[Blogroman] Kapitel 16

Kapitel 16
Alexia

„Ich verschwinde dann jetzt“, sagte ich zu Zane und streckte die Hand aus, damit er mir die Schlüssel für mein Bike gab. Wir hatten es gestern, nachdem wir meine Sachen aus dem Hotel geholt hatten, eingesammelt und vor seinem Haus geparkt.

„Wirst du deinen ehemaligen Auftraggeber heute mitbringen?“

Darüber hatte ich mir auch schon Gedanken gemacht. Wie sollte ich Zane lange genug hinhalten, damit ich Luar genügend Informationen geben konnte, um meine zweite Rate von ihm zu kassieren, ohne dass Zane misstrauisch wurde? Das würde knifflig werden.

„Nein.“ Zane sah mich fragend an und ich zuckte mit den Schultern. „Ich muss erst einen günstigen Moment abwarten. Es sind immer Bodyguards dabei und ich würde gern ein unnötiges Blutvergießen vermeiden.“

„Ich sollte dich begleiten.“
Ich rollte mit den Augen. „Entweder wir ziehen das hier auf meine Weise durch oder ich verschwinde. Und nehme deine fünfzigtausend mit mir.“

„Das gefällt mir nicht.“

Ich hielt ein Seufzen zurück. Seit Zane gestern Abend nach oben verschwunden war, um zu telefonieren, hatte er verdammt schlechte Laune. Und das ging mir langsam auf die Nerven.

„Das muss es auch nicht“, gab ich kühl zurück. „Ich schleppe doch nicht deinen mehr als auffälligen Bikerarsch mit mir herum, ruiniere damit meine Tarnung und sorge dafür, dass mein Auftraggeber auf Nimmerwiedersehen verschwindet.“

„Auffällig?“

Ich deutete auf seine nackte Brust, die Tattoos und generell seine große, muskulöse Gestalt. „Auffällig eben.“

Ein flüchtiges Grinsen erschien auf seinem Gesicht, bevor es wieder seinen ursprünglichen, stoischen Ausdruck annahm.

„Und jetzt gib mir meine Schlüssel, Archangel.“

Zane zögerte, aber schließlich griff er in die Tasche seiner Jeans und zog meine Schlüssel hervor.

„Bis später, Schatz“, flötete ich. Ich genoss es eindeutig viel zu sehr diesen Mann aufzuziehen.

„Übertreib es nicht, Reaper“, murrte Zane, aber ich sah, wie seine Mundwinkel nach oben zuckten.

 

Ich hielt vor dem gleichen Hotel, in dem wir uns auch beim ersten Mal getroffen hatten. In der eleganten Lobby erregte ich mit meinen schweren Bikerboots, der zerrissenen Jeans und der Lederjacke dieses Mal doch ein wenig mehr Aufsehen. Aber ich ignorierte die fragenden Blicke und betrat den Aufzug. Dieses Mal fuhr ich nur in die dritte Etage. Ich klopfte an der Tür und ein leichtes Gefühl von Déjà-vu überkam mich, als mir schon wieder der gleiche Bodyguard öffnete und mich mit Blicken abtastete.

„Lass sie rein“, drang Luars Stimme aus dem Zimmer, er klang eindeutig angefressen, und der Bodyguard machte mir Platz.

„Danke, Süßer.“ Ich zwinkerte ihm zu.

Drinnen begrüßte mich der typische Charme eines gehobenen Hotelzimmers. Helle Möbel, dunkle, flauschige Teppiche, viel Glas. Ein Balkon mit Blick auf die Stadt, der derzeit von halb transparenten Vorhängen verdeckt war. Luar saß auf der Couch und hatte eine Waffe auf mich gerichtet. Ich konnte mir gerade noch ein Augenrollen verkneifen.

„Wo zum Teufel warst du?“, knurrte er.

„Wirklich?“ Ich stützte die Hände in die Hüften. „Nach allem, was du so über mich gehört haben dürftest, hältst du es dennoch für eine kluge Idee eine Waffe auf mich zu richten?“

Er grinste mich an. „Wir sind zu dritt. Du alleine. Deine Chancen stehen denkbar schlecht.“

Ich lächelte. „Wollen wir es ausprobieren?“ Ich wollte wirklich, dass er ja sagte. Dann konnte ich etwas von meinem Frust über diese ganze Situation an ihm und seinen Jungs auslassen.

Zu meiner Enttäuschung ließ Luar die Waffe sinken und ich setzte mich in den Sessel, der neben der Couch stand.

