[Blogroman] Kapitel 19

Kapitel 19
Raphael

Ich hatte Jane am Morgen Kopfschmerztabletten und eine Flasche Wasser auf den Nachttisch gestellt und war dann nach unten gegangen. Das war jetzt schon eine ganze Weile her und noch immer schien sie nicht wachgeworden zu sein. Wenn ich allerdings die halb leere Vodkaflasche bedachte, dann war das vermutlich auch nicht weiter verwunderlich.

Warum hatte sie sich betrunken? Hatte sie die gefälschten Dokumente entdeckt, die ich für sie platziert hatte? Das war zwar nicht besonders nett gewesen, allerdings wollte ich testen, ob ich ihr vertrauen konnte oder nicht. Als ich letzte Nacht nachgesehen hatte, hatte es für mich nicht so ausgesehen, als hätte Jane sich an den Unterlagen zu schaffen gemacht. Allerdings konnte sie auch einfach so gut sein, dass es mir nicht auffallen würde. Also war ich kein Stück weiter.

Und wenn sie die Sachen gefunden hatte, wieso hatte sie sich dann betrunken? Hätte sie sich nicht eher freuen sollen? Und eine halbe Vodkaflasche zu kippen, war wohl nicht gerade der Ausdruck purer Freude.

Was würde ich nicht dafür geben, wenn ich einen Blick in ihr schönes Köpfchen werfen könnte.

Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken und ich nahm mein Handy von der Anrichte in der Küche. Spades Name leuchtete mir entgegen, bevor ich den Anruf entgegennahm.

„Was gibt’s?“

„Wir könnten ein Problem haben.“

„Könnten?“, fragte ich und lehnte mich gegen die Küchenzeile hinter mir.

„Erinnerst du dich daran, dass ich gesagt habe, dass es vermehrte Aktivitäten der Saints gibt?“

„Ja“, knurrte ich.

„Jetzt ist einer der Prospects sich sicher, dass er Saints in der Stadt gesehen hat.“

„In meiner Stadt?“, wiederholte ich.

„Es sieht ganz danach aus.“

„Ich hatte Sanders doch gesagt, dass er seinen dreckigen Arsch aus der Stadt fernhalten soll, sonst würde ich ihn abknallen.“

„Scheint als wäre dein netter Hinweis nicht bei ihm angekommen.“

Ich seufzte und rieb mir mit der Hand übers Gesicht.

„Da gibt es noch etwas“, meinte Spades genau in diesem Moment.

Ich schloss die Augen. „Und was wäre?“

„Es gibt Gerüchte, dass die Saints sich vermehrt mit Waffen eindecken.“

An sich war das kein Problem. Jeder MC kaufte hin und wieder neue Waffen. Das taten wir auch. Dass es über die Aktivitäten der Saints jetzt aber allerdings schon Gerüchte gab, bedeutete, dass sie in großem Ausmaß tätig wurden und das war allerdings definitiv ein Problem.

„Meinst du, sie bereiten sich auf einen Angriff vor?“, fragte ich.

„Schwer zu sagen.“

„Okay, wir machen es so. Ich schnapp mir ein paar von den Jungs und werde mich umsehen. Mal schauen, was wir herausfinden können.“

„Irgendwie gefällt mir der Unterton in deiner Stimme nicht. Was ist mein Part in deinem Plan?“

„Oh, du hast eine ganz einfache Aufgabe“, sagte ich und grinste, obwohl Spades es nicht sehen konnte.

„Und das wäre?“

„Du passt in der Zeit auf Jane auf.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Oh, doch.“
„Ich soll den verfluchten Babysitter spielen?“

„Du bist ja heute ganz schnell.“

„Ach, fick dich doch, Archangel.“

Ich lachte. „Schaff einfach deinen Arsch hier rüber und pass auf sie auf. Ich kann sie nicht schon wieder einen ganzen Tag alleine lassen. Hinterher findet sie doch noch irgendetwas, dass sie gegen uns verwenden kann oder nutzt die Chance und haut ab.“

„Ich kann nicht glauben, dass du mich zu einem verfickten Babysitter degradierst.“

„Oh und bring was zu Essen mit. Sie hat vermutlich einen Kater.“ Ich legte auf, da ich mir Spades‘ Genörgel wirklich nicht noch länger anhören wollte.

Danach ging ich nach oben in mein Schlafzimmer. Jane lag noch immer tief schlafend auf dem Bett, den Kopf im Kissen vergraben. Sie trug meine Sweatjacke und irgendwie sah sie da drin verdammt niedlich aus. Natürlich würde ich ihr das niemals sagen, denn dann würde sie mir vermutlich die Augen auskratzen.

Ich warf einen Blick auf den Nachttisch. Die Tabletten waren weg und die Flasche Wasser leer. Anscheinend war sie doch kurz wach gewesen, hatte es aber nicht für nötig gehalten aufzustehen.

Ich zuckte mit den Schultern und zog mich um. Gerade, als ich die Pistolen anlegte, bewegte sie sich. Ich sah zum Bett und begegnete ihrem Blick.

„Guten Morgen, Sonnenschein“, flötete ich fröhlich und vermutlich etwas lauter als nötig gewesen wäre.

„Fick dich, Arschloch.“ Sie gab ein unwirsches Geräusch von sich und rieb sich mit den Fingern die Schläfen. „Mein Kopf explodiert gleich. Und schlecht ist mir auch.“

„Wenn du in mein Bett kotzt, musst du mir ein neues kaufen“, warf ich ein. Jane hob eine Hand und zeigte mir den Mittelfinger.

„Was ist passiert?“, fragte sie schließlich.

„Anscheinend hattest du gestern ein inniges Gespräch mit der Vodkaflasche, denn als ich nach Hause kam, hast du auf der Couch gelegen und die Flasche befand sich auf dem Boden neben dir. Also hab ich dich ins Bett gebracht, dir etwas Flüssigkeit und Aspirin eingeflößt und dich dann schlafen lassen.“

Das brachte sie jetzt doch dazu mich anzusehen. „Wieso hast du das getan?“ Ehrliche Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Wieso sollte ich es nicht tun?“

Ich beugte mich nach unten und schlüpfte in meine Boots. Jane blieb schweigsam.

„Hör zu, ich muss heute etwas erledigen. Gleich kommt Spades vorbei. Er wird bei dir bleiben, bis ich wieder da bin.“
„Ich brauche keinen verdammten Babysitter.“

Ich lachte. „Ihr werdet euch bestimmt super verstehen.“

Ich warf einen letzten Blick auf ihre zierliche Gestalt, wie sie so in meinem Bett lag. Es sah aus, als würde sie genau dorthin gehören. Ihr Haar war zerzaust und ihr Körper war vom Schlaf bestimmt noch ganz warm. Bevor ich mich in diesen Gedanken verlieren konnte und zu ihr ins Bett steigen würde, drehte ich mich um und marschierte aus dem Zimmer.

„Bis später, Schatz!“, rief ich ihr noch über die Schulter zu, dann ließ ich sie allein.

Leider gab es wichtigere Dinge in meinem Leben, als eine sexy Rothaarige in meinem Bett. Zum Beispiel warum sich die verfickten Saints mit Waffen eindeckten und auf meinem Gebiet wilderten.

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