[Blogroman] Kapitel 4

Kapitel 4
Alexia

Ich kam von der Toilette, wo ich ein letztes Mal mein verändertes Erscheinungsbild kontrolliert hatte, und sah mich in der Scheune um. Es war bereits weit nach Mitternacht und ausnahmslos jeder hier war betrunken. Zane hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen und vermutete, dass er sich eine dieser Bikerschlampen geschnappt hatte und sie wahrscheinlich gerade in diesem Moment vögelte. Das war mir nur recht. Ich konnte keine wachsamen Augen gebrauchen.
Ich ging nach draußen zu meinem Bike und klappte den Sitz hoch, damit ich die schwarzen Handschuhe herausholen konnte und streifte sie mir über. So würde ich keine Fingerabdrücke hinterlassen. Ich tauschte die High Heels gegen Turnschuhe, damit konnte ich sowohl besser fliehen, als auch besser kämpfen. Danach nahm ich meine Beretta heraus und steckte sie mir hinten in den Rockbund, versteckt unter der Lederjacke. Ich nahm einen tiefen Atemzug und entspannte mich.
Drinnen begrüßten mich noch immer die laute Musik und lallende Gespräche. Der Alkohol floss weiterhin in Strömen. Niemand schenkte mir großartige Beachtung und ich drückte mich in die Schatten des Raumes, damit es dabei blieb. Geräuschlos bewegte ich mich an der Wand entlang, bis ich die Treppe erreichte.
Von einem gewissen Mad Max hatte ich erfahren, dass Zane sein Büro am Ende des Flures im ersten Stock hatte. Und genau dorthin war ich jetzt unterwegs. Leider hatte ich an diesem Abend nicht viel mehr erfahren. Biker waren schweigsamer, als ich es erwartet hatte.
Ich vergewisserte mich mit einem Blick über die Schulter, dass mich niemand beobachtete und schlich danach die Treppe hoch.
Holz, kahle Wände und verschlissene Teppiche begrüßten mich. Aber keine Biker. Das war gut. Ich ging langsam den Flur entlang. Aus nicht nur einem Zimmer konnte ich eindeutiges Stöhnen hören. Von denen würde mich wohl in nächster Zeit niemand stören.
Vor Zanes Büro blieb ich stehen und lauschte. Alles war ruhig. Keine Lichtstrahlen drangen unter der Tür hervor.
Ich drückte die Klinke herunter, aber der Raum war verschlossen. Leise fluchte ich. Aber davon ließ ich mich nicht aufhalten.
Schnell zog ich mein Werkzeug hervor und knackte das Schloss. Ich schlüpfte hinein und schloss die Tür lautlos hinter mir. Drinnen spendete mir der Mond Licht und ich gab meinen Augen einen Moment, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Niemals würde ich Licht einschalten oder eine Taschenlampe benutzten – viel zu auffällig.
Viel konnte ich bei den Lichtverhältnissen nicht erkennen, aber es herrschten eindeutig dunkle Farben vor. Ein dunkler Teppich und dunkles Holz. Auf der linken Seite befand sich eine alte Couch, neben der eine Glasvitrine stand, die Hochprozentiges und die passenden Gläser enthielt. Hinten im Raum, vor dem Fenster, stand ein Schreibtisch.
Ich bewegte mich vorsichtig durch den Raum, scannte die Umgebung, um den wohl wahrscheinlichsten Platz für die Unterlagen zu finden. Ich konnte keine Safes ausmachen, also hockte ich mich hinter den Schreibtisch. Die dritte Schublade, an der ich zog, war verschlossen. Ich grinste. Männer waren so vorhersehbar.
Es dauerte nicht lange, da hatte ich auch dieses Schloss geknackt. Ich schnappte mir die Mappen, die dort drin lagen, und legte sie auf den Schreibtisch, um sie durchzusehen. Ich hatte gerade die ersten Unterlagen überflogen, als ein Klicken ertönte.