„Du arbeitest jetzt seit einer Woche für mich und ich habe noch nichts von dir. Rein gar nichts.“

Ich sah mich betont gelangweilt in dem Zimmer um. „Hast du schon mal versucht dich in einen Motorradclub einzuschleusen? Die sind nicht besonders freigiebig mit ihren Informationen.“ Ich sah Luar an. „Aber wenn du unzufrieden bist, kannst du dich gerne selber darum kümmern.“

Ich konnte sehen, wie Wut in ihm brodelte, also setzte ich nach. „Und hör auf mich ständig anzurufen. Ich bin nicht dein verdammter Babysitter. Wenn ich was für dich habe, melde ich mich.“

Seine Hand zuckte in Richtung der Waffe und ich lechzte förmlich danach, dass er sie ergriff. Dann könnte ich seinem auf Hochglanz poliertem Gesicht ein paar Kratzer hinzufügen. Stattdessen nahm er nur einen tiefen Atemzug und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ich hielt mich gerade noch von einem Stirnrunzeln ab, da ich ihm diesen Blick nicht abkaufte.

„Also, wieso wolltest du dich mit mir treffen?“, fragte er.

„Ich konnte mich ein wenig im Clubhaus der Angels umsehen. Ich dachte, dass dich das interessiert.“

Er beugte sich vor und stützte die Unterarme auf den Knien ab. „Erzähl mir alles.“

Ich schilderte Luar den Grundriss des Gebäudes, ließ dabei aber ein paar Details aus. Warum genau konnte ich selbst nicht sagen. Und natürlich erwähnte ich nicht, dass ich inzwischen bei Zane eingezogen war.

Am Ende meiner Ausführungen nickte er und wirkte deutlich zufriedener als bei Beginn unseres Treffens. Ich erhob mich.

„Ich verschwinde dann wieder.“

„Lass mich dieses Mal nicht wieder so lange warten, Red Reaper“, rief Luar mir hinterher. Ich ignorierte sowohl ihn, als auch seinen herablassenden Tonfall.

Als ich schon die Hand zur Türklinke ausstreckte, bemerkte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel.

Im letzten Moment riss ich den Arm hoch und die Faust des Bodyguards krachte gegen meinen Unterarm. Der Schmerz jagte bis hinauf in meine Schulter.

Da ich mich dieses Mal nicht auf das Überraschungsmoment verlassen konnte wie bei Spades, musste ich mich auf Schnelligkeit verlegen. Ich wirbelte einmal herum und trat gegen sein Knie. Ich vernahm ein befriedigendes, knackendes Geräusch und der Bodyguard sank auf den Boden. Ich spürte seinen Kumpel hinter mir und griff nach den Schultern des Bodyguards vor mir, holte Schwung und Schlug quasi ein Rad über seinen Kopf. Sobald meine Füße wieder den Boden berührten, zog ich die Waffe aus seinem Schulterholster und knallte ihm den Griff gegen die Schläfe. Nummer eins sackte bewusstlos zu Boden.

Ich kostete den Moment nicht lange aus, denn da gab es ja noch Nummer zwei. Ich riss die Waffe hoch, aber er schlug sie mir aus der Hand. Mit mehr Schnelligkeit, als ich ihm zugetraut hätte, sprang er über seinen Kumpel hinweg und knallte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Ich hörte Glas splittern und spürte heißen Schmerz in meinem Nacken.

Der Idiot hatte es doch tatsächlich geschafft eins der wenigen Bilder im Raum zu treffen und jetzt bohrte sich mir eine Glasscherbe in die Haut.

Er holte aus und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Schmerz explodierte auf meiner rechten Gesichtshälfte und ich schmeckte Blut.

Er grinste mich zufrieden an und ich tat so, als hätte er mich dazu gebracht aufzugeben. Meine Muskeln wurden schlaff und ich ließ mich in seinem Griff hängen.

„Das wird dir eine Lehre sein mich warten zu lassen, Red Reaper“, erklang Luars Stimme. „Jetzt lass sie los.“

Bodyguard Nummer zwei ließ mich los und machte einen Schritt zurück.

Das war mein Zeichen.

Blitzschnell zog ich das Messer, das ich an einer Scheide an meinem Gürtel trug. In einer einzigen fließenden Bewegung schnitt ich dem Typen einmal quer über die Brust. Es war ein präziser, tiefer Schnitt und binnen eines Wimpernschlags quoll Blut hervor. Eine Menge Blut. Nummer zwei sah mich ein paar Sekunden lang überrascht an, bevor er schmerzerfüllt aufstöhnte.

