[Blogroman] Kapitel 10

Kapitel 10
Alexia

Ich würde ihn umbringen. Wütend starrte ich auf die Kette, die mich an diesen Mistkerl … nun ja, kettete. So hatte ich nicht die geringste Chance zu entkommen. Außer ich schlug ihm oder mir eine Hand ab. Keine besonders angenehme Vorstellung. Außer natürlich es wäre seine Hand.
„Und jetzt umdrehen.“
Ich sah ihn fragend an und er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. „Ich durchsuche dich jetzt nach Waffen.“
Ich fluchte unterdrückt, drehte mich aber um. Schließlich blieb mir nicht wirklich eine Wahl. Was hätte ich tun sollen? Spontan in Ohnmacht fallen?
„Handflächen flach an die Wand.“
Ich folgte seinem Befehl und biss dabei unwillig die Zähne zusammen.
Die Kette schränkte seinen Bewegungsradius etwas ein, aber das schien ihn nicht weiter zu stören, als seine Hände über meinen Körper glitten. Anders als bei unserem Kuss zuvor, waren sie jetzt beinahe medizinisch effizient.
Der Kuss … schnell verdrängte ich jeden Gedanken daran. Denn er hatte mir viel zu gut gefallen.
Als erstes landete meine Beretta auf dem Boden. Meine Messer und der feine Draht, meine letzte Verteidigung, folgten. Als er schließlich auch noch meine Unterarme abtastete und das kleine Werkzeugarmband fand, das ich benutzt hatte um meine Handschellen zu knacken, schwand auch meine letzte Hoffnung, dass ich entkommen konnte.
Scheinbar zufrieden trat Zane zurück und pfiff anerkennend. „Nicht schlecht, Süße.“
„Ich bin nicht deine Süße“, schoss ich zurück und drehte mich wieder um.
Er zuckte mit den Schultern. „Solange du mir nicht deinen richtigen Namen verrätst, wirst du wohl mit den Spitznamen, die ich dir gebe, leben müssen.“
Ich ergötzte mich einen Moment an der Vorstellung ihm meine Faust ins Gesicht zu knallen, bevor ich mich wieder unter Kontrolle brachte.
„Und was jetzt?“
„Jetzt gehen wir zu mir.“
Wieso hörte sich das in meinen Ohren nur ganz furchtbar nach einer Drohung an?
Wir verließen gerade das Clubhaus, als ein Motorrad auf den Hof fuhr und direkt vor uns hielt. Kies und Staub wirbelte hoch. Auf dem schwarzen Tank prangten vier aufgeschlagene Asse. Herz, Pik, Karo, Kreuz.
Ich hatte geflissentlich alle Blicke ignoriert, als wir nach draußen gegangen waren. Nur wenige waren fragend gewesen. Die meisten anwesenden Männer hatten mich wissend angegrinst. Als wäre ich irgendein Sexspielzeug. Am liebsten hatte ich ihnen allen einen Stuhl ins Gesicht geknallt.
Der Motor erstarb und ich konzentrierte mich auf den Mann, der gerade von seiner leider wirklich schönen Maschine stieg. Die tiefliegende Harley war glänzend schwarz mit dunkelblauen Akzenten. Und der Typ, der sich gerade mit einer Hand durch die blonden Haare fuhr, war nicht weniger beeindruckend. Auf seinem Handrücken prangten die gleichen Asse wie auf dem Tank der Maschine.
Blaue Augen taxierten erst mich, dann die Kette und schließlich Zane. „Hm, das ist neu. Sonst beschränkst du solche Aktionen doch auf dein Schlafzimmer?“
Zane grinste und ich verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
„Kommt sie dir so gar nicht bekannt vor?“
Ich wurde so lange und eingehend betrachtet, dass ich überlegte, wie schwer meine Strafe wohl ausfallen würde, wenn ich Zanes Kumpel jetzt in die Eier trat. Meine Überlegungen wurden allerdings unterbrochen, als Spades einen derben Fluch ausstieß.
„Die Kleine von der Party? Die in dein Büro eingebrochen ist?“
Raphael nickte und Spades fing an zu lachen. „Scheiße. Wie hast du das denn geschafft?“
Ich biss die Zähne aufeinander, um mir nicht anmerken zu lassen wie sehr mich diese ganze Situation anwiderte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich jemals auf so kolossale Art und Weise versagt hatte.
„Spades, darf ich vorstellen: Red Reaper alias Jane.“ Raphael sah mich an. „Reaper, das ist Spades.“
Ich sah den anderen Kerl wütend an. Erst jetzt fiel mir das Patch auf seiner Kutte auf, auf dem Vicepresident stand.
„Red Reaper, hm?“ Er sah mich überrascht an. „Irgendwie hatte ich erwartet, dass du ein Kerl bist.“ Er rieb sich mit einer Hand über das Kinn und seine Bartstoppeln erzeugten ein kratzendes Geräusch.
„Dem nächsten, der das sagt, schneide ich die Eier ab.“
„Kleine, nachdem ich dir dieses kleine Mal hier zu verdanken habe…“ Er deutete auf die feine rote Linie um seinen Hals, wo ich ihn gewürgt hatte. „… würde ich mich nicht mit mir anlegen.“