Mein Kopf ruckte hoch. Die Tür öffnete sich. Sofort griff ich nach meiner Waffe. Beinahe zeitgleich ertönte ein metallische Geräusch, das anzeigte, dass eine Pistole entsichert wurde. Im nächsten Moment flammte helles Licht auf. Ich musste blinzeln und als ich wieder klar sehen konnte, entdeckte ich einen Mann, der eine Waffe auf mich richtete.
Scheiße.
Mein Herz begann zu rasen, als ich den Mann genauer betrachtete. Es war der Typ, der vorhin mit Zane gesprochen hatte. Das blonde Haar war an den Seiten kurz geschoren und ich konnte erkennen, dass sein Schädel tätowiert war. Mittig waren seine Haare gerade so lang, dass er sie zu einem eher mickrigen Irokesen stylen konnte. Er trug ein dunkles Shirt, Kutte, Jeans und Bikerboots. Fast jeder Zentimeter seiner Haut, den ich sehen konnte, war mit farbenfrohen Tattoos geschmückt.
„Hab ich dich nicht vorhin mit JJ auf der Party gesehen?“, fragte mich eine dunkle Stimme.
Ich zuckte wortlos mit den Schultern.
„So dankst du uns also unsere Gastfreundschaft?“
„Was soll ich sagen? Das Bier war schal.“
Er grinste. „Wer bist du?“
„Die Putzfrau.“
Der Mann lachte. „Kleine, ich kenne unsere Putzfrauen und die sind lange nicht so scharf wie du.“
Ich umrundete den Schreibtisch. Die Unterlagen darauf waren vergessen. Jetzt musste ich mich erst mal darum kümmern meinen Arsch hier rauszubringen.
„Ich nehme das mal als Kompliment.“ In meinem Rücken befand sich jetzt eine Wand von Zanes Büro. Ich hatte gehofft, dass sich der Mann mit mir bewegen und in den Raum treten würde, aber das tat er nicht. Er blieb in der verdammten Tür stehen und nahm mir damit die einzige Fluchtmöglichkeit. Lediglich seine Waffe folgte mir.
„Oh, unbedingt. Leider wird mich das nicht davon abhalten dich zu töten.“
„Wer sagt denn, dass du dazu in der Lage bist?“
Einen Moment starrte mich der Mann überrascht an, bevor sich ein Grinsen auf sein Gesicht schlich, das bestimmt schon einige Frauen ins Verderben geführt hatte.
„Vorlaut und heiß. Vielleicht nehme ich dich erst noch für eine Nacht mit zu mir, bevor ich dich umbringe.“
„Danke für das Angebot, Süßer, aber ich muss leider ablehnen. Ich hab schon was vor.“
Er hob eine Augenbraue. „Süßer?“
Während unseres Gesprächs bewegte ich mich langsam auf ihn zu. Ich hatte bereits gesehen, dass er seine rechte Seite weniger belastete. Das würde mein Angriffspunkt sein. Aber erst musste ich seine Waffe aus dem Weg räumen. Ich war zwar gut, aber einer Kugel konnte auch ich nicht ausweichen.
Und ich konnte selber nicht schießen, da ich erstens keinen Schallschutzdämpfer auf meiner Beretta hatte und ich zweitens nicht riskieren konnte, dass Zane durch den Mord in Alarmbereitschaft versetzt wurde. Ich brauchte jetzt zwar sowieso einen neuen Plan, aber ein Mord würde Zane dermaßen in Aufruhr versetzen, das es so gut wie unmöglich sein würde in nächster Zeit an ihn heranzukommen. Und Zeit war Geld.
Ich zuckte mit einer Schulter. „Ja, süß. Dein Grinsen ist sogar ganz niedlich.“
„So langsam machst du mich wütend, Frau.“ Seine blauen Augen blitzten mich dennoch amüsiert an. Wahrscheinlich dachte er nicht, dass ich irgendeine Gefahr darstellen würde. Das wird er noch bereuen.
Endlich war ich nahe genug dran. Ich leckte mir über die Lippen und sofort fokussierte sich sein Blick auf die Bewegung. Er war eine Sekunde lang unachtsam und das nutzte ich aus. In einer schwungvollen Bewegung drehte ich mich einmal um die eigene Achse und trat ihm dabei die Waffe aus der Hand. Sie schlitterte über den Boden und knallte gegen die Wand. Überrascht sah der Mann mich an.
