[Blogroman] Kapitel 20

Kapitel 20
Alexia

Nachdem Zane verschwunden war, musste ich noch einmal eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal wach wurde, drang der Geruch von Kaffee und Fast Food zusammen mit Musik zu mir nach oben.

Ich rollte mich herum und blinzelte gegen das helle Licht an, das ins Zimmer schien. Die Kopfschmerzen waren noch da, aber die Übelkeit war zum Glück verschwunden, weswegen ich jetzt wahrscheinlich den Versuch wagen konnte das Bett zu verlassen.

Meine nackten Füße berührten den Boden und ich seufzte leise, als ich das kalte Holz spürte. Ich streifte Zanes Jacke ab und machte mich auf den Weg in mein Zimmer.

Da ich mich weder mit der Frage beschäftigen wollte, warum sich Zane um mein betrunkenes Ich gekümmert hatte noch warum mir das irgendwie gefiel und mein Magen und Herz bei dem Gedanken daran ganz komische Dinge veranstalteten, beschäftigte ich mich lieber damit mir neue Kleidung zu nehmen und danach zu duschen.

Das heiße Wasser wusch die letzten Reste der Vodka-Nacht weg und als ich schließlich in frische Kleidung schlüpfte, fühlte ich mich beinahe wieder wie ein Mensch. Ich rubbelte meine Haare so weit trocken, dass sie nicht mehr mein ganzes Shirt durchtränken würden und ging dann zurück in mein Zimmer.

Leider verschwand das gute Gefühl wieder, als ich einen Blick auf mein Handy warf. Da war eine Nachricht von Luar, dass er sich heute mit mir treffen konnte. Ich stöhnte frustriert, als ich mich daran erinnerte, dass ich ihn darum gebeten hatte.

Durch die offene Tür konnte ich Zanes Bett sehen, in dem er mich letzte Nacht hatte schlafen lassen. Wo hatte er denn überhaupt geschlafen? Wage blitzte die Erinnerung an einen warmen Körper auf, der sich an meinen geschmiegt hatte und ich war sogar noch näher an ihn herangerutscht. Stirnrunzelnd betrachtete ich die zerwühlten Laken. Wenn ich letzte Nacht wirklich mit Zane gekuschelt hatte, würde ich mich jetzt sofort aus dem Fenster stürzen. Ich kuschelte nicht. Niemals.

Zane hatte sich um mich gekümmert. Schon wieder. Wieso musste der Typ nur so verdammt nett zu mir sein? Und wieso interessierte es mich überhaupt?

Als das letzte Mal jemand nett zu mir gewesen war, hatte ich danach jemanden getötet und war seitdem auf der Flucht. Keine besonders angenehme Erinnerung.

Ich starrte mein Handy böse an, als wäre es Schuld an dieser ganzen Sache, bevor ich Luar schrieb, dass ich heute keine Zeit hatte und mich wieder melden würde. Danach aktivierte ich erneut die Verschlüsselung und ging nach unten.

Spades saß mit dem Rücken zu mir an der Anrichte in der Küche. Aus dem Radio drang gerade Girls just wanna have fun und er summte leise zur Melodie und wippte mit dem Fuß im Takt. Ich verschränkte grinsend die Arme vor der Brust und beobachtete ihn einen Moment, bevor ich mich räusperte.

Spades zuckte zusammen und sah mich über die Schulter hinweg an. „Fuck, Kleine. Wir müssen dir ein Glöckchen umhängen.“

„Du sollst mich nicht so nennen, Spades.“ Ich deutete mit dem Kinn in Richtung Radio. „Hätte nicht gedacht, dass das dein Song ist.“

Spades zeigte mir den Mittelfinger und ich musste lachen.

„Ich hab dir Frühstück mitgebracht, Kleine.“

Ich ignorierte den Spitznamen und ging zu ihm. Es würde ja doch nichts bringen, wenn ich mich weiter darüber aufregte. Und Spades würde es dadurch nur noch mehr Spaß machen. Vielleicht würde er irgendwann damit aufhören, wenn er merkte, dass ich nicht mehr darauf reagierte.

Ich nahm mir eine Tasse Kaffee, bevor ich mich neben ihn auf einen Barhocker setzte und öffnete die erste Papiertüte.

