[Blogroman] Kapitel 2

Kapitel 2
Alexia

Im Spiegel kontrollierte ich noch einmal ob die blonde Perücke richtig saß. Die kurzen Haare kitzelten mich am Kinn und das nervte mich jetzt schon. Mein Make-Up war stark, Augen dunkel, Lippen mein typisches feuerrot. Da ich zur Party eines Motorradclubs ging, hatte ich meine normalen Klamotten anziehen können. Dabei hatte ich es mit Absicht etwas übertrieben: schwarzer Ledermini, Netzstrümpfe, Pumps mit zehn Zentimeter Absätzen, schwarzes Top und Lederjacke. Schließlich wollte ich ja, dass man mich für eine x-beliebige Schlampe hielt.
Ich verließ das Hotelzimmer und fuhr mit meinem Bike aus der Tiefgarage. Eine Weile später tauchte das Clubhaus vor mir auf. Davor erstreckte sich ein großer Hof auf dem unzählige Motorräder und noch mehr Menschen standen. Selbst über den Lärm meiner Maschine konnte ich die Musik hören. In ein paar Metallfässern hatte man Feuer entzündet. Dahinter erhob sich eine alte Scheune. In den hell erleuchteten Fenstern sah ich die Silhouetten feiernder Menschen.
Bei meiner Ankunft hoben einige der Männer ihre Köpfe. Die Weiber, die an ihnen hingen, beachteten mich nicht weiter. Ich zog mir den Helm vom Kopf, hing ihn an den Lenker und marschierte in das Clubhaus, als würde es mir gehören.
Drinnen begrüßte mich noch lautere Musik, noch mehr Menschen, Qualm und der starke Geruch nach Alkohol. An der Wand mir gegenüber, hing eine wirklich riesige schwarze Fahne. Sie war mindestens fünf Meter lang und in der Mitte prangte in weiß ein geflügelter Totenkopf. Das Symbol der Angels of Death.
Es dauerte nicht lange, bis sich ein junger Kerl in mein Blickfeld schob. Er war schlaksig, das Haar mindestens einen Tag zu lange nicht gewaschen. Auf dem Abzeichen seiner Weste stand Prospect, Anwärter.
„Wer bist du?“
„Jane.“ Ich grinste und musterte ihn. „Und du?“
„Was willst du hier, Jane?“
Ich sah mich um und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie erwartet rutschte der Blick des Jungen direkt zu meinem Ausschnitt. „Ich hörte, hier findet eine Party statt und ich bin hier um zu feiern.“
„Wir mögen keine Fremden.“
Ich beugte mich nach vorne und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Freut mich dich zu kennenzulernen. Wie gesagt, ich bin Jane.“ Ich lehnte mich zurück und lächelte ihn an. „Jetzt bin ich keine Fremde mehr.“
Damit ließ ich ihn stehen und mischte mich unter die Leute.
Ich sprach gerade mit einem Biker namens JJ, dessen Hand schon viel zu lange auf meinem Arsch lag, als sich die Stimmung im Clubhaus plötzlich änderte. Suchend ließ ich meinen Blick durch den riesigen Raum gleiten. Hier und dort standen ein paar Tische und Stühle. Alte Industrielampen hingen von der Decke, die man neu eingezogen hatte, um verschiedene Stockwerke zu schaffen. Zwei Billardtische standen ebenfalls herum, wobei nur an einem gespielt wurde, während auf dem anderen eine halbnackte Frau lag, von deren Körper Shots getrunken wurden.
An dem Ende der Scheune, dem ich am nächsten stand, befand sich eine Bar. Rechts davon führte eine Holztreppe ins erste Stockwerk. Und genau auf dieser Treppe stand Raphael Zane.
Ich musste einen derben Fluch unterdrücken. Irgendwie hatte ich gehofft, dass er sich auf seiner eigenen Party nicht blicken lassen würde.
Raphael Zane betrat den Raum, als würde er ihm gehören. Was ja auch der Wahrheit entsprach.
