[Blogroman] Kapitel 21

Kapitel 21
Alexia

Ein paar Tage später saßen Zane und ich zusammen auf seiner Couch. Draußen war es bereits dunkel und das einzige Licht kam aus der offenen Küche. Wir hielten beide eine Flasche Bier in der Hand und sahen uns an.

Seit meinem Tag zusammen mit Spades hatten sich ein paar Dinge verändert. Ich mochte Spades. Zu meiner eigenen Überraschung. Außerdem war Zane so verflucht nett und fürsorglich, dass ich auch ihn irgendwie … mochte. Was mich mächtig ankotzte. So etwas konnte ich überhaupt nicht gebrauchen.

Mit meiner Vergangenheit hatte ich keine Chance auf ein Happy End. In meiner Zukunft gab es nichts außer neue Jobs, die mir neues Geld einbringen würden, damit ich weiter weglaufen konnte. Es gab kein nettes Häuschen mit einem heißen, tätowierten Biker, der unglaublichen Sex mit mir hatte und sich um mich kümmerte, wenn es mir scheiße ging.

Allerdings half mir dieses Wissen auch nicht gegen die Schuldgefühle, weil uns schon wieder Nachrichten über vermehrte Aktivitäten der Secret Saints erreicht hatten. Denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich diese auf die spärlichen Informationen begründeten, die ich Luar bei unserem letzten Treffen gegeben hatte.

„Worüber denkst du nach?“ Zanes Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

Ich hob die Bierflasche an meine Lippen und nahm einen Schluck, bevor ich antwortete. „Wie schnell sich einfache Dinge zu etwas äußerst kompliziertem entwickeln können.“

„Ist das so?“

Ich nickte. „Und ich bin wirklich kein Fan von komplizierten Sachen.“

Zane neigte leicht den Kopf. „Wieso nicht?“

Mein Blick fiel auf das Tattoo auf seinen Fingern. Ride Fast. Kein schlechter Rat. Ich sollte mich auf mein Bike setzten und so schnell wie möglich fahren. Ganz weit weg von hier.

„Komplizierte Dinge bergen immer das Risiko von Fehlern.“

Zane schwieg eine Weile und wir hingen beide unseren Gedanken nach. Als er erneut das Wort erhob, sah ich ihn überrascht an.

„Lass uns ein Spiel spielen.“

„Das ist entweder der schlechteste Anmachspruch aller Zeiten oder aber der Beginn eines wirklich miesen Horrorfilms.“

Zane lachte. „Keins von beidem. Ich meine es ernst. Mit Spades hast du doch auch gespielt.“
„Ja, aber da konnte ich auch Leute abknallen. Zumindest virtuell.“

Er stupste mich mit seinem Fuß an. „Nun komm schon. Sei kein Feigling.“

Seufzend gab ich nach. „Okay, und an welches Spiel hast du gedacht?“

„Wir stellen uns gegenseitig Fragen. Immer abwechselnd. Und wir müssen die Fragen ehrlich beantworten. Keine Lügen, keine Ausflüchte.“

„Das ist ein merkwürdiges Spiel“, bemerkte ich stirnrunzelnd. Mir gefiel gar nicht in welche Richtung sich das hier entwickelte. Allerdings konnte ich so auch mehr über Zane herausfinden und das war ein verlockender Köder.

„Du wohnst jetzt schon eine ganze Weile bei mir und trotzdem weiß ich fast nichts über dich. Das will ich ändern.“

„Was ist aus der ganzen ‚Es-gibt-nur-zwei-Gründe-warum-du-hier-bist Geschichte‘ geworden?“

„Das hat sich geändert“, antwortete Zane schulterzuckend.

Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen. Was konnten so ein paar Fragen schon anrichten? Und wenn es wirklich brenzlig wurde, konnte ich immer noch lügen. Wie wollte er das schon kontrollieren?

