[Blogroman] Kapitel 12

Kapitel 12
Raphael

Ich saß neben Spades in meinem Wohnzimmer auf der Couch. Er rieb sich müde mit einer Hand über das Gesicht und hing mit der anderen an der Kaffeetasse, als würde sein Leben davon abhängen.
„Scheiße, Alter. Warum zum Teufel muss ich um die Uhrzeit schon deine Visage ertragen?“ Er nahm einen Schluck von dem Kaffee. „Ich war noch nicht mal im Bett.“
Ich schnaubte. „Ist das etwa mein Problem?“
Spades zeigte mir den Mittelfinger und ich lachte.
„Wo ist überhaupt die Kleine von gestern Abend?“, fragte er.
Automatisch sah ich in Richtung der Treppe, die ins erste Stockwerk führte. Aber natürlich konnte ich sie von hier aus nicht sehen.
„Im Gästezimmer.“
„Nicht in deinem Bett?“ Er grinste mich an.
„Sie ist in mein Büro eingebrochen und irgendjemand hat sie zu uns geschickt.“
Spades zuckte mit den Schultern. „Na und?“
Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du mal eine Sekunde lang ernst bleiben?“
Spades trank noch einen großen Schluck Kaffee und schlug sich mit der Handfläche auf die Wangen. „Okay, schieß los.“
„Jane, oder wie auch immer ihr richtiger Name lautet, hat mir einen Deal angeboten.“
Spades hob fragend die Augenbrauen.
„Sie will mir den Namen ihres Auftraggebers geben. Und dafür will sie Geld und dass ich sie am Ende gehen lasse.“
„Sie will, dass du sie gehen lässt, obwohl sie bei uns rumgeschnüffelt hat?“
Ich nickte.
„Die Kleine ist verrückt.“
„Hast du einen anderen Vorschlag?“
Ein eiskalter, berechnender Ausdruck trat in Spades‘ Augen. „Wir holen die Infos aus ihr raus und danach töten wir sie.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das ist keine Option.“
„Wieso nicht?“
Tja, das war eine gute Frage, oder? Wieso wollte ich die Frau, die ich an ein Bett gekettet hatte, nicht tot sehen? Normalerweise wäre das nämlich genau das, was ich in so einer Situation tun würde. Sie hatte sich auf meinem Territorium herumgetrieben, war gekommen, um mich und meine Brüder auszuspionieren. Und trotzdem sträubte ich mich gegen den Gedanken.
„Lassen wir ihren Tod erst einmal außen vor. Was denkst du über ihr Angebot?“
Spades lehnte sich zurück und ließ den Kopf auf die Rückenlehne des Sofas gleiten. „Ich hasse es.“
„Was? Das Angebot?“, fragte ich.
„Dass es noch nicht einmal zehn Uhr ist und ich schon mein Gehirn anstrengen muss.“
„Da es den Rest der Zeit im Energiesparmodus verbringt, solltest du mir eher dankbar sein. Sonst kommst du noch aus der Übung.“
„Fick dich.“
Ich lachte und stand auf, um uns aus der angrenzenden Küche neuen Kaffee einzuschenken. Als ich zurückkam sah Spades mich ernst an.
„Das ist ein scheiß Deal. Sie schuldet uns was, weil wir sie nicht umbringen und nicht anders herum.“
Ich seufzte und reichte ihm die Kaffeetasse, bevor ich mich wieder setzte.
„Aber…“, setzte Spades an.
„Aber?“
„Wenn du keine andere Möglichkeit siehst, um die Informationen aus ihr herauszubekommen, dann haben wir wohl keine andere Wahl.“
Ich nickte. „Das denke ich auch.“
„Und wie planst du diese ganze Sache anzugehen?“
„Ich werde ihr sagen, dass wir einverstanden sind. Und dann werde ich ihr die Kette abnehmen.“
Spades schnaubte. „Ich schulde ihr immer noch was für das kleine Geschenk an meinem Hals.“
„Krieg dich wieder ein.“
„Wir unterhalten uns noch mal, wenn sie dir den Arsch versohlt hat.“
Ich lachte. Es würde wohl eher anders herum sein.
„Schaff deinen Arsch hier raus“, kommentierte ich beim Aufstehen.
„Was? Erst beorderst du mich in aller Herrgottsfrühe hier her und dann schickst du mich einfach wieder weg? Du hättest mir zumindest Frühstück anbieten können.“
Ich ging in Richtung Treppe, drehte mich aber noch einmal zu Spades um. „Und sag allen Bescheid. Sie sollen wachsam bleiben. Ich habe das Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt.“
 
