde mir gerne den Tatort ansehen. Heute Abend. So gegen neun Uhr? Ich möchte auch mit den Vampiren reden, die das Opfer gefunden haben.“ Das würde ihr eine Stunde für die Begehung des Tatorts und die Gespräche mit allen Beteiligten geben, sodass ihr eine weitere Stunde zurück zum Sitz von TLH zur Verfügung stünde.
„Wenn Sie mit Ash und Blade sprechen wollen, würde ich vorschlagen, dass Sie sich etwas früher hier einfinden. Ist acht Uhr auch in Ordnung für Sie?“
„Natürlich.“ Zu diesem Zeitpunkt würde sie längst mit den Wölfen gesprochen haben. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir für die Befragung eine Ihrer Räumlichkeiten zur Verfügung stellen könnten.“
„Wie Sie wünschen, Miss Williams.“ Hailey sehnte sich danach, dass er einmal ihren Vornamen ausspräche, so wie Rave Jones es auch tat. Sie wollte wissen, wie er von seinen Lippen klang und ob es ihr die gleichen Schauer über den Rücken sandte, wie wenn er sie Miss Williams nannte. „Am Rande des Territoriums wird jemand auf Sie warten und Sie dann zum Tatort eskortieren. Es sei denn, Sie wollen erst mit Ash und Blade sprechen?“
„Nein, nein. Ich würde mir lieber zuerst den Tatort ansehen.“
„In Ordnung.“
Sie wollte nicht, dass dieses Gespräch jetzt schon endete. Huch, wo kam denn der Gedanke her?
„Vielen Dank, Kyriakos. Ich sehe Sie dann heute Abend.“
„Darauf können Sie sich verlassen.“
Er legte auf.
Und Hailey, ganz taffe Ermittlerin von TLH, ließ ihren Kopf erst einmal auf die Tischplatte vor sich fallen und seufzte lautstark auf. Nachdem sie sich einen Moment Zeit genommen hatte, um wieder klar denken zu können, griff sie erneut nach dem Hörer und wählte die Nummer von Rave Jones. Er hob nach dem zweiten Klingeln ab, und seine warme, sonore Stimme vertrieb die ungewollten Gefühle, die das Gespräch mit Kyriakos in ihr aufgewühlt hatte. Nachdem sie sich einen Moment mit dem Wolf unterhalten hatte, vereinbarten sie einen Termin für vier Uhr heute Nachmittag. Das bedeutete, dass es etwas eng werden könnte, pünktlich zu ihrem Termin mit den Vampiren zu kommen, da die beiden Territorien gut zweieinhalb Stunden auseinanderlagen. Aber es gab Hailey genug Zeit, um nach Hause zu fahren und sich etwas auszuruhen, bevor sie offiziell in dem Fall zu ermitteln begann.
„Verdammt!“, rief sie aus, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie ja gleich noch einen Termin mit der kleinen Nina hatte. Das hatte sie in der Aufregung völlig vergessen. Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen, und sie rief nach Naomi, indem sie ihrer Freundin die Worte direkt in den Kopf zu schicken versuchte.
„Naomi?“
„Ja, meine Liebe?“
„Ist Nina schon da?“ Im Gegensatz zu der exzellenten Telepathin musste Hailey ihre Gedanken noch laut aussprechen, damit die andere sie hören konnte.
„Nein, aber sie müsste jeden Augenblick ankommen. Soll ich den Termin verschieben?“
„Nein, schon gut. Ich wollte nur eigentlich noch nach Hause und mich etwas ausruhen, bevor ich mich erst mit den Wölfen und dann mit den Vampiren treffe.“
„In Ordnung. Ich sage dir Bescheid, sobald sie hier eintrifft.“
„Vielen Dank, Naomi.“
„Keine Ursache, meine Liebe.“

 

Um zwölf Uhr saßen sich Hailey und Nina immer noch in einem der Beratungsräume gegenüber. Die Räume waren in warmen Farben gehalten und mit bequemen Möbeln ausgestattet, die dem Patienten ein Gefühl von Gemütlichkeit und Beruhigung vermitteln sollten. Das blonde Haar trug Nina wie immer offen, und es bedeckte nur notdürftig die schreckliche Narbe an ihrem Hals. Sie war locker gekleidet mit Jeans und T-Shirt, und ihre dunkelblauen Augen blickten nach der mehr als anderthalbstündigen Sitzung nicht mehr ganz so leer. Immer wenn sich Nina in Haileys Nähe befand, versuchte diese auf einem unterschwelligen, nicht aufdringlichen Niveau die emotionalen Wunden des Kindes zu heilen. Das war einfacher gesagt als getan. Denn das Mädchen hatte sich so vollkommen abgeschottet, dass es selbst für Hailey ein ganzes Stück Arbeit bedeutete, durch ihren emotionalen Panzer zu dringen.
„Was ist deine Lieblingsfarbe?“, fragte Hailey. Sie unterhielten sich über belanglose Sachen, während Hailey die emotionalen Narben flickte. Nina wusste ganz genau, was sie tat. Sie hatte es bereits in der ersten Sitzung gemerkt und gefragt, was Hailey da mit ihr anstellte. Das war das erste Mal, dass sie gesprochen hatte. Danach hatte sie wieder für lange Zeit geschwiegen. Damals hatte Hailey es dem Kind natürlich erklären müssen. Ansonsten hätte sie sich womöglich so weit abgeschottet, dass selbst Hailey nicht mehr an sie herangekommen wäre.
„Blau“, wisperte Nina.
Sie beide saßen sich auf einer großen beigefarbenen Couch gegenüber, während die Sonne durch das Fenster schien und den Raum in ein warmes Licht tauchte.
„Meine Lieblingsfarbe ist Rot“, sagte Hailey. Das Mädchen blickte sie mit einem leichten, kaum bemerkbaren Lächeln an, und Hailey lächelte sofort zurück. Sie machten Fortschritte. Aber nur sehr langsam.

Während ihres Gesprächs heilte Hailey die ganze Zeit Ninas tief liegende seelische Wunden. Das erschöpfte sie selbst sehr stark. Nicht nur hatte sie in einem fort ihre mentalen Fähigkeiten anzuwenden, sondern als Empathin musste sie auch die gleichen Gefühle durchleben wie die Person ihr gegenüber. Sie zog die Gefühle des anderen in sich hinein und fühlte dann genau das Gleiche wie die Person selber, Wut, Trauer, Schmerz, Glück, Freude. Der einzige Unterschied war, dass ihre empathischen Fähigkeiten es ihr ermöglichten, mit diesen Gefühlen besser umzugehen und sie schließlich zu neutralisieren. Aber bis dahin durchlebte sie den gleichen Horror wie das kleine Mädchen.
Und so ging es weiter. Hailey stellte belanglose Fragen, und Nina antwortete. Meistens einsilbig. Aber wenigstens redete sie mit Hailey, das war wichtig. Sie unterhielten sich weitere anderthalb Stunden, bevor Hailey die heutige Sitzung gezwungenermaßen beenden musste. Es war bereits halb zwei Uhr mittags, und sie brauchte zwei Stunden, um das Revier der Wölfe zu erreichen. Außerdem hatte sie seit dem Tequila in Kris’ Büro heute Morgen nichts mehr zu sich genommen. Das gab ihr eine knappe halbe Stunde, in der sie sich kurz frisch machen und einen Happen essen konnte, bevor sie sich auch schon auf den Weg zu ihrem Termin beim Rudel machen musste. So viel zum Thema Mittagsschlaf. Hailey schüttelte den Kopf. Sie war müde, hungrig und ausgelaugt nach der langen Sitzung mit Nina. Sie wollte nach Hause und es sich mit einem großen Eisbecher auf ihrer Couch gemütlich machen. Aber jetzt musste sie sich ein Sandwich aus dem Automaten ziehen, in ihren Wagen steigen und sich auf den Weg zum Rudel machen.
Im Leben lief es halt nicht immer so, wie man es sich wünschte.

 

Kapitel 3

Hailey wurde von zwei Wölfen in ihrer tierischen Gestalt zum Hauptsitz des Rudels gebracht. Es war schwierig, dieses Territorium zu beschreiben. Schließlich gab es einen Grund, warum es so weit außerhalb von New Orleans lag. Es war wie eine eigene kleine Stadt, da viele Häuser in unterschiedlichen Größen auf einem riesigen Stück Land angeordnet lagen, in dessen Mitte ein riesiges Gebäude stand, das aussah wie ein altes Herrenhaus. Im Dunkeln wirkte es beinahe wie ein altes Schloss. Doch jetzt am Nachmittag wurde es von hinten von der Sonne beschienen.

Hailey betrachtete es, während sie die lange Auffahrt hochfuhr, die schließlich in einem Kreis vor dem Herrenhaus endete. Es war in einem gemütlich wirkenden Braun gestrichen, und die vielen Fenster waren von beigen Rahmen gesäumt. Von links und rechts führte eine riesige Treppe zum Haupteingang des Hauses, der aus einer riesigen, massiv wirkenden Flügeltür aus Holz bestand. Doch Hailey war sich sicher, dass dieses Haus mehrere Ausgänge besaß. Wölfe waren in der Regel ein wenig paranoid, wenn es um ihre Sicherheit ging. Sowohl an der linken als auch an der rechten Außenseite des Herrenhauses gab es eine Art Turm, der jeweils den Abschluss dieses herrschaftlich wirkenden Gebäudes bildete. Das Dach war in einem etwas dunkleren Braun gehalten als die Fassade, und Hailey konnte sich beinahe bildlich vorstellen, wie riesige Wölfe dort den Mond anheulten.

Sie umrundete die Rasenfläche in der Mitte der kreisförmig endenden Auffahrt, stellte den Motor ihres Wagens ab und stieg aus. Es war bereits einige Minuten nach vier Uhr, und Hailey knirschte mit den Zähnen. Sie kam bereits zu ihrem ersten offiziellen Termin als Vermittlerin zu spät. Das machte bestimmt einen sehr professionellen Eindruck. Aber der Verkehr in der Stadt war doch stärker gewesen als gedacht.

Ein Wolf, ein Weibchen, wie Hailey schätzte, mit sandfarbenem Fell und einer dunkelbraunen Schnauze sowie unglaublich intensiv funkelnden grünen Augen, umrundete das Auto und trabte auf den linken Aufgang der Treppe zu. Der andere, Hailey glaubte, dass es sich um ein Männchen handelte, da er noch einmal um einiges größer war als die sandfarbene Wölfin, blieb neben ihrem Auto stehen. Er besaß ein silbergraues Fell mit teilweise dunkleren Schattierungen und silbernen Augen. Sein Kopf war riesig, und er reichte ihr bis zur Taille. Hailey war sich sicher, dass er nicht eine Sekunde warten würde, bevor er sie angriff, sollte sich herausstellen, dass sie eine Bedrohung darstellte. Und mit seinem enormen Maul würde das sicher schmerzhaft enden. Der Wolf stieß ein leises Knurren aus, weil sie ihn so lange angestarrt hatte, und Hailey setzte sich schnell in Bewegung. Noch während sie die Treppe zum Herrenhaus hinaufstieg, öffnete sich die massive Flügeltür, und Rave Jones trat hinaus.

Er trug noch dasselbe Outfit wie heute früh, doch der harte Zug um seinen Mund war neben den dunklen Schatten in seinen Augen nicht das einzige Zeichen, dass es ihm schlecht ging. Die dunkle Welle aus Zorn, die von ihm ausging, nahm Hailey für einen Moment den Atem. Sie blieb für einen winzigen Augenblick stehen, bevor sie schließlich vor Rave Jones trat. Noch bevor die beiden das erste Wort miteinander gewechselt hatten, begann Hailey den dunklen Schmerz und den Zorn von Rave zu nehmen. Es kostete sie einige Mühe, da sie immer noch erschöpft war von der Sitzung mit Nina. Allerdings lasteten Raves Gefühle so schwer auf ihm, dass Haileys empathisches Wesen gar nicht anders konnte, als ihm zu helfen.

„Hailey.“

Sie brachte ein Lächeln zustande und nickte ihm zu. „Rave. Es tut mir leid, dass ich zu spät bin.“

„Es sind doch nur ein paar Minuten, nicht der Rede wert. Lass uns hineingehen. Logan und Rebecca warten drinnen auf uns.“

Hailey folgte Rave, und sie durchquerten einen imposanten und dennoch gemütlich wirkenden Flur. Auf dem dunklen Holzfußboden lag ein orientalisch anmutender Läufer, der ihre Schritte schluckte. An den Wänden hingen vereinzelte Gemälde, und direkt neben dem Eingang befand sich über einer Holzkommode ein riesiger Spiegel. Während sie auf einen Raum in der Nähe des Eingangs zuschritten, bemerkte Hailey unterschiedlich große Kratzspuren an den Wänden, auf der Treppe, die in die nächste Etage führte, und auf dem Holzfußboden. Das Heim von Wölfen.

Dann öffnete Rave eine Tür, und Hailey hatte sofort das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen. In einem Raum, dessen gemütliche Atmosphäre geradezu lächerlich wirkte im Gegensatz zu der absolut erdrückenden Stimmung, saß das Betapärchen der Wölfe an einem runden Tisch. Die Sonne schien durch die beiden Fenster, konnte aber nicht die Trauer aus dem Zimmer vertreiben. Rebecca war eine zierliche kleine Rothaarige mit funkelnden grünen Augen, die jetzt tränenverhangen waren. Logan hingegen war etwa von gleicher Statur wie Rave mit militärisch kurz geschnittenem schwarzem Haar und grauen Augen. Auch von ihm ging starke Trauer aus. Allerdings versuchte er sie unter der enormen und alles verzehrenden Wut zu verbergen. Hailey nahm sie natürlich dennoch wahr. Und obwohl sie emotional bereits so erschöpft war, dass sie meinte, sie müsste jede Sekunde zusammenbrechen, begann sie auch die seelischen Wunden des Betapärchens zu heilen. Zum Glück waren die Emotionen der Gestaltwandler nicht hinter dicken Mauern verborgen, was Hailey den Zugang erleichterte.

Als Rave die Tür geöffnet hatte, hatten sich die Blicke der Wölfe sofort auf Hailey gerichtet, und sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln zustande zu bringen.

„Guten Tag! Mein Name ist Hailey Williams.“

„Hallo! Ich bin Rebecca. Das ist Logan, mein Gefährte“, wisperte Rebecca und strich sich das schulterlange Haar aus dem Gesicht. Ein zerknittertes Taschentuch verbarg sie in ihrer Hand. Logan nickte ihr nur zu, während Rave Hailey einen Stuhl herauszog und sich dann neben sie setzte.

„Mein herzliches Beileid. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich das Ganze für Sie sein muss.“ Haileys Worte kamen ihr selber hohl vor, wo sie doch fühlen konnte, welches große Leid die beiden mit sich herumtrugen, doch irgendetwas musste sie schließlich sagen.

„Danke“, brummte der männliche Beta der Wölfe. Und Hailey zuckte innerlich zusammen. Seine Stimme glich einem tiefen Donnergrollen. Es klang nach Gefahr und versprach demjenigen Vergeltung, der seine Adoptivtochter so kaltblütig ermordet hatte. Hailey wusste, dass Logan der Wolf gewesen war, der Rave zum Tatort begleitet hatte, Rave hatte es ihr erzählt. Also hatte er gesehen, was Jessica passiert war. Während Hailey weiterhin versuchte etwas von der Trauer von den anwesenden Wölfen zu nehmen, begann sie das Gespräch.

„Ich weiß, dass das sehr schwer für Sie sein muss. Aber bitte, erzählen Sie mir doch etwas über Jessica.“ Logans Miene versteinerte sich, als sie den Namen aussprach, doch Rebecca nickte nur.

„Sie war wunderbar. Jeder mochte sie.“ Sie blickte Rave an, der bestätigend nickte. „Sie kam im Alter von drei Jahren zu uns. Noch so klein, und sie war ein so süßer Welpe. Wir nahmen sie auf und zogen sie groß als eine von uns. Die Wölfe akzeptierten sie sofort, und das Rudel nahm sie gleich als Mitglied auf.“ Ein leises Schluchzen entrang sich Rebeccas Kehle, und augenblicklich ergriff Logan ihre Hand und drückte sie. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu, und unter dem Zorn leuchtete kurz die unendliche Liebe zwischen den beiden auf. Sie würden es überstehen, dessen war Hailey sich in diesem Moment sicher. Es würde schwer werden, aber solange sie einander hatten, würden Rebecca und Logan auch diese schreckliche Tragödie bewältigen.

„Erzählen Sie mir bitte etwas über Jessicas Alltag. Wo ging sie wann hin, welche Hobbys hatte sie, wer waren ihre Freunde. Alles, was Ihnen wichtig erscheint“, sagte Hailey, die inzwischen einen Notizblock und einen Stift aus ihrer Tasche geholt hatte. Rebecca nickte und erzählte weiter, während Logan wie ein dunkler Beschützer neben ihr aufragte.

„Jessica besuchte die Abendschule, sie studierte griechische Mythologie. Außerdem hatte sie einen Sprachkurs in Altgriechisch belegt. Sie interessierte sich sehr für die Griechen und ihre Götter. Das war ein sehr faszinierendes Konzept für sie.“ Ein warmes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, bevor es wieder von der Trauer verschluckt wurde.

„Wann fanden diese Kurse statt, Rebecca?“ Haileys Stimme war warm und sanft, während ihre empathischen Fähigkeiten etwas von dem Schmerz von Rebecca nahmen, damit sie weiterreden konnte.

„Die Abendschule besuchte sie von Montag bis Freitag von sechs bis zehn Uhr abends, außer am Mittwoch. Da hatte sie frei. Der Sprachkurs fand dienstags, donnerstags und samstags von zehn bis zwölf Uhr morgens statt. Von unserem Haus brauchte sie gut zwei Stunden zu der Schule, an der sowohl die Vorlesungen als auch die Sprachkurse stattfinden.“ Hailey schrieb all das auf ihren Notizblock. „Sie hatte gerade eine Hausarbeit zurückbekommen, eine Eins. Sie war so stolz …“ Rebecca versagte die Stimme, und Tränen rollten über ihre Wange, als sie sich an ihre Adoptivtochter erinnerte. Sofort zog Logan sie auf seinen Schoß, ungeachtet des Stuhls, auf dem sie saß, und legte beschützend seine Arme um sie. Rebecca kuschelte sich an ihn und barg ihr Gesicht an seinem Hals.

„Sie hatte viele Freunde“, nahm Logan den Faden wieder auf, während er beruhigend über den Rücken seiner Frau strich. „Alle ein Teil des Rudels. Sie hatte nicht viel Kontakt zu Leuten außerhalb des Rudels. Und wir beschützen uns gegenseitig. Wir hätten sie beschützen müssen.“ Ein tiefes Knurren entrang sich seiner Kehle, und Rebeccas Hand legte sich auf sein Herz, wie um ihn zu beruhigen. Hailey war fasziniert von dem Zusammenspiel der beiden Wölfe. Da war eine tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen ihnen. Sie bezogen Kraft aus dem jeweils anderen mit einer Selbstverständlichkeit, die Hailey einen Stich der Eifersucht versetzte.

