[Blogroman] Kapitel 8

Kapitel 8
Alexia

Ich schaltete den Motor meines Bikes ab und zog mir den Helm vom Kopf. Nachdem ich abgestiegen war, versteckte ich es etwas abseits vom Wegesrand, bevor ich losging. Ich war vermutlich mehr als nur ein wenig verrückt, aber ich war auf dem Weg zum Clubhaus der Angels of Death.

Mein Plan war noch etwas unausgereift, aber was Besseres hatte ich nicht und ich war mir sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bevor Zane mich fand. Und es war mir wirklich lieber, wenn ich ihn fand.

Meine rote Mähne hatte ich, nachdem ich den Helm abgenommen hatte, zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sollte es zu einem Kampf kommen, wollte ich nicht, dass mir meine Haare die Sicht versperrten. Meine grünen Augen verbarg ich hinter einer Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern.

Endlich kam die alte Scheune in Sicht. Im hellen Tageslicht sah sie ehrlicherweise ein wenig schäbig aus. Draußen im Hof standen deutlich weniger Motorräder als in meiner ersten Nacht hier, was ich als gutes Zeichen wertete.

Ich entdeckte ein paar junge Kerle, die umherschlenderten. Vermutlich Prospects.

Ich lehnte mich gegen einen Baum und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie ging ich das jetzt am besten an? Sollte ich einfach anklopfen?

Bevor ich mich allerdings entscheiden konnte, wie ich vorgehen wollte oder mir Gedanken über die Details meines Plans machen konnte, vibrierte mein Handy in der Jackentasche.

Missmutig zog ich es hervor. Wenn das jetzt Luar war und mir erneut auf die Nerven ging, würde ich ihn umbringen. Ich hatte gestern schon mit dem Gedanken gespielt, als er mir Vorhaltungen gemacht hatte, weil ich mehr Zeit brauchte. Aber eine unbekannte Nummer leuchtete auf meinem Display. Eigentlich wurde ich immer darüber informiert, wenn jemand neues anrief. Denn das bedeutete, dass ich einen neuen Kunden bekam. Und der wurde mir immer von dem Kunden angekündigt, für den ich bereits gearbeitet hatte. Aber ich hatte keine Vorabinformation erhalten.

Kurz überlegte ich, ob ich den Anruf einfach ignorieren sollte. Aber vielleicht wartete am anderen Ende der Leitung so viel Geld, dass ich den Job hier einfach hinschmeißen konnte. Das würde alles viel einfacher machen. Ich zog mich etwas weiter in die Schatten zurück, bevor ich den Anruf entgegen nahm. Aber ich sagte nichts, wartete darauf, dass der Anrufer den ersten Schritt machte.

Nach ein paar Sekunden, erklang eine angespannte, männliche Stimme.

„Hallo?“

Ich ließ beinahe das Handy fallen. Fuck! Wieso zum Teufel hatte Raphael Zane meine Nummer? Hatte er herausgefunden, wer ich war? Oder wusste er gar nicht, dass ich es war, die er da gerade anrief?

Meine Nummer war nicht einfach so frei verfügbar. Man musste sich schon ein wenig Mühe geben, um sie zu bekommen. Selbst wenn Zane nicht wusste, wen genau er da gerade angerufen hatte … Wie kam er verdammt nochmal an die Nummer?

Kurz beglückwünschte ich mich zu der Idee, dass mein Handy automatisch meine Stimme verzerrte. Dann antwortete ich.

„Ja?“

Einen Moment herrschte Schweigen. „Spreche ich mit Red Reaper?“

„Das kommt darauf an, wer am anderen Ende der Leitung ist.“

„Raphael Zane. Und ich hätte einen Auftrag für dich.“

Ich schloss die Augen. Ich hatte da so ein Gefühl, dass ich wusste, um was es sich bei diesem Auftrag handelte.

„Dann bist du bei mir richtig.“

„Ich habe es etwas eilig. Können wir uns heute treffen?“

Ich rieb mir mit der freien Hand über die Stirn. Ich dachte darüber nach, wie dieser Anruf in meinen Plan passte und was die beste Vorgehensweise war. Eigentlich hatte ich vorgehabt, auf Zanes Türschwelle zu erscheinen und ihm zu sagen, dass ich die Frau aus seinem Büro war. Dann hätte ich ihm angeboten ihm meinen Auftraggeber zu bringen. Gleichzeitig wäre ich so wahrscheinlich nahe genug an ihn herangekommen, um die Informationen für Luar zu besorgen. Ich hätte mir von beiden mein Geld abgeholt, hätte Luar abgeliefert und wäre verschwunden. Jetzt müsste ich erst schauen, was Zane von mir wollte und wie ich das für mich nutzen könnte.

Aber eigentlich wusste ich ja schon, was Zane von mir wollte. Ich war mir nur noch nicht sicher, wie ich das für mich nutzen konnte. Außerdem war ich gespannt, ob Zane mich erkennen würde, oder ob meine Verkleidung ihn hatte täuschen können.

„Die Adresse?“, fragte ich. Zane nannte sie mir und ich verkniff mir ein Lachen, als ich auf das Haus hinter mir blickte. „Ich bin ganz in der Nähe. Zwanzig Minuten und ich bin da.“

Ich wartete nicht auf eine Antwort, sondern legte auf. Danach gab ich eine der Nummern ein, die ich auswendig gelernt hatte.

Es dauerte eine Weile, aber dann wurde endlich abgehoben.

„Devil‘s Corner“, meldete sich eine dunkle Stimme. Im Hintergrund war Musik und lautes Stimmgemurmel zu hören. Es war mitten am Tag, aber im Devil‘s Corner war immer was los, egal zu welcher Uhrzeit.

„Crush“, knurrte ich.

„Ah, mein Liebling, warte einen Moment.“

Es klickte in der Leitung und ich tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Einige Augenblicke später wurde das Gespräch erneut entgegen genommen, diesmal ganz ohne Hintergrundgeräusche.

„Wem oder was verdanke ich die Ehre deines Anrufs?“

„Gerade eben bekomme ich einen sehr unerwünschten Anruf, von jemandem, der meine Nummer ganz bestimmt nicht haben sollte. Und du lebst noch. Also kann es keine Notfallsituation gegeben haben. Bitte, erklär mir, wie das passieren konnte.“

Crush war der Besitzer des Devil‘s Corner. Er war jung, gutaussehenden, unglaublich nett und hatte ein längeres Vorstrafenregister als jeder Serienmörder. Außerdem war er die Person, die mir immer wieder neue Jobs verschaffte. Ich vertraute ihm zwar nicht, aber er war nützlich.

Crush lachte. „Liebling, du hast mir mal gesagt, dass ich deine Nummer weitergeben soll, wenn ein lukrativer Job winkt.“

Ich knirschte mit den Zähnen.

„Es schien mir ein wirklich lukrativer Job zu sein. Und du hast mir mal gesagt, dass du immer Geld brauchst.“

Das stimmte. Ich konnte nie genug Geld haben. Nur wusste niemand, wofür ich es so dringend brauchte. „Ich bring dich um“, knurrte ich.

„Außerdem…“, setzte Crush an, stoppte dann aber.

Ich seufzte. „Wie viel?“

„Unterstellst du mir gerade, dass ich deine Nummer verkauft habe, Liebling? Unverschämt! Das würde ich…“

„Wie viel, Crush?“

„Ziemlich viel. Und letzte Woche kamen diese Verrückten in meine Bar und haben sie quasi auseinandergenommen. Nachdem ich dann eingeschritten war, sah es noch schlimmer aus.“ Er seufzte extra dramatisch. „Weißt du wie schwer es ist Blut von Parkettboden zu entfernen?“

Ja, das wusste ich.

„Das nächste Mal schreib mir wenigstens eine SMS, damit ich mich darauf vorbereiten kann. Das war wirklich scheiße.“

„Muss ich dich erst daran erinnern, dass du der Grund für die Schlägerei letzte Woche gewesen bist?“

„Hab schon verstanden, Crush.“

„Also dann mein Liebling, beweg deinen süßen Arsch und erledige den Job. Ich gehe jetzt nämlich erst mal ein paar neue Möbel kaufen.“

Ich beendete das Gespräch. Danach lief ich zurück zu meiner Maschine. Jetzt musste ich mich ja nicht mehr anschleichen. Ich wurde schließlich erwartet.

Mit röhrendem Motor hielt ich vor dem Clubhaus und stieg ab. Die Tür wurde geöffnet und Raphael Zane blickte mich an.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s