Ich wischte mir mit dem Daumen über die Lippe und starrte das Blut an, das sich leuchtend rot gegen meine helle Haut abhob. Ich leckte es ab, genoss den süßlich, kupfernen Geschmack. Dann sah ich Luar an. Er hielt mit zitternden Fingern eine Waffe auf mich gerichtet.

„Zwing mich nicht dazu euch alle umzubringen“, sagte ich mit kalter Stimme.

Es dauerte einen Moment, aber dann ließ er die Waffe sinken. „Steht unser Deal noch?“, fragte er und ich konnte deutlich die Angst in seiner Stimme hören.

„Ja. Aber wenn du noch einmal so eine Nummer abziehst, dann werde ich dich töten.“

Ich wartete seine Reaktion nicht ab, sondern drehte mich einfach um und verließ das Hotel so schnell wie möglich.

 

Nach meinem Besuch bei Luar war ich noch einige Zeit lang umher gefahren. Ich hatte mit mir selbst gehadert, ob ich zu Zane zurückkehren sollte oder nicht. Das hier war meine Gelegenheit zu flüchten. Allerdings würde mir dadurch verdammt viel Geld durch die Lappen gehen, denn von Luar bekam ich noch mehr als von Zane. Und wenn ich von dort verschwand, konnte ich Luar keine Informationen mehr liefern.

Also fuhr ich jetzt doch wieder vor Zanes Haus vor. Ich hatte gerade den Motor abgestellt, als die Haustür krachend aufgestoßen wurde und ein äußerst wütender Zane auftauchte. Er kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

„Wo zum Teufel bist du gewesen?“, brüllte er mich an.

Das schien heute die Frage des Tages zu sein. In aller Ruhe nahm ich den Helm ab und Zane schien noch wütender zu werden.

„Was ist das verdammt nochmal?“ Er deutete anklagend auf mein Gesicht und ich brauchte einen Moment, bis ich verstanden hatte, dass er den Cut in meiner Lippe meinen musste. Vielleicht hatte sich auch schon ein nicht allzu dezenter Bluterguss gebildet.

Genervt schob ich mich an ihm vorbei. „Geh mir nicht auf den Keks, Zane.“

Ich hatte gerade die Haustür hinter mich gebracht, als er mich einholte und mich gegen die Wand knallte. Ich keuchte, bevor ich ihn wütend anfunkelte.

„Scheiße, was soll der Mist?“ Ich schlug seine Hand weg. „Warum schubsen mich heute alle durch die Gegend?“

Zanes Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. „Wer hat dich durch die Gegend geschubst?“

„Lass mich durch“, knurrte ich unwillig und wollte mich an ihm vorbeischieben. Aber Zane hatte offenbar andere Pläne, denn seine Hand schloss sich um meinen Hals und er drückte mich zurück.

„Sieh mich an.“ Er zwang mich seinen Blick zu erwidern. Ich starrte in seine dunklen Augen. „Und jetzt erzählst du mir, was verdammt noch mal passiert ist, seit du deinen Arsch zur Tür raus bewegt hast!“

„Weißt du was, Zane? Fick dich! Wir haben einen Deal und ich habe nur deswegen zugestimmt bei dir zu wohnen, weil es mir gerade in den Kram passte. Aber ich scheiß auf dich! Ich scheiß auf dein Geld und diesen verfickten Auftrag! Ich habe keinen Bock mehr auf diesen Mist!“

Ich riss das Knie hoch, rammte es ihm in die Eier und verpasste ihm einen heftigen Schlag gegen die Brust. Zane taumelte nach hinten und krümmte sich vor Schmerz zusammen. Ich stürmte an ihm vorbei und die Treppe hoch. Dort knallte ich die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zu. Sie würde Zane nicht abhalten, aber es gab mir ein gutes Gefühl. Ich schüttelte meine Lederjacke ab und warf meine Waffen aufs Bett. Dann löste ich meinen straffen Zopf und fuhr mir mit beiden Händen durch die Haare. Ich nahm mit geschlossenen Augen einen tiefen Atemzug und versuchte mich zu beruhigen. Ich wusste auch nicht, warum ich auf einmal so aus der Haut gefahren war, aber ich konnte es auch einfach nicht leiden, wenn man mich herumkommandierte.