„Wann haben Sie ihr Verschwinden bemerkt?“

Jetzt richtete sich Rebecca wieder etwas auf und blickte Hailey an. „Am Mittwoch.“ Heute war Montag. Demnach hatte sich Jessica fünf Tage in der Gewalt ihres Peinigers befunden, bevor sie ermordet worden war. Hailey konnte und wollte sich gar nicht vorstellen, was sie durchlebt haben musste. „Warum haben Sie nicht die Polizei verständigt?“, fragte Hailey. Jetzt war es wieder Logan, der ihr antwortete, und in seiner Stimme schwang ein Knurren mit.

„Sie war zwanzig. In diesem Alter sind wir noch Jugendliche. Da ist es nichts Besonderes, wenn mal einer für einen Tag verschwindet. Wir brauchen diese Unabhängigkeit. Als sie allerdings Donnerstagabend noch nicht wieder da war, machten wir uns auf die Suche. Das Ganze war eine Angelegenheit des Rudels. Sie ist … war eine von uns. Wir haben es nicht gerne, wenn sich andere in unsere Angelegenheiten einmischen.“

„Vielen Dank!“ Hailey schaute auf ihre Uhr. Es war kurz nach fünf Uhr. „Ich denke, das wäre für den Moment alles. Sie haben mir wirklich weitergeholfen.“ Und das hatten sie wirklich. Hailey hatte jetzt einen besseren Eindruck von der toten Wölfin. Und sie war noch entschlossener, den Fall aufzuklären, als zuvor.

Auf einmal überkam Hailey ein tiefes Schuldgefühl. Eine Frau war tot, eine Tochter, eine Freundin. Ein Teil des Rudels. Und die meiste Zeit heute Morgen war sie damit beschäftigt gewesen, ihre unangebrachten Gefühle in Bezug auf Kyriakos unter Kontrolle zu bringen. Wie nichtig und undwichtig ihre eigenen Probleme doch waren in Anbetracht des unermesslichen Leids, einen Teil der eigenen Familie zu verlieren. Hailey war noch zu klein gewesen, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, als dass sie sich wirklich daran erinnern konnte. Und als sie in die Augen des Betapärchens blickte, die von Kummer und Zorn gezeichnet waren, wurde ihr klar, dass sie nicht einmal daran denken konnte, sich auf Kyriakos einzulassen, auch nicht für eine Nacht, solange sie den Mörder der armen Jessica nicht gefunden hatte.

Langsam erhob sie sich und Rave ebenso. Er hatte während des ganzen Gesprächs schweigend neben ihr gesessen. Logan und Rebecca blieben sitzen und spendeten einander weiter Trost. Bevor sie allerdings den Raum verlassen konnte, drehte sich Hailey noch einmal um und schaute auf das Betapärchen der Wölfe.

„Ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, um den Mörder ihrer Tochter zu finden.“ Logan nickte ihr grimmig zu, und dann verließen sie und Rave den Raum. Während sie auf den Eingang des Herrenhauses zuschritten, sprach keiner von ihnen ein Wort. Erst als sie Haileys Auto erreicht hatten, richtete Rave das Wort an sie.

„Was hast du dort drinnen gemacht, Hailey?“ Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen, wirkte dennoch aber nicht feindselig. „Du hast es heute Morgen im Konferenzraum auch gemacht. Und erzähl mir nicht, dass du nichts gemacht hast.“

Verdammt!

„Ich … äh …“ Hailey stammelte. Normalerweise fiel es den Leuten nicht auf, wenn sie ihre empathischen Fähigkeiten einsetzte. Aber Nina hatte es schließlich auch gemerkt. Da war es doch wohl nur selbstverständlich, dass ein Gestaltwandler, noch dazu ein Alpha, es auch mitkriegte. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich habe nur versucht zu helfen. Ich bin eine Empathin.“ Sie schaute Rave an, doch der nickte nur mit dem Kopf, und so sprach sie weiter. „Ich kann nichts dafür. Es liegt in meiner Natur. Und alle waren so … aufgewühlt und von der eigenen Trauer vereinnahmt, das konnte ich nicht ignorieren.“ Sie nahm all ihren Mut zusammen, bevor sie den letzten Satz aussprach. „Ich werde mich nicht dafür entschuldigen.“

Rave nickte. „Ich habe mir so etwas bereits gedacht. Und du brauchst dich auch nicht zu entschuldigen. Ich wollte nur wissen, was du getan hast.“ Plötzlich nahm Rave sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Für einen Moment verspannte sich Hailey, doch dann erwiderte sie seine Umarmung. „Vielen Dank“, flüsterte er in ihr Ohr, bevor er sie aus seinen Armen entließ und sie in ihr Auto steigen konnte.

Hailey konnte Rave in ihrem Rückspiegel sehen, während sie die Auffahrt wieder hinunterfuhr, um das Territorium der Wölfe hinter sich zu lassen. Die gleichen Wölfe wie zuvor eskortierten sie wieder, bis sie schließlich die Grenze erreicht hatten, dann verschwanden sie, und Hailey machte sich auf den Weg zu ihrem nächsten Termin.

Es war Zeit für ihr Treffen mit den Vampiren.

 

Rave starrte Hailey nach, als sie davonfuhr. Auf sein Nicken hin, folgten ihr Julian und Layla wieder bis zu den Grenzen ihres Territoriums. Es war nicht so, als würde er ihr nicht vertrauen. Doch vor Kurzem war eine der ihren ermordet worden, und zwar kaltblütig. Das ganze Rudel stand nun unter Spannung, und es war seine Aufgabe, seine Leute zu beruhigen. Manchmal hasste er es, der Alpha zu sein. Logan, sein Bruder, wäre der viel bessere Wolf für diese Position gewesen. Er hatte eine Gefährtin und war mehr Führungsperson als Rave. Doch Rave war der Ältere der beiden, und damit hatte er das Vorrecht als Alpha. Außerdem hatte Logan ihn herausgefordert, kurz nachdem er Alpha geworden war. Und Logan hatte verloren.

Rave rieb sich den Nacken und atmete tief durch. Das Gewicht des Verlustes von Jessica lastete schwer auf seinen Schultern. Sie war seine Nichte gewesen. Die Tochter seines Bruders. Er hatte sie geliebt, wie sie alle. Und nun war sie tot. Niemals wieder würde er sie im Poker schlagen oder mit ihr herumalbern. Niemals wieder würde er ihr Lachen hören. Ein tiefes Knurren entrang sich seiner Kehle und plötzlich stand seine Schwester neben ihm.

Lorena war im Gegensatz zu ihren beiden Brüdern winzig, gerade mal einen Meter sechzig. Aber sie hatte ebenfalls das dunkle Haar ihrer Familie geerbt. Auch sie war ein schwarzer Wolf, wie Logan und er selbst. Allerdings hatten die drei Geschwister unterschiedliche Augenfarben. Raves Augen waren schokoladenbraun, Logans grau und Lorenas von einem so unglaublichen Indigoblau, dass sie manchmal dunkellila wirkten.

„Lor, was machst du hier?“, seufzte Rave. Er hatte seiner kleinen Schwester gesagt, sie solle im Haus bleiben. Es fiel ihm schon schwer genug, mit dem Tod von Jessica zurechtzukommen, doch den Verlust seiner kleinen Schwester würden weder er noch Logan verkraften können. Die Brüder würden daran zerbrechen. Lor war der Mittelpunkt ihres Lebens. Auch wenn Logan seit einer Weile eine Gefährtin hatte, so war Lor doch immer noch ein sehr wichtiger Teil seines Lebens.

Seit sie geboren worden war, hatten die Brüder ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen und sie wie die Prinzessin behandelt, die sie war. Als sie ihren ersten Freund nach Hause gebracht hatte, war es nicht ihr Vater gewesen, um den er sich hatte Sorgen machen müssen. Nein, es waren die beiden stattlichen Brüder mit dem unnachgiebigen Blick gewesen, die ihn bereits an der Eingangstür erwartet hatten, um ihn dann ganz schnell wieder zu vertreiben. Lor hatte eine Woche nicht mit ihnen geredet.

„Ich habe dich hier stehen gesehen und dachte mir, du könntest vielleicht etwas Gesellschaft brauchen.“ Ihre Stimme war so sanft wie eine Glocke. Lorena bedeutete „die Mitfühlende“. Es gab wirklich keinen passenderen Namen für seine kleine Schwester. Die Gefühle anderer standen für sie immer an erster Stelle.

Er dachte wieder an Hailey, deren Auto längst im Wald verschwunden war. Eine Empathin. Sehr interessant. Es war komisch, dass ihm das bei ihren vorherigen Begegnungen noch nicht aufgefallen war. Allerdings war er auch immer sehr beschäftigt damit gewesen, ihren hinreißenden Körper anzustarren. Hailey war eine schöne Frau. Und das Tier in ihm wollte die weichen Kurven unter ihrer Kleidung schmecken. Es gefiel ihm, dass sie Rundungen hatte, die die meisten Frauen heutzutage nicht mehr besaßen. Er verstand dieses verquere Schönheitsideal nicht, dem so viele Frauen nacheiferten. Was um Himmels willen war schön an einer Frau, die nur aus Haut und Knochen bestand? Nein, er wollte weiches, nachgiebiges Fleisch unter seinen Händen spüren.

„Mir geht es gut, Lor.“ Er schaute seine Schwester an und brachte ein Lächeln zustande. Das Rudel brauchte jetzt seine Stärke.

„Wer war die Frau, die vorhin hier war? Sie roch gut.“

Bei Gestaltwandlern ging es viel um Gerüche. Oft entschied der Geruch einer Person, ob ein Gestaltwandler diese mochte oder nicht. Dass Lor also gesagt hatte, dass Hailey gut roch, bedeutete, dass sie ihr sympathisch war.

„Hailey Williams. Sie ist die Vermittlerin von The Last Hope, die sich um Jessicas Ermordung kümmert.“

Sofort trübten sich die Augen seiner Schwester, und dunkle Schatten zeichneten ihre weichen Züge. Auf der Stelle bereute Rave, das Thema überhaupt zur Sprache gebracht zu haben, und legte einen Arm um ihre Schultern.

„Komm lass uns hineingehen. Vielleicht wollen Rebecca und Logan mit uns essen.“

Seine Schwester nickte, und zusammen kehrten sie ins Haus zurück. Rave hoffte wirklich, dass Hailey es schaffte, den Mörder zu schnappen, und zwar bald. Ansonsten würde das Rudel sich um diese Angelegenheit kümmern. Und es würde ihnen egal sein, welche Konsequenzen das mit sich brächte.

 

Während Hailey zum Territorium der Vampire fuhr, überkam sie heftige Erschöpfung, und beinahe verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen.

„Verdammt!“, murmelte sie und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

Sie war jetzt seit über fünfzehn Stunden wach und hatte in der Nacht davor auch nicht besonders viel Schlaf abgekriegt. Dazu kamen noch die ereignisreichen Stunden am Morgen und die erschöpfende Sitzung mit Nina. Es hatte auch nicht gerade geholfen, dass sie während des Gesprächs mit den Wölfen die ganze Zeit versucht hatte, deren Schmerz zu lindern. Inzwischen war sie sowohl physisch als auch psychisch ausgelaugt. Sie seufzte.

Es dürfte nicht mehr als ein paar Minuten dauern, und dann hätte sie das Territorium des Clans erreicht.

Vielleicht kann ich mich dort einen Moment ausruhen, nachdem ich mir den Tatort angesehen habe. Kyriakos hätte bestimmt nichts dagegen … Hailey erschrak bei diesem Gedanken. Kyriakos würde bestimmt nichts dagegen haben? Woran verdammt noch mal dachte sie hier eigentlich gerade? Wütend auf sich selber fuhr sie weiter.

Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden, als sie am Straßenrand eine Frau stehen sah. Vorsichtig drosselte Hailey die Geschwindigkeit und blieb schließlich neben der Frau stehen. Sie war brünett und trug eine Brille. Auf den ersten Blick sah sie wie eine nette Studentin aus, die den größten Teil ihrer Zeit in der Bibliothek verbrachte. Irgendwie war sie Hailey sympathisch. Die Frau öffnete vorsichtig die Tür und beugte sich in das Wageninnere.

„Sie müssen Hailey Williams sein. Ich bin Jasmin. Kyriakos schickt mich, um Sie abzuholen.“

Sie blickte so schüchtern drein, dass Hailey ihr aufmunternd zulächelte. Die Frau errötete leicht. Ein Vampir, der errötete? Jetzt hatte sie aber wirklich alles gesehen im Leben.

„Ja, hallo, ich bin Hailey. Laufen wir, oder wollen Sie einsteigen?“

„Wir können auch laufen, wenn Ihnen das lieber ist. Aber es ist noch ein ganzes Stück bis zur Burg.“

„Na dann fahren wir natürlich. Kommen Sie rein, Jasmin!“

Die Vampirin stieg ein und schloss die Tür genauso vorsichtig, wie sie sie geöffnet hatte.

„Bitte folgen Sie der Straße. Etwas weiter hinten kommt eine Abzweigung, die uns dann zur Burg führen wird. Ich werde Ihnen aber rechtzeitig Bescheid sagen.“

Hailey legte den Gang ein und fuhr wieder los. Sie war noch nie zuvor auf dem Territorium der Vampire gewesen und kannte dementsprechend den Weg nicht.

„Können Sie Sonnenlicht vertragen?“, platzte Hailey nach ein paar Minuten Schweigen heraus. Jasmin blickte sie überrascht an und errötete dann wieder.

„Nein. Das können nur die Ältesten von uns.“ Aha! Ein kleine, aber äußerst wichtige Information. Und als würde Jasmin gerade bewusst, was sie da von sich gegeben hatte, errötete sie noch tiefer, und ihre Augen nahmen einen gehetzten Ausdruck an.

„Oh Gott! Das hätte ich Ihnen gar nicht sagen dürfen! Bitte verraten Sie nichts Kyriakos. Das wird ihm gar nicht gefallen.“ Nervös biss sich Jasmin auf ihre Unterlippe, und Hailey hatte sofort Mitleid mit der jungen Frau.

„Schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich. Ich werde Kyriakos nichts sagen.“ Und Hailey würde wirklich nichts verraten, allerdings würde sie dieses kleine Detail über Vampire auch nicht vergessen.

Als Jasmin nicht wieder anfing zu sprechen, schaute Hailey sie kurz an, bevor sie wieder auf die Straße blickte.

„Jasmin? Wenn Sie kein Sonnenlicht vertragen, wie konnten sie dann dort am Straßenrand stehen und auf mich warten? Die Sonne war doch gerade erst untergegangen.“

„Das ist ganz einfach.“ Sie lächelte leicht. „Ich habe zu Hause einen Kalender, der mir genau sagt, wann die Sonne jeden Tag auf- und untergeht. Im Moment haben wir noch das Glück, dass es trotz des Frühlings relativ schnell dunkel wird. Aber das wird sich bald ändern.“ Sie seufzte leise. „Na ja, jedenfalls habe ich mich im Schatten der Bäume gehalten, seit ich die Burg verlassen habe. Dadurch war ich geschützt. Außerdem brauche ich ja nicht so lange.“ Wieder lächelte sie scheu.

Natürlich. Vampire waren übernatürlich schnell. Sie hatte für den Weg wahrscheinlich nur ein paar Minuten benötigt.

„Ach so“, sagte Hailey und fuhr weiter. „Und was ist das mit der Brille? Ich dachte bei der Wandlung verschwinden solche Sachen.“

Jasmin blickte etwas verlegen drein und schob die Brille auf ihrem Nasenrücken nach oben. „Die Gläser sind aus ganz normalem Glas. Eigentlich brauche ich keine Brille, aber nach der Wandlung kam ich mir seltsam vor ohne sie. Was wirklich komisch war, denn am Anfang mochte ich meine Brille überhaupt nicht, und jetzt trage ich sie freiwillig.“ Die junge Frau lächelte, und Hailey entschied, dass sie ihr wirklich sympathisch war.

Wenige Augenblicke später wies Jasmin auf einen so schmalen und versteckten Pfad, dass Hailey ihn mit Sicherheit übersehen hätte, hätte sie keine Führerin dabeigehabt.

„Wir müssen dort abbiegen, Miss Williams.“

Nachdem Hailey eingebogen war, musste sie die Geschwindigkeit wegen der holprigen Strecke etwas drosseln. Aber wahrscheinlich benutzten Vampire nicht so häufig Autos. Sie waren ja selbst viel schneller.

„Bitte nenn mich doch Hailey, Jasmin.“ Damit wechselte Hailey zum vertraulicheren Du. Die junge Frau erschien ihr einfach so nett und freundlich, dass es ihr nur natürlich vorkam. Jasmin war so anders als alle Vampire, die sie bis jetzt kennengelernt hatte. Obwohl sie immer noch keinen Hauch von Gefühlen an der jungen Frau wahrnehmen konnte, war sie ihr sympathischer als jeder andere Vampir.

„Gerne … Hailey.“ Jasmin zögerte einen Moment, bevor sie Haileys Namen aussprach, und verschränkte dann die Hände im Schoß.

Danach fuhren sie schweigend weiter, bis sich der Wald zu beiden Seiten plötzlich lichtete. Was Hailey dann erblickte, war das komplette Gegenteil von dem, was sie eigentlich erwartet hatte. Sie hatte gewusst, dass man den Hauptsitz der Vampire die Burg nannte. Und irgendwie hatte sie erwartet, auf genau so eine mittelalterliche Burg zu treffen. Stattdessen erhob sich jedoch mitten auf einer riesigen Lichtung ein großes, ultramodernes Hochhaus mit mindestens fünfzehn Stockwerken in den immer dunkler werdenden Abendhimmel. Die Fassade war komplett gläsern, und Hailey konnte sich gut vorstellen, dass es auf dem flachen Dach einen Hubschrauberlandeplatz gab. Dieses imposante hochmoderne Gebäude stand in einem so heftigen Kontrast zu der natürlichen Umgebung des Waldes, dass Hailey beinahe lachen musste.

Als sie den Wagen abstellte, schüttelte sie den Kopf.

„Alles in Ordnung, Hailey?“ Jasmins Stimme klang besorgt, und Hailey warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.

„Ja, alles in Ordnung. Ich hatte nur nicht erwartet, dass es so aussehen würde.“

Die beiden Frauen blickten gemeinsam den Hauptsitz der Vampire an. Jasmin kicherte. Ein kichernder Vampir …

„So reagieren die meisten. Sie denken, nur weil wir es die Burg nennen, handelt es sich auch um so ein mittelalterliches Gebäude. Aber das ist es nicht. Von hier aus regelt der Clan all seine geschäftlichen und internen Angelegenheiten. Deswegen muss alles immer auf dem neuesten Stand sein.“ Diesmal zuckte die Vampirin nicht zusammen, also musste es ihr wohl erlaubt sein, diese Information weiterzugeben.