Ich grinste, bevor ich mich auf ihn stürzte.
Rein körperlich war ich als Frau in beinahe jedem meiner Kämpfe unterlegen. Ich konnte trainieren so viel wie ich wollte, ich würde niemals die Stärke eines ausgebildeten Mannes erreichen. Also versuchte ich es erst gar nicht. Stattdessen verlegte ich mich auf Technik.
Ich sprang ab und in seine Arme, schlang meine Beine um seine Taille. Ich zwinkerte ihm zu, bevor ich meinen Oberköper nach hinten fallen ließ. Da er hauptsächlich seine linke Seite belastet hatte, brachte ihn das aus dem Gleichgewicht. Er stolperte nach vorne und meine Hände berührten den Boden. Ich nutzte den Schwung, spannte meine Oberschenkel an und warf den Mann über mich hinweg zu Boden. Blitzschnell löste ich meine Umklammerung und sprang auf seinen Rücken. Meine Knie lagen neben seinem Kopf auf den Boden, meine Schienbeine drückten seine Oberarme runter. Schnell zog ich das dünne Seil aus meiner Rocktasche und wickelte es um seinen Hals, bog seinen Kopf nach hinten.
Er röchelte und spannte seine beachtlichen Muskeln an. Wenn er mich jetzt abwerfen konnte, wäre ich geliefert. Ich hatte den Überraschungsmoment genutzt und ihn überwältigt. Ein zweites Mal würde mir das nicht gelingen.
„Tut mir leid, Süßer. Du hättest nicht hier sein sollen. Aber keine Sorge, ich bringe dich nicht um. Sobald du bewusstlos bist, verschwinde ich.“
Plötzlich spürte ich kaltes Metall an meiner Kehle und eine dunkle Stimme erklang an meinem Ohr. „Das bezweifle ich.“ Zane. Seine Stimme erkannte ich sofort wieder. Ich erstarrte. Ohne Zweifel war das eine sehr scharfe Klinge an meinem Hals und eine falsche Bewegung würde mich das Leben kosten. Verdammte Scheiße. Mein Plan war vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Ich hatte Zane nicht mal gehört. Wo kam der Typ überhaupt her?
„Lass das Seil los.“
Ich zögerte vielleicht zwei Sekunden und sofort wurde es warm an meinem Hals. Ich brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass ein feines Rinnsal Blut über meine Haut lief. „Ich sage es nicht nochmal.“
Ich öffnete meine Fäuste, das Seil glitt aus meinen Händen und der Mann unter mir holte röchelnd Atem. Ich spürte, wie seine Lungen sich wieder mit Luft füllten.
„Hände auf den Rücken.“
Ich folgte dem Befehl und im nächsten Moment spürte ich, wie sich Handschellen darum schlossen. Ich wurde hochgerissen und an eine muskulöse Brust gezogen, dabei verließ das Messer niemals meinen Hals.
„Steh auf, Spades.“
Der Mann, den ich überwältigt hatte, rappelte sich hoch. Ein Äderchen war in seinem rechten Auge geplatzt, ein feiner roter Streif zog sich um seinen Hals und er starrte mich an, als wollte er mich auf der Stelle töten.
„Schlampe.“
Ich grinste ihn an. „Du mich auch, Süßer.“
„Schließ die Tür“, sagte Zane hinter mir. Im nächsten Moment wurde ich auf einen Stuhl gedrückt und meine Handschellen wurden an einer Seite geöffnet, die dann an dem Stuhl befestigt wurde.
Ich blickte hoch und sah mich zwei gutaussehenden Männern gegenüber, die beide aussahen, als würden sie mich am liebsten umbringen. Ich lächelte.
„Tut mir leid, aber ich bin nicht in der Stimmung für einen Dreier.“

Ein Kommentar zu „[Blogroman] Kapitel 4

  1. Genial! 😀 Das Kapitel war zwar deutlich länger als das davor, aber trotzdem viiiel zu kurz. 😉
    Und ich liebe Alexias Schlagfertigkeit. Einfach nur perfekt. Weiter so. 🙂

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