[Blogroman] Kapitel 23

Kapitel 23
Raphael

Seit Alexia mein Haus verlassen hatte, saß ich an der Anrichte und starrte auf die Uhr. Es waren jetzt bereits mehrere Stunden. War das noch normal? Das konnte nicht normal sein.

Ich stand auf und fuhr mir mit beiden Händen über den Schädel. Meine Haut juckte auf unangenehme Art und Weise und ich hatte ein ungutes Gefühl im Magen. Etwas stimmte nicht. Dessen war ich mir beinahe sicher. Hatte sie es sich anders überlegt und war verschwunden? Hatte Luar ihr mehr Geld geboten und sie hatte die Seiten gewechselt? Würde sie so etwas überhaupt tun? Ich hatte das Gefühl, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte, dass es etwas Ernstes werden könnte. Oder war etwas schief gegangen? Hatten die Bodyguards sie überwältigt?

Mein Kopf explodierte beinahe bei all den schrecklichen Szenerien, die sich in diesem Moment vor meinem inneren Auge abspielten.

Aber Alexia hatte mich gebeten ihr zu vertrauen. Also würde ich genau das tun. Denn ich liebte diese Frau. Mehr als den Club. Mehr als meine Kutte. Sie war alles.

Allerdings bedeutete das auch, dass wahrscheinlich etwas ganz furchtbar schief gegangen sein musste. Sonst wäre sie längst wieder hier.

In diesem Moment hörte ich, wie ein Motorrad vor meinem Haus vorfuhr. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und Spades betrat den Raum. Er sah sich um und runzelte die Stirn.

„Sie ist noch nicht wieder hier?“

„Nein“, knurrte ich.

Da ich jetzt endgültig die Schnauze voll hatte vom Warten, nahm ich mein Handy von der Anrichte und checkte den Peilsender. Ich sah Spades an.

„Wir gehen sie jetzt holen.“

 

Mit einem unguten Gefühl parkte ich mein Bike und blickte rüber zu Spades. Er starrte die gleiche Stelle an, wie ich zuvor. Der SUV der Angels, den ich Alexia geliehen hatte, stand noch vor dem Hotel.

„Hast du die Zimmernummer?“, fragte Spades.

Ich schüttelte den Kopf. „Aber der Peilsender ist exakt genug.“

Ich zog mein Handy aus der Tasche und gemeinsam betraten wir das Hotel. Von allen Seiten wurden uns komische Blicke zugeworfen. Allerdings verwandelte der Ausdruck sich ganz schnell in Angst, als sie den geflügelten Totenkopf auf unseren Kutten entdeckten.

Wir betraten den Aufzug und folgten dem Signal bis zu einer Hotelzimmertür. Das Zimmer war unverschlossen. Spades und ich sahen uns an, zogen unsere Waffen und entsicherten sie. Gemeinsam betraten wir den Raum.

Drinnen sah alles ganz normal aus. Nichts deutete auf einen Kampf hin. Aber Alexia war auch nicht hier. Fieberhaft sah ich mich um. In dem Raum gab es nur zwei weitere Türen. Die erste führte ins Bad. Es war leer. Spades checkte das Schlafzimmer, aber sein Kopfschütteln teilte mir mit, dass sie dort auch nicht war. Wieso war sie nicht hier? Der Peilsender sagte doch, dass sie hier war.

Dann entdeckte ich ihr Handy. Es lag auf dem Schreibtisch. Neben ihrer Beretta. Ich erkannte sie auf den ersten Blick. Die silberne Waffe, mit dem weißen Griff fiel überall auf.

„Archangel.“ Spades berührte mich an der Schulter und deutete auf den Teppich vor unseren Füßen. Ich erstarrte. Dort waren Blutflecken. Nicht fiel, aber dennoch genug, um mir einen eiskalten Schauer über den Rücken zu jagen.

Noch einmal sah ich mich in dem Hotelzimmer um.

„Was ist hier passiert, baby girl?“

 

Mit einer unguten Mischung aus Angst und Wut im Bauch fuhr ich vor dem Clubhaus vor. Spades und ich waren gerade abgestiegen, als einer der Prospects auf uns zugerannt kam.