Gemeinsam stiegen die beiden Frauen aus, und im selben Moment öffnete sich die gläserne Tür, und Kyriakos betrat die Lichtung. Er trug immer noch die Lederhose und das schwarze T-Shirt von heute Morgen, allerdings hatte er die Lederjacke abgelegt, und Hailey stockte beim Anblick seiner imposanten Oberarme der Atem. Das muss die Erschöpfung sein, redete sie sich selber ein. Nach wenigen Momenten hatte er die beiden Frauen erreicht. Er blickte Jasmin an und nickte kaum merklich, worauf sich die Vampirin entfernte. Allerdings zog er leicht die Augenbrauen zusammen, als er sie anblickte.

„Auf Wiedersehen, Jasmin“, murmelte Hailey, und die Vampirin drehte sich noch einmal um und lächelte ihr kurz zu, bevor sie im Inneren des Gebäudes verschwand. Ach ja, Vampirgehör.

„Miss Williams. Wie ich sehe, haben Sie sich bereits mit Jasmin angefreundet.“ Kyriakos richtete seinen undurchdringlichen Blick genau auf Hailey, und sofort war die angenehme Stimmung, die sie in der Gesellschaft von Jasmin empfunden hatte, verschwunden.

„Auch Ihnen einen guten Abend Kyriakos“, fauchte sie leicht gereizt. Langsam, aber sicher übernahm die Erschöpfung die Kontrolle. Aber sie musste sich zusammenreißen. Schließlich galt es, einen kaltblütigen Mord aufzuklären. „Jasmin war wirklich sehr nett zu mir.“

Kyriakos nickte nur.

„Wollen Sie sich jetzt den Tatort ansehen?“

Hailey konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. Nein, das wollte sie nicht. Sie wollte nach Hause auf ihre Couch oder noch besser in ihr Bett. Und nach einem Eisbecher oder ein paar Schokoladenkeksen würde sie sich ein paar Stunden erholsamen Schlaf gönnen.

„Ja, bitte“, sagte sie stattdessen.

Kyriakos setzte sich in Bewegung, und Hailey folgte ihm. Allerdings ließ sie vorsorglich etwas Platz zwischen sich und dem Vampirkönig, als sie nebeneinanderher gingen. Ihre Erschöpfung war so übermächtig, dass sie Angst hatte, sie würde sich sofort willenlos gegen ihn sinken lassen, sobald er sie berührte.

„Geht es Ihnen gut?“ Seine plötzliche Frage ließ Hailey zusammenzucken, und sie blickte zu ihm auf. Sie waren eine ganze Weile schweigend nebeneinanderher gegangen, und seltsamerweise hatte ihr das Schweigen nichts ausgemacht. Jetzt aber runzelte sie die Stirn.

„Warum sollte es mir nicht gut gehen?“

„Sie sehen erschöpft aus.“

„Oh!“ Also sah man ihr die Erschöpfung schon an? Na toll! Sie hatte nachher noch einen Termin bei Jack und wollte kompetent wirken und nicht aussehen wie ein Zombie. Mit einem Seufzen strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und band sie dann mit einem Haargummi zu einem straffen Zopf zusammen. Sie würden sie sowieso nur stören, wenn sie sich den Tatort ansah. „Sehe ich wirklich so schlimm aus?“

Kyriakos blieb direkt vor ihr stehen, und Hailey wäre beinahe in ihn hineingelaufen. Er blickte ihr ins Gesicht und schien jeden einzelnen Zentimeter genau zu betrachten. Während sie merkte, wie sie langsam, aber sicher rot anlief, blieb sein Ausdruck wie immer völlig unbewegt.

„Was?“, fuhr sie ihn an, als er immer noch nichts sagte.

„Sie könnten niemals ‚schlimm‘ aussehen, Miss Williams.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Allerdings sehen sie wirklich müde und erschöpft aus. Wir können uns den Tatort auch ein anderes Mal anschauen.“

„Nein“, antwortete sie sofort. Sie musste das jetzt erledigen. Jessica verließ sich auf sie.

Er nickte und ging weiter.

Ein paar Minuten später erreichten sie den Tatort. Eine Vampirin stand auf einer Wiese, die nur von wenigen Bäumen umgeben war. Dieser Ort schien immer noch ein Teil der riesigen Lichtung zu sein, auf der sich auch der Hauptsitz der Vampire befand. Allerdings begann kurz hinter dieser Stelle bereits wieder der dichte Wald. Hailey schaute die Vampirin an und musste ein Lächeln unterdrücken.

Sie sah aus wie eine wütende Fee. Sie hatte kurze blonde Haare, die sie zu einer wilden Stachelfrisur gestylt hatte. Ihre Gesichtszüge waren von so außerordentlicher Feinheit, dass sie Hailey wie von Meisterhand gemalt erschienen. Eine niedliche Nase über einem weichen Mund mit rosafarbenen Lippen. Aber was einem besonders auffiel, waren diese außergewöhnlich blauen Augen. Sie waren von einem so strahlenden Blau, dass sie Hailey automatisch an einen wolkenlosen Sommerhimmel erinnerten. Die Frau war zudem ganz in Schwarz gekleidet. Ihr Körper war genauso zierlich wie der Rest von ihr. Eine zerrissene schwarze Jeans wurde von einem Nietengürtel um ihre Hüften gehalten. Dazu trug sie ein eng anliegendes schwarzes T-Shirt mit dem Logo einer Band, die Hailey nicht kannte. Ihre kleinen Füße steckten in schweren Bikerstiefeln. Und an ihrem rechten Arm trug sie einen Samthandschuh, der ihren kompletten Unterarm bedeckte und ihr bis über den Ellenbogen reichte. Als sie sich von dem Baum abstoß, an dem sie lehnte, konnte Hailey ein schwarzes Tattoo auf ihrer Hüfte entdecken. Allerdings konnte sie nicht erkennen, was es darstellen sollte.

Die Frau empfing sie und Kyriakos und nickte dem Vampir zu.

„Miss Williams, das ist Ashlyn. Die Vampirin, die die Leiche gefunden hat.“ Kyriakos wandte sich der Vampirin zu. „Ash, das ist Hailey Williams.“

Ashlyn nickte Hailey zu und brachte ein schmales Lächeln zustande. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Williams.“ Ihre Stimme klang genauso sanft, wie sie aussah.

Hailey neigte den Kopf. „Mich auch, Ashlyn.“ Während für Gestaltwandler der körperliche Kontakt zu anderen Personen etwas vollkommen Normales war, hielten sich Vampire damit eher etwas zurück. Hailey sollte es nur recht sein.

„Miss Williams.“ Kyriakos lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich und deutete auf die Stelle hinter Ashlyn. „An diesem Ort wurde die Leiche gefunden. Schauen Sie sich ruhig um. Die Polizei war ja bereits hier und hat ihn auf Spuren untersucht.“

Hailey nickte und lief an Kyriakos und Ashlyn vorbei, bevor sie schließlich wieder stehen blieb und auf das Stück grünen Rasen hinunterblickte. Hier und da konnte sie Blutflecken auf dem sonst strahlenden Grün entdecken, und Kälte breitete sich in ihr aus. Hier hatte man Jessicas Körper abgeladen, nachdem sie rücksichtslos ermordet worden war. An manchen Stellen waren die Grashalme abgeknickt, und Hailey konnte ungefähr die Umrisse erkennen, die der Körper der toten Wölfin hinterlassen hatte.

Hinter ihr unterhielten sich Kyriakos und Ashlyn leise, und Hailey drehte sich um, gerade als sich die Vampirin entfernte.

„Wo geht sie hin?“, fragte Hailey mit einem Stirnrunzeln. Schließlich hatte Ashlyn die Leiche gefunden, und Hailey wollte mit ihr und dem anderen Vampir reden, der die Leiche gesehen hatte.

„Ich lasse diesen Ort bewachen, seit man das Opfer gefunden hat. Allerdings wollen Sie sich ja mit Ash und Blade unterhalten. Also geht sie schon einmal vor und wartet in der Burg auf Sie. Sobald wir hier fertig sind, wird jemand anders die Bewachung übernehmen.“

Sie nickte Kyriakos zu und blickte dann an ihm vorbei. Die Burg war noch gut zu sehen, und Hailey schätzte die Entfernung auf vielleicht gut einen Kilometer. Ziemlich mutig, einen Leichnam in so kurzer Entfernung zum Hauptsitz der Vampire abzuladen. Der Täter musste sich ziemlich sicher gefühlt haben.

Hailey ging einmal im Kreis um den Tatort und versuchte sich von allen Seiten einen Eindruck zu verschaffen. Der nahe liegende, dichte Wald bot die ideale Möglichkeit, um schnell wieder zu verschwinden. Dennoch hätte es doch irgendjemandem auffallen müssen, dass eine Leiche abgeladen worden war. Schließlich befanden sie sich hier auf dem Territorium der Vampire. Alle ausgestattet mit übernatürlichen Sinnen und einer Schnelligkeit, die beängstigend war. Sie runzelte die Stirn. Es hätte jemandem auffallen müssen.

Noch einmal ging sie im Kreis, bis sich Kyriakos schließlich wieder in ihrem Rücken befand. Er verhielt sich absolut ruhig, während sie sich alles genau ansah, und trotzdem irritierte sie seine Gegenwart. Hailey konnte nicht einmal genau sagen, woran es lag, aber seine Präsenz machte sie nervös.

Schließlich wandte sie sich ab und ging zurück zu dem Vampir. Es hatte keinen Zweck. Die Leiche war nicht mehr da, und etwaige Spuren waren schon seit Stunden verschwunden. Auf dem Weg hierher hatte sie eine Nachricht bei der Polizei hinterlassen, also müsste sie die Tatortfotos morgen früh auf dem Schreibtisch haben. Vielleicht würde sie darauf etwas erkennen können.

„Ich bin hier fertig.“

Kyriakos nickte. „Dann lassen Sie uns zu Ash und Blade gehen, damit Sie sie befragen können.“ Hailey fühlte sich wirklich nicht in der Lage, sich mit drei Vampiren in einem Zimmer aufzuhalten und eine Befragung durchzuführen. Vampire machten sie immer nervös. Und nun gleich drei davon in einem Raum mit ihr. Und einer davon war Kyriakos, und das in ihrem Zustand. Beinahe verzog sie das Gesicht. Es war nicht fair.

 

Kyriakos begleitete Hailey zurück zur Burg, und dann fuhren sie gemeinsam in das Stockwerk, in dem die Konferenzräume lagen. Entgegen der allgemeinen Meinung waren Vampire ziemlich gute Geschäftsleute und an mehr Geschäften des täglichen Lebens beteiligt, als die Menschen dachten. Neben Konferenzräumen und hochmodernen Büros verfügte der Hauptsitz der Vampire auch über ein Labor, das viele menschliche Wissenschaftler zum Weinen bringen würde angesichts der Technik, mit der es ausgestattet war.

Dank seiner erfolgreichen Geschäfte mangelte es dem Clan nicht an Geld. Außerdem arbeiteten die meisten Vampire in Firmen, die dem Clan gehörten, oder an Geschäften, die dem Clan zugutekamen.

Sie erreichten den Raum, in dem Ash und Blade auf sie warteten. Kyriakos zögerte einen Moment, bevor er die Tür öffnete. Hailey sah erschöpft aus, und dunkle Ringe lagen um ihre Augen. Außerdem hatte er ein leichtes Zittern ihrer Hände bemerkt. Der Teil von ihm, der sich schon seit dem ersten Abend zu ihr hingezogen fühlte, wollte sie in seine Gemächer weit weg von der Burg bringen, damit sie sich dort ausruhen konnte. Und nachdem sie sich ausgeruht hätte … Schnell verdrängte Kyriakos diesen Gedanken und führte Hailey in den Raum.

Ein langer rechteckiger Tisch stand in der Mitte. Und eigentlich reihten sich um diesen Tisch zehn Holzstühle. Im Moment allerdings befanden sich nur noch sieben an ihrer rechtmäßigen Position. Zwei Stühle – Kyriakos nahm an, dass es die waren, auf denen Ash und Blade gesessen hatten – lagen umgekippt auf dem Boden. Ein weiterer befand sich in Einzelteilen auf dem Tisch. Eines der Tischbeine hielt Ash in ihrer behandschuhten Hand, und sie drückte das spitze Ende gegen Blades Brust. Als Hailey die Szenerie in sich aufnahm, keuchte sie leise.

Die kleine, zierliche Ashlyn hatte den knapp zwei Meter großen und sehr muskulösen Blade gegen die Wand gepresst und hielt das Stuhlbein wie einen Pflock in der Hand. Der männliche Vampir hatte eine aufgesprungene Unterlippe, und seine rechte Wange war rot verfärbt. Allerdings konnte Kyriakos beinahe dabei zusehen, wie diese beiden Wunden wieder heilten. Er seufzte leise. Irgendetwas war da zwischen Blade und Ash, was beide aber geflissentlich ignorierten, um sich stattdessen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an die Kehle sprangen.

Inzwischen mussten die beiden bemerkt haben, dass sie nicht mehr alleine in dem Raum waren, machten jedoch keine Anstalten, voneinander abzulassen.

„Blade. Ash“, sagte Kyriakos leise und der Blick der beiden Vampire richtete sich auf ihn. Blade war ein gut aussehender Mistkerl. Wobei er mit Absicht das Wort Mistkerl benutzte. Blade hatte absolut keine Moralvorstellungen. Er tat einzig und allein das, was er für richtig hielt. Mit Ausnahmen von den Dingen, die Kyriakos von ihm verlangte. Blade war seine rechte Hand und gehörte zu seinem inneren Kreis. Sein innerer Kreis bestand aus fünf Vampiren, die so etwas wie seine persönliche Leibgarde darstellten und jeden seiner Befehle befolgten, ohne Fragen zu stellen. Sie wären aber ohnehin die Einzigen, die seine Entscheidungen infrage stellen dürften.

Blade besaß smaragdgrüne Augen und dunkelbraunes Haar, das er militärisch kurz geschnitten trug. Und vielleicht war dies tatsächlich ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Mensch. Blade war früher bei einer Spezialeinheit des Militärs gewesen. Daher stammten auch seine stark ausgeprägten Muskeln, die so manchen Bodybuilder vor Neid erblassen ließen. Er war massig gebaut, ohne dabei aufgepumpt zu wirken.

Seine Statur machte die ganze Szene umso lächerlicher, da die zierliche Ashlyn ihn an der Wand festnagelte. Natürlich hätte Blade sich befreien können, aber er genoss das Ganze sichtlich. Außerdem war auch Ash Teil seines inneren Kreises, und trotz ihrer Statur war sie überaus tödlich.

„Kyriakos! Erklär diesem Mistkerl, dass er mich nicht die ganze Zeit als Fee beschimpfen soll!“ Ashlyn klang ernsthaft empört. Kyriakos musste ein Lachen unterdrücken und schaute kurz auf Hailey hinunter, die etwas verwirrt wirkte. Das Problem war, dass Ash wirklich aussah wie eine Fee und Blade sie liebend gerne damit aufzog.

Kyriakos schüttelte den Kopf. „Blade.“

„Aber ich kann doch nichts dafür, dass sie aussieht wie eine Fee, Boss.“ Blades dunkle Stimme erfüllte den Raum, und Kyriakos sah aus den Augenwinkeln, wie Hailey als Reaktion instinktiv die Arme vor der Brust verschränkte.

Blades Antwort führte nur dazu, dass Ashlyn wieder zu ihm herumfuhr und ihn anknurrte, während sie das Stuhlbein fester gegen seine Brust drückte.

„Du verdammter, hochnäsiger Mistkerl!“

Blade grinste sie nur herablassend an. „Was denn? Ich habe gehört, dass Feen stolze Geschöpfe sind. Außerdem wedeln sie nur allzu gerne mit ihren kleinen Zauberstäben herum. Allerdings passt dein schwarzes Gothoutfit nicht so ganz ins Bild, kleine Fee. Daran solltest doch noch arbeiten.“

„Das reicht!“, schrie Ash und wollte sich gerade auf Blade stürzen, als Kyriakos‘’ Knurren die beiden unterbrach. Es vibrierte durch den Raum und hallte von den Wänden wider. Hailey trat einen Schritt von ihm weg und starrte ihn mit großen Augen an, aber er achtete nur auf die beiden Vampire, die jetzt voneinander abließen. Blade senkte den Blick und machte sich daran, die beiden umgekippten Stühle wieder hinzustellen und die Überreste auf dem Tisch zu entfernen. Ashlyn murmelte: „’tschuldigung, Kyriakos“, und setzte sich danach.

Kyriakos ignorierte die Tatsache, dass Hailey Abstand zu ihm genommen hatte und legte ihr die Hand auf den Rücken, um sie zum Tisch zu führen. Es war eine harmlose Geste. Allerdings waren die Gefühle, die ihn dabei überkamen, alles andere als harmlos. Ein Blitz durchzuckte ihn von seinen Fingerspitzen aus, und er spürte die Wärme ihres Körpers durch ihre Kleidung hindurch. Sein Geschlecht regte sich. Sie trug noch das gleiche Outfit wie heute Morgen, und er bemerkte, wie Blades Blick sich auf ihre nackten Beine legte, als sie zum Tisch ging. Erneut knurrte Kyriakos, und Blade blickte ihn mit einem Stirnrunzeln an. Er musste irgendetwas in den Augen seines Königs gesehen haben, denn er senkte den Blick auf seine verschränkten Hände auf dem Tisch.

Kyriakos zog einen Stuhl vor Hailey hervor und setzte sich danach neben sie.

„Miss Williams.“ Er benutzte immer noch die formelle Anrede, um eine gewisse Distanz zwischen ihnen beiden zu bewahren. „Ashlyn haben Sie ja bereits kennengelernt. Das ist Blade.“ Er nickte zu dem männlichen Vampir hin.

Etwas verunsichert blickte Hailey in Blades Richtung und zog danach einen kleinen Block und einen Stift aus ihrer Hosentasche. Sie blätterte durch ein paar bereits beschriebene Seiten und hielt dann auf einer leeren Seite inne.

„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für meine Befragung genommen haben. Es wird wohl nicht lange dauern.“ Sobald Hailey sprach, ging ein Ruck durch die versammelten Vampire. Kyriakos musste dem Drang widerstehen, die Augen zu schließen, sich zurückzulehnen und einfach nur ihrer lieblichen Stimme zu lauschen. Etwas an ihrer Stimme bewirkte, dass sich alle in ihrer Nähe sofort entspannten. Es war, als wollte sie einen nur mit dem Klang dazu auffordern, ihr all seine dunklen Geheimnisse zu verraten. Es war erstaunlich. Und ihrer Reaktion nach zu urteilen, ging es Ash und Blade genauso. Beide starrten Hailey für einen kurzen Moment an, bevor sie sich wieder gefangen hatten. Eine wirklich unglaubliche Stimme.