Ich grinste süßlich. „Nicht meine Schuld, dass du so ein Schwächling bist, Kleiner.“
Ich hatte erwartet, dass Spades mir sofort an die Gurgel springen würde und das wäre meine Ausrede gewesen, um ihm erneut in den Arsch zu treten. Kette hin oder her. Denn Männer konnten es in der Regel gar nicht leiden, wenn man ihr Ego beleidigte. Aber er überraschte mich, indem er den Kopf in den Nacken warf und schallend lachte. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Zane breit grinste und auch um meine Mundwinkel zuckte es. Allerdings würde ich eher sterben, als zuzugeben, dass die Jungs hier möglicherweise amüsant waren.
„Irgendwie mag ich sie“, meinte Spades, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. Ich blinzelte verwirrt und versuchte mir meine Überraschung über diesen Satz nicht weiter anmerken zu lassen.
„Hast du vergessen, dass sie bei uns eingestiegen ist, dich niedergestreckt hat und vermutlich dafür bezahlt wurde uns zumindest auszuspionieren?“
Spades zuckte mit den Schultern. „Na und? Sie ist schlagfertig. Ich mag das.“ Er zwinkerte mir zu und diesmal konnte ich das Grinsen nicht länger unterdrücken. Zane sah es und zog einmal so heftig an der Kette, dass es mich ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte und ging danach an seinem Kumpel vorbei.
„Ruf mich an, wenn was ist“, rief er noch über seine Schulter.
Gemeinsam steuerten wir auf ein tiefschwarzes, glänzendes Bike zu. Über die Seiten des Tanks zogen sich weiß-silberne Flügel. Als Zane davor stehen blieb, hob ich fragend eine Augenbraue.
„Flügel?“
Er sah mich nicht an, als er antwortete: „Du weißt, dass man mich Archangel nennt, oder?“
Ich erinnerte mich an den Augenblick meiner Flucht, als Zanes dunkle Silhouette hinter mir im Türrahmen aufgeragt hatte. Ja, das wusste ich allerdings.
Er schwang sich auf die Maschine und sah mich auffordernd an. „Steig auf.“
Ich ging kurz meine Möglichkeiten durch. Wenn mir nicht spontan ein scharfer Gegenstand in die Hand fiel, mit dem ich mir das Handgelenk abhacken konnte, hatte ich keine andere Wahl, als seinem Befehl Folge zu leisten.
Der Kies unter meinen Boots knirschte, als ich hinter Raphael aufstieg. Sofort sah ich mich mit meinem nächsten Problem konfrontiert, als Raphael die Hände an den Lenker nahm und die Kette mich dazu zwang, mich eng an ihn zu pressen. Dabei ignorierte ich wie verdammt perfekt ich mich an ihn schmiegen konnte.
Unter mir erwachte der Motor brüllend zum Leben und die Vibration fuhr mir direkt in die Knochen. Während ich noch damit zu kämpfen hatte, dass meine Nippel über seinen Rücken rieben und sich seine Bauchmuskeln unter meinen Händen anspannten, fuhr Raphael bereits vom Hof.
Es dauerte vermutlich nicht besonders lange, bis wir bei ihm ankamen, aber für mich fühlte es sich an wie Stunden. Ich sprang von dem Motorrad noch bevor Raphael den Motor ausgeschaltet hatte.
Sein Zuhause war ein zweistöckiges Holzhaus mit einer kleinen Veranda, auf der sogar ein verdammter Schaukelstuhl stand. Ich hatte eher einen heruntergekommenen, kurz vor dem Einsturz stehenden Betonklotz oder sowas erwartet. Aber nun wirklich nicht diese gemütlich anmutende Kulisse mit Wald im Hintergrund.
Zane sprach kein Wort, als er in sein Haus ging und mich mit sich zog. In Gedanken sah ich bereits vor mir, wie ich ihn mit dieser verfluchten Kette erwürgen würde.
Es gab keine Hausbesichtigung, aber ich konnte im Erdgeschoss zumindest ein Wohnzimmer mit offener Küche entdecken, bevor ich in den zweiten Stock geführt wurde. Dort erstreckte sich ein riesiges Schlafzimmer, von dem zwei Türen abgingen. Ich versuchte mir so viel wie möglich einzuprägen, bevor Raphael eine der Türen öffnete und mich in, wie es schien, ein Gästezimmer führte. Praktischerweise hatte das Bett dort ein ziemlich stabil aussehendes Metallgestell, an dem prompt Zanes Ende der Kette befestigt wurde. Er überprüfte, ob das Schloss auch wirklich richtig eingerastet war, bevor er sich zu mir umdrehte.
„Für die Dauer deines Aufenthalts ist das hier dein Zimmer. Wenn du Hunger hast oder aufs Klo musst, rufst du mich. Ich entscheide dann, was du bekommst und wohin du gehst.“ Er grinste mich an. „Du solltest also besser nett zu mir sein.“

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