„Wirklich? Burger und Pommes? Zum Frühstück?“

„Hast du mal auf die Uhr gesehen? Die Zeit für Frühstück ist längst vorbei. Außerdem ist das nach deinem Saufgelage von letzter Nacht genau das Richtige.“

„Zane hat dir davon erzählt?“

Spades zuckte vielsagend mit den Schultern. „Jetzt iss.“

Ich schob mir ein paar Pommes in den Mund und musste zugeben, dass mein empfindlicher Magen sich darüber freute. Also nahm ich mir als nächstes den Burger. Im Hintergrund lief noch immer das Radio und Spades summte bei jedem neuen Song die Melodie mit. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir auf, dass er angestrengt auf sein Handy starrte, das vor ihm lag, und darauf herum tippte. Ich beugte mich zu ihm rüber und warf einen Blick auf den Bildschirm.

„Ehrlich jetzt?“

Er sah mich nicht an, sondern blickte weiter auf das Handy.

„Ein Ego-Shooter?“

In diesem Moment explodierte gerade ein Schädel, Blut lief am Bildschirm herunter und gelbe Neonschrift verkündete, dass Spades den Level geschafft hatte.

„Was soll ich sagen? Ich kann einfach nicht aus meiner Haut.“

„Was hat das Spiel mit dir zu tun?“ Ich trank einen Schluck Kaffee.

Spades drückte auf Pause und sah mich von der Seite an. „Hat Archangel dir das nicht erzählt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich war bei den Marines.“ Spades schob den Ärmel seines T-Shirts nach oben und ich starrte überrascht das Tattoo an. Die Erdkugel auf der ein Adler saß und die von einem Anker durchstoßen war. Das Logo der Marines. Darunter die Worte The few. The proud. „Scharfschütze.“

Ich blinzelte. „Du verarschst mich doch.“

„Zwölf Jahre, Kleine.“ Er legte Zeige- und Mittelfinger an die Stirn und salutierte spielerisch.

„Okay. Ich bin beeindruckt.“ Ich biss von meinem Burger ab.

„Stets zu Diensten.“ Spades zwinkerte mir zu und ich musste grinsen.

„Wie alt bist du überhaupt?“, fragte ich.

„Dreiunddreißig. Du?“

„Rate.“

Spades sah mich eingehend an. „Zweiundzwanzig.“

Ich schüttelte den Kopf. „Falsch.“

Er nahm mir den Burger aus der Hand und biss ein nahezu obszön großes Stück davon ab.

„Hey!“ Ich versuchte danach zu greifen, aber Spades musste nur den Arm nach oben strecken und schon war der Burger aus meiner Reichweite. „Das ist mein Essen.“

„Verrate mir, wie alt du bist.“

Ich versuchte Spades in den Boden zu starren, aber mein Blick schien einfach von ihm abzuprallen. Ich schnaufte. „Neunzehn.“

Spades lachte. „Du bist ja noch ein Baby!“

„Ach fick dich doch, Spades.“

Er bekam sich gar nicht mehr ein vor Lachen und ich benahm mich wie jede vernünftige Erwachsene. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte.

Irgendwann wischte Spades sich die Tränen aus den Augenwinkeln und sah mich an. „Wirklich süß, Kleine.“ Dann aß er auch den letzten Rest meines Burgers.

„Das war nicht der Deal!“

„Ich hab nie gesagt, dass ich dir den Burger zurückgeben würde. Du musst besser zuhören.“

Ich starrte ihn an und wusste nicht, ob ich lachen oder ihn umbringen sollte. Vielleicht konnte ich ja auch einfach beides tun?

Bevor ich mich allerdings entscheiden konnte, schob Spades eine weitere Tüte auf mich zu. „Entspann dich, Killer. Hier ist noch mehr.“

„Der Name gefällt mir besser“, murmelte ich, während ich mir einen zweiten Burger nahm.

„Kann ich mir denken. Deswegen werde ich ihn auch nicht benutzen.“ Ich schlug ihm gegen die Schulter.

„Aua!“ Spades sah mich empört an und rieb über die Stelle.