„Kein Problem“, erwiderte Ashlyn und neigte leicht den Kopf. Kyriakos war es egal, wie lange diese Befragung dauern würde. Er genoss das Gefühl, Hailey auf seinem Territorium zu haben. Hier machte er die Regeln.

„Also gut, dann fangen wir mal lieber an.“ Hailey schaute kurz auf ihre Armbanduhr, und Kyriakos fragte sich, ob sie noch etwas anderes heute Abend vorhatte.

„Wann haben Sie die Leiche bemerkt, Ashlyn?“

Die Vampirin zuckte mit den Schultern. „Das muss so gegen halb fünf heute Morgen gewesen sein. Ich hatte gerade meine Runde beendet und war auf dem Weg zurück zur Burg.“

„Ihre Runde?“, fragte Hailey und blickte von ihren Notizen auf.

Ash sah Kyriakos an, und er nickte. „Die Burg wird rund um die Uhr bewacht. Es war einer meiner Kontrollrundgänge. Auf dem Hinweg war die Leiche noch nicht da. Auf dem Rückweg bemerkte ich dann den Blutgeruch in der Luft und machte einen kleinen Umweg. Da fand ich sie an der Stelle, an der Sie gerade waren.“

Hailey nickte und machte sich Notizen. „Haben Sie sonst noch etwas bemerkt? Irgendwas, das anders war als sonst?“

„Sie meinen außer der verstümmelten Leiche auf unserem Rasen?“ Hailey zuckte zusammen, und Kyriakos blickte Ashlyn wütend an. Die runzelte nur die Stirn. „Nein, sonst war alles wie immer.“

„Was haben Sie danach gemacht?“, fragte Hailey und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Dabei spannte das Shirt etwas über ihren Brüsten, und Kyriakos musste sich zwingen, den Blick abzuwenden.

„Ich ließ Kyriakos kontaktieren und rief danach Blade an. Ich wollte sicher sein, dass ich Unterstützung hatte, wenn das Rudel eintraf.“

Hailey blickte sie verwundert an. „Woher wussten Sie, dass das Rudel eintreffen würde?“

„Na ja, am Geruch erkannte ich, dass es sich bei der Leiche um eine Wölfin handelte. Das Rudel ist sehr territorial und hält immer fest zusammen. Sie würden es bemerken, wenn einer der Ihren nicht nach Hause kommt, und sie dann anhand ihres Geruchs aufspüren. Vielleicht trug sie aber auch einen Peilsender oder so.“ Ash zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich mir sicher, dass der Hund und einer seiner Lakaien bald auftauchen würden.“

„Der Hund?“

„Rave Jones. Der Rudelführer.“

Hailey zog die Augenbrauen zusammen, und Kyriakos meinte so etwas wie Missbilligung in ihrem Blick zu sehen. Allerdings sagte sie nichts weiter.

„Gibt es sonst noch etwas, von dem Sie denken, dass ich es wissen sollte?“
Ashlyn dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf.

„Na gut. Sollte Ihnen sonst noch etwas einfallen, können Sie mich jederzeit anrufen. Kyriakos hat die Nummer meines Büros.“ Jetzt wandte Hailey ihre Aufmerksamkeit Blade zu, und Kyriakos spürte, wie sie sich etwas versteifte, als sie Blades Blick begegnete.

„Erzählen Sie mir bitte von Ihren Eindrücken, als Sie am Tatort ankamen.“

Der männliche Vampir zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht viel mehr erzählen, als es Ashlyn bereits getan hat. Nachdem sie mich angerufen hatte, machte ich mich sofort auf den Weg. Ein paar Minuten später müsste ich schon da gewesen sein.“ Ash nickte bestätigend, und Blade fuhr fort. „Kurz nachdem ich eintraf, kamen auch Rave Jones und ein anderer Wolf und verlangten nach der Leiche. Natürlich haben wir sie ihnen nicht gegeben.“

„Warum nicht?“, fragte Hailey.

„Kyriakos war noch nicht da“, sagte Blade, als würde das alles erklären. Und das tat es auch. Normalerweise war sein innerer Kreis dazu berechtigt, alleine Entscheidungen zu treffen, die den Clan betrafen. Allerdings lag ein toter Gestaltwandler auf ihrem Territorium doch etwas außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches.

„Ist Ihnen etwas aufgefallen, das Ihnen ungewöhnlich vorkam?“

„Der Geruch stimmte nicht.“

„Wie meinen Sie das?“

„Die Leiche roch nach modrigem Wasser. So als hätte sie bereits eine Weile in einer schmutzigen Brühe gelegen, bevor sie bei uns abgeladen wurde. Allerdings sah sie nicht danach aus.“

„Stimmt“, mischte sich Ash ein, „jetzt wo du das sagst, fällt es mir auch wieder ein. Da war etwas in der Luft. Es roch beinahe wie in einem Sumpf.“

Hailey machte sich eifrig Notizen und blickte die beiden Vampire danach an. „Sonst noch etwas?“

Diesmal schüttelten beide den Kopf. „Ich fürchte, nicht“, sagte Blade.

„Okay. Vielen Dank! Sie haben mir sehr geholfen.“ Hailey wollte sich gerade erheben, als Kyriakos eine Hand auf ihren Arm legte und sie damit daran hinderte. Er sah Blade und Ash an.

„Ihr könnt jetzt gehen.“

Die beiden nickten, erhoben sich lautlos und verließen danach genauso lautlos den Raum. Als Kyriakos mit Hailey alleine war, wartete er noch einen Moment, bevor er die Hand von ihrem Arm nahm und sich etwas zurücklehnte. Tief sog er ihren Duft in seine Lungen. Sie roch nach Vanille und Pfirsich und Frau. Ein ganz eigener Geruch, der nur Hailey gehörte und Kyriakos magisch anzog. Er wollte den Kopf an ihrem Hals vergraben und von ihrem Duft erfüllt werden. Und danach wollte er die Zähne in das weiche Fleisch ihres Halses senken, um herauszufinden ob sie genauso wunderbar schmeckte, wie sie roch. Bei dem Gedanken konnte er gerade noch verhindern, dass seine Fangzähne ausfuhren. Er hatte sich in ihrer Gegenwart erschreckend wenig unter Kontrolle.

Hailey sah ihn an, und keiner von ihnen sagte ein Wort. Ein paar Strähnen ihres dunklen Haares hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Sie sah müde und erschöpft aus. Und wieder kam ihm der Gedanke, dass er wollte, dass sie sich hier ausruhen sollte, bevor sie wieder nach Hause fuhr. Plötzlich fiel ihm auf, dass er wahrscheinlich etwas sagen sollte. Schließlich war er immer noch der Anführer der Vampire und sie eine Mitarbeiterin von The Last Hope.

„Wie kommen Sie nach Hause, Miss Williams?“

„Mit dem Auto.“ Ihre Stimme klang leicht zittrig und hatte etwas von dem melodiösen Klang verloren, den sie vorher noch gehabt hatte. Innerlich zog er die Augenbrauen zusammen. Etwas stimmte nicht.

„Sie wirken erschöpft. Sind Sie sicher, dass Sie noch in der Lage sind, Auto zu fahren?“

„Natürlich“, erwiderte sie leicht verwirrt. „Ich bin schließlich auch mit dem Auto hergekommen.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich werde dafür sorgen, dass jemand Sie mit Ihrem eigenen Auto nach Hause fährt.“

„Das geht nicht.“ Ein fast panischer Ausdruck lag plötzlich in ihren Augen. Diesmal zog Kyriakos wirklich die Augenbrauen zusammen.

„Und wieso nicht?“, fragte er.

Für einen Moment rutschte sie unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, bevor sie sich wieder fasste und ihm selbstbewusst in die Augen blickte.

„Ich habe gleich noch einen Termin.“

„Mit wem?“ Kyriakos knurrte fast. Der Gedanke, dass sie sich noch mit jemandem treffen würde, vielleicht sogar mit einem Mann, gefiel ihm gar nicht.

„Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.“ Mit diesen Worten erhob sie sich aus ihrem Stuhl, und Kyriakos musste zu ihr aufblicken, was ihm ganz nebenbei einen wunderbaren Blick auf ihre Brüste gewährte. „Vielen Dank, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben. Ich werde mich wieder bei Ihnen melden, sollte ich etwas von Ihnen brauchen.“

Oh, Kyriakos hatte einiges, was er ihr gerne geben würde. Aber nichts davon war geschäftlicher Natur. Verdammt! Er musste sich wirklich zusammenreißen. Langsam, aber sicher stieg ihm Hailey zu Kopf, und er vergaß beinahe, dass sie beide nichts weiter als eine geschäftliche Beziehung verband. Außerdem ermittelte sie in einem Mordfall, der das Rudel und den Clan betraf. Und er würde nicht riskieren, dass sein Verlangen, sie zu besitzen, dem Clan schadete. Allerdings konnte das nicht verhindern, dass sich sein Blick auf ihren Po richtete, als sie sich umdrehte und zur Tür ging. Er unterdrückte ein Knurren und erhob sich.

„Wie Sie wünschen, Miss Williams.“ Seine Stimme verriet nichts von dem Aufruhr in seinem Inneren, und er begleitete sie zu den Aufzügen. Danach fuhren sie schweigend nach unten, und die aufgeladene Atmosphäre zwischen ihnen beiden im Fahrstuhl ließ ihn beinahe mit den Zähnen knirschen.

Als sie in der Eingangshalle ankamen, wartete dort bereits Jasmin auf sie. Während Hailey sich den Tatort angeschaut hatte, hatte er veranlasst, dass Ash Jasmin Bescheid gab, hier auf sie zu warten. Er wollte, dass die junge Vampirin Hailey wieder aus dem Territorium führte. Erstaunt sah Hailey Jasmin an, als sie sich ihr näherten.
„Jasmin.“ Hailey lächelte, und Kyriakos blieb wie angewurzelt stehen. Es war ein warmes und freundliches Lächeln, das von Herzen kam. Sofort wollte er, dass sie ihn auch so ansah. Jasmin lächelte scheu zurück.

„Hallo, Hailey!“

„Was machst du denn hier?“, fragte Hailey, und ihre Stimme hatte wieder ihren natürlichen melodiösen Klang angenommen. Er fragte sich, was sie dazu veranlasst hatte, ihre Stimmlage zu ändern, als sie mit ihm alleine gewesen war. Vielleicht war es aber auch unbewusst geschehen, und sie hatte diese kleine Veränderung gar nicht bemerkt.

„Ich begleite dich wieder aus unserem Territorium. Es ist bereits ziemlich dunkel.“ Es war beinahe zehn Uhr abends, und der Weg zur Hauptstraße war ziemlich uneben. Kyriakos wollte nicht, dass Hailey einen Unfall hatte.

Sie blickte etwas überrascht, nickte dann aber, was Kyriakos verwunderte. Sie schien ihm nicht der Typ Frau zu sein, der sich gerne kontrollieren ließ oder Befehlen Folge leistete. Zu schade. Er war der Inbegriff eines Kontrollfreaks. Als sie gerade gehen wollte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

„Vielen Dank noch mal! Ich melde mich dann wieder bei Ihnen.“

Kyriakos nickte nur und starrte ihr dann hinterher, als sie davonging. Er wendete sich Jasmin zu, die bei ihm stehen geblieben war. „Sie wirkt schwach. Pass gut auf sie auf. Und folge ihrem Wagen, nachdem du ausgestiegen bist. Stell sicher, dass sie gut nach Hause kommt.“ Seine Stimme klang dunkel und duldete keinen Widerspruch. Die junge Vampirin nickte und folgte Hailey dann nach draußen.

 

Hailey fuhr vor ihrem Haus vor und schwankte ein wenig, als sie auf ihre Haustür zuschritt. Nach dem Gespräch mit Jack konnte sie die Erschöpfung nicht mehr ignorieren. Sie übermannte sie mit unnachgiebiger Macht. Während sie auf ihre Haustür zuschritt, hatte sie die ganze Zeit das Gefühl, als würde sie jemand beobachten. Aber als sie sich umblickte, konnte sie nichts erkennen. Also tat sie es mit einem Schulterzucken ab und öffnete ihre Haustür. Es kam ihr vor, als wäre es eine Ewigkeit her, seit sie diese heute Morgen hinter sich geschlossen hatte. So viel war seitdem passiert.

Mit einem Seufzen schloss sie die Tür hinter sich und warf ihren Schlüssel auf die Kommode im Flur. Danach stapfte sie nach oben in ihr Schlafzimmer und schlüpfte aus ihrer Kleidung. Ihr Gespräch mit Jack war ganz und gar nicht so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Er hatte sich von ihr den Fall darlegen lassen, hatte einen Blick auf ihre Notizen geworfen und sich danach ihre Einwände bezüglich ihrer Eignung angehört. Sie hatte ihm alles erzählt, bis auf das winzige Detail, dass da etwas zwischen ihr und dem Vampirkönig war. Nach alldem hatte sie erwartet, er würde ihr den Fall schneller entziehen, als sie „Ich steh auf den Vampirkönig“ sagen konnte. Aber er hatte nur einen Moment bedächtig geschwiegen und sie dabei angeschaut. Beinahe so eindringlich wie Kyriakos sie angesehen hatte, als sie beide alleine in dem Raum in der Burg gesessen hatten. Und dann hatte Jack Hunt genickt, ihr ihre Notizen zurückgegeben und gemeint, sie würde den Fall lösen. Damit hatte er sie entlassen. Jetzt war sie also wirklich und endgültig die von TLH zugeteilte Vermittlerin im Fall der toten Jessica.

Eigentlich wollte sie noch duschen, aber als sie ihrem Bett so nahe war, überkam sie eine so heftige Welle der Erschöpfung, dass sie sich nur noch ihr Schlafshirt überwarf und dann auf die Matratze fiel. In dem Moment, in dem ihr Kopf das Kissen berührte, fielen ihr die Augen zu, und sie dachte noch einmal an die Zeit in dem Raum innerhalb der Burg. Die beiden Vampire, die sie dort erwartet hatten, waren, milde gesagt, verwirrend gewesen. Hailey hatte deutlich spüren können, dass da etwas zwischen ihnen war. Die sexuelle Spannung im Raum hatte bei ihr ein erdrückendes Gefühl auf der Brust erzeugt. Sie konnte sogar durch die Mauer dringen, hinter der die Vampire normalerweise ihre Gefühle verbargen. Und dann waren sie und Kyriakos wieder alleine gewesen, und sofort hatte sie absolut nichts an Gefühlen mehr wahrnehmen können. Dennoch hatte es da diesen Moment gegeben, in dem er sie einfach nur angeschaut hatte. Hailey hatte das Gefühl gehabt, er wollte in ihren Kopf hineinschauen, und da war dieses Feuer in den Tiefen seiner Augen gewesen. Ihre Gedanken begannen durcheinanderzuwirbeln, und schließlich schlief sie ein.

In dieser Nacht hatte sie merkwürdige Träume. Sie blickte auf eine zerschmetterte Leiche, aber anstatt der eigentlichen Leiche sah Hailey sich selbst auf dem Rasen liegen. Danach träumte sie von dunklen Augen mit einem roten Ring um die Pupille, und starke Hände strichen über ihren Körper.

Kapitel 4

Hailey starrte auf die vor ihr liegenden Tatortfotos und konnte einfach nicht den Blick abwenden. Sie war gestern Abend erst weit nach Mitternacht in ihr Bett gefallen, und als sie heute Morgen aufgewacht war, hatten sie noch die Erinnerungen an ihre Träume verfolgt, bis sie dann schließlich unter der Dusche gestanden hatte. Ihr Wecker hatte sie nach nur etwa sechs Stunden Schlaf wieder aus dem Reich der Träume geholt, weswegen sie auch jetzt noch ziemlich müde war. Allerdings hatte der Schlaf ihre mentalen Reserven wieder aufgeladen.

Hailey hob eines der Fotos hoch und versuchte irgendetwas Ungewöhnliches darauf zu erkennen. Aber es wirkte alles ganz normal, bis auf die verstümmelte Leiche in der Mitte des Bildes. Jessica sah wirklich schrecklich aus. Wie man es Hailey bereits beschrieben hatte, verunstalteten viele Schnitte jeden Zentimeter Haut, den man noch sehen konnte. Und in dem Obduktionsbericht stand, dass wirklich ihr kompletter Körper so zugerichtet worden war. In ihrem geöffneten Brustkorb konnte Hailey das zerfetzte Herz der Wölfin erkennen, und der Anblick ihres offenen Bauchs bereitete ihr Übelkeit. Nicht einmal ihr Gesicht war verschont worden. Nur ihre Augen waren geschlossen. Dadurch sah sie beinahe friedlich aus. Man hatte ihr das Haar aus dem Gesicht gestrichen, damit bessere Fotos gemacht werden konnten. Tiefe Schnitte zogen sich über ihre Wangen und ihre Stirn, ein Auge war zugeschwollen, und unter der blassen Haut konnte Hailey verblassende blaue Flecke erkennen. Das war einfach widerlich. Sie war geschlagen worden, gefoltert und schließlich kaltblütig ermordet. Haileys freie Hand ballte sich zur Faust. Sie wusste, dass sie diese ganze Sache nicht so nah an sich heranlassen sollte und durfte, aber das war ihr erster Mordfall, und Jessica erschien ihr so unschuldig. Etwas in ihr sträubte sich gegen die Boshaftigkeit dieser Tat.

Nach einer Weile legte sie die Fotos beiseite. Sie konnte einfach nichts entdecken, das ihr einen Hinweis auf den Täter gab. Auch der Obduktionsbericht lieferte keine neuen Erkenntnisse. Die Todesursache war der aufgeschlitzte Brust- und Bauchraum. Ach wirklich? Da wäre sie ja jetzt alleine nicht draufgekommen.

Hailey griff sich noch einmal ihre Notizen, und dann fiel ihr eine Bemerkung ein, die Blade gestern Abend gemacht hatte. Die Leiche habe nach modrigem Wasser gerochen, wie in einem Sumpf. Rund um New Orleans gab es viele solcher Orte. Sie stöhnte laut auf. Wie sollte sie in den Sümpfen von Louisiana den einen Ort finden, an dem Jessica vielleicht umgebracht worden war? Hailey starrte aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne langsam höherstieg. Sie trug heute eine Jeans und hatte sich für ein schwarzes T-Shirt entschieden. Sie bereute diese Entscheidung jetzt schon. Es war zwar etwas kälter als gestern, deswegen auch die längere Jeans, aber dennoch war ein schwarzes T-Shirt ziemlich mutig von ihr gewesen.