„Na gut.“ Ich deutete mit der Bierflasche auf ihn. „Fang an.“

„Wo bist du geboren?“

„Das weiß ich nicht, hab meine Eltern nie kennengelernt. Die ersten Jahre bin ich in einem Waisenhaus in New York City aufgewachsen.“ Ich bemerkte Mitleid in Zanes Blick, weswegen ich schnell von mir ablenken wollte. „Was ist mit dir?“

„Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Salt Lake City ist meine Heimatstadt.“ Zane schien über seine nächste Frage nachzudenken. „Wie alt bist du?“

Ich grinste. „Spades hat mich das gleiche gefragt. Neunzehn.“

„Wow. Das ist jünger als ich erwartet hatte.“

„Ist das ein Problem für dich, Archangel?“, fragte ich schmunzelnd.

„Nein. Ist der Altersunterschied für dich ein Problem?“

„Spontan würde ich jetzt einmal nein sagen. Alter ist nur eine Zahl. Es ist die Gesellschaft, die uns sagen will, was richtig oder falsch ist. Und die Gesellschaft interessiert mich einen Dreck.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier. „Wie viel Altersunterschied haben wir denn?“

„Fünfzehn Jahre.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das geht für mich in Ordnung.“

Zane grinste. „Okay, ich bin wieder dran. Was ist deine Lieblingsfarbe?“

„Schwarz. Dein Lieblingssong?“

„Pour some sugar on me von Def Leppard.“

Ich lachte. „Ein Strippersong. Na klar.“

Ich sah Zane an und bemerkte, dass er mich mit einem warmen Lächeln auf den Lippen ansah. Und da war dieses Leuchten in seinen Augen, was mir eine Scheißangst machte.

„Nächste Frage.“

„Wie heißt du wirklich?“

Mein Herz verfehlte ein paar Schläge und ich mied Zanes Blick. Stattdessen sah ich aus dem Fenster. Aber dort gab es wegen der Dunkelheit nichts zu sehen. Natürlich hatte er die Chance nutzen und mich nach meinem Namen fragen müssen. Dieser Idiot. Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich ihm meinen Namen verraten? Was würde er damit schon groß anfangen können?

„Wieso willst du das wissen?“, murmelte ich.

„Zuerst musst du mir meine Frage beantworten, dann kannst du deine stellen.“

Ich versuchte mein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Wieso machte ich überhaupt eine so große Sache daraus? Allein mit meinem Vornamen konnte er keine Informationen über mich ausgraben. Und selbst wenn er das könnte, würde er nichts finden. Für die Welt da draußen existierte ich nicht.

Kurz fragte ich mich, ob das die Wahrheit wahr, oder ob ich nur nach einer Entschuldigung suchte, um ihm meinen Namen zu verraten.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und sah ihn an. „Alexia.“

„Hm, Alexia.“ Ich bekam eine leichte Gänsehaut, als Zane zum ersten Mal meinen Namen aussprach. „Ein schöner Name.“

„Wie bist du zu den Angels of Death gekommen?“, fragte ich schnell.

„Nach meiner Zeit bei der Army brauchte ich eine neue Aufgabe. Es ist verdammt schwierig, wenn du jahrelang darauf gedrillt wirst zu töten. Ständig kommt der nächste Auftrag rein und du musst um dein Überleben kämpfen. Wenn du dann nach Hause kommst, gibt es nur … Langeweile. Das kann einen in den Wahnsinn treiben. Ich kannte Spades von der Zeit bei der Army. Er war schon ein Jahr vor mir nach Hause gekommen und brachte mich zu den Angels.“

„Und wie bist du dann zu ihrem Präsidenten geworden?“ Ich war ehrlich neugierig. Ich wollte mehr über diesen Mann wissen. Aber Zanes tadelnder Blick rief mich zur Ordnung und ich seufzte. „Okay, du bist wieder dran.“

„Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?“, fragte er und mein Magen verkrampfte sich.

Ich stand auf, um uns beiden ein neues Bier zu holen und mir mehr Zeit zum Nachdenken zu geben. Als ich mich wieder setzte, schlug ich die Beine unter und spielte am Etikett der Flasche herum.