„Archangel!“ Er stoppte vor uns und hielt mir einen weißen Briefumschlag entgegen. „Der wurde gerade von einem Kurier für dich abgegeben.“

Ich nahm den Umschlag entgegen und betrachtete ihn. Kein Empfänger, kein Absender. Vorsichtig betastete ich das Papier. Es fühlte sich nicht so an, als wäre etwas drin. Ich sah Spades an und konnte darin die gleiche ungute Ahnung erkennen, die auch ich spürte. Ich öffnete den Umschlag, drehte ihn um und zog ein einzelnes Stück Papier heraus. Ich erstarrte, als ein paar feuerrote Haarsträhnen ebenfalls aus dem Umschlag fielen und zu Boden segelten.

Ich sah die wenigen Worte an, die auf dem Papier standen und mein Herz verfehlte ein paar Schläge.

Wir haben deine Freundin. Heute Abend. 22 Uhr. Unser Clubhaus. Komm alleine oder sie stirbt.

Secret Saints

 

Ich reichte den Zettel an Spades weiter, während ich auf die Haarsträhnen am Boden starrte. Die Saints hatten Alexia. Ich konnte an nichts anderes denken, als dass meine Frau in den Händen unserer Feinde war. Ich wollte mir wirklich nicht vorstellen, was sie gerade mit ihr taten. Sonst würde ich vermutlich durchdrehen.

Eine Hand landete auf meiner Schulter und ich starrte Spades an. „Das wirst du nicht tun.“

„Ich werde.“

Spades Gesichtsausdruck verfinsterte sich, der Griff auf meiner Schulter wurde fester. „Das kann ich nicht zulassen.“

Ich drehte mich zu ihm um, schüttelte seine Hand ab und ballte die Fäuste. „Versuch mich davon abzuhalten, Spades.“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und starrte mich wutentbrannt an. „Hast du vollkommen den Verstand verloren? Sie werden dich umbringen!“

„Wenn ich nicht gehe, werden sie Alexia töten.“

Spades und ich starrten uns an. Die Luft war zum Zerschneiden dick vor Anspannung. Schließlich atmete Spades tief durch. „Das ist eine Falle.“

„Natürlich ist es das“, antwortete ich. „Aber Alexia gehört zu mir. Ich werde sie daraus holen oder bei dem Versuch sterben.“

Ich streckte Spades den Arm hin und er umfasste ihn an meinem Ellbogen.

„Du weißt, was du zu tun hast. Du bist der Vizepräsident“, sagte ich zu ihm, bevor ich mich umdrehte und auf mein Bike stieg.

Ich fuhr nach Hause und ging in mein Schlafzimmer. Mir war eiskalt und dennoch schwitzte ich. Meine Haut war klamm. Mein Herz raste, als wollte es einen Wettbewerb gewinnen. Ich konnte nur daran denken, dass Alexia bei mir sein sollte. Dass ich sie hätte beschützen sollen. Ich hätte sie niemals alleine zu diesem dämlichen Treffen gehen lassen dürfen! Mit einem wütenden Aufbrüllen, wirbelte ich herum und schlug mit der Faust gegen die Wand. Putz bröckelte herab. Ich starrte auf meine aufgeplatzten Fingerknöchel, dann auf die Blutspuren an der Wand. Ich musste mich zusammenreißen, sonst wäre ich keine Hilfe für Alexia.

Auf dem Bett lag noch immer mein T-Shirt, das sie letzte Nacht getragen hatte. Ich nahm es in die Hand und drückte meine Nase in den Stoff. Es roch nach ihr und mein Herz krampfte sich zusammen. Für jede noch so kleine Verletzung, die sie ihr zugefügt hatten, würde ich einen Saint umbringen. Ich konnte nur hoffen, dass ich genug Unruhe verbreitete, um Alexia eine Chance auf Flucht zu verschaffen. Ich hatte wenig Hoffnung, dass ich das Clubhaus der Saints wieder lebend verlassen würde.

Ich öffnete eine Schublade meiner Kommode und lud meine Waffen neu, bevor ich sie anlegte. Danach verließ ich mein Haus. Ich setzte mich auf meine Maschine. Der Motor erwachte brüllend zum Leben.

Es war Zeit, dass ich mir meine Frau zurückholte.

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