Gerne hätte ich überprüft, ob meine Perücke sämtliche roten Haare abdeckte und meine blauen Kontaktlinsen das eigentliche Grün meiner Iriden verbargen.
Ich hoffte, dass Zane einfach in der Menge verschwand, aber so viel Glück hatte ich nicht. Er steuerte geradewegs auf mich zu. Verdammt. So war das nicht geplant. Und ich hasste Abweichungen vom Plan. Es bestand die Möglichkeit, dass Zane von mir gehört hatte. In den Kreisen, in denen er unterwegs war, war ich bekannt.
Ich rief mir in Erinnerung, dass man mich als rothaarige, tätowierte Killerin mit grünen Augen kannte. Heute allerdings war ich blond, blauäugig und versuchte einen möglichst dämlichen Eindruck zu machen, damit ich nicht als Gefahr wahrgenommen wurde. Außerdem würde Zane bestimmt nicht erwarten Red Reaper in seinem Clubhaus vorzufinden. Und Menschen sahen oftmals nur das, was sie sehen wollten.
Noch bevor mein Zielobjekt mich erreicht hatte, hatte ich mich wieder beruhigt. Ich nahm einem Schluck von meinem Bier und dabei beobachtete ich aus den Augenwinkeln jede noch so kleine Bewegung von Zane.
Er war groß, gut einen Meter neunzig. Und muskulös. Er trug eine ausgewaschene Jeans, Boots, ein abgenutztes dunkles Shirt und darüber seine Kutte. Sein Gang war selbstsicher und geschmeidig, teilte mir wortlos mit, dass Zane Kampfsport machte. Kämpfer hatten eine bestimmte Art und Weise sich zu bewegen. Ich bewegte mich normalerweise genauso. Allerdings hatte ich mir für meinen Job angewöhnt es zu verbergen.
Die dunklen Haare waren militärisch kurz geschnitten. Sein Gesichtsausdruck war neutral, aber an der Art, wie seine Augen die Umgebung abtasteten, wusste ich, dass ihm nichts entging.
Ich hätte meine Ersparnisse darauf verwettet, dass er mich, die neue Schlampe auf der Party, bemerkt hatte, sobald er den ersten Schritt auf die Treppe gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte man ihn sogar über mich informiert.
Jetzt blieb er mit ein wenig Abstand vor mir und JJ stehen. Ich hob den Blick und setzte ein künstliches Lächeln auf. Er sah mich an und ich musste mich zusammenreißen, um den Blick nicht abzuwenden. Seine Augen waren dunkel und schienen direkt in mich hineinzusehen. Sein stechender Blick machte selbst mir ein wenig Angst.
„Hallo“, sagte ich freundlich, mit flirtendem Unterton, und legte den Kopf etwas schräg.
Zane musterte mich und von nahem musste ich zugeben, dass er gut aussah. In seinen Augen brannte ein dunkles Feuer, dass dafür sorgte, dass sich mein Unterleib zusammenzog. Meine Reaktion auf ihn verwirrte mich. Zwar wusste ich durchaus einen gutaussehenden Mann zu schätzen, aber normalerweise erregte mich der bloße Anblick nicht. Schnell brachte ich mich selbst wieder unter Kontrolle. Mein Plan wurde jetzt schon durcheinander gebracht. Eine weitere Komplikation konnte ich nicht gebrauchen.
Ich unterbrach also den Blickkontakt und betrachtete stattdessen seine Tattoos. Da waren Buchstaben auf seinen Fingern, allerdings konnte ich nicht erkennen, was darauf stand. Ein Tribaltattoo erstreckte sich über seinen gesamten rechten Arm und verschwand unter dem Ärmel seines T-Shirts. Über den linken Unterarm zogen sich Flammen. Auf seinem Hals prangte ein Totenschädel. Alles in schwarz-grau.
„Wer ist deine Freundin, JJ?“ Zanes Stimme war tief, dunkel und hallte in mir nach.
„Das ist Jane. Sie ist neu in der Stadt.“