Hailey schaute auf ihre Uhr. Kurz vor neun. Als sie heute Morgen ins Büro gekommen war, hatte sie einen Termin im Leichenschauhaus gemacht, um sich die Leiche anschauen zu können. Sie hatte noch Zeit, etwas zu frühstücken, bevor sie sich zu Fuß auf den Weg zum Leichenschauhaus machen musste.

Sie fuhr mit dem Aufzug hinunter in die erste Etage, denn wie könnte es anders sein? Sämtliche Essensautomaten befanden sich im Reich der Kämpfer und Ärzte. Während Hailey vor einem Automaten mit Sandwiches stand und überlegte, ob man dem Thunfisch hier trauen konnte, schlang sich plötzlich ein Arm um ihre Hüfte. Instinktiv versuchte sie demjenigen, der sie festhielt, den Ellenbogen in die Rippen zu rammen und ihm dabei gleichzeitig auf den Fuß zu treten. Allerdings wurde ihr Ellenbogen auf halbem Weg aufgehalten, und ihrem Tritt wurde ausgewichen. Ein heiseres Lachen erreichte ihr Ohr, und die raue Stimme, die darauf folgte, ließ Hailey entspannen.

„Aber, Baby, so begrüßt man doch keinen Mann.“ Der Sprecher schnurrte beinahe, und Hailey lachte fröhlich auf. Sofort umspülte sie eine Welle der Heiterkeit und männlicher Anerkennung. Sie drehte sich um und blickte in unglaublich goldene Augen, die von einem dunklen Ring umgeben und von so dichten Wimpern bekränzt waren, dass jede Frau sofort neidisch wurde. Der Mann vor ihr war gut einen Meter fünfundachtzig groß und besaß etwas längere goldbraune Haare, die stellenweise dunkelbraune Schattierungen aufwiesen. Er war beinahe massig muskulös gebaut, und seine beachtlichen Oberarme spannten das graue T-Shirt, das er trug. Ihr Blick heftete sich auf seine muskulöse Brust, bevor sie ihm wieder in die Augen blicken konnte. Seine Gesichtszüge waren so außerordentlich männlich, dass Haileys Uterus sofort bereit war, seine Kinder auszutragen. Ein sanftes Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen, und seine rauen Hände lagen nun auf ihrer Hüfte. Außerdem umgab ihn eine solch starke Aura von männlicher Arroganz und Testosteron, dass jede Frau im Umkreis von zehn Metern Gefahr lief, entweder eine spontane Schwangerschaft zu erleiden oder ohnmächtig zu Boden zu sinken. Und er war einer der gefährlichsten Kämpfer von TLH.

„Hallo, Trace!“ Hailey umarmte Trace kurz, bevor sie sich wieder zu dem Automaten umdrehte. „Kannst du mir verraten, ob ich dem Thunfisch hier trauen kann?“

Trace lehnte sich über ihre Schulter, wobei seine Brust ihren Rücken streifte, und sog witternd die Luft ein. Trace war ein Jaguar. Er war außerdem ein Alpha, der sich entschlossen hatte, sein Rudel zu verlassen. Das allein war schon ungewöhnlich. Dass er dabei allerdings auch noch vollkommen zufrieden wirkte, grenzte an reinen Wahnsinn. Alphas besaßen ein genetisch bedingtes Bedürfnis, ihr Rudel anzuführen und zu beschützen.

„Ich würde dir raten, lieber ein Käsesandwich zu nehmen, Baby.“ Er grinste sie an, und wieder einmal bemerkte Hailey die äußerst spitzen Eckzähne. Sie hatte noch nie einen Gestaltwandler getroffen, der in seiner menschlichen Gestalt seinem Tier so ähnlich sah. Außerdem stellte sich ihr manchmal die Frage, ob Trace nicht mehr Tier als Mensch war. Sie hätte schwören können, dass ihr manchmal die Augen eines Jaguars aus einem menschlichen Gesicht entgegenblickten.

„Was immer du sagst“, erwiderte Hailey schmunzelnd. Vertraue immer dem Geruchssinn eines Gestaltwandlers!

Nachdem sie sich ihr Sandwich aus dem Automaten geholt und es ausgepackt hatte, schleppte Trace sie mit in sein Büro. Und sie begleitete ihn. Als hätte sie eine Wahl, wenn ein Jaguarmännchen seinen Arm um ihre Taille schlang und sich in Bewegung setzte. Trace war jemand, der mit allem flirtete, was nicht bei drei auf dem nächsten Baum verschwunden war. Obwohl ein Baum sich als Versteck vor einem Jaguar sowieso eher mittelmäßig eignete. Allerdings hatte Hailey und ihn von Anfang an eine gewisse Vertrautheit verbunden. Neben Kristina war er der  Mensch, der ihr am nächsten stand. Hailey ließ sich auf sein Sofa fallen, und Trace machte es sich neben ihr bequem, während sie anfing, ihr Frühstück zu sich zu nehmen. Es schmeckte erstaunlich gut.

„Ich hab nicht viel Zeit, Trace. Muss gleich ins Leichenschauhaus“, nuschelte sie zwischen zwei Bissen. Sie blickte auf ihre Uhr. „Um genau zu sein, muss ich in zwanzig Minuten los.“

Der Jaguar vor ihr runzelte die Stirn und schnappte sich dann ihr halb gegessenes Sandwich. „Hey! Das ist mein Frühstück, Kater!“ Aber Trace grinste nur und biss dann ein beinahe unverschämt großes Stück ab, bevor er ihr das Sandwich zurückgab.

„Warum musst du denn ins Leichenschauhaus, Hailey?“ Typisch Mann, typisch Gestaltwandler und typisch Alpha, dachte Hailey. Besonders Gestaltwandlermännchen hatten einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, wenn es um die Frauen in ihrem Leben ging.

„Hallo? Vielleicht meinen Job machen?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Du bist Beraterin und keine Ermittlerin, Hailey.“ Er schaute immer noch düster drein. Die Ermittler von TLH waren so etwas wie die Ermittler der Polizei. Übernatürliche Fälle gingen an ihre Adresse, damit sie sie aufklären konnten. Nur in manchen Fällen, wie in dem Mordfall von Jessica, war eine Vermittlerin auch gleichzeitig eine Ermittlerin. Was hatte sie doch für ein Glück!

„Tja, das sieht Jack seit gestern aber ganz anders.“ Trace horchte auf, und Hailey sah beinahe vor sich, wie der Jaguar seine Ohren spitzte.

„Erzähl mir alles. Na los!“ Er legte den Arm auf die Lehne des Sofas und zog spielerisch an ihren Haaren. Hailey seufzte. Sie würde keinen Fuß aus diesem Büro setzten, wenn sie Trace nicht erzählte, warum Jack sie zu einer Vermittlerin gemacht hatte.

„Gestern Morgen wendeten sich das Rudel und der Clan mit einem Vermittlungsgesuch an The Last Hope. Ich war die Einzige, die frei war.“ Wieder einmal konnte sie nur den Kopf schütteln über die Wendung, die ihr Leben genommen hatte.

„Wie bitte? Seit wann hat das Rudel denn etwas mit den Blutsaugern zu tun?“ Als Gestaltwandler war Trace natürlich nicht gerade der größte Fan des Clans. Da Trace selber für TLH arbeitete, konnte sie jedoch mit ihm getrost über ihren Fall sprechen.

„Es wurde eine Wölfin auf dem Territorium des Clans gefunden. Sie ist brutal gefoltert und ermordet worden.“ Trace’ Gesichtszüge verdunkelten sich, und er schwieg für einen Moment. „Und jetzt bin ich die zugeteilte Vermittlerin zwischen dem Rudel und dem Clan.“

„Wieso versinken die Straßen von New Orleans noch nicht im Blut?“

„Weil es nicht der Clan war, der das Mädchen umgebracht hat. Jedenfalls sieht im Moment alles danach aus. Und auch das Rudel scheint das zu denken, sonst hätten sie sich nicht an uns gewandt.“ Trace nickte leicht.

„Ich begleite dich ins Leichenschauhaus.“

Hailey wollte schon widersprechen, als sich eine Idee in ihrem Kopf formte. Außerdem war es sinnlos zu versuchen, Trace von einem einmal gefassten Plan abzubringen.

„Na gut. Du kannst mir vielleicht sogar behilflich sein.“

Der Jaguar hob eine Augenbraue aber Hailey dachte nicht daran, ihn einzuweihen. Schweigend saßen sie nebeneinander, bis Hailey ihm schließlich den letzten Bissen ihres Sandwiches hinhielt und sie sich dann gemeinsam auf den Weg ins Leichenschauhaus machten.

 

Als sie das Leichenschauhaus betraten, rümpfte Trace sofort die Nase. „Ich hasse das Leichenschauhaus. Alles stinkt nach Desinfektionsmittel und Formaldehyd.“ Hailey tätschelte kurz seinen Arm und ging dann zur Anmeldung. Sie zeigte der jungen Frau, die mit ihren blonden Haaren und den blauen Augen erstaunlich jung wirkte, hinter der Glasscheibe ihren Ausweis von TLH und sagte ihr, weswegen sie hier war. Allerdings schien die Dame ihr wenig Beachtung zu schenken, seit Trace hinter Hailey aufgetaucht war. Sie himmelte ihn an, und Hailey erwartete jeden Moment, dass sie anfing zu sabbern.

„Hallo? Könnten wir jetzt bitte zu der Leiche?“, meinte Hailey trocken. Als Blondchen immer noch keine Reaktion zeigte, drehte sie sich zu Trace um und erkannte die Ursache für den komatösen Zustand der Angestellten. Trace hatte sein Killerlächeln aufgesetzt, und seine goldenen Augen funkelten verschmitzt. Die Ärmste. Dann wird ich sie mal erlösen.

Mit einem wütenden Schnauben schlug Hailey Trace auf den Arm, was ihr einen verwirrten Blick von ihm und Blondchen einbrachte. „Baby! Du hattest mir versprochen, nicht mehr mit anderen Frauen zu flirten!“ Hailey zog einen herzzerreißenden Schmollmund und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin schwanger von dir, verdammt noch mal!“ Schniefend drehte sie sich wieder zu dem Blondchen um, das sie mit weit aufgerissenen Augen anblickte.

„Würden Sie uns jetzt endlich durchlassen? Und hören Sie auf, meinen Mann so anzustarren!“ Hailey unterstrich ihre Worte, indem sie Trace einen Arm um die Taille legte. Dieser zog sie instinktiv näher an sich, was dem Blondchen endgültig den Rest zu geben schien. Sie betätigte einen Knopf auf ihrem Tisch, und die Glastüren zum nicht öffentlichen Bereich des Leichenschauhauses ließen sich summend öffnen. Hailey zog Trace hinter sich her und hörte noch die gemurmelten Worte von Blondchen.

„Den Gang runter, die letzte Tür links.“

Als die Glastüren hinter ihnen wieder ins Schloss gefallen waren, schien Trace wieder zur Besinnung zu kommen, blieb stehen und starrte sie an.

„Was sollte das denn bitte?“ Er schien ernsthaft empört, was Hailey zum Lachen brachte.

„Wenn du sie weiter so angeschaut hättest, hätte sie dir gleich ihr Höschen entgegengeworfen.“

„Na und?“ Nun schaute er wirklich empört drein. Mit Schmollmund und allem.

„Trace, ich bin hier, um mir eine Leiche anzuschauen und einen Mord aufzuklären und nicht um deine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Sie schnaubte.

„Du bist wirklich fies, Baby.“ Er setzte sich wieder in Bewegung, und Hailey folgte ihm. „Das war eine todsichere Nummer. Du schuldest mir was!“, grummelte er.

„Ja, ja. Schreib es auf die Liste.“

Als sie dann schließlich die letzte Tür auf der linken Seite erreicht hatten, blieb Hailey kurz stehen, bevor sie die Klinke runterdrückte und den sterilen Raum betrat. An einem silbernen Schreibtisch, der sich unter den ganzen Papierbergen eigentlich schon biegen müsste, saß ein kleiner, etwas untersetzter Mann, der seine besten Jahre bereits hinter sich hatte. Sein Haar war schon leicht ergraut, und Hailey konnte Falten auf seinen Händen erkennen. Bei ihrem Eintreten hatte er aufgeschaut und erhob sich jetzt.

„Wer sind Sie?“

„Hallo, mein Name ist Hailey Williams, und das ist Trace Wilder. Wir sind Mitarbeiter von The Last Hope. Wir würden gern die Leiche von Jessica Jones sehen.“ Erst jetzt fiel Hailey auf, dass Jessica den gleichen Nachnamen wie Rave hatte. Komisch. Sie machte sich eine mentale Notiz, Rave danach zu fragen.

„Kann ich bitte Ihre Ausweise sehen?“ Sowohl Hailey als auch Trace zeigten dem Mann ihre Ausweise. Nachdem er sie eingehend betrachtet hatte, nickte er schließlich.

„Ich bin Dr. Conners, der zuständige Pathologe.“ Danach entfernte er sich und marschierte auf einen silbernen Obduktionstisch zu, auf dem unverkennbar eine Leiche lag, die von einem weißen Tuch zugedeckt wurde. Trace und Hailey folgten ihm. Als sie näher kamen, zog Dr. Conners das Tuch von der Leiche, und Hailey konnte in die Augen von Jessica blicken. Sofort überkam sie ein schreckliches Gefühl. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich eine Gänsehaut auf ihren Armen gebildet, und sie stolperte rückwärts gegen Trace, der sofort den Arm um sie legte.

„Alles o.k., Hailey?“ Besorgt blickte er ihr in die Augen, und Hailey schüttelte den Kopf. Das war nicht die erste Leiche, die sie sah, und es würde bestimmt auch nicht die letzte sein. Reiß dich zusammen, Williams!

„Alles in Ordnung.“ Sie machte wieder einen Schritt auf die Leiche zu, und sofort überkam sie wieder dieses eigenartige Gefühl. Etwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Hailey konnte nicht genau sagen, was sie an der Leiche so störte. Aber etwas war falsch. Sie fand einfach kein besseres Wort dafür.

„Haben Sie vielleicht ein paar Handschuhe für mich?“, wandte sie sich an Dr. Conners. Der nickte und drehte sich zu einem weiteren Tisch um, auf dem allerhand Instrumente lagen. Als er sich wieder ihnen zuwandte, hielt er Hailey eine Packung weißer Latexhandschuhe entgegen, und sie nahm sich ein Paar und streifte sie über.

Eigentlich sträubte sich alles in ihr dagegen, die Leiche anzufassen, aber sie musste herausfinden, was ihr an Jessica so falsch vorkam.

„Haben Sie etwas Ungewöhnliches an dem Opfer festgestellt, Dr. Conners?“, wandte sie sich an den Pathologen, während sie um den Obduktionstisch herumging, um sich einen Überblick zu verschaffen.

„Sie meinen außer dem Offensichtlichen?“, schnaubte Dr. Conners. Hailey warf ihm einen bösen Blick zu. „Nein, absolut nichts. Wie es bereits in meinem Bericht stand, starb sie durch ihren zerfetzten Oberkörper. Die Schnitte wurden ihr vor dem Mord zugefügt. Auch zeigen sich an Händen und Knöcheln sowie dem Hals Fesselmale.“ Man hatte sie also gefesselt, damit man sie foltern konnte. Trace knurrte leise. Doch Dr. Conners sprach unbeirrt weiter. „Ich habe außerdem Spuren von fast verheilten Schlägen gefunden.“ Jessica war gewaschen worden, und ein beinahe friedlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Wäre da nicht die riesige wulstige Naht, die ihren zerfetzten Oberkörper zusammenhielt, und die Schnitte, die jeden Zentimeter ihres Körpers bedeckten, könnte man vermuten, sie schliefe einfach nur. Aber Hailey wusste es besser. Sie hatte gesehen, was dem armen Mädchen angetan worden war. Mein Gott, wie sie so dalag, wirkte sie extrem jung. Sie sah aus wie sechzehn, dabei war sie schon zwanzig gewesen. Trotzdem war ein so junges Leben einfach weggeworfen worden. Und allem Anschein nach war es nur darum gegangen, einen Krieg zwischen dem Clan und dem Rudel zu provozieren. Und das hatte nicht funktioniert. Hailey fragte sich unwillkürlich, ob es der Mörder noch einmal versuchen würde. Sie hoffte nicht. Nachdem sie Jessica einmal umrundet hatte, blieb Hailey wieder neben Trace stehen. Der starrte nur schweigend auf die tote Wölfin hinunter, aber sie konnte den Jaguar in seinen Augen sehen. Er war ein Alpha, und der sinnlose Tod eines Weibchens traf ihn, auch wenn sie weder seiner Art noch seinem Rudel angehört hatte. Auch Hailey nahm der Anblick der toten Jessica mit, und sie konnte sich noch nicht dazu überreden, die Leiche anzufassen. Also wandte sie sich an Trace.

„Trace? Riecht sie für dich irgendwie nach modrigem Wasser?“

Der Jaguar blickte aus dem menschlichen Gesicht heraus, doch Hailey hatte keine Angst. Das hier war Trace, und er war ihr Freund. „Einer der Vampire, der sie gefunden hat, sagte mir, dass sie für ihn irgendwie nach Sumpf roch.“ Trace nickte leicht und beugte sich etwas näher über die Leiche. Dabei hielt er aber so viel Abstand ein, dass er die tote Jessica nicht berühren würde. Tief sog er die Luft durch die Nase und blähte witternd seine Nasenflügel. Ein paar Atemzüge verharrte er so, bevor er sich wieder zurücklehnte und Hailey ansah.

„Ja“, war seine knappe Antwort. Hailey nickte. Also hatten sich Blade und Ash nicht getäuscht. Jessica war in der Nähe von Wasser gewesen. Jetzt musste sie nur noch herausfinden, warum ihr die Leiche so falsch vorkam. Schließlich hatte sie nicht die ausgeprägten Sinne eines Gestaltwandlers oder Vampirs.

„Kannst du sonst noch etwas wahrnehmen, Trace?“, fragte sie den Jaguar während sie auf die Leiche hinabstarrte.

„Nein.“ Der Mann neben ihr schüttelte den Kopf. „Wieso? Du etwa?“ Hailey blickte ihn kurz an und sah ihm tief in die Augen. Er wusste über ihre besondere Fähigkeit Bescheid. Schließlich war er nicht nur ein Mitarbeiter von TLH, sondern auch ihr Freund. Dr. Conners beobachtete sie schweigend, und Hailey dachte nicht einmal daran, ihm zu verraten, dass sie eine Empathin war.

„Irgendetwas stimmt nicht“, murmelte sie und trat wieder näher an die Leiche. Irgendwas ging von Jessica aus. Irgendetwas, das ihre feinen Sinne als Empathin ansprach. Und das behagte ihr gar nicht. Wenn sie eins mit hundertprozentiger Sicherheit wusste, dann, dass Tote keine Gefühle mehr hatten.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend legte Hailey ihre Hand flach auf Jessicas Unterarm. Berührungen verstärkten ihre Sinne, und sie konnte die Gefühle einer Person besser wahrnehmen.

