[Blogroman] Kapitel 5

Kapitel 5
Raphael

Ich würde sie umbringen. Erst würde ich sie ficken und dann würde ich sie umbringen.
Mühsam wandte ich den Blick von ihr ab und starrte Spades an, der sich den Hals rieb. „Ehrlich? Von einer Frau?“
„Sie hat mich überrascht!“, verteidigte er sich. „Außerdem … Sieh sie dir mal an. Sie ist gut zwanzig Zentimeter kleiner als ich und wiegt nicht mal die Hälfte von mir. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie eine Killerin ist.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich war sofort hergekommen, als der stille Alarm mein Handy zum Vibrieren gebracht hatte. Sie hatte wahrscheinlich die versteckte Kamera nicht entdeckt, die in einer Ecke des Flurs hing und auf Bewegungen reagierte. So wusste ich immer, wen jemand mein Büro betreten wollte. Nicht, dass ich besonders wichtige Unterlagen dort versteckt hatte, die waren woanders, aber es war immer gut zu wissen, wer sich Zugang zu meinem Reich verschaffen wollte.
Ich sah mich in dem Raum um und entdeckte die geknackte Schublade und deren Inhalt auf meinem Schreibtisch. Schien, als hätte diese Jane wirklich geschickte Finger. Bei dem Gedanken meldete sich mein Schwanz, aber ich ignorierte ihn und wandte mich stattdessen wieder der Frau zu.
Wäre ich nicht so schnell da gewesen, wäre Spades jetzt weggetreten und sie verschwunden. Das würde jetzt allerdings nicht mehr passieren.
Ich richtete meinen Blick wieder auf die Frau. Ich wusste zwar nicht, was ich mit ihr tun würde, aber gehen lassen würde ich sie bestimmt nicht.
„Wer bist du?“, fragte ich.
Das feine Rinnsal aus Blut an ihrem Hals lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich und ich ballte meine freie Hand zur Faust. Ich war ein verkorkstes Arschloch und ich stand auf Blut. Und die rote Flüssigkeit auf dem Hals dieser Frau zu sehen … Ich musste mich schwer zusammenreißen, um nicht sofort über sie herzufallen.
Schon als ich sie vor kurzem kennengelernt hatte, war ich von ihr fasziniert gewesen. Sie war heiß, das stand außer Frage. Und ihre Augen zogen mich sofort in ihren Bann. Dabei hatte sie wirklich versucht unschuldig zu wirken. Aber das hatte mich nicht täuschen können. Dunkelheit erkennt Dunkelheit. Und hinter dieser engelsgleichen Fassade schlummerte eindeutig Dunkelheit. Das hatte mir dieser Abend nur bestätigt.
Sie war ein Profi. Und sie war gefährlich. Andernfalls hätte sie Spades nicht überwältigen können. In der Position, in der ich die beiden gefunden hatte, hätte sie ihn auch töten können. Und sie hatte in der kurzen Zeit, die ich gebraucht hatte, um von draußen zu meinem Büro zu laufen, auch noch zwei Schlösser geknackt. Diese Frau wusste eindeutig, was sie tat.
„Das sagte ich doch schon. Ich bin die Putzfrau.“ Sie besaß doch tatsächlich die Frechheit mich anzugrinsen. „Und wie ich deinem Freund schon gesagt habe, habe ich heute Abend noch etwas vor. Würdest du mich also losmachen?“ Sie klimperte mit den Wimpern. „Bitte?“
Ich biss die Zähne zusammen. Spades machte knurrend einen Schritt auf sie zu.
„Setz dich!“, fuhr ich ihn an. Spades sah mich überrascht an, setzte sich aber. Nicht ohne mir vorher den Mittelfinger zu zeigen.
Ich machte einen Schritt vorwärts und stützte mich mit den Händen auf die Armlehnen des Stuhls, an den sie gefesselt war. Das Messer hielt ich weiter in der Hand.
„Ich stehe so gar nicht auf Frauen, die aufmüpfig sind.“
Sie warf einen Blick auf meinen Schritt, wo sich bestimmt meine beginnende Erektion abzeichnete und bog die Mundwinkel nach oben.
„Klar.“
Ich knirschte mit den Zähnen. Aus der Nähe sah sie sogar noch heißer aus. Ihre Haut war makellos, ihre Gesichtsknochen fein geschnitten. Ich betrachtete das Blut auf ihrer Alabasterhaut. Meine Hand spannte sich um den Messergriff. Diese Frau war eine einzige Versuchung. Und dass sie auch noch verdammt gut roch, machte die Sache nicht gerade besser.