Ich öffnete die Tür zu meinem Gästezimmer und blickte die Frau an, die auf dem Bett saß, die Füße vor sich ausgestreckt und mit dem Rücken an das Kopfteil gelehnt. Als sie mich sah, rollte sie mit den Augen.
„Was? Kein Frühstück? Der Service in deinem Hotel lässt wirklich zu wünschen übrig.“ Demonstrativ hob sie die gefesselte Hand in die Luft, was die Kette zum Klirren brachte. „Ich warte übrigens auch noch auf mein Bonbon auf dem Kopfkissen.“
Ich grinste. „Was willst du denn zum Frühstück?“
„Pancakes und Bacon.“
„Ich merk es mir fürs nächste Mal.“ Ich ging hinüber zum Sessel und ließ mich wieder darin nieder.
„Also, hast du über mein Angebot nachgedacht?“, fragte sie.
Ich rieb mir mit der Hand über mein unrasiertes Kinn. „Wir nehmen es an.“
Sie hob eine Braue. „Wir?“
„Die Angels of Death.“
„Natürlich. Ihr Jungs tut ja nie irgendwas alleine.“
„Das sehe ich anders.“
„Ach wirklich? Was tust du denn schon ohne deine Motorradkumpels mit einzubeziehen?“
„Ficken“, antwortete ich grinsend.
Sie schnaubte und wandte den Blick ab.
Es war Zeit, dass wir zum Geschäft kamen. „Wie viel willst du?“
„Fünfzigtausend.“
Ich nickte. „Okay.“
„Jetzt. Und fünfzigtausend bei Abschluss des Deals“, versetzte sie grinsend und ich starrte sie einen Moment lang sprachlos an.
„Hunderttausend für einen Namen?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist die übliche Rate.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich finde, du solltest mir einen Rabatt gewähren.“
Sie sah mich mit einem Blick an, der eindeutig meine Intelligenz in Frage stellte. „Wieso? Wegen deines guten Aussehens?“
„Nein. Aber gut zu wissen, dass du mich für gut aussehend hältst“, antwortete ich grinsend.
Jetzt sagte mir der Ausdruck in ihren grünen Augen, dass sie mir am liebsten das Gesicht zerkratzen würde. Ich fand es sehr beruhigend, dass ich ihr die Gefühle an den Augen ablesen konnte, weil sie bisher sehr wortkarg gewesen war. „Du solltest mir einen Rabatt gewähren, weil ich dich bei mir wohnen lassen werde. Und Hotels sind niemals gratis.“ Ihr wütender Gesichtsausdruck sorgte dafür, dass ich sehr zufrieden mit mir war.
„Wieso sollte ich bei dir wohnen wollen?“
„Von wollen kann hier nicht die Rede sein. Ich verlange es. Sonst wird es keinen Deal geben.“
Sie neigte leicht den Kopf. „Ohne Deal keinen Namen.“
„Dann warte ich eben, bis derjenige auf meiner Türschwelle auftaucht und töte ihn dann. Es wäre mir zwar lieber, wenn ich ihn zuerst finden würde, aber eine Notwendigkeit ist das nicht.“ Ich gab mich selbstsicherer, als ich tatsächlich war. Aber dass sie ohne meine Aufsicht durch die Gegend spazierte, war keine Option.
Ich sah, wie sie mit den Zähnen knirschte. Schließlich lehnte sie sich nach vorne und setzte sich in den Schneidersitz. „Keine Kette.“
Ich runzelte leicht die Stirn. „Du bewegst dich in diesem Haus nicht ohne meine Aufsicht. Und nachts schließe ich die Tür zu dem Gästezimmer ab.“ Sie öffnete den Mund. „Bei dem kleinsten Fehlverhalten, Ausbruchsversuch oder Angriff mir gegenüber platzt der Deal und ich werde dafür sorgen, dass du es bereust.“
„Was willst du tun?“ Sie grinste. „Mich an dein Bett ketten?“
Ich beugte mich nach vorne, stützte die Unterarme auf den Knien ab. „Nein. Aber wir alle haben Leichen im Keller und ich werde dann sehr motiviert sein deine zu finden.“
In dem Moment, wo ihr Gesicht völlig ausdruckslos wurde, wusste ich, dass ich einen Nerv getroffen hatte. Ich machte mir eine gedankliche Notiz, dass ich versuchen würde etwas über die Vergangenheit von Red Reaper herauszufinden.
Es dauerte vielleicht ein oder zwei Herzschläge, aber dann seufzte sie und gab sich betont gelassen. Ich hatte ganz eindeutig einen wunden Punkt getroffen. „Okay, aber dafür erwarte ich vernünftiges Frühstück.“
Ich nickte.
„Also haben wir einen Deal?“, fragte sie.
„Ja. Deine ersten fünfzigtausend bekommst du heute Abend. Den Rest, wenn du mir deinen Auftraggeber gebracht hast.“
Sie runzelte die Stirn. „Das war nicht Teil des Deals.“
„Für diese Summe will ich mehr als nur einen Namen. Du kannst dir ruhig ein wenig Mühe gehen.“
„Du gehst mir jetzt schon gehörig auf die Nerven, Arschloch.“
Ich zwinkerte ihr zu. „Du mir auch, Miststück.“

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