Hailey erstarrte.

„Unmöglich …“, wisperte sie und zog blitzschnell ihre Hand zurück. Sofort legten sich Trace’ Hände auf ihre Schultern, und durch die Berührung drangen seine Wärme und sein Beschützerinstinkt auf sie ein, gaben ihr Halt.

„Was ist los, Hailey?“

„Da ist …“ Mit einem Blick auf Conners, der sie immer noch beobachtete, schüttelte sie nur den Kopf. Trace verstand. Als sie noch einmal ihre Hand auf Jessicas leblosen Unterarm legte, ließ Trace sie zögerlich los. Hailey schloss die Augen und konzentrierte sich. Das, was sie gerade fühlte, widersprach allen Regeln, die sie kannte. Es widersprach den Gesetzen der Natur. Kurzum: Es war unmöglich.

Und doch, durch den Latex der Handschuhe, konnte Hailey eindeutig eine emotionale Signatur an Jessicas totem Körper wahrnehmen. Da war rasende Wut und eine Kaltblütigkeit, die ihr einen eisigen Schauer den Rücken runterjagte. Sie musste keine Empathin sein, um zu wissen, dass solche Gefühle niemals von einem Gestaltwandler kommen konnten. Schon gar nicht von einem anscheinend so freundlichen und warmherzigen Mädchen wie Jessica.

Angst sammelte sich in ihrer Magengrube, und sie zog die Hand zurück. Während sie die Handschuhe abstreifte und sie in den nächsten Mülleimer warf, wandte sie sich an Dr. Conners.

„Das wär dann so weit alles. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Jetzt, da sie sich die Leiche angeschaut hatte, würde sie der Familie übergeben werden. Gestaltwandler hatten ihre eigenen Rituale, und das wurde respektiert.

„Lass uns gehen, Trace.“ Hailey warf noch einen kurzen Blick auf Jessica und versprach ihr im Stillen, ihren Mörder zu finden und ihn dafür bezahlen zu lassen. Dann ging sie ohne ein weiteres Wort und blieb erst wieder stehen, als sie draußen an der frischen Luft war. Mit einem tiefen Atemzug verschloss Hailey ihre Sinne und schottete sich so komplett gegenüber ihrer Umwelt ab. Das tat sie normalerweise immer, wenn sie unter anderen Menschen war, denn sie wollte weder in deren Gefühlswelt herumschnüffeln, noch wollte sie ständig die Emotionen anderer spüren müssen. Allerdings tat sie es jetzt, damit das, was sie gerade an Jessicas Leiche gespürt hatte, nicht von anderen Emotionen überdeckt wurde. Sie wollte es später noch analysieren können.

„Was zum Teufel ist da gerade passiert?“ Trace ragte neben ihr auf wie ein goldener Beschützer und schirmte sie gegen die Menschen ab, die ihnen auf dem Gehweg entgegenkamen. Im Moment war sie unglaublich dankbar, dass er sie begleitet hatte. Sie musste mit jemandem darüber sprechen.

„Trace, da war … an Jessica …“ Sie schluckte. Wie sollte sie es erklären? Da gab es gleich zwei Dinge, die unmöglich waren.

„Baby, sprich mit mir.“ Hailey sah sich um und entdeckte ein Café ein paar Meter die Straße runter.

„Lass uns was trinken gehen“, murmelte sie und steuerte auf das Café zu.

 

Hailey blickte auf ihre Tasse Tee, irgendeine Früchtemischung.

„Erzähl mir jetzt endlich, was passiert ist, Hailey.“ Trace knurrte ein wenig. „Du bist auf einmal genauso blass geworden wie die Leiche. Außerdem hast du gezittert.“

„Eigentlich ist es unmöglich“, murmelte sie, und Trace legte eine seiner Pranken auf ihre Hand. Sie war dankbar für die Wärme. Zusammen mit den Sonnenstrahlen, die durch die Fensterfront schienen, vertrieb sie langsam dieses ungute Gefühl in ihrem Magen. Hailey holte einmal tief Luft.

„Die Gefühle jeder Person sind einzigartig.“

Er runzelte leicht die Stirn. „Aber ich dachte, Gefühle sind Gefühle, fühlen sich immer gleich an. Liebe, Hass, Freundschaft, Trauer, Wut. Fühlt sich das nicht bei jeder Person gleich an?“

Hailey schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist wie eine emotionale Signatur.“ Wie erklärte sie es ihm am besten? „Trace, wie rieche ich für dich?“

„Das ist einfach.“ Der Jaguar sog einmal witternd die Luft ein und lächelte dann leicht. „Nach Vanille und Pfirsich. Also praktisch wie ein köstliches Dessert.“ Er zwinkerte ihr zu, und sie schmunzelte. Trace versuchte sie aufzuheitern.

„Und wie riecht unsere Kellnerin?“ Mit dem Kopf deutete sie in die Richtung der hübschen Rothaarigen, mit der Trace bereits geflirtet hatte.

„Nach Zimt“, antwortete dieser prompt.

„Siehst du? Und so ist es eigentlich auch mit Emotionen. So wie jeder für dich nach etwas anderem riecht, kann ich die Menschen anhand ihrer Emotionen unterscheiden, wenn ich sie gut genug kenne. Natürlich fühlt jeder Hass oder Liebe oder Freundschaft. Aber deine freundschaftlichen Gefühle fühlen sich ganz anders an wie zum Beispiel Kristinas.“

Er hob erstaunt eine Augenbraue. „Wie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es so ist.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Und was hat das Ganze mit der toten Frau zu tun?“ Als sie sich erinnerte, erschauerte sie unwillkürlich.

„Tote haben keine Gefühle. Es ist unmöglich.“ Sie blickte Trace an, und der nickte. „Aber da war eine emotionale Signatur an Jessicas Leiche. Und das ist nicht möglich.“ Das war der erste Teil, der unmöglich war. „Aber das ist noch nicht alles.“ Der Jaguar ihr gegenüber runzelte die Stirn, und Hailey nahm einen Schluck von ihrem Tee. Die warme Flüssigkeit wärmte sie von innen. „Die emotionale Struktur passte nicht zu Jessica.“

„Ich dachte, du kannst diese Strukturen nur unterscheiden, wenn du die Person gut kennst.“

Sie nickte. „Das stimmt. Aber es ist wieder wie bei den Gerüchen. So wie alle Menschen irgendwie gleich riechen, und alle Gestaltwandler und all die anderen Wesen auch ihre eigene Duftnote haben, hat jede Rasse auch ihr eigene emotionale Struktur.“ Sie blickte Trace an, um zu sehen, ob er verstanden hatte.

„Also, so wie ich einen Wolf von einem Jaguar unterscheiden kann, so kannst du das auch?“

„Nicht ganz.“ Hailey seufzte. Das alles war furchtbar schwer jemandem zu erklären, der kein Empath war. „Ich könnte einen Gestaltwandler von einem Menschen unterscheiden, aber nicht die einzelnen Tierarten untereinander. Dafür ist das dann doch etwas zu feinschichtig.“

„Ich glaube, ich verstehe.“ Trace nahm einen Schluck von seinem Eistee und blickte aus dem Fenster. Dann sah er sie wieder an.

„Und was ist jetzt mit Jessica? Was hat es mit dieser fremden Signatur auf sich?“, wollte Trace wissen.

„Das ist der andere Teil, der unmöglich ist. Es ist absolut nicht möglich, jemandem eine andere emotionale Struktur zu verpassen. Ich könnte beispielsweise nicht meine Struktur auf dich übertragen. Dabei hat das Ganze absolut nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es ist einfach nicht möglich. Du hast deine Gefühle und ich meine. Keine Überdeckung oder Vermischung möglich.“

Trace verstand sofort. „Aber du hast nicht nur Gefühle an einer Toten wahrgenommen, sondern auch noch welche, die nicht zu ihr gehörten.“

„Genau das ist das Problem“, seufzte Hailey.

„Hast du dich vielleicht geirrt?“

„Nein. Da war definitiv etwas. Und es waren nicht Jessicas Gefühle.“

Trace fuhr sich mit den Händen durch die Haare und starrte sie an.

„Und was machen wir jetzt?“

„Ich habe absolut keine Ahnung, Trace.“

Hailey hätte in diesem Moment am liebsten angefangen zu weinen, aber sie riss sich zusammen. Sieh das Positive!, ermahnte sie sich selber. Schließlich hatte sie jetzt eine Spur. Zwar eine Spur, die eigentlich unmöglich war, aber dennoch eine Spur. Und sie kannte nur einen Ort, an dem man ihr ihre Fragen beantworten konnte. Sie seufzte. Es war an der Zeit, ihrem alten Ausbilder einen Besuch abzustatten.

 

Hailey hatte Trace zurück zu The Last Hope geschickt. Denn dort wo sie jetzt hinging, konnte sie ihn nicht mitnehmen. Er hatte zuerst protestiert, besonders nachdem sie immer noch etwas blass war. Aber sie hatte ihm damit gedroht, die nächsten zehn Frauen zu vergraulen, an die er sich heranmachen wollte. Das hatte gewirkt.

Sie nahm sich ein Taxi und bezahlte den Fahrer, als er vor den schmiedeeisernen Toren ihrer alten Ausbildungsstätte hielt. Hailey konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wie oft sie schon durch diese Tore gewandert war. Fünf Jahre hatte sie hier eine Ausbildung genossen, die ihr wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was ihre Fähigkeiten mit ihr angestellt hätten, hätte sie nicht gewusst, worum es sich dabei handelte und wie sie es kontrollieren konnte. Wahrscheinlich wäre sie verrückt geworden.

Sie drückte auf die Klingel neben dem Tor und wartete. Einen Moment später vernahm sie eine männliche Stimme.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Hailey Williams. Ich möchte zu Professor Anderson.“

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein.“

„Einen Moment bitte.“

Hailey hörte ein Klicken in der Leitung, und ein paar Minuten später meldete sich die fremde Stimme wieder.

„Er erwartet Sie in seinem Büro.“

Mit einem lauten Summen wurde das Schloss der Tore entriegelt, und sie öffneten sich. Hailey marschierte die Kiesauffahrt hinauf und betrat dann das Gebäude der Akademie. Nach der Wende hatte man ein leer stehendes Universitätsgebäude aufgekauft und dann Menschen gesucht, die schon vor der Wende wussten, dass sie anders waren und was sie waren. Es stellte sich heraus, dass es einige dieser Menschen gab. Schließlich war es nicht so, als wäre die Magie an diesem Nachmittag einfach so entstanden. Nein, inzwischen gab es ganze Forschungsgebiete, die sich mit der Frage beschäftigten, seit wann es Magie gab. Die neuesten Studien zeigten, dass es sie wahrscheinlich schon genauso lange gab, wie es auch Menschen gab.

Einer dieser Menschen, die bereits vor der Wende gewusst hatten, was sie waren, war Haileys alter Ausbilder Zachary Anderson. Er hatte sie gelehrt, was es hieß, eine Empathin zu sein. Als sie jetzt sein Büro betrat, fiel ihr Blick auf einen der wahrscheinlich mächtigsten Empathen, die sie kannte. Aber sie kannte auch nur sehr wenige Empathen, und ihr Ausbilder war der einzige, zu dem sie Kontakt hatte. Zachary Anderson saß hinter einem aus hellem Holz gefertigten Schreibtisch, auf dem sich wahrscheinlich die Arbeiten seiner Studenten türmten. Er war ein Mann der alten Schule und bevorzugte handgeschriebene Arbeiten. Hailey konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie Stunde um Stunde an ihren Aufsätzen gesessen hatte. Nicht selten hatte sie Seiten neu abschreiben müssen, weil sich ein Fehler eingeschlichen hatte.

„Hailey.“ Mit einem Lächeln erhob sich Zachary aus seinem Stuhl und kam um den Schreibtisch herum. Er berührte sie nicht, und Hailey wusste es besser, als ihm die Hand zu geben. Zachary war so mächtig, dass er eine andere Person nicht berühren konnte, ohne eine Flut der Gefühle auszulösen. Außerdem war er vor ein paar Jahren sensitiv geworden. Das bedeutete so viel wie, wenn er eine Person berührte, fühlte er automatisch, was die Person fühlte, egal wie stark die Schilde dieser Person waren.

Hailey hatte nie erfahren, wie mächtig ihr ehemaliger Ausbilder wirklich war. Und sie hatte so das Gefühl, dass sie es auch gar nicht wissen wollte. Als Empathin lag es ihr fern, irgendjemandem Schaden zuzufügen. Tatsächlich konnte sie es gar nicht, denn all die negativen Gefühle würden auf sie zurückfallen. Aber eine Medaille hatte immer zwei Seiten, und sie war sich sicher, dass Zachary über die Schattenseiten der empathischen Kräfte Bescheid wusste, die sie beide beherbergten.

„Professor.“ Sie neigte leicht den Kopf und nahm Platz, als Zachary auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch wies.

„Was kann ich für dich tun?“ Er hatte die Stimme eines Geschichtenerzählers und sah auch so aus. In seinem braunen Haar zeigten sich bereits die ersten grauen Strähnen, und auch sein Gesicht hatte ein paar Falten dazugewonnen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war ungefähr so groß wie Hailey, und sein Bauch wölbte sich etwas über seine Hose. Eine Brille mit Metallgestell lag auf seinem Schreibtisch. Etwas in Hailey weigerte sich, ihm in die Augen zu sehen. Denn dadurch verriet sich ihr ehemaliger Ausbilder. Seine Augen waren von einem so tiefen Braun, dass sie beinahe schwarz wirkten, und dort konnte er seine Macht nicht verhüllen. Eine Macht, die Hailey dazu brachte, sich vor ihren eigenen Möglichkeiten als Empathin zu fürchten.

Aber sie war aus einem anderen Grund hier als dem, über ihre mögliche Zukunft nachzudenken.

„Ich brauche deinen Rat.“ Zachary hob abwartend eine Augenbraue. Er war der erste Mensch, den Hailey getroffen hatte, der nicht einmal auf einem niedrigen Level Gefühle ausstrahlte. In dieser Hinsicht glich er den Vampiren. Ein Bild von Kyriakos tauchte vor ihren Augen auf, doch Hailey vertrieb es sofort. „Ich arbeite an einem Mordfall an einer Gestaltwandlerin, einer Wölfin.“ Zachary seufzte. Als Empath nahm es ihn natürlich mit, von einem Toten zu hören. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände über seinem leichten Bauchansatz. „Ich habe mir vorhin ihre Leiche angesehen, und etwas daran war … falsch.“

„Inwiefern?“

„Ich weiß, dass das verrückt klingt. Aber ich weiß auch, was ich gespürt habe. Ich irre mich nicht.“ Sie warf Zachary einen durchdringenden Blick zu, bevor sie fortfuhr. Er nickte. Ihr alter Ausbilder wusste um ihre Fähigkeiten. Er wusste, dass es, wenn sie sich sicher war, auch so war, wie sie erzählte. „Als ich sie berührte, konnte ich eine emotionale Signatur an ihr wahrnehmen.“ Hailey blickte ihren alten Ausbilder an. Sein Gesicht zeigte keine Regung. „Aber es war eine fremde Signatur. Sie gehörte nicht der Wölfin.“ Die feinen Haare in ihrem Nacken stellten sich auf, als sie sich an das Gefühl erinnerte. Wut, Kaltblütigkeit, Gewalt.

„Hailey, das ist nicht möglich.“ Zacharys Stimme klang vollkommen ruhig, doch etwas in seinen dunklen Augen sandte Schauer über ihren Rücken.

„Ich weiß, was ich gespürt habe, Zach.“ Ihre Stimme hatte einen harten Klang.

„Wovon du sprichst …“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist eine Abscheulichkeit. Noch dazu an einer Toten. So etwas sollte es nicht geben.“

Hailey setzte sich kerzengerade auf bei seinen Worten. „Was meinst du mit ‚so etwas sollte es nicht geben‘? Du warst derjenige, der mir beigebracht hat, dass die emotionale Signatur jeder Person einzigartig ist und man sie weder übertragen noch verstecken kann!“

„Das stimmt auch.“ Mit einem tiefen Seufzen schloss Zachary die Augen. Die Sekunden verstrichen, und Hailey merkte, wie sie immer nervöser wurde. Etwas stimmte hier nicht. Ihr alter Ausbilder verschwieg ihr etwas.

„Zach, es geht hier um eine junge Frau. Sie war in meinem Alter. Man hat sie kaltblütig gefoltert und dann ermordet. Und das nur zu dem Zweck, einen Krieg von gewaltigem Ausmaß zu entfesseln. Das ist meine einzige Spur. Wenn du irgendetwas weißt, musst du es mir sagen!“

Ihr ehemaliger Ausbilder öffnete die Augen und sah sie an. Entschlossenheit lag in seinem Blick. Er hatte eine Entscheidung getroffen.

„Nun gut. Du bist die einzige Empathin, die ich kenne, deren Kräfte ein solches Ausmaß erreicht haben. Wahrscheinlich ist es sogar besser, wenn du es erfährst.“ Beim Klang seiner Stimme wurde ihr eiskalt.

„Wovon sprichst du?“

„Bevor wir an die Öffentlichkeit traten“, – mit wir waren nicht die Menschen gemeint, sondern magische Wesen – „gab es manche von uns, die einen dunkleren Pfad der Empathie wählten. Es ist allgemein bekannt, dass die Empathie in ihrem Wesen durch und durch gut ist. Wir sind Geistheiler. Wir heilen die, denen sonst keiner helfen kann. Aber die Welt besteht nicht nur aus guten Kräften, Hailey, das weißt du genauso gut wie ich.“ Ihr Ausbilder machte eine Pause und ordnete die Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Nach einem Moment fuhr er fort. „Und genauso wie die Welt nicht nur gut ist, ist auch die Empathie nicht vollkommen frei von dunklen Kräften.“

„Aber wie kann das sein? Wir heilen Gefühle. Wir helfen. Wenn wir Schmerzen zufügen, fühlen wir sie auch.“

Er nickte. „Das stimmt. Aber es gibt Mittel und Wege …“ Er zuckte mit den Schultern und ließ seinen Satz unvollendet. „Wie auch immer … Manche Empathen wählten die dunkle Seite der Empathie. Sie erzeugten Schmerz in den Menschen statt Frieden, Wut statt Glück und Trauer statt Zufriedenheit. Sie labten sich an dem Unglück ihrer Opfer und bezogen daraus ihre Stärke. Ihre dunklen Seelen veränderten das Wesen der Empathie. Sie wandelten sich von Geistheilern zu Geistzerstörern.“

„Warum erzählst du mir all das?“ Angst rüttelte an den Fesseln ihres emotionalen Käfigs. Es zeigte sich in einem leichten Zittern ihrer Hände. Doch Zachary blieb unbewegt.