„Als ich das erste Mal Schokolade gegessen habe.“

„Wie alt warst du da?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin dran.“ Ich wählte meine nächste Frage mit Bedacht, da ich unbedingt diese intime Stimmung zerstören wollte, die mir gleichzeitig Angst machte und ein warmes Gefühl in meiner Brust auslöste.

„Wann hast du das erste Mal getötet?“

Zane sah mich verwirrt an. Damit hatte er nicht gerechnet. „Mit zwanzig. Während meiner Zeit bei der Army. Und du?“

Ich sah ihm direkt in die Augen. „Mit sechzehn.“

Die Überraschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ich bin wieder dran. Was ist deine Lieblingsfarbe?“, fragte ich, da ich genug von den tiefschürfenden Gesprächen hatte.

„Weiß.“

„Ehrlich? Ich habe noch nie auch nur ein weißes Kleidungsstück an dir gesehen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Die Flügel auf meinem Bike sind weiß.“

Ich schnaubte.

„Wieso bist du Söldnerin geworden?“, fragte Zane.

„Ich brauchte sehr schnell viel Geld. Und ich hatte ein gewisses Talent dafür, wie sich herausstellte.“

„Ich muss zugeben, du bist wirklich gut in dem, was du tust.“

„Deswegen bekomme ich ja auch so viel Geld“, gab ich lächelnd zurück.

„Aber ich hab dich erwischt. Also bin ich besser.“

Ich starrte in Zanes breit grinsendes Gesicht. „Das kannst du doch nicht wirklich glauben!“

„Was ist noch gleich an unserem ersten gemeinsamen Abend passiert?“, fragte er mich mit süffisantem Ton.

„Das würdige ich keiner Antwort.“

Zane legte den Kopf zurück und lachte. Wie immer verursachte der raue Ton ein Kribbeln in meinem Bauch, was ich aber gekonnt ignorierte.

„Was hältst du von einer Wette?“, fragte ich stattdessen.

„Noch eine?“

Ich nickte. „Derjenige, der dem anderen zuerst den Arsch rettet, bekommt von demjenigen ein neues Motorrad.“

„Ich brauche kein neues Bike“, antwortete Zane mit einem leichten Stirnrunzeln.

Ich zuckte mit den Schultern. „Kann mir egal sein, da ich die Wette sowieso gewinnen werde. Und ich brauche schon eins.“ Zwar liebte ich meine Maschine, allerdings hatte sie wirklich schon bessere Tage gesehen. Ein neues Motorrad wäre schön. Außerdem lenkte die Wette Zane von diesem dämlichen Spiel ab, was eine viel zu gefährliche Richtung genommen hatte.

„Das ist eine dämliche Wette“, meinte Zane.

„Hey, du hast auch ein dämliches Spiel vorgeschlagen und trotzdem habe ich mitgemacht. Jetzt bist du dran.“ Ich streckte die Hand aus. „Schlag ein.“

Zane sah erst meine Hand an und dann mein Gesicht. Langsam schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Na schön. Aber mit einem einfachen Handschlag kommst du mir nicht davon.“

Ich sah ihn fragend an. „Nicht?“

Er schüttelte den Kopf, nahm unsere Bierflaschen und stellte sie auf den Couchtisch. „Nein.“

Blitzschnell ergriff er mein Handgelenk und zog mich zu sich. Ich landete auf seiner Brust und im nächsten Moment verschloss er meinen Mund mit einem Kuss. Heiß drang seine Zunge in mich ein und ich schmeckte Bier und Zane. Seufzend schmiegte ich mich an ihn, legte die Hände in seinen Nacken und vertiefte den Kuss.

Ein warmes Prickeln lief über meinen Körper, Hitze sammelte sich in meinem Unterleib. Wie immer, wenn Zane mich küsste, schien in diesem Moment nichts mehr außer uns zu existieren.

Als er schließlich den Kuss unterbrach atmeten wir beide schwer und ich konnte sein Lächeln an meinen Lippen spüren.

„Wette angenommen.“

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