Als ich meinen Nacken berührte, zuckte ich zusammen. Ach ja, den Schnitt dort hatte ich glatt vergessen. Ich wollte mich gerade nach einem Spiegel oder etwas, mit dem ich die Wunde versorgen konnte, umsehen, als die Tür mit einem lauten Knall gegen die Wand schlug. Ich wirbelte auf dem Absatz herum und starrte in Zanes wütendes Gesicht.

„Du bist zu weit gegangen, Miststück.“

„Wirklich? Und was wirst du jetzt tun, Arschloch?“

Er machte sich gar nicht erst die Mühe mir zu antworten. Stattdessen stürzte Zane sich auf mich zu. Ich versuchte gar nicht erst auszuweichen, sondern machte einen Schritt auf ihn zu und schlug ihm seitlich gegen den Hals. Zane knurrte und fing blitzschnell meine Hände ein. Ich wehrte mich gegen ihn, versuchte ihm ein Bein zu stellen, aber alles, was ich erreichte, war, dass wir beide zu Boden knallten. Zane drehte sich um, sodass er auf den Rücken fiel, während ich auf ihm landete. Zane gab einen schmerzerfüllten Laut von sich, rollte uns aber im nächsten Moment herum, sodass ich jetzt doch wieder unter ihm lag.

Meine Hände trafen hart über mir auf den Holzfußboden und ich funkelte Zane wütend an.

„Ich schwöre, wenn du mich nicht sofort loslässt, wirst du es bereuen.“

„Ich bereue bereits dich alleine aus dem Haus gelassen zu haben.“ Er starrte auf meinen Mund. „Was ist mit deiner Lippe passiert?“

Ich sah so etwas wie Sorge über sein Gesicht huschen und hielt in meiner Gegenwehr inne. War er etwa ernsthaft besorgt um mich? Ich studierte den düsteren Ausdruck in seinen Augen. Er ließ meine Hände los und umfasste sanft mein Gesicht, sein Daumen streichelte vorsichtig über die kleine Wunde.

„Was ist passiert, baby girl?“

Ich zuckte bei dem Kosenamen zusammen. Er machte sich wirklich Sorgen um mich. Ich schien ihm etwas zu bedeuten. Und das legte mich mehr lahm, als es irgendwelche Fesseln gekonnt hätten. Ich hatte erst jahrelang auf der Straße gelebt, dann hatte ich eine Weile ein scheinbar liebevolles Heim gehabt, nur um wieder auf der Straße zu enden. Ich wusste nicht, wie es sich anfühlte, wenn ich jemandem etwas bedeutete. Alles, was ich geglaubt hatte über Gefühle zu wissen, war eine Lüge gewesen. Deswegen hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich mit Zanes Verhalten umgehen sollte.

„Mir geht es gut.“

„Ich weiß.“ Er hauchte einen Kuss auf meine Wange. „Du bist taff. Trotzdem möchte ich wissen, was passiert ist.“

Ich seufzte. „Du wirst mich nicht gehen lassen, bis ich es dir gesagt habe, oder?“

Er grinste schief. „Richtig.“

„Also gut. Mein Auftraggeber war nicht so begeistert, dass ich mich nicht bei ihm gemeldet hatte. Als unser Treffen bereits beendet war, haben seine zwei Bodyguards mich angegriffen. Er schien sich genötigt gefühlt zu haben mir seinen Unmut deutlich zu machen.“

„Wie ist die Sache ausgegangen?“

„Ich habe einen Cut in der Lippe und vermutlich einen Schnitt im Nacken. Ein Bodyguard hat ein zerschmettertes Knie, der andere einen langen, tiefen Schnitt quer über der Brust.“ Ich fuhr mit dem Finger in einer geraden Linie einmal über Zanes Oberkörper. „Und mein Auftraggeber musste vermutlich danach seine Unterhose wechseln.“

Zane grinste mich an, bevor er aufstand und mich mit sich zog. „Du gehst jetzt duschen. Dann kümmer ich mich um deine Wunden.“

Da ich immer noch nicht wusste, wie ich mit diesem netten, fürsorglichen Zane umgehen sollte, drehte ich mich um, ging in sein Schlafzimmer und verschwand im angrenzenden Bad. Ich drehte das Wasser auf, zog mich aus und stellte mich unter den heißen Wasserstrahl. Mit geschlossenen Augen lehnte ich meine Stirn gegen die kühlen Fliesen.

Was zum Teufel passierte hier?

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