„Weil diese Empathen die Kontrolle über die Gefühle ihrer Opfer hatten. Sie konnten ihre emotionale Signatur verändern. Später stellte sich heraus, dass bei den Opfern eine Spur der emotionalen Grausamkeit ihrer Peiniger zu finden war.“

Etwas in Hailey wurde ganz still. Ihr war kalt bis in ihr tiefstes Innerstes. Wenn das, was Zachary ihr gerade erzählt hatte, stimmte, dann … Sie wagte nicht, diesen Gedanken zu Ende zu führen, wagte nicht, daran zu denken, was das bedeuten konnte.

„Willst du damit sagen, dass der Mörder ein … ein Geistzerstörer ist?“ Zachary schaute aus dem Fenster und betrachtete die Sonne, die hoch am Himmel stand. Es musste inzwischen schon fast Mittag sein. Es dauerte eine Weile, bis er ihre Frage beantwortete.

„Ich weiß es nicht, Hailey. Es sollte sie gar nicht mehr geben. Geistzerstörer werden von allen Rassen verabscheut. Sie wurden gejagt und ausgerottet. Schon vor langer Zeit.“

Und dennoch hatte sie die Leiche einer jungen Wölfin, der eine fremde Signatur anhaftete, die nach Mord und Gewalt schmeckte.

Hailey und ihr ehemaliger Ausbilder saßen nach diesen Worten noch eine Weile zusammen. Schließlich erhob sie sich und bedankte sich bei Zachary. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Sie brauchte einen sicheren Ort, an dem sie nachdenken konnte, um zu analysieren, was sie heute erfahren hatte.

 

Als sie schließlich nach Hause kam, war es schon beinahe dunkel. Der Himmel färbte sich orangerot, als Hailey die Tür hinter sich schloss. In ihrem Heim war es dunkel und still.

Sie hatte schlussendlich doch noch einen Abstecher zu The Last Hope gemacht. Eigentlich hatte sie nur kurz in ihrem Büro vorbeischauen wollen, um zu sehen, ob es Nachrichten für sie gab. Ihre nächste Sitzung mit Nina war erst in einer Woche. Man hatte entschieden, sie zu einem etwas außerhalb lebenden Arzt zu bringen, der versuchen sollte, ihre Angst vor Berührungen zu therapieren. Hailey wusste, dass das sinnlos war. Solange dieser Arzt kein Empath war, würde er Nina nicht helfen können. Ihre Wunden waren seelischer Art. Aber es lag nicht in ihrer Macht, etwas dagegen zu unternehmen.

Es waren keine Nachrichten für sie da gewesen. Allerdings hatte ein Jaguar auf ihrer Couch gelegen und auf sie gewartet. Trace hatte sich Sorgen um sie gemacht, wollte mir ihr reden und sichergehen, dass es ihr gut ging. Danach hatte sie sich noch zu einer kleinen Trainingsrunde mit dem Jaguar überreden lassen. Böser Fehler. Jetzt taten ihr die Muskeln weh, und ihre Haare waren noch feucht von der Dusche. Er hatte sie außerdem nach Hause gefahren und ihr versprochen, sie morgen früh wieder abzuholen, wenn er zur Arbeit fuhr. Schließlich stand ihr Auto jetzt auf dem Parkplatz von TLH.

Hailey machte sich nicht die Mühe, ein Licht einzuschalten, sondern setzte sich in ihr Wohnzimmer und beobachtete die Sonne dabei, wie sie langsam am Horizont unterging. Sie löste ihre emotionalen Fesseln und ließ ihren eigenen Gefühlen freien Lauf. Erneut durchlebte sie die Angst und Furcht des heutigen Tages, hörte wieder die Stimme ihres Ausbilders, der ihr etwas über Geistzerstörer erzählte. Das alles erschien ihr so surreal. Sie schaute hinunter auf ihre eigenen Hände. Schlummerte in ihr auch ein Geistzerstörer? Dieser Gedanke erschrak sie mehr als alles, was sie heute gefühlt hatte. Mit einem tiefen Seufzen schloss sie die Augen und lehnte ihren Kopf an die Rückenlehne ihres Sofas.

Sie weigerte sich, einfach so die Worte von Zachary zu glauben, obwohl er keinen Grund hatte, sie anzulügen. Doch etwas in ihr, das bereits zu viele emotionale Wunden geheilt hatte, zu vielen emotionalen Schaden gesehen und gefühlt hatte, flüsterte ihr zu, dass es wahr sei. Hailey beschloss dennoch, eine andere Quelle zu befragen. Allerdings wollte sie diese bestimmte Quelle eigentlich nicht anzapfen, aus verschiedensten Gründen. Sie stöhnte leise. Dieser Tag wurde ja besser und besser.

Ihre Gedanken wanderten von einem Thema zum nächsten, während sich langsam Erschöpfung in ihrem Körper ausbreitete. Hailey versuchte sich zu entspannen, und wieder tauchte Kyriakos’ Bild vor ihrem geistigen Auge auf. Was war so anders an ihm, dass sie sich von diesem Vampir so angezogen fühlte? Ihr Liebesleben war so gut wie nicht existent. Ihr letztes Date war Monate her, und es fiel ihr schwer, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal Sex gehabt hatte. Und dennoch, wenn sie in diese unheimlichen schwarzen und roten Augen blickte, die jedem Naturgesetz widersprachen, zog sich ihr Unterleib vor schmerzlicher Begierde zusammen. Ihr war klar, dass sie etwas dagegen unternehmen musste. Genauso wenig, wie sie ihre Gefühle immer unter Verschluss halten konnte, konnte sie gegen etwas ankämpfen, das ihre eisernen Schilde einzureißen drohte, sobald sie in seiner Nähe war. Das einzig Logische schien zu sein, sich dieser Faszination hinzugeben. Nur ein einziges Mal, um die Versuchung des Verbotenen auszuleben. Nur ein Kuss, um ihre Gier zu befriedigen und ihren unaufhörlichen Tagträumereien ein Ende zu bereiten.

Als Hailey sich vorstellte, wie sich seine muskulösen Arme von hinten um sie schlangen, sie an eine ebenso muskulöse Brust pressten, während sich warme und feste Lippen auf ihren Hals legten, stöhnte sie unwillkürlich auf. Ihre Brustwarzen wurden hart unter dem weichen Stoff ihres T-Shirts. Sie musste sich über ihre plötzlich trockenen Lippen lecken und stellte sich vor, wie seine dunklen Augen dieser Bewegung folgten. Hände, die wahrscheinlich schon öfter getötet hatten, als sie es sich vorstellen konnte, umfassten ihre Brüste und massierten sie. Hitze flammte zwischen ihren Schenkeln auf, und sie presste sie zusammen. Der raue Stoff ihrer Jeans schien ihr im Moment mehr zu sein, als sie ertragen konnte. In ihrem Tagtraum drehte sie sich in dem Käfig, den seine Arme bildeten, um und schaute in diese ungewöhnlichen Augen. Fasziniert beobachtete sie, wie sich der rote Ring um die Pupille immer weiter ausbreitete und langsam, aber sicher das Schwarz beinahe verschlang. Ihre Hände fuhren über seine muskulöse Brust, und sie spürte, wie sich die Muskeln unter ihren Fingerspitzen zusammenzogen. Sie konnte Fangzähne aufblitzen sehen, als er tief einatmete und ihre Leidenschaft witterte. Seltsamerweise verspürte sie nicht die geringste Angst. Im Gegenteil, ein erwartungsvoller Schauer ließ sie die Schenkel zusammenpressen. Sie hatte Gerüchte gehört, dass ein Vampir eine Frau nur mit seinem Biss zum Orgasmus bringen konnte. Ihre Hände schlangen sich in die seidene Fülle seiner Haare, und sie presste sich gegen den harten Beweis seiner Begierde. Er begann den Kopf zu senken, ihre Lippen öffneten sich erwartungsvoll, und dann … riss ein Klopfen sie aus ihrem tranceartigen Zustand.

„Verdammt!“ Hailey sprang vom Sofa auf und erschrak über sich selber. So etwas war ihr noch nie passiert. Natürlich hatte sie schon Tagträume gehabt und auch erotische aber dieser … Er war so lebendig gewesen, so real. Beinahe konnte sie noch seine starken Hände auf ihren Brüsten fühlen. Ein erneutes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle. Ein weiteres Klopfen, energischer diesmal, holte sie in die Gegenwart zurück. Als sie an dem Spiegel im Flur vorbeikam, riss sie ungläubig die Augen auf. Ihr Verlangen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Gerötete Wangen, geschwollene Lippen von ihren Bissen und glasige Augen. Ein weiteres Klopfen. Hailey riss die Tür auf und erstarrte.

Der Vampir aus ihrem Tagtraum stand vor ihrer Tür.

Kyriakos.

„Miss Williams.“ Seine Augen tasteten jeden Zentimeter ihres Gesichts ab. Sie wusste, was er sah. Ihre Leidenschaft war ihr anzusehen, jetzt umso deutlicher, als das Objekt ihrer Begierde auf ihrer Türschwelle stand. Sie sah, wie er die Luft tief durch die Nase einsog. Seine Lippen öffneten sich leicht, und die Atmosphäre veränderte sich. Sie konnte die Anspannung in seinem Körper beinahe fühlen. „Komme ich ungelegen?“ Sie hörte die raue Härte in seiner Stimme. Es schien, als hielte er ein Knurren zurück.

„Ich, äh …“ Sie schluckte schwer. Verdammt, verdammt, verdammt! Sie war die Vermittlerin in einem Mordfall, der auch den Clan betraf, und hier träumte sie von dem verdammten Vampirkönig und stotterte dann auch noch wie ein Teenager beim ersten Date. Reiß dich zusammen!, befahl sie sich selbst. „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. „Ich war auf der Couch eingenickt.“ Sie schaute zu ihm auf, und erneut konnte sie ein Schaudern nicht unterdrücken. „Was wollen Sie hier, Kyriakos?“

Der Vampir blickte ihr noch einen Moment tief in die Augen, bevor er den Blick abwandte und an ihr vorbei in ihr Haus blickte. „Ich habe versucht, Sie zu erreichen, doch man sagte mir, Sie wären nicht im Büro. Da dachte ich, ich besuche Sie zu Hause.“ Er schaute sie wieder an und zog die Augenbrauen zusammen. „Sie riechen nach Raubkatze, Miss Williams.“

Völlig verwirrt blickte sie ihn an. „Wie bitte?“

„Ich kann eine männliche Raubkatze an Ihnen riechen.“ Erneut meinte sie ein Knurren in seiner Stimme zu hören. War er etwa eifersüchtig? Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich selber. Als würde Kyriakos, Anführer der Vampire, sich für eine einfache Mitarbeiterin von TLH interessieren. Geschweige denn so sehr, um eifersüchtig zu werden. Er schien ihr nicht der Typ zu sein, der sich genug für Frauen interessierte, um Besitzansprüche anzumelden.

„Ach so, ja. Das muss Trace sein.“ Sie war immer noch verwirrt von seinem Erscheinen. Aber noch mehr verwirrte sie, dass die Wellen des Verlangens, ausgelöst von ihrem erotischen Tagtraum, nicht zu verschwinden schienen. Ganz im Gegenteil, jede Sekunde, die sie länger in seiner Nähe verbrachte, schien die Wellen noch zu verstärken. Sie erinnerte sich daran, dass er ihr immer noch nicht gesagt hatte, wieso er hier war. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Welche Frage?“ Er taxierte sie mit seinem Blick und schaute immer wieder an ihr vorbei ins Haus. Er schien abgelenkt.

„Was wollen Sie hier?“

„Es gibt etwas, über das ich mit Ihnen sprechen möchte. Allerdings würde ich das nur ungern auf Ihrer Veranda tun. Darf ich hereinkommen, Miss Williams?“

Ihr erster Gedanke war nein. Kyriakos war ganz in Schwarz gekleidet, und die Lederhose betonte seine muskulösen Schenkel. Er trug keine Jacke, und die bloße Haut seiner Arme lenkte sie ab. Sie hatte schon immer eine Schwäche für muskulöse Unterarme gehabt. Und dieser Mann besaß definitiv die Art muskulöse Unterarme, die eine Frau zum Seufzen bringen konnte. Er war eine Gefahr für sie. Alles an ihm drückte Bedrohlichkeit aus. Allerdings gab es keinen logischen Grund, warum sie ihm den Eintritt verwehren sollte.

„Natürlich.“ Sie trat zurück und öffnete die Haustür genug, damit er eintreten konnte. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, und er erfüllte den gesamten Raum mit seiner Präsenz. Er schien überall zu sein. Dabei stand er nur in der Mitte des Zimmers und blickte sich gelassen um. Er schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. Als er sie wieder öffnete, fiel etwas von der Anspannung von ihm ab, und er schien … zufrieden zu sein. Hailey fragte sich, ob sie gerade den Verstand verlor. Da stand ein mehr als gefährlicher Mann in ihrem Wohnzimmer, und sie konnte einfach nicht die erotischen Bilder ihres Tagtraums vertreiben. Vor das Bild, wie er in ihrem Wohnzimmer stand, schob sich das Bild, wie er sie an sich presste und sein Blick vor Leidenschaft verhangen war. Sie steckte in großen Schwierigkeiten.

 

Kyriakos steckte in Schwierigkeiten. Eigentlich war er nur vorbeigekommen, um Hailey noch einmal seine Hilfe anzubieten und zu fragen, ob sie etwas Neues erfahren hatte. Natürlich war das nur eine Ausrede gewesen, um sie sehen zu können. Doch das war ihm egal. Er hatte damit gerechnet, dass sie ihm sagen würde, er solle einen Termin bei TLH machen. Dennoch wollte er sich nicht die Chance entgehen lassen, sie zu sehen. Es war beinahe lächerlich, mit welcher Dringlichkeit er in ihrer Nähe sein wollte.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war eine vor Verlangen aufgelöste Hailey, die ihm die Tür öffnete. Es hatte ihm den Atem genommen. Ihr Gesicht war gerötet, und ihre Lippen hatten ausgesehen, als wären sie entweder ausgiebig geküsst worden oder als hätte sie sich in wilder Leidenschaft selber gebissen. Ihre Augen hatten mit einer dunklen Leidenschaft geglüht, die ihm eine leichte Erektion beschert hatte. Und dann ihr Duft. Er hatte seine Sinne berauscht und in ihm das Verlangen geweckt, sein Gesicht an ihrem Hals zu vergraben und ihn so lange tief einzuatmen, bis er ihn von innen heraus erfüllte. Dann allerdings hatte er den Mann an ihr gerochen, und seine Begierde hatte sich in Wut verwandelt. Sie sollte nach ihm riechen und nicht nach einem anderen Mann. Schon gar nicht nach einer Raubkatze. Und dass sie diesem anderen Mann so nahe gewesen war, dass er ihn an ihr wahrnehmen konnte, trieb ihn fast in den Wahnsinn.

Er konnte diesen Trace noch immer an ihr riechen, aber sie war alleine in ihrem Haus. Dessen hatte er sich gerade vergewissert. Er nahm sich vor herauszufinden, wer dieser Trace war.

Hier im Wohnzimmer war der Geruch ihrer Leidenschaft und ihres Verlangens stärker, und er sog ihn tief in seine Lungen. Sein eigenes Verlangen wuchs. Diese Frau verkörperte Sinnlichkeit. Und diese Sinnlichkeit sprach ihn an und lockte ihn wie die Klänge einer Sirene. Außerdem verschwand der Geruch ihres Verlangens nicht, er umgab sie wie ein nur für ihn bestimmtes Aphrodisiakum. Kyriakos wollte sie. Und er wollte sie jetzt. Nur mit Mühe unterdrückte er das Knurren, das tief in seiner Kehle aufzusteigen drohte. Das hier konnte gefährlich werden. Er stellte sich vor, wie er sie an die Wand hinter ihr presste und sich ihre schlanken Schenkel um die Hüfte legte. Dadurch könnte er den harten Beweis seiner Begierde an ihr Zentrum der Lust pressen. Er wollte in ihrer Hitze schwelgen. Er merkte, wie seine Fangzähne ausfuhren. Und er wollte sie schmecken. Als er sich vorstellte, seine Fänge in die milchweiße Haut ihres Halses zu versenken, konnte er sich gerade noch beherrschen, sie nicht zu packen und an sich zu reißen.

„Kyriakos? Was wollen Sie hier?“ Ihre Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Er mochte den Klang seines Namens aus ihrem Mund. Er fuhr seine tödlichen Fänge wieder ein.

„Ich wollte Ihnen meine Hilfe anbieten.“ Elegant hob er eine Schulter und bemerkte, wie ihre Augen dieser Bewegung folgten. Interessant. Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie machte einen Schritt von ihm weg. Nur mit Mühe konnte Kyriakos das Lächeln unterdrücken, das sich auf seine Lippen schleichen wollte. Ja, Hailey Williams reagierte auf ihn. Sie zog die Augenbraunen zusammen.

„Ich bin eine Mitarbeiterin von The Last Hope.“ Es klang, als müsste sie sich das selber wieder in Erinnerung rufen. „Warum sollte ich Ihre Hilfe brauchen?“

Nun, das war eine gute Frage.

„Weil ich der Anführer der Vampire bin. Ich besitze Kontakte, die Ihnen nützlich sein könnten.“ Sie schien darüber nachzudenken. Um ehrlich zu sein, hatte Kyriakos sich das gerade ausgedacht. Natürlich hatte er Kontakte. Allerdings gehörten diese Kontakte eher der dunkleren Seite der Magie an. Und bis jetzt hatte nichts darauf hingewiesen, dass der Mord an der Wölfin etwas anderes war als der jämmerliche Versuch, einen Krieg zwischen dem Clan und dem Rudel anzuzetteln.

Als Hailey auch nach ein paar Minuten immer noch nichts gesagt hatte und ihn nur anschaute, hob er fragend eine Augenbraue. Schließlich nickte sie. „Okay, im Namen von The Last Hope nehme ich Ihre Hilfe an.“

Das überraschte ihn. Anscheinend hatte sie etwas erfahren, was sie denken ließ, dass sie seine Hilfe brauchen könnte. Ihre nächsten Worte brachten ihn aber beinahe zum Knurren.

„Allerdings werde ich das mit Rave Jones besprechen müssen. Das Opfer war ein Mitglied seines Rudels, und es wurde auf Ihrem Territorium gefunden. Sollte er etwas dagegen haben, werde ich Ihre Hilfe nicht annehmen können.“ Der verdammte Wolf konnte doch tatsächlich noch lästig werden. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als zu nicken und sich zu fügen. Er war es nicht gewohnt, sich einschränken zu müssen oder Befehle zu befolgen. Normalerweise war er derjenige, der die Befehle gab.