„Jetzt stell dich nicht so an, du Riesenbaby.“

„Ich bin empfindlich.“ Er brachte es ernsthaft fertig eine Schnute zu ziehen. Beinahe wäre ich vor Lachen vom Barhocker gefallen. Spades wandte sich wieder seinem Spiel zu.

„Im Kühlschrank sind übrigens auch Milchshakes“, meinte er nach einer Weile, weswegen ich ihm direkt noch einen Schlag verpasste. Auf die gleiche Stelle.

„Autsch, verdammt!“ Jetzt sah er mich wirklich vorwurfsvoll an. „Wofür war das denn jetzt?“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt? Ich liebe Milchshakes!“

 

Raphael

Ich zog mir den Helm vom Kopf und hing ihn an den Lenker, bevor ich auf mein Haus zuging. Unsere Suche hatte leider nicht sonderlich viel ergeben. Wir hatten keine Saints in der Stadt entdeckt und all meine Informanten und Waffendealer wollten angeblich nichts davon wissen, dass sich die Arschlöcher auf einen Krieg vorbereiteten. Was natürlich nicht bedeutete, dass es nicht trotzdem so war. Ich vertraute dem Prospect. Er war zwar noch ziemlich neu, aber er war Hooks Neffe. Er würde uns nicht bescheißen. Allerdings bedeutete das auch, dass ein paar Köpfe rollen würden, sollte ich herausfinden, dass mich meine Informanten oder Dealer angelogen hatten.

Loyalität war das absolut wichtigste für mich. Wer mich oder den Club hinterging, würde sterben. So einfach war das.

Ich folgte nicht den Regeln der normalen Gesellschaft. Sie interessierten mich nicht einmal. Allerdings nahm ich es sehr ernst, wenn es um die Regeln des MC ging. Und absolute Loyalität war eine davon.

Außerdem hatte der ganze Mist auch viel länger gedauert, als ich erwartet hatte, weswegen jetzt bereits die Sonne unterging, als ich meine Veranda betrat. Dementsprechend war meine Laune auch bereits im Keller und ich konnte nur hoffen, dass Jane und Spades sich nicht gegenseitig umgebracht hatten, während ich weg gewesen war.

Ich konnte ihre Stimmen bis nach draußen hören.

„Du verfluchter Mistkerl!“ Das war Jane. „Dafür bring ich dich um!“

„Ach ja? Und wie willst du das anstellen, du kleines Miststück?“

Im nächsten Moment hörte ich Schüsse. Ich hechtete vorwärts und riss die Eingangstür auf. Was ich dann sah, ließ mich mitten in der Bewegung innehalten. Meine Hand lag noch auf der Türklinke und ich traute meinen Augen nicht.

„Was ist los?“, fragte Spades und sah mich alarmiert an.

„Ich habe Schüsse gehört“, murmelte ich, verwirrt von dem, was ich vor mir sah.

Spades und Jane saßen auf meiner Couch. Beide hatten Controller in der Hand. Auf dem Bildschirm meines Flachbildfernsehers prangte in Großbuchstaben das Wort Pause. Dahinter konnte ich eine Art Schlachtfeld ausmachen, das in zwei Hälften geteilt war.

„Was ist hier los?“, fragte ich.

„Dein Kumpel hier meint er wäre ein besserer Schütze als ich.“ Jane warf Spades einen hasserfüllten Blick zu.

„Im Gegensatz zu dir war ich ja auch bei den Marines, Kleine.“

Ich erwartete, dass Jane ihm wegen des Kosenamens an die Gurgel springen würde, stattdessen grinste sie nur. „Na und? Das bedeutet doch gar nichts.“

„Ach wirklich? Das werden wir ja sehen!“

Beide wandten sich wieder dem Fernseher zu und spielten weiter. Es sah ganz danach aus, als würden sich die beiden plötzlich super verstehen. Ich runzelte die Stirn. Was zum Teufel war hier passiert? Hatte ich einen schweren Unfall gehabt, lag jetzt im Koma und träumte nur?

„Ich geh dann mal duschen“, sagte ich, aber mir wurde keinerlei Beachtung geschenkt.

Als ich aber vor dem Fernseher vorbeiging, regnete es plötzlich Popcorn und ich wurde angeschrien. Ich flüchtete nach oben.

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