„Ach wirklich?“ Zane runzelte etwas die Stirn und musterte mich eingehend. Ich blieb dabei ganz ruhig, kein verräterisches herum zappeln.
„Ja, bin vor einer Woche hergezogen.“ Ich klimperte mit den Wimpern und schob meine Titten nach vorne.
„Du kommst mir bekannt vor.“
Beinahe entglitt mir mein Lächeln. Wenn Zane mich erkannt hatte, gab es nur zwei Optionen: Entweder ich brachte ihn um, da er sich bestimmt denken konnte, wieso Red Reaper plötzlich auf seiner Türschwelle auftauchte, oder ich verschwand spurlos.
Ich kicherte schüchtern und der Laut tat mir in den Ohren weh. Ich kicherte nie, aber mein Alter Ego für diesen Job tat es. „Mir wurde schon oft gesagt, dass ich ein ziemliches Allerweltsgesicht habe.“
„Das würde ich nicht behaupten.“ Zane musterte mich noch einen Moment eingehend und ich zwang meinen Körper dazu unter seinem Blick zu erröten. Scheinbar verlegen nippte ich an meinem Bier. In diesem Moment trat ein weiterer Kerl mit blonden Haaren von hinten an ihn heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Auf dem Hals des Neuen prangte ein großes Pik, in dessen Mitte sich ein Totenkopf befand. Zane nickte und ließ uns ohne ein weiteres Wort stehen. Der blonde Kerl sah mich noch einen Moment an und ich grinste, biss mir dabei in die Unterlippe.
„Er ist der Boss hier“, kommentierte JJ unnötigerweise. Danach klinkte er sich nahtlos wieder in unser Gespräch ein, als wären wir nicht unterbrochen worden, und erzählte mir von dem neuen Bike, das er sich bald kaufen würde. Ich hörte ihm gar nicht richtig zu.
Verdammte Scheiße. Hatte Zane mich erkannt? Wusste er, dass ich Red Reaper war?
Ich zählte langsam von hundert rückwärts. Der kurze Moment, in dem ich beinahe so etwas wie Panik verspürt hatte, ging vorbei.
Es war schlecht, dass Zane mich heute entdeckt hatte. Mir wäre es lieber gewesen, wenn er nie von mir erfahren hätte. Aber das konnte ich jetzt nicht mehr ändern. Ich würde meinen Plan trotzdem durchziehen.
Wieder die Ruhe selbst lächelte ich JJ an und ließ mich noch ein wenig von ihm betatschen.
„Möchtest du noch was trinken?“, fragte ich süßlich und rieb meine Brüste an seinem Arm.
Er grinste mich an. „Klar, Süße.“ Ich drehte mich um und machte mich auf den Weg zur Bar. Menschen redeten mehr, wenn sie betrunken waren.

4 Kommentare zu „[Blogroman] Kapitel 2

  1. Alexia ist rothaarig mit grünen Augen… das muss schon sehr auffällig sein und gerade als Killerin nicht wirklich förderlich, wenn das bekannt ist … frag mich gerade wie sie mit 10 cm Absätzen Bike fahren kann, ich hätte bei meiner Maschine Probleme damit, naja wer weiß was sie für eine hat. Schade das ich nun bis nächste Woche warten muss … seufz 😔

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    1. Stimmt, mit 10cm High Heels dürfte das eine kleine Herausforderung sein. Aber wer weiß, vielleicht hat sie das ja schon öfter geübt. 😀

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  2. Cool, wie sich Alexia mit dem Prospect bekannt macht. 😀 So kann man das natürlich auch angehen.
    Mit Jane hat sie sich allerdings nicht den besten Namen ausgesucht. Wenn man jemanden verdächtigt, nicht der zu sein, als die die Person sich ausgibt, ist Jane einfach zu sehr Allerweltsname. (Sorry an alle Jane’s da draußen!)
    Mit diesem Abschnitt hast du mich jetzt noch neugieriger gemacht. Aber im nächsten Abschnitt wird ja die Büro-Szene auftauchen, denke ich. 🙂

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