„Wer bist du?“, fragte ich noch einmal. „Und diesmal bekomme ich besser eine vernünftige Antwort. Meine Geduld ist am Ende.“
Ohne die geringste Andeutung von Furcht sah mir die Frau in die Augen. Das brachten die meisten Männer in meinem Geschäft nicht mal zustande. Wieso hatte sie keine Angst? Jeder, der noch halbwegs bei Verstand war, hätte in dieser Situation Angst. Aber in ihrem Blick war nichts davon zu lesen. Stattdessen schien sie rein rational zu überlegen, was sie tun sollte.
„Du möchtest also wirklich wissen, wer ich bin?“, fragte sie schließlich leise. Ihre Stimme war dunkel und leicht kratzig, als wäre sie irgendwann mal sehr hart gewürgt worden. Und ich konnte nur daran denken, wie sie wohl beim Orgasmus klang. Anscheinend hatte ich mich gar nicht mehr unter Kontrolle.
Sie kam mit ihrem Gesicht ganz nah an meines, bis wir die gleiche Luft atmeten. Ihre Atmung ging schneller und ich spannte mich an. Ihre Lippen streiften meinen Kiefer und ein Ruck ging durch meinen Körper. Sie näherte sich meinem Ohr. Alles in mir konzentrierte sich auf das leise Geräusch ihres Atems und wo ihr Mund mich als nächstes berühren würde. Sie holte tief Luft und ich wartete gespannt.
„Du wirst niemals erfahren, wer ich wirklich bin, Zane.“
Im nächsten Moment sah ich eine schnelle Bewegung aus den Augenwinkeln, aber es war zu spät, um noch zu reagieren. Plötzlich spürte ich eine scharfe Klinge an meinem Hals. Die Frau lehnte sich zurück und grinste mich an.
Sie hatte mir mein verdammtes Messer aus der Hand genommen, als ich abgelenkt gewesen war und hielt es mir jetzt an meine verfluchte Kehle. So wie ich bei ihr zuvor.
Wäre ich nicht so verdammt sauer, wäre ich vielleicht beeindruckt gewesen.
Spades sprang auf, aber Jane, von der ich mir inzwischen sicher war, dass sie gar nicht Jane hieß, starrte ihn mit einer Eiseskälte in ihrem Blick an, dass selbst mir ein wenig anders wurde.
„Keine Bewegung oder dein Freund hier wird mit seinem Blut dem Teppich eine neue Farbe verpassen.“ Weder ihre Stimme noch ihre Hand zitterten und ich war mir sicher, dass sie keine leere Drohung aussprach.
Ich konnte Spades‘ Unschlüssigkeit beinahe körperlich spüren, aber schließlich hörte ich, wie er sich wieder hinsetzte. Jetzt richtete die Frau ihren Blick auf mich.
„Aufmachen.“
Ich starrte sie an.
Sie bewegte die Hand, die noch mit den Handschellen am Stuhl festgemacht war. Wenigstens hatte ich heute eine Sache gelernt: Ich würde nie wieder jemanden an einen Stuhl fesseln und ihm eine freie Hand lassen. Schon gar nicht, wenn dieser jemand eine heiße Braut war, die vorher in mein Büro eingebrochen war und meinen besten Freund beinahe ausgeknockt hätte.
Ich zog die Schlüssel aus der Hosentasche und beugte mich vorsichtig etwas vor. Die Frau bewegte das Messer mit mir, sodass ich ihre Handschellen aufschließen konnte, ohne mir selbst die Kehle durchzuschneiden. Mit einem metallischen Klappern fielen ihre Fesseln zu Boden. Ich sah sie an.
„Und jetzt? Du kannst uns nicht beide mit einem Messer abwehren.“ Alles in mir brannte darauf zum Angriff überzugehen, aber im Moment hatte sie die besseren Karten. Allerdings konnte sie nicht ernsthaft glauben, dass sie es schaffen würde mich als Geisel zu nehmen. Ich war viel größer und viel stärker als sie. Ein Moment der Unachtsamkeit und ich hätte sie überwältigt. Besonders, da sie nur mit einem Messer bewaffnet war. Im Nahkampf wäre sie mir hoffnungslos unterlegen.
„Stimmt.“ Sie grinste mich an und ich runzelte die Stirn. Was hatte sie vor? „Mit einem Messer komme ich nicht weit. Und deswegen gibst du mir jetzt die Pistole, die hinten in deinem Hosenbund steckt.“
Ich erstarrte. Wann hatte sie die denn bemerkt?