Sie schauten einander an. Es gab für ihn jetzt eigentlich keinen Grund mehr zu bleiben. Außer dass er ihre Gegenwart nicht zu schnell wieder verlassen wollte. Er ärgerte sich über sich selber. Er war ein Vampir. Er führte den Clan an. Er brauchte nichts und niemanden. Er war nicht wie die Gestaltwandler auf körperlichen Kontakt angewiesen, brauchte ihn nicht mit dieser Dringlichkeit. Und doch machten ihm seine Begierden jetzt einen Strich durch die Rechnung. Er bewegte sich einen weiteren Schritt auf Hailey zu und beobachtete, wie sie schluckte. Sie schaute in seine Augen. Wahrscheinlich hatte sich der rote Ring um seine Pupille erweitert. Dieser Ring war sozusagen ein Indikator für seine Gefühle, für seinen Hunger. Wenn er besonders starke Emotionen fühlte, wie Wut, Lust oder Bluthunger, verbreiterte sich dieser Ring. Je breiter, desto intensiver die Emotion. Und in Haileys Nähe war er ständig starken Emotionen ausgesetzt. Es kribbelte in seinen Händen, sie an sich zu ziehen.

Ihr strenger Zopf hatte sich etwas gelockert, und einzelne Strähnen ihres ebenholzfarbenen Haares umrahmten ihr Gesicht. Die Röte ihrer Wange hatte sich etwas gelegt. Dennoch konnte er den Anblick nicht vergessen, wie sie ihm die Tür geöffnet hatte.

„Möchten Sie etwas trinken?“

Ihre Frage ließ ihn innehalten. Wollte Hailey etwa auch nicht, dass er schon ging? Dieser Gedanke war faszinierend. Er würde in der Tat gerne etwas trinken, allerdings bezweifelte er, dass ihr Blut auf der Karte stand. Sie musste seinen Hunger in seinem Blick gesehen haben, denn etwas blitzte in ihren Augen auf.

„Was haben Sie denn anzubieten?“ Seine Stimme hatte einen heiseren Ton angenommen, ohne dass er es darauf angelegt hatte. Hailey reagierte, indem sich ihre Lippen leicht öffneten. Seine Augen folgten der Bewegung und ruhten dann für einen Moment auf dem wild schlagenden Puls an ihrem Hals, bevor er ihr wieder in die Augen sah.

„Ich fürchte, nur Wasser und Bier.“ Zitterte ihre Stimme leicht?

„Dann nehme ich ein Bier.“

Hailey wartete noch einen Moment und verschwand dann in der Küche, wie er annahm. Das gab ihm die Gelegenheit, sich etwas in ihrem Haus umzusehen. Sie war gemütlich eingerichtet, geradezu einladend. Eine große Couch mit breiter Sitzfläche beherrschte den größten Teil des Raumes, und ein niedriger Holztisch stand davor, auf dem sich Zeitschriften genauso wie einzelne Akten stapelten. Ein großer Fernseher stand gegenüber der Couch. Außerdem befanden sich noch ein gemütlich aussehender Sessel im Raum und ein riesiges Bücherregal, das die komplette Wand hinter der Couch einnahm. Auf Regalen neben dem Fernseher befanden sich einige gerahmte Bilder, aber Kyriakos hatte nicht mehr die Zeit, sie sich anzuschauen, denn in diesem Moment kam Hailey mit zwei Flaschen Bier zurück. Sie ging damit zur Couch und ließ sich dann darauf nieder. Er folgte ihr und setzte sich neben sie, ließ weniger Platz zwischen ihnen, als angemessen wäre. Er grinste in sich hinein, als sie ihn beinahe wütend anfunkelte. Dann griff er sich eine Bierflasche und nahm einen Schluck von dem kalten Getränk.

 

Hailey wusste nicht, ob sie ihm die Augen auskratzen oder ihn an sich ziehen und küssen wollte, bis sie beide die Besinnung verloren. Ihre Gefühle waren in einem starken Aufruhr. Nach ihrem erotischen Tagtraum hatte sie keine Zeit gehabt, ihre emotionalen Schilde wieder hochzufahren, dabei brauchte sie sie doch. Aber in Kyriakos’ Nähe war sie so gut wie machtlos gegen den Sturm in ihrem Inneren. Das Einzige, was ihre Selbstkontrolle noch hielt, war der Fakt, dass von Kyriakos keinerlei Emotionen zu ihr durchdrangen. Aber dennoch hatte sie eine Reaktion gesehen. Seine Augen hatten auf ihren Lippen gelegen, auf ihrem Hals. Das Rot seiner Augen hatte zugenommen. Sein Körper strahlte unnatürlich viel Hitze aus für einen Vampir. Sie konnte sie beinahe auf ihrer eigenen Haut spüren, weil er so nahe bei ihr saß. Das Ganze zerrte an ihren Nerven. Sie versuchte sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Neben ihr saß wahrscheinlich einer der wenigen Männer, die genug Dunkelheit in sich trugen, um sich auch mit der Bösartigkeit von Magie auszukennen, von der sie heute erfahren hatte. Aber konnte sie ihn so einfach fragen? Schließlich war Jessica keine Vampirin gewesen, sondern eine Angehörige des Rudels. Allerdings wollte Rave den Mörder seiner Rudelgefährtin um jeden Preis finden. Machte es da wirklich einen Unterschied, von wem sie die eventuell entscheidenden Informationen bekam?

„Kyriakos …“ Er schaute sie aufmerksam an, aber sie hielt inne. Wie hoch standen die Chancen, dass er etwas wusste? Sie war selbst eine Empathin und trug dementsprechend dieses dunkle Potenzial in sich. Aber selbst sie hatte bis heute nichts davon gewusst. Durfte sie solche Details des Falls überhaupt mit einem der Beteiligten besprechen? Auf der anderen Seite war Kyriakos ein Vampir und wandelte wahrscheinlich schon so lange über das Antlitz dieser Erde, dass er etwas von den Geistzerstörern wissen könnte. Sollte sie das Risiko eingehen? Jessicas misshandelter Körper erschien wieder vor ihrem geistigen Auge. Eine Gänsehaut überzog ihre Unterarme. Kyriakos bemerkte es, schwieg aber.

Sie schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie es.“ Sie konnte nicht. Die Regeln von The Last Hope und das Wissen um die Dunkelheit, die ihren Kräften anscheinend innewohnte, hielten sie davon ab, den Vampir zu fragen. Es war, als wollte sie es immer noch nicht wahrhaben, was äußerst unprofessionell war.

Er runzelte die Stirn. An diesem Abend schien er seine körperlichen Reaktionen nicht so sehr zu kontrollieren wie am Morgen zuvor. Sie fragte sich, woran das lag.

„Hailey …“ Es war das erste Mal, dass er ihren Namen aussprach, und es versetzte ihren gesamten Körper in Alarmbereitschaft. Ihr Unterleib zog sich zusammen, ihre Augen weiteten sich. Ihre Erregung flammte unvermittelt wieder auf. Fast panisch sprang sie hoch und trat von der Couch zurück. Die Anspannung zwischen ihr und Kyriakos war beinahe unnatürlich. Noch nie hatte sie so etwas erlebt. Es zerrte an ihrer empathischen Seite. Sie wollte emotionales Feedback von dem Vampir, der ihre eigenen Barrieren so mühelos einzureißen schien.

Kyriakos erhob sich, sein Blick fixierte sie. Er brachte sie dazu, sich keinen Zentimeter bewegen zu können, ohne ihn zu berühren. Es war beängstigend. Der Couchtisch war das Einzige, was zwischen ihnen stand.

„Was wolltest du mich fragen?“ Langsam, als wollte er sie nicht verschrecken, umrundete er den Tisch. Aber die Informationen, die sie heute erhalten hatte, und die Gewalttätigkeit, die sie an einer toten Frau wahrgenommen hatte, hatten sie erschöpft. Dazu noch der erotische Tagtraum und die Nähe des Objekts ihrer Begierde. Es war mehr, als eine Frau ertragen konnte.

„Nicht …“ Sie hob abwehrend die Hände, als er weiter auf sie zuging. Aber das hielt ihn nicht davon ab. Sie lief rückwärts, bis sie schließlich mit dem Rücken an eine Wand stieß.

Verdammt!

Sie saß in der Falle.

Und Kyriakos kam weiter drohend auf sie zu. Die Stimmung im Raum hatte sich verändert. Sie waren nicht länger eine Vermittlerin von The Last Hope und der Vampirkönig. Sie waren eine Frau und ein Mann, die einander begehrten. Heftig.

Ihre Brust hob und senkte sich in schneller Reihenfolge. Zwischen ihren Schenkeln flammte Hitze auf. Er hob witternd den Kopf. Und dann knurrte er.

Heilige Scheiße!

Hailey erstarrte, als sie dieses Knurren hörte. Es war so urtümlich, dass es ihr einen Schauer nach dem anderen über den Körper jagte. All ihre Sinne richteten sich auf ihn. Die Frau in ihr erkannte den dominanteren Mann, wusste, dass er sie besitzen wollte. Woher sie das wusste, konnte sie allerdings nicht sagen. Es war, als bestünde sie nur noch aus Instinkten. Das Rot seiner Augen wurde zunehmend stärker. Schließlich blieb er vor ihr stehen. Ihre Körper berührten sich nicht. Noch nicht.

Hailey konnte nichts anderes tun, als in seine Augen zu starren. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Das war auch nicht nötig. Ihr Verlangen schwebte in der Luft um sie herum, und er reagierte mit nicht minder starkem Verlangen darauf. Seine Hände stützen sich neben ihr an der Wand ab, sperrten sie in einen Käfig aus purer Muskelmasse.
„Was machst du mit mir?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Knurren. Es ließ seine Brust vibrieren, und Hailey schluckte schwer.

„Ich weiß es nicht“, wisperte sie. Ihre Stimme schien sie verlassen zu haben. Etwas in ihrem Kopf schrie sie an, und sämtliche Alarmglocken schrillten wie wild. Aber als Kyriakos’ Fingerspitzen hauchzart über ihren Kiefer hinunter zu ihrem Nacken strichen, wurde alles in ihr still. Für einen winzigen Moment gab es nichts als Ruhe und Frieden. Dann schlug ihr Begehren so heftig über ihr zusammen, das sie erschrocken nach Luft schnappte. Seine Hand schlang sich um ihren Hals. Nicht so fest, dass es ihr wehgetan hätte, aber doch eindeutig eine Botschaft. Ihre Lippen teilten sich bei dem Versuch genug Luft in ihre Lungen zu bekommen.

Seine Augen strichen über ihr Gesicht, schienen nach einer Antwort zu suchen. Die Frage kannte sie nicht. Schließlich richteten sich seine Augen auf ihre Lippen, und die Temperatur stieg merklich an.

„Du weiß gar nicht, wie oft ich mir das vorgestellt habe.“ Sie fragte sich noch, was zum Teufel hier gerade passierte, aber dann senkten sich seine Lippen warm und fest auf ihre, und jeder Gedanke verschwand in einer Flut von Gefühlen.

Sie war verloren.

Als sich ihre Lippen berührten, dachte Hailey, sie wäre vom Blitz getroffen worden. Zunächst spürte sie nur einen warmen, sanften Druck. Dann strich seine Zunge über ihre Unterlippe und knabberte dann zärtlich an ihr. Ihr Stöhnen war pure weibliche Wonne. Seine Zunge glitt zwischen ihre geöffneten Lippen, und sie dachte, sie müsse sterben. Nichts auf Erden konnte sich so verdammt gut anfühlen. Er schmeckte nach Mann und Dunkelheit. Dabei gab es doch eigentlich keinen Geschmack für Dunkelheit. Und doch, als dieser Vampir sie küsste und ihre Zungen sich in einem sinnlichen Tanz fanden, schwor Hailey, dass sie die Dunkelheit schmecken konnte. Sinnlich. Dekadent. Alles verzehrend.

Er knurrte in ihren Mund hinein, und das Geräusch ließ ihren eigenen Brustkorb vibrieren. Seine Hand schloss sich fester um ihren Hals. Aber sie spürte keine Panik. Nur Lust.

Kyriakos löste sich kurz von ihr und schaute ihr in die Augen. In diesem Moment schienen die letzten Schranken zu fallen. Sie hatte so lange davon geträumt, hatte versucht logische Erklärungen für diese Anziehung zu finden. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich noch vorgenommen, dieser Anziehung nachzugeben. Ihre Hände schlangen sich um seinen Nacken, und sie presste sich gegen ihn. Er knurrte erneut, und schon lagen seine Lippen wieder auf ihren. Dieser zweite Kuss war noch sinnlicher, noch besitzergreifender. Wenn das überhaupt möglich war. Er eroberte sie, dominierte sie mit nichts als seinen Lippen und seiner Hand um ihren Hals. Hailey hatte keine Worte, um zu beschreiben, was gerade mit ihr passierte. Das war nicht einfach nur ein Kuss. Es war, als würde ihr Körper zu neuem Leben erwachen. Ihre ganze Welt wurde aus den Angeln gehoben.

Ihre Zungen duellierten sich. Jede Berührung sandte Schauer ihr Rückgrat hinab. Ihre weichen Kurven pressten sich unnachgiebig gegen die Härte seiner Muskeln. Der Geruch nach Mann und einfach nach Kyriakos wurde stärker, drohte sie zu verschlingen. Die Wellen der Lust nahmen immer mehr zu. Ihre empathische Seite schwelgte in der Intensität, in der Reinheit dieses Gefühls.

Plötzlich unterbrach ein schrilles Läuten ihre Zweisamkeit. Fluchend zog sich Kyriakos zurück. Seine Hand lag immer noch an ihrem Hals. Bestimmt würde er dort Abdrücke hinterlassen. Wieso fand sie diesen Gedanken nur so höllisch sexy? Das schrille Läuten wurde nicht leiser, und schließlich drang es in ihr von Lust benebeltes Hirn. Ihr Handy klingelte.

Schlagartig wurde ihr bewusst, was hier gerade geschehen war. Es schockierte sie dermaßen, dass die Lust ihre Klauen nicht mehr in sie schlagen konnte. Hastig befreite sie sich aus Kyriakos’ Griff. Nicht einen Moment gab sie sich der Illusion hin, sie hätte das geschafft. Nein, er hatte sie gehen lassen. Für den Moment.

Sie griff nach ihrem Handy, und alles in ihr wurde still, als sie die Nummer auf dem Display sah.

Sie nahm das Gespräch an. „Rave.“

Hinter ihr konnte sie förmlich spüren, wie Kyriakos erstarrte. Zwar hatte sie nicht einmal während des Kusses seine Gefühle wahrnehmen können, dennoch spürte sie die veränderte Stimmung im Raum. Der Moment der Zweisamkeit, in dem sie einfach nur sie selbst hatten sein können, war vorbei.

„Hailey.“ Die Stimme des Wolfes klang gehetzt. Die Empathin in ihr schlug Alarm.

„Was ist passiert?“

„Eine Wölfin ist verschwunden.“

Ihr Blut gefror zu Eis. Die letzten Reste der Lust verschwanden.

„Wann?“

„Wir haben das letzte Mal vor drei Stunden etwas von ihr gehört.“

„Was macht dich so sicher, dass sie verschwunden ist?“ Der Teil von ihr, der eine beinahe militärische Ausbildung genossen hatte und der sie als Mitarbeiterin von TLH kennzeichnete, übernahm die Führung.

Er knurrte sie an. Das zeigte nur, wie sehr er in Aufruhr war. „Nach Jessicas Tod habe ich veranlasst, dass jeder im Rudel immer erreichbar sein muss. Wer unser Revier verlässt, muss sich regelmäßig bei jemandem melden. Sie hätte vor einer Stunde wieder Bericht erstatten müssen.“

Natürlich konnte es sich bei dem Verschwinden der Wölfin nur um das ungebührliche Verhalten eines Rudelmitglieds handeln, aber etwas in Hailey sagte ihr, dass das nicht stimmte. So viel Glück hatte sie nicht.

„Ich bin unterwegs.“ Sie beendete das Gespräch und atmete einmal tief durch. Dann drehte sie sich zu Kyriakos um. Sein Anblick ließ sie von Neuem erstarren. Er wirkte kalt wie Eis. Nichts in seiner Haltung deutete darauf hin, dass sie sich noch vor wenigen Minuten leidenschaftlich geküsst hatten. Lediglich der rote Ring, der breiter war, als sie es gewohnt war, erinnerte noch an die feurige Glut zwischen ihnen.

„Ich muss los.“

Er nickte.

Da sie immer noch die Kleidung des Tages trug, schnappte sie sich lediglich ihre Tasche und ihre Schlüssel und verließ mit Kyriakos ihr Haus. Sie schloss die Tür hinter sich und drehte sich zu dem Vampir um, um sich zu verabschieden. Aber Kyriakos war verschwunden. Es war dunkel, und er war ein Vampir. Sie würde ihn niemals finden, selbst wenn sie es gewollt hätte. Aber das wollte sie gar nicht. Wenn sie ehrlich war, war sie froh, dass er ohne ein weiteres Wort verschwunden war. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Intensität ihrer Gefühle machte ihr jetzt, im Nachhinein, Angst. Sie war froh über die Verschnaufpause.

Zu spät erinnerte sie sich, dass ihr Auto noch auf dem Parkplatz von The Last Hope stand. Fluchend rief sie sich ein Taxi. Zum Glück waren die Straßen um diese Uhrzeit leer, und sie erreichte das Territorium der Wölfe immer noch relativ schnell.

Auf der Fahrt zum Rudel war das ungute Gefühl in ihrem Inneren immer stärker geworden und hatte jetzt, bei ihrer Ankunft, einen schmerzenden Knoten in ihrem Bauch gebildet. Etwas in ihr flüsterte, dass Jessica nicht die Letzte gewesen war, die den Machenschaften dieser Kreatur zum Opfer gefallen war.

Nein, schwor sie sich, ich werde nicht noch eine Wölfin dieser mörderischen Qual überlassen, die Jessica durchmachen musste.

“Und das innerhalb kürzester Zeit. Denn Haileys Kräfte lagen im oberen Bereich der Skala.

Die Skala war kurz nach der Wende eingeführt worden. Sie beschrieb die Stärke der Kräfte einer magisch begabten Person. Sie reichte von null bis fünfzehn. Null stand für keinerlei magische Begabung. Der Bereich von eins bis fünf markierte den unteren Bereich. Ein Mensch, der in diesem Bereich lag, war zwar magisch begabt, konnte mit seinen Fähigkeiten aber nur wenig ausrichten. Im mittleren Bereich, von sechs bis zehn, siedelten sich die meisten Menschen an. Sie hatten eine durchschnittlich stark ausgeprägte Fähigkeit und konnten damit auch einiges bewirken. Die Kräfte der wenigsten Menschen lagen im oberen Bereich der Skala, der von elf bis fünfzehn reichte. Haileys empathische Fähigkeiten waren eine 13,9 auf der Skala. Und dann gab es noch die Menschen, die außerhalb dieser Skala lagen.“