Ich wog meine Möglichkeiten ab und kam zu dem Schluss, dass ich nicht wirklich eine Wahl hatte. Ich könnte mich weigern, aber dann würde sie mich wahrscheinlich töten. Und die Art und Weise wie sie selbstsicher das Messer hielt, verriet mir, dass Spades niemals schnell genug sein würde, um mir zu helfen. Bevor er auch nur zwei Schritte gemacht hätte, wäre meine Kehle durchtrennt. Und auch wenn Spades sie danach töten könnte, würde mir das nicht mehr viel bringen, da ich selber tot war.
„Das wirst du bereuen“, knurrte ich, während ich hinter mich griff und meine Waffe hervorholte.
„Archangel…“, sagte Spades hinter mir und klang warnend. Ich ignorierte ihn.
Die Frau nahm mir die Waffe aus der Hand. Sie war schlau genug nicht einen Moment den Blick von mir abzuwenden. Sie entsicherte die Sig Sauer und richtete den Lauf auf mich.
„Zurück“, kommandierte sie.
Nachdem ich mich aufgerichtet hatte und einen Schritt zurückgemacht hatte, stand auch sie auf. Jetzt richtete sie die Waffe auf Spades und das Messer auf mich. Langsam bewegte sie sich rückwärts.
Fieberhaft dachte ich nach. Aber egal, was ich tat, sie hätte auf jeden Fall Zeit für einen Schuss. Ich war zwar ein Arschloch, aber meinen besten Freund würde ich trotzdem nicht opfern. Außerdem konnte ich mir nicht sicher sein, ob sie nicht doch zuerst auf mich schießen würde.
„Du wirst dich nicht verstecken können. Ich werde dich finden. Und dann werde ich dich töten.“
Sie lachte, aber darin schwang keine Belustigung mit. „Stell dich hinten an, Arschloch.“
Einige Schritte vor der Tür blieb sie stehen und hockte sich hin. Sie ließ das Messer fallen und schnappte sich ihre Pistole, die sie beim Kampf mit Spades fallengelassen hatte. Dabei ließ sie uns nicht einen Moment aus den Augen.
Schließlich erreichte sie die Tür. Noch immer waren beide Waffen auf uns gerichtet. Ich sah auf den Boden. Wenige Schritte von mir entfernt, lag Spades‘ Waffe, die sie ihm aus der Hand getreten hatte.
Die Tür war geschlossen. Das bedeutete, dass sie eine Waffe wegstecken musste, um sie zu öffnen. Das wäre meine Chance. In der Zeit, die sie bräuchte, um die Tür zu öffnen, konnte ich mir die Waffe schnappen und ihr in den Oberschenkel schießen. Dann konnte sie ihre Flucht vergessen. Mehr brauchte ich nicht. Nur diese paar Sekunden.
Sie sah uns an. „Also, es war wirklich nett euch kennenzulernen. Aber jetzt muss ich los.“
Im nächsten Moment spannte sie zeitgleich die Hähne beider Waffen. Ich erstarrte. Wollte sie uns jetzt doch erschießen? Sie drückte ab. Instinktiv sprang ich zur Seite und sah aus dem Augenwinkel, wie Spades dasselbe tat. Aber sie hatte gar nicht auf uns gezielt. Rechts von mir zersplitterte die Glasvitrine. Die andere Kugel schlug zwischen Spades und mir in meinem Schreibtisch ein.
Ein verdammtes Ablenkungsmanöver!
Ich hechtete nach vorne und griff nach der Pistole, die dort lag. Blitzschnell rollte ich mich auf die Seite und zielte. Aber alles, was ich noch sah, war ihr Knackarsch, der durch die Tür verschwand.
Ich hatte recht gehabt. Sie mochte vielleicht das Gesicht eines Engels besitzen, aber dahinter verbarg sich der Teufel.
Schnell hechtete ich zur Tür und riss sie mit einem Ruck auf, sodass das Schloss knackend nachgab. Ich sah gerade noch, wie Jane zur Treppe hechtete.
„Haltet die Frau auf!“, brüllte ich laut genug, um hoffentlich die Musik zu übertönen.
Ich sah zu Spades, der genauso geschockt aussah, wie ich mich fühlte. Aber nach wenigen Sekunden schüttelte er den Kopf und grinste mich an.
„Ehrlich? Von einer Frau?“
Ich knirschte mit den Zähnen. Ich würde sie